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Street Fighter II – The Animated Movie

Originaltitel: Street Fighter II: The Animated Movie / Sutorîto faitâ tsû mûbî__Herstellungsland: Japan__Erscheinungsjahr: 1994__Regie: __Sprecher: Chikao Ôtsuka, Daisuke Gôri, Hiromi Tsuru, Jôji Nakata, Kaneto Shiozawa, Masakatsu Funaki, Miki Fujitani, Shôzô Iizuka, Unshô Ishizuka, Yasunori Masutani, Yôko Sasaki u.a.
Street Fighter II - The Animated Movie Poster

Das Poster von „Street Fighter II – The Animated Movie“.

Vom Spiel in den Film geprügelt

Als die Prügelspielverfilmungen Mitte der 90er kurzzeitig auf den Markt drängten, wusste im Grunde noch niemand so recht, wie man so eine Adaption überhaupt richtig anpackt (böse Zungen würden behaupten, dass es 30 Jahre später immer noch niemand weiß). Wie injiziert man schon die notwendige Filmhandlung in ein Spielkonzept, das daraus besteht, dass sich zwei Gegner mit wilden Tastenkombinationen die Köpfe einschlagen, bis einer auf die Bretter geht?

Sehr wohl wusste man allerdings, dass man den Trend bei aller Planlosigkeit nicht verschlafen durfte. „Street Fighter II“ (1991) und „Mortal Kombat“ (1992) hatten schließlich die Spielhallenautomaten und Heimkonsolen in Massen geentert, und wer permanent Münzen in den Schlitz wirft, wird doch wohl auch eine Münze für ein Kinoticket übrig haben. Überhaupt: Wenn Spiele schon permanent Filme adaptierten, warum sollte es nicht auch andersherum gehen?

Welche Stolperfallen die rudimentäre Versus-Mechanik eines Prügelspiels allerdings birgt, um Filmemacher hoffnungslos zu überfordern, zeigte sich recht schnell an Steven E. de Souzas legendärem Unfall „Street Fighter – Die entscheidende Schlacht“ (1994), der gleich unzählige Kardinalfehler beging. Nicht zu Unrecht genießt er aufgrund seiner jederzeit für alle im Bild sichtbaren Produktionsgeschichte heute einen gewissen Kultstatus, was aber nichts daran ändert, dass es sich um eine katastrophale Adaption handelt – was vor allem darin begründet liegt, dass sich scheinbar niemand einen Reim auf die flache Hierarchie der Spielfiguren machen konnte oder wollte. Also wurden etliche Charaktere in absurdeste Nebenrollen gedrängt, bis hin zu Einsätzen als Fußsoldaten, völlig entkoppelt von der individuellen Natur, all das nur, um Jean-Claude Van Damme den Weg freizumachen.

Select Your Player

Kurz bevor die völlige Entartung der Spielidee durch ihre Realverfilmung ihren Lauf nahm, entwickelte Gisaburō Sugii jedoch eine unabhängig von dem US-Streifen entstandene Anime-Version, die der Vorlage schon durch ihre Machart näher rückte. Es war nicht der erste Anime seiner Art; diese Ehre gebührt möglicherweise den SNK-Franchises „Art of Fighting“ und „Fatal Fury“, die zwischen 1992 und 1993 mit der ein oder anderen Produktion für das japanische Fernsehen beehrt wurden. „Street Fighter II – The Animated Movie“ ist aber mehr als eine kommerzielle Begleiterscheinung eines Videospielphänomens, und zwar ein ernsthafter Versuch, dieses Phänomen auf einem anderen Medium durch und durch greifbar zu machen.

Dazu besinnt sich Sugii auf die wenigen Vorgaben, die das Spiel ihm macht. Diese bestehen letztlich aus einer einfachen Weltkarte mit einem Flugzeug, das sich per Strichlinie zwischen den Länderpunkten bewegt, begleitet vom komprimierten Soundchip-Zischen einer Turbine. Dazu der „Player Select“-Kader mit Vorschauporträts der Kämpfer, die ihre jeweiligen Länder repräsentieren. „Street Fighter“ verkörperte im Kern immer schon eine gewisse Vorfreude auf die fortschreitende Globalisierung und Multikulturalität, den Wettbewerb gleichermaßen betonend wie Konflikte auf internationaler Bühne. Es ist ein Spiegel der 90er Jahre, noch mit all den Schatten der 80er-Jahre-Ängste versehen, während die Welt nicht zuletzt durch technischen Fortschritt im Begriff war, sich rasant zu verändern.

Das andere Ende der Welt ist nur einen Katzensprung entfernt

Die exotischen Hintergründe der Kampfarenen mit ihren detailverliebten Animationen, in denen oft ein lebhafter Alltag aus einem fremdartigen Fleckchen der Erde nachgestellt wurde, repräsentierte diese Vielfalt und war dabei für das Spielerlebnis fast ebenso wichtig wie die Charaktere selbst. Brasilianische Dschungel setzten Kontraste zu sibirischen Industrieanlagen, japanischen Dampfbädern oder amerikanischen Waffenstützpunkten. Kulturklischees, auf die Spitze getrieben durch das KO-Prinzip eines sportlichen Turniers. Was in den 90ern, in denen immer noch Vorurteile gegenüber Videospielen vorherrschten, aus der Ferne wie inhaltsloser Radau gewirkt haben muss, verfügt tatsächlich über eine gewisse Art von Substanz, nur dass sie sich nicht vordergründig über eine Narrative äußert, sondern verborgen bleibt in den stumpfen Kollisionen zwischen unterschiedlichen Nationen.

„Street Fighter II – The Animated Movie“ macht sich diesen Ansatz zu eigen, denn es ist ein Film, der wahrhaft um die Welt reist. Wo im US-Realfilm wenig überraschend der Amerikaner Guile zum Protagonisten auserkoren wurde, ist in dieser japanischen Produktion der Martial Artist Ryu der Handlungstreiber, der schon in der Capcom-Reihe implizit diese Rolle annahm, insbesondere in späteren Auflagen.

Hier wird er als Vagabund nach altem Vorbild der Rōnin aus den Filmen Kurosawas, Mizoguchis oder Musumis gezeichnet, stilisiert als rastloser Weltenbummler mit Kleidersack auf dem Rücken, was dem Drehbuch die Möglichkeit verschafft, etliche Schauplätze zu etablieren. Dass sich ihm mit General M. Bisons „Shadowlaw“, in späteren Einträgen auch als „Shadaloo“ bekannt, ein international operierendes Waffen- und Drogenkartell in den Weg stellt, setzt mit allem zugehörigen Größenwahnsinn nicht nur einen High-Level-Kontrast zur introspektiven Weltsicht Ryus, sondern sorgt nebenbei für zusätzliche Settings, so dass schlussendlich von amerikanischen Großstädten bis hinein in die tiefsten Winkel thailändischer Dörfer sämtliche Bereiche abgedeckt scheinen.

Dynamische Abläufe, Standbilder für den Rahmen

Bevor alle Kontinente bereist sind, liefern sich Ryu und Sagat in einer noch weitgehend reizarmen, weil dunklen Kulisse den Eröffnungskampf, der unter bewölktem Himmel mit zuckenden Blitzen auf einer Wiese am Rande einer Landstraße stattfindet, während der Wind über die Grashalme weht. Es ist ein erster Vorgeschmack auf das Kommende, denn im Gegensatz zum Realfilm ist die animierte Variante um keinen Zweikampf verlegen. Neue Figuren werden nicht selten im Doppel eingeführt. Während sich also Opponenten wie E. Honda und Dhalsim, Zangief und Blanka oder Chun-Li und Vega gegenüberstehen, werden analog auf Story-Ebene Bünde geschlossen und Feindbilder aufgebaut. Sugii gelingt das Kunststück, hinter den Leitfiguren bzw. Polkappen Bison und Ryu jeweils vertikale Hierarchien aufzubauen, ohne deswegen darauf zu verzichten, in hoher Frequenz ausgeglichene Kämpfe zu initiieren.

Natürlich müssen einige Charaktere den Notwendigkeiten des Mediums Tribut zollen, indem sie in Sachen Screentime zurückstecken, jedoch wird keinem von ihnen in irgendeiner Weise Unrecht zugefügt. Sie bleiben optisch allesamt nah an der Vorlage und ihre Eigenschaften, die im Spiel hauptsächlich durch die Oneliner nach Kampfende vermittelt wurden, erfahren eine schlüssige Weiterentwicklung. So freut man sich auch noch über einen winzigen Cameo Akumas, der sich in einer Einstellung einfach im Hintergrund an eine Mauer lehnt und auf diese Weise fast unsichtbar bleibt, ganz wie bei seinem ersten Auftritt in der Spielreihe, bei der man ihn lediglich über eine komplizierte Tastenkombination im Auswahlmenü freischalten konnte.

Die Animationen zeigen sich weitestgehend träge, aber im Detail oft verspielt. Darin liegt eine gewisse Ambivalenz: Man spürt die Begeisterung für die Special Moves in den behäbigen Abläufen, als wolle die Regie diese Momente im Standbild einfangen und einrahmen. Umgekehrt ist aber jegliche Interaktion auf dynamische Verschiebungen ausgelegt. Hintergründe wirken meist wie abgezeichnete Fotografien, statisch, aber voller realistischer Details. Das Figurendesign ist in der Anlage kantig und zweckmäßig, reift aber in Schlüsselmomenten zu Einstellungen heran, die das Zeug haben, sich aufgrund der kraftvollen, individuellen Strichführung dauerhaft als Phantombild im Gedächtnis abzuspeichern.

Dazu kann ein bildfüllender Bison mit weißen Augen zählen, der seine von schwarzer Tusche fett umrandeten Fäuste gen Kamera streckt, oder auch eine in Fels geschlagene Buddha-Statue, die unter dem Feuer eines Kampfjets in ihre Teile gesprengt wird. Der Militärfetisch, der sich in den USA ebenso wie in Japan bis in die Samstagmorgencartoons für Kinder hinein ausbreitete, lässt sich in den anonym verspiegelten Artilleriefahrzeugen direkt wiederfinden, indes Guile beim nächtlichen Cruisen durch die Stadt auch mal den Sonny Crockett von der Leine lässt.

Zwischen KoRn und Capcom-Klängen

Ähnlich ambivalent verhält es sich mit dem Soundtrack, der in der US-Fassung mit einer schroffen Grunge- und New-Metal-Garnitur der Marke Alice in Chains, Silverchair und Korn unterlegt ist, ein Hörerlebnis, wie es inzwischen längst als ausgestorben bezeichnet werden muss (und sich daher für eine Wiederentdeckung empfiehlt), während die Originalfassung mehr Wert auf Ambience und Atmosphäre legt, kombiniert mit J-Pop und universelleren Rock-Elementen unter anderem vom Kollektiv Alph Lyla, das dauerhaft für Capcom im Einsatz war. Beide Ansätze betonen jeweils gegensätzliche Aspekte, die gemeinsam in der Animation verschlüsselt sind, was aber nur wieder ein Indiz dafür ist, dass sich diese Aspekte teilweise ihrer Entfaltung berauben. Das kompromisslose Action-Dauerfeuerwerk trägt der Streifen ebenso in seiner DNA wie die später in der Miniserie / Kompilation „Street Fighter: Assassin’s Fist“ (2014) weiter erkundete spirituelle Komponente, so dass es zur gegenseitigen Neutralisierung kommt. Dadurch fehlt den Fights letztlich immer der allerletzte Punch.

Mehr Sex, mehr Gewalt

Da passt es ins Bild, dass auch im Umgang mit den für die Einstufung relevanten Klassifikatoren Sex und Gewalt recht widersprüchlich umgegangen wird. Im Gegensatz zu „Mortal Kombat“ ist „Street Fighter“ schon im Ursprungsmaterial eine weitgehend blutarme Angelegenheit; es gibt im zugrundeliegenden Spiel überhaupt nur eine Attacke, bei der ein paar Pixel Blut zu sehen sind (Wenn Blanka sich im Nacken des Gegners verbeißt, was man auch hier zu sehen bekommt). „Street Fighter II – The Animated Movie“ hat etwas mehr Blut zu bieten (bereits Sagat muss im Opener über offene Wunden klagen), appelliert im Subtext aber immer noch an eine Zielgruppe, die aus älteren Kindern besteht, auch wenn es im Abgang mit Ken-Gehirnwäsche und dämonischem Über-Bison recht düster wird.

Andererseits schleicht sich bisweilen eine deutlich sexualisierte Perspektive ein. Cammy, die von der Zeitschrift EGM als „Hottest Game Babe of 1993“ ausgezeichnet wurde, wird schon früh bei einem Salto aus der Vogelperspektive gezeigt, bei dem sich die Animatoren extreme Mühe gemacht haben, anatomische Plastizität zu erzeugen. Ihre Kontrahentin Chun Li absolviert im weiteren Verlauf sogar eine ausgedehnte Nacktszene, die zwar dabei behilflich ist, den intensivsten Kampf des Films, eine Auseinandersetzung mit dem Psychopathen Vega in ihrem Apartment, vorzubereiten, der allerdings tonal völlig vom Restgeschehen entkoppelt ist, so dass man das Gefühl hat, hier seien ein wenig die Pferde mit den Machern durchgegangen. Entsprechend verbreiteten sich nebenher auch zwecks besserer Vermarktung zensierte Fassungen in unterschiedlichen Schärfegraden.

In „Street Fighter II – The Animated Movie“ steckt ungeahntes Potenzial

Es steckt ein wahres Anime-Meisterstück in „Street Fighter II – The Animated Movie“. Gisaburō Sugii würdigt jede der von ihm eingeführten Figuren, er weiß die kulturelle Vielfalt der Vorlage in eine bunte Palette an unterschiedlichsten Kulissen zu übersetzen und steckt viel Energie in die Choreografie des Motors eines jeden Kampfspiels, den Kampf selbst, mit all der Kombinatorik unterschiedlicher Kampfstile. Ausgerechnet im Finish kann er sich allerdings nicht entscheiden, ob er den Weg des Feuers oder des Wassers gehen soll. Er liefert also Beides, wohlwissend, dass sich die Elemente gegenseitig neutralisieren und in der Folge die Durchschlagskraft fehlt. Nichtsdestotrotz, wer diese Adaption in jungen Jahren gesehen hat, dürfte einige Augenblicke daraus nie wieder vergessen haben.

Gute
6 von 10

Informationen zur Veröffentlichung

Während es in Deutschland nach wie vor lediglich geschnittene Fassungen des Films auf VHS und DVD gibt, die vor 20 Jahren und mehr veröffentlicht wurden, hat sich im Ausland einiges getan. Auch hier sollte man Acht geben, welche Ausgabe man ins Auge nimmt, aber bereits auf DVD kann man etwa in Großbritannien seit Jahren bereits eine ungeschnittene Fassung bekommen. 2023 erschien in den USA sogar eine 4K-UHD der ungeschnittenen US-Kinofassung mit englischem (5.1 und 2.0) und japanischen (2.0) Ton, einer isolierten Musikspur, englischen Opening und Closing Credits, Trailern und Spielausschnitten. Ob es eventuell im Zuge der anstehenden „Street Fighter“-Neuverfilmung auch in Deutschland zu einem 4K-Release kommen wird, ist momentan noch nicht bekannt.

Sascha Ganser (Vince)

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