| Originaltitel: 1978__Herstellungsland: Argentinien, Neuseeland__Erscheinungsjahr: 2024__Regie: Luciano Onetti, Nicolás Onetti__Darsteller: Agustín Pardella, Carlos Portaluppi, Mario Alarcón, Agustin Olcese, Jorge Lorenzo, Santiago Ríos, Gustavo Bonfigli, Paula Silva, Gustavo Pardi, Ezequiel Pache, Valeria San Martin u.a. |

1978 ist in Argentinien in vielerlei Hinsicht die Hölle los.
Die Gebrüder Luciano und Nicolás Onetti sind in Deutschland vor allem durch ihre Streifen „What the Waters left behind“ und „What the Waters left behind: Scars“ aufgefallen. Während Teil eins mit einem unfassbar genialen Setting und tollen Bildern aufwartete, verließ sich Teil zwei leider zu sehr auf die bereits in Teil eins nicht so gut funktionierenden Slasher-Elemente. Mit „1978“ kommt nun ein neuer Horrorfilm der beiden Argentinier nach Deutschland. Und der hat eine starke Prämisse.
Um sich von dem Image als menschenverachtende Militärdiktatur reinzuwaschen, bewarb sich Argentinien für die Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft im Jahre 1978. Das Land erhielt tatsächlich den Zuschlag und nutzte das Event, um ein weltoffenes und freundliches Bild von sich zu zeichnen. Doch während die argentinische Fußballnationalmannschaft ins Finale stürmte, wütete die Militärjunta weiter im Land. Verhörte und folterte unliebsame Landsmänner und -frauen und schreckte auch vor Mord nicht zurück.
Am Tag des Finales gelingt es den Schergen des Systems, den Aufenthaltsort einer neuen „kommunistischen Zelle“ zu erfoltern. Sofort brechen sie auf, um die Zelle festzusetzen. Sie stellen mehrere Männer und Frauen, die eine Schwangere gefangenhalten. Sofort verbringen sie die Systemgegner in ihren Folterkeller und legen flott mit ihrem Tun los. Doch es gelingt ihnen überhaupt nicht, die Gefangenen zu brechen.
Parallel untersucht einer der ihren die Utensilien, die bei der Festnahme der Gruppe eingesammelt wurden. Diese lassen das geübte Auge vermuten, dass die Festgenommenen ein seltsames Ritual an der Schwangeren durchführen wollten. Die wurde aus Sicherheitsgründen ebenfalls in den Keller verbracht. Als sie ihr Kind zu gebären versucht, bricht in den Gängen des Folterkellers die Hölle los.
Historie trifft harten Horror
„1978“ basiert zu weiten Teilen auf dem Tun der Militärjunta, die von 1976 bis 1983 in Argentinien herrschte. Das Militär hatte die damalige Machthaberin Isabel Peron weggeputscht, da sie das Land in eine schwierige wirtschaftliche Lage manövriert hatte. Direkt nach der Machtübernahme wurde angekündigt, dass man großangelegte Säuberungsaktionen gegen linke/sozialistische Kräfte plane. Geheime Foltergefängnisse wurden eingerichtet und sogar mit Todesschwadronen kooperiert. Um die 30.000 Todesopfer soll die Militärdiktatur verursacht haben.
Darauf setzen die Onetti-Brüder auf und präsentieren vor allem zu Beginn von „1978“ die Folterschergen bei ihrem tagtäglichen Tun. Die geben sich mal beinahe väterlich und umgarnen ihre Opfer, schalten aber meist wenige Augenblicke später zahlreiche „Gänge“ nach oben. Den Tod der zu Folternden nehmen sie dabei schulterzuckend in Kauf. Parallel hören wir dank Radios und Fernsehern immer wieder von dem Verlauf des WM-Finales zwischen Argentinien und den Niederlanden. Was in dem Folterkeller aber nur wenige wirklich interessiert.

Je oller, je doller… Einer der Folterknechte aus „1978“.
In diesem Abschnitt baut „1978“ eine sehr beklemmende Atmosphäre auf und schockiert nachhaltig mit dem beinahe selbstverständlichen Tun der Folterknechte. Die hier bereits etablierte düstere Bildgestaltung mit geringem Kontrast und niedrigem Schwarzwert wird sich durch den gesamten Film ziehen und ihren Teil zur Wirkung des Streifens beitragen.
Wenn die Systemgetreuen aufbrechen, um die vermeintlich linke Zelle auszuheben, ist das der einzige Moment, in dem „1978“ den finsteren Schauplatz des Folterkellers verlässt. Allerdings ebenfalls bei Nacht. Helligkeit spielt in dem Film wirklich keine Rolle. Schon wenn die Mitglieder der Zelle verhaftet werden, spürt man als Zuschauer, dass die Folterknechte hier an die Falschen geraten sein könnten. Nichts von dem, was die vermeintlichen Sozialisten machen, hat irgendwas mit dem Kampf gegen das System oder die Planung von Guerillaangriffen zu tun.

Zumindest dieser Cop entdeckt in dem Folterkeller so etwas wie sein Gewissen. Als Held taugt aber auch er nicht.
Die Onetti-Brüder lassen nun ganz allmählich ihren Film in die Richtung surrealen Horrors kippen. Die Folterungen der „Sozialisten“ zeitigen keinen Erfolg. Mehr noch, ein Gefolterter redet auf einen Folterer ein, der sich daraufhin selbst richtet. Ab sofort öffnet „1978“ dem Terror Tür und Tor. Und er stellt das Erzählen ein.
Ab sofort huschen nur noch eigenartige Gestalten durch die Gänge des Folterknastes und töten sämtliche Insassen. Ohne zwischen Folterern und Gefolterten zu unterscheiden. Etwas schade ist, dass man keine wirkliche Identifikationsfigur an die Hand bekommt, um deren Leben man bangen würde. Dementsprechend zündet der Terrorpart nicht formvollendet, zumal er ein wenig gerusht wirkt und sich selbst nicht genug Zeit gibt, genüsslicher zu eskalieren.

Verkehrt herum hängende Kreuze sind selten ein gutes Zeichen.
Er geht aber auch nicht spurlos an einem vorbei. Auch und vor allem, weil zu der bisherigen Beklemmung und Düsternis eine ganze Wagenladung an „What the Fuck“- und „Was geht hier ab?“-Momenten hinzukommen. Und die sitzen durchaus. Obendrein wird es blutiger – ohne dass es zu Splatterszenarios kommen würde. Erschossene „Angreifer“, rausgerissene Organe, Kehlenschnitte und angedeutete Ausweidungszenen, wie man sie deutlich derber aus Zombie-Filmen kennt, bilden die Brutalitätshighlights. Häufiger fühlte ich mich im Übrigen vor allem im Finish an den türkischen „Baskin“ erinnert.
Die Darsteller schlagen sich durch die Bank ordentlich. Vor allem die Folterer sind in Teilen richtig gut gespielt. Leider werden weder sie noch ihre Opfer irgendwie gewinnbringend vertieft und mit Leben angefüllt. Was leider auch für die Geschichte hinter der Geschichte gilt. Nicht jedem Nichtargentinier wird dieser finstere Geschichtsabschnitt des Landes ein Begriff sein. Hier hätte gerne mehr „Aufklärung“ erfolgen dürfen.
„1978“ rutscht überzeugend in den Terror ab
Wie die Onetti-Brüder die Geschichte ihres Landes ganz allmählich in den Moment abgleiten lassen, bei dem der Zuschauer bei sich denkt: „Da seid ihr endlich an die Falschen geraten“, ist definitiv beeindruckend. Aus einem wirklich finsteren, beklemmenden und atmosphärisch stark inszenierten Nachtmahr wird gutes Terrorkino. Das entzieht sich zwar letztlich großen Erklärungen, beeindruckt aber mit starken Einzelszenen und wirkt durchaus nach. Zudem hat der Film mit knapp 70 Minuten Laufzeit auch keinerlei Leerlauf zu verzeichnen, ist spannend und angenehm effektiv gestaltet.
Der größte und höhere Weihen recht eindrücklich verhindernde Kritikpunkt ist die mangelhafte Involvierung des Zuschauers, etwa mittels einer echten Identifikationsfigur. Hier lässt vor allem das etwas zu kurzatmig wirkende Finish Federn. Und dass ausgerechnet einige der sadistischsten Folterknechte direkt den Übergang in Richtung Horror nicht überleben, ist ein weiteres Problem, denn dieses Vorgehen zündet nicht wirklich befriedigend im Bauch des Zuschauers.
![]()
Die deutsche DVD / Blu-ray zum Film erscheint am 05. Februar 2026 von dem Label Busch Media Group. Der Film ist ordentlich synchronisiert, kommt leider ohne Extras und trägt ungeschnitten eine Freigabe ab 18. Ihr könnt „1978“ auch streamen.
In diesem Sinne:
freeman
Was hältst du von dem Film?
Zur Filmdiskussion bei Liquid-Love
| Copyright aller Filmbilder/Label: Busch Media Group__Freigabe: FSK 18__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja |





