In dem chinesischen Katastrophen-Blockbuster „Die wandernde Erde“ muss unser Heimatplanet in ein neues Sonnensystem geschickt werden, da im alten der Exitus droht. Gigantische Kraftwerke dienen als Antrieb, stoppen aber die Erdrotation und machen die Oberfläche zu einer lebensfeindlichen Umwelt. Als eine Katastrophe droht, müssen Astronaut Wu Jing und sein Sohn Qu Chuxiao auf der Erde ihren Part zur Weltenrettung leisten.
| Originaltitel: Liu Lang Di Qiu__Herstellungsland: China__Erscheinungsjahr: 2019__Regie: Frant Gwo__Darsteller: Qu Chuxiao, Wu Jing, Ng Man-Tat, Zhao Jinmai, Li Guangjie, Mike Sui Kai, Qu Jingjing, Zhang Yichi, Li Hongchen u.a. |
Die globale Bedeutung von China auf dem Kinomarkt zeigt sich immer mehr, ist hier doch ein zahlungskräftiges Publikum, das nicht das internationale Box Office von Hollywoodfilmen beeinflusst, sondern gern auch nationale Produktionen zu Kassenschlagern macht. Die Actionfilme „Wolf Warrior 2“ und „Operation Red Sea“ wurden (fast ohne außerchinesische Kinostarts) zu großen Moneymakern, ebenso „Die wandernde Erde“, mit der sich Regisseur Frant Gwo (auch verantwortlich für das Prequel „Die wandernde Erde II“) am Katastrophen-Blockbuster versuchte.
Wie in den zahlreichen Vorbildern aus Hollywood steht hier nicht weniger als das Überleben der gesamten Menschheit auf dem Spiel. Weil sich die Sonne ausbreitet und die Erde zu verschlingen droht, wird eine Weltregierung gebildet, die einen Rettungsplan ertüftelt, der in Sachen Kokolores-Faktor sämtliche Blockbuster-Schallmauern durchbricht: Es werden überall auf der Welt riesige Kraftwerk eingerichtet, mit deren Hilfe die Erde bewegt und in Richtung eines lebensfreundlicheren Sonnensystems geschickt werden kann. Dazu muss man dummerweise die Erdrotation anhalten, was eine neue Eiszeit und den Tod für jene Hälfte der Menschheit bedeutet, die keinen Platz in den unterirdischen Neubehausungen ergattern kann. Aber den Humbug ist das geneigte Die-Erde-geht-kaputt-Publikum ja schon gewohnt, insofern ließe sich der Käse ja schon schlucken, wenn wenigstens sonst ein brauchbarer Film dranhängt.
Hauptfiguren sind die Familie Liu, vertreten durch Sohnemann Qui (Qu Chuxiao), der mit Opa Gan Zi’ang (Ng Man-Tat) und Schwester Han Duoduo (Zhao Jinmai) auf der Erde rumgammelt, und Astronautenpapa Peiqiang (Wu Jing), der gerade seine 17 Dienstjahre auf der Raumstation beendet hat, welche die Vorhut der Wandererde bildet. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn ist nicht das Beste (mehr dazu erfahren wir nach ca. drei Vierteln des Films, als es eh nichts mehr zur Charakterisierung beiträgt) und der Filius ist ein kleiner Rebell. Also besorgt er sich gefälschte Zutrittskarten von einem Gauner, damit er und seine Schwester an einer Expedition zur Erdoberfläche teilnehmen können. Und weil das Drehbuch aus der Schwester das dümmste Plappermaul aller Zeiten macht, blubbert diese immer im unpassendsten Moment irgendwelche Geheimnisse raus. Etwa dass Qui nach der Expedition gar nicht mehr in den Bunker zurückkehren will. Zum Glück können sie dem erbosten Gauner auch nach diesem unfreiwilligen Geständnis entkommen, denn was man nicht im Kopf hat, das muss man eben in den Beinen haben (die insgesamt acht Drehbuchautoren von „Die wandernde Erde“ sind bestimmt tolle Sprinter).
Mit Großvaters Zugangspass raubt Qui also einen Transporter, ohne Vorräte mitgenommen oder sich sonstige Gedanken über eine längere Tour an der Oberfläche gemacht zu haben. Macht aber nix, denn sie werden bald gestellt. Als Opi die Enkel im Knast auslösen will, fällt allerdings gerade das nächstgelegene Erdkraftwerk aus und weil man nun einen Transporter und einen Fahrer da hat, sollen die Lius an der Rettungsmission teilnehmen…
Schaut euch den Trailer zu „Die wandernde Erde“ an
Sollte es die Intention von Frant Gwo und seinen sieben Co-Autoren gewesen sein selbst Filme wie „The Core“ oder „Transformers: The Last Knight“ noch wie Meisterwerke der Glaubwürdigkeit und Drehbuchkunst aussehen zu lassen, dann muss man ihnen mit „Die wandernde Erde“ einen Erfolg auf voller Linie bescheinigen. Als Film an sich wirkt das Ergebnis leider kreuzerbärmlich, was schon mit dem Hölzchen-auf-Stöckchen-Plot anfängt, dessen Prämisse davon ausgeht, dass die Protagonisten immer zufällig mit dem richtigen Equipment am richtigen Ort sind, um sich für den nächsten Missionspart zu qualifizieren. Dass es um nicht weniger als das Schicksal der Welt geht, weil die Erde bei Kraftwerkausfall in den Jupiter crashen könnte, wird zwar im Dialog vermerkt, aber fühlbar wird die Fallhöhe nicht. Stattdessen wirkt „Die wandernde Erde“ wie eine fade Abfolge von mal mehr, meist weniger gelungenen Set Pieces. Im All stolpert Peiqiang noch über eine Anomalie in den Protokollen der Raumstation, die für einen weiteren Subplot, etwas Prinzipiengeraune, eine Verschwörung und ein paar All-Actionszenen gut ist, aber auch alles andere als der Bringer.
Dass einem „Die wandernde Erde“ aber so gepflegt am Popo vorbeigeht, liegt allerdings in erster Linie an den unfassbar farblosen Figuren. Papa und Sohn Liu haben immerhin ein Minimum an stereotypen Charakterzeichnungen mitbekommen, der Rest quasi gar nichts: Der Comedic Sidekick ist durch seine nonkonforme Frisur als schräger Vögel gekennzeichnet, das muss reichen (und lustig ist er auch nicht), die beiden bebrillten Wissenschaftsnerds kann man erst kurz vor Schluss ansatzweise auseinanderhalten und die Soldaten unterscheiden sich bestenfalls durch die Ausrüstungsgegenstände (z.B. eine Mini-Gattling-Gun am Schutzanzug). Selbst Han Doudou, die Schwester des Protagonisten, bleibt eine Frau ohne Eigenschaften. Da hilft es dann auch kein Stück, dass zur Filmmitte enthüllt wird, dass sie nicht seine leibliche, sondern seine Adoptivschwester ist. Der Erkenntnisgewinn ist null, und in jedem Film mit Verständnis für Dramaturgie wäre diese Information in der Exposition gefallen. Ebenso wie der Grund für die Kluft zwischen Qui und Peiqiang. Ähnlich dramaturgisch konfus wirkt eine Szene, in der eine Figur erst dramatisch gerettet wird und zwei Sekunden später dann erfriert. Wobei: So egal wie diese Pappkameraden hier allesamt sind, so wenig kann mit ihnen oder ihrer (wandernden) Welt mitfiebern.
Was den Spektakelszenen ebenfalls nicht gut zu Gesicht steht, ist ihre absolute Künstlichkeit. Die Effekte für „Die wandernde Erde“ sind zwar besser als jene von grobschlächtigen China-Fantasy-Spektakeln wie „Monster Hunt“, können mit der High-End-Konkurrenz aus Hollywood nicht mithalten. Während die Szenen im All und auf der Raumstation noch in Ordnung gehen, da wird es auf verschneiten Wandererde dann reichlich unansehnlich, denn alles, was da aus dem Rechenknecht kommt, sieht doch sehr nach PC-Spiel aus. Wenn dann noch Schnitzer wie die komplett unglaubwürdige Fahrphysik der Transportfahrzeuge hinzukommen, raubt dies den Set Pieces jede Form von Gravitas. Hin und wieder gibt es ein paar ganz coole Szenen (der Gattling-Gun-Einsatz, die Kletterei auf der Raumstation), oft inszeniert Frant Gwo aber sogar die Action langweilig. Bestes bzw. schlimmstes Beispiel ist der vollkommen zerdehnte Showdown, der nicht mehr für Nervenkitzel sorgt, sondern irgendwann nur noch anödet.
Immerhin verzichtet „Die wandernde Erde“ auf die extrem patriotischen Töne vieler anderer chinesischer Blockbuster. Die Erdregierung besteht hier aus den USA, China, Russland, Großbritannien und Frankreich, wobei die Westler bestenfalls als Stimme am Funkgerät vorkommen. Aber in den meisten Hollywood-Blockbustern ist es ja ähnlich, dass die heldenhaften Amis den Tag retten und der Rest der Welt bestenfalls als Helfershelfer vorkommt, insofern muss da gleiches Recht für alle gelten. Der analoge nichtchinesische Helfershelfer in „Die wandernde Erde“ ist ein russischer Kosmonaut, der Peiqiang auf der Raumstation dient, diesen bei seinen Heldentaten unterstützt und mit ihm über gemeinsame Ausflugspläne mit ihren Familien in der Zukunft spricht. Dreimal darf geraten werden, was mit dieser Figur wohl passiert.
Wu Jing alias Jacky Wu („The Climbers“) ist der größte Name im Cast, wird in den Credits zwar nur unter „Special Guest Starring“ aufgeführt, erhält aber seinen eigenen Handlungsstrang. Den Part des liebenden Vaters zwischen Prinzipientreue, Individualismus und Aufopferung spielt er sogar recht brauchbar und zieht sich damit noch am achtbarsten aus der Affäre. Der Rest vom Fest dagegen ist komplett unmemorabel oder geht in Richtung Totalausfall – zu letzteren gehören mit Qu Chuxiao („Iron Mask“) im Dauerschmollmodus, Zhao Jinmai („Go Brother!“) als Quengelgöre und Mike Sui Kai („Welcome to Shamatown“) als Comedic Sidekick gleich drei Darsteller in großen Rollen.
„Die wandernde Erde“ ist überlang, mit komplett uninteressanten, ultraflachen Schablonencharakteren bevölkert, klischeehaft nach Schema F geplottet und selbst in den Spektakelszenen erstaunlich öde. Von den suboptimalen Tricks aus dem Rechenknecht mal ganz zu schweigen. Ein paar Set Pieces sind noch ganz brauchbar, der Rest ist kompletter Murks aus der untersten Katastrophen-Blockbuster-Schublade. Und da sollte man kein Auge zudrücken, nur weil er nicht aus Hollywood ist.
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Netflix sicherte sich die weltweiten Vertriebsrechte für „Die wandernde Erde“ und wertete ihn so auch in Deutschland aus. Von der FSK wurde er nicht geprüft. Auf dem Streamingdienst konnte man ihn entweder in der englischen Synchronfassung oder im Original mit Untertiteln schauen. Allerdings liefen die Rechte zum Oktober 2026 aus. Derzeit kann man den Film in Deutschland gar nicht sehen.
© Nils Bothmann (McClane)
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