| Originaltitel: Silent Madness__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1984__Regie: Simon Nuchtern__Darsteller: Rick Aiello, Marjorie Apollo, John Bentley, Jeffrey Bingham, Conni Brunner, Katie Bull, Noreen Collins, Roderick Cook, Paul DeAngelo, Michaelene Donati, Lori-Nan Engler, Kathleen Ferguson, William Gibberson, Shelly Gibson, James Glenn, David Greenan, Tori Hartman u.a. |


„Silent Madness“ erscheint als erster Titel der neuen „Thrill Kill Collection“.
Als der Killer aus Fleisch und Blut die übernatürlichen Erscheinungen verdrängte, kam er als Legion. Kaum hatte John Carpenters „Halloween“ (1978) die Slasher-Tropes endgültig in die Popkultur eingeführt, war der Bann gebrochen und das Schicksal der 80er besiegelt. Es gab kein Entrinnen. Maskierte und Verunstaltete quetschten sich fortan zu Dutzenden durch das viel zu schmal gewordene Portal der Kinoleinwand, um Teenager das Fürchten zu lehren.
Über die Lautsprecher ertönten dazu unentwegt die lieblichen Sirenen der Scream Queens. Indem Fleischermesser, Macheten und andere Werkzeuge der Wahl auf Körper niedergingen, nahm das Böse zunehmend menschliche Gestalt an. Zumeist waren es sozial Ausgestoßene, die sich an den vermeintlich Normalen zu schaffen machten. Ob suburbane Wohnlandschaften im Herbst oder Waldhütten am See zur Sommerzeit – der geisteskranke Einzelgänger war stets die Anomalie in einer saisonalen Normalität. Darin waren sich die meisten Vertreter ihrer Gattung einig. Regisseur Simon Nuchtern hingegen ist angetreten, um zu beweisen: Wahnsinnig ist letztlich nicht der Irre, sondern die Welt, in der er lebt.
Der Wahnsinn reicht in „Silent Madness“ beileibe nicht nur bis zu den Mauern der örtlichen Psychiatrie, sondern bis in die tiefsten Winkel des Cinemascope-Bildes, vielleicht sogar in die Säle beziehungsweise die Wohnzimmer hinein – der damals grassierenden 3D-Welle zum Dank. Die beschworene alternative Grindhouse-Realität erstreckt sich in alle Gebiete, in die Hauptdarstellerin Belinda Montgomery als eine eher unorthodoxe, ältere Heldin Dr. Joan Gilmore vordringt. Die Orte, an denen sie gegen ihre Kollegen ermittelt, haben wenig mit jener Art von Normalzustand zu tun, aus der das durchschnittliche Psychopathen-Gemetzel gemeinhin herausragt wie ein rotes Ausrufezeichen.

Hach, diese Jugend von heute!
Das spiegelt sich auch auf technischer Ebene wider. Das ArriVision 3-D, das kurz zuvor bereits in „Amityville III“ und „Der Weiße Hai 3-D“ (beide 1983) eingesetzt wurde, lässt die Stereobilder mit ihren Doppelkonturen sogar in der 2D-Version verzerrt und dadurch traumartig, fast schon wie aus einem lebendig gewordenen Comic wirken; ein Eindruck, der durch die gelbliche Farbpalette, die körnige Struktur und die vielen Pop-Out-Shots noch verstärkt wird. Geschmückt wird das Ganze mit einem satten Zeitgeist-Anstrich, inklusive Dragon’s-Lair-Videospielautomat und prominent in die Kamera gehaltener Coors-Banquet-Bierdose.
Aufgebaut ist das Setting fast wie ein Slasher-Themenpark, bei dem die psychiatrische Anstalt lediglich den Eingangsbereich markiert, der im Grundriss der einführenden Handlung von „Nightmare in a Damaged Brain“ (1981) ähnelt. In der wunderbaren Welt des Wahnsinns, die sich im Anschluss entfaltet, verschmelzen Assoziationen zu allem, was Rang und Namen hat. Da hätten wir einen Make-Out-Point mit einer Aussicht wie aus „Freitag der 13.“ (1980), wir sehen Sorority Girls, die aus „Black Christmas“ (1974) oder „The House on Sorority Row“ (1982) entflohen sein könnten, sogar der berühmte Heizungskeller aus dem ultimativen Klassiker „Nightmare on Elm Street“, der fast zeitgleich in den US-Kinos startete, wird als Ort des Grauens etabliert. Es scheint so, als sei die Welt deswegen so wahnsinnig, weil die zahllosen Horrorikonen der laufenden Ära dafür die Saat gelegt haben.

Schon wieder Migräne? Nehmen Sie doch einfach mal den Kopf aus dem Schraubstock.
Erwähnt werden darf bei dieser Gelegenheit auch der sleazige Soundtrack, der je nach Sequenz zwischen John Carpenter und Goblin pendelt und zusätzliche Assoziationen beschwört, wenn er sich nicht gerade zugunsten idyllischen Vogelzwitscherns zurücknimmt, um eine Scheinnormalität zu wahren.
Dabei begnügt sich „Silent Madness“ keineswegs damit, des Selbstzwecks wegen bekannte Szenarien nachzustellen und oberflächliche Zitate fallen zu lassen. Hier ist keine Postmoderne am Werk, sondern durch und durch in sich selbst versunkene Gegenwartskritik. Auf der Agenda steht vor allem das Filetieren der gesellschaftlichen Grundordnung mit den einfach zugänglichen Mitteln des Low-Budget-Horrorfilms. Viel Mühe und Liebe zum Detail steckt vor allem in der Ausarbeitung der Nebenfiguren, die in der Gesamtheit ein nicht gerade vorteilhaftes Bild der Institutionsvertreter der Einrichtungen New Jerseys zeichnen.
In den oberen Etagen der Psychiatrie werden Vertuschungsaktionen initiiert, derweil die klobige Computertechnologie aus dem Aufstiegszeitalter der Personal Computer im Hintergrund kleine Fehler mit großen Auswirkungen begeht. Viveca Lindfors legt als Leiterin der Studentenverbindung ein schizophrenes, von radikalem Konservativismus geprägtes Verhalten an den Tag, das demjenigen so mancher mordender Verrückter Konkurrenz macht, mit einer Blutlinie, die mindestens bis zu Hitchcocks „Psycho“ zurückreicht. Dennis Helfend und Philip Levy verkörpern die Stereotype der uniformierten Henchmen, unfähig zur Reflexion ihres eigenen Verhaltens, aber durchaus gewillt, aus niederen Beweggründen selbst Schaden zu verursachen, obwohl sie im Namen des öffentlichen Dienstes agieren.
Die Krönung aber ist Sydney Lassick, der nicht umsonst auch eine der denkwürdigsten Darbietungen als Insasse in Miloš Formans „Einer flog über das Kuckucksnest“ geliefert hat, hier aber nun in Gestalt eines abgehalfterten Polizeichefs auftritt, das Haar wirr in der Luft stehend, das Diensthemd nur unzureichend den Schmerbauch verdeckend, Augen und Ohren vor der Wahrheit verschlossen. Kombiniert ergibt sich ein völliges Versagen der städtischen Organe, was wiederum zu dem eingangs geschilderten Eindruck führt, gängige Kriterien für die Definition von Normalität würden in diesem Film nicht gelten.

Die Polizei, dein Freund und Schläfchenmacher.
Der Akt des Tötens, der für den Slasher sonst so essenziell ist, gerät bei dieser Prioritätensetzung zu einem bloßen Mittel zum Zweck, einem notwendigen Übel sogar, wie man meinen könnte, wenn man die geringe Sorgfalt berücksichtigt, mit der Simon Nuchtern das Treiben seines Killers verfolgt. Diesem wiederum könnte man sogar nachsagen, er wirke eher müde als bedrohlich mit seinen rot unterlaufenen Augen und seinem wenig energischen Auftreten, das am ehesten noch in Tradition des Zombiefilms steht. Plump fällt auch das Motiv für seinen Amoklauf aus, das nach und nach über Rückblenden mit einem Kontext versehen wird, der eher zu den Basics des Genres gehört. Es ist gerade im Vergleich mit den Jasons und Michaels, die seinerzeit ihr Unwesen trieben, eine trostlose, blasse, wenig mysteriöse Gestalt, deren Ausstrahlung im harten Kontrast zu ihrem radikalen Handeln steht.
Gerade das gehört aber ein Stück weit zum Konzept von „Silent Madness“, der das „Silent“ nicht umsonst im Titel trägt. Es ist der personifizierte stumme Schrei, dem hier die Teufelshörner aufgesetzt werden. Den Rockstar würde man noch früh genug mit Freddy Krueger bekommen; hier haben wir vorerst den traurigen Narren, so austauschbar, dass er überhaupt erst wegen eines Buchstabendrehers in die Freiheit gelangen konnte, um den Hammer zu schwingen.
Und doch kommt man nicht umhin, festzustellen, dass die wenig motivierte Art des Mordens nicht nur ein Charaktermerkmal des Mörders bleibt, sondern sich auch auf die Regie überträgt. Zumindest aus Slasher-Perspektive wird letztendlich zu wenig geboten. Einmal darf der Bohrer blutig zulangen, ansonsten wendet sich die Kamera gerne ab, bevor es in irgendeiner Hinsicht allzu explizit wird, was ausdrücklich auch für das zögerliche Verhältnis zu Nacktheit am Set gilt. Auch wenn andere Prioritäten herrschen, hätte es keinen Widerspruch bedeutet, den Streifzug des Psychopathen mit mehr Härte auszustatten, auf dass der Hilferuf der armen Seele noch deutlicher zu vernehmen gewesen wäre.

Eckstein, Eckstein, alles muss versteckt sein…
„Silent Madness“ mag aus der Distanz wie ein Destillat der berüchtigsten Slash-and-Kill-Schauplätze der 80er wirken. Von dem bunten Popkultur-Anstrich mitsamt 3D-Gimmick sollte man sich aber ebenso wenig blenden lassen wie von dem geringen Budget. Die Qualitäten dieses Billigreißers liegen wohl kaum in einem wie auch immer gearteten Killer-Kult, wie er die großen Stars des Horrorfilms jener Zeit umwehte, sondern vielmehr in der ungewöhnlich ambitionierten Umkehrung der Perspektive. Wir lernen: Eine Psychiatrie in New Jersey ist immer nur ein Modell in einem noch viel größeren Modell. Da kann man ja nur wahnsinnig werden.
![]()
Informationen zur Veröffentlichung von „Spider Labyrinth“
Thrill Kill Collection #1
„Es braucht keine Vampire, Werwölfe oder Zombies, um Angst und Schrecken zu verbreiten“, verkündet das Infoblatt zur bereits dritten Reihenkollektion aus dem Hause Wicked Vision… und verrät dadurch bereits viel darüber, was von den kommenden Titeln zu erwarten sein wird, die irgendwann zu zehnt im ersten „Thrill Kill Collection“-Schuber landen werden.

„Silent Madness“ kommt als erster Titel der „Thrill Kill Collection“ als 2D+3D-Blu-ray-Doppel-Set mit Booklet im schicken Schuber.
Es ist offensichtlich auch ein Verweis auf den eigenen Backkatalog, der immerhin reich mit den Gestalten des Phantastischen Films bevölkert ist. Sinn einer thematisch übergreifenden Sammelreihe muss schließlich sein, in einem festgesteckten Rahmen, beispielsweise einer bestimmten Filmgattung, einen Geltungsbereich festzustecken und ihn exemplarisch anhand von ausgewählten Titeln zu belegen. Das ist ein Gegenentwurf zur „Limited Collector’s Edition“-Hauptreihe des Labels, deren einziges Verbindungselement die Mediabook-Verpackung ist.
Mit dem Thema „Thrill Kill“ hat man sich eines Grenzbereichs angenommen, der irgendwo zwischen dem Thriller und dem nicht-phantastischen Horrorfilm angesiedelt ist. Das schafft gewisse Freiheiten für Experimente, schließt aber gewisse Vertreter beider Genres bewusst aus. Hier geht es offensichtlich in erster Linie um von Menschenhand erzeugte Spannung und Nervenkitzel.
Den Auftakt macht mit „Silent Madness“ ein Vertreter aus der Blütezeit der 80er, einem Jahrzehnt, das sich mit übernatürlichen Monstern aller Art zwar nicht zurückgehalten hat, jedoch auch so einiges in petto hatte, wenn es um den Nervenkitzel einer realistischen Bedrohung ging. In Zukunft werden aber wohl auch andere Jahrzehnte in Betracht gezogen, da auf der Verpackung von „50 Jahren Mord und Totschlag“ die Rede ist.
Die Verpackung
Wer bereits eine „Black Cinema Collection“ oder „Ordinary Dreams Collection“ im Regal stehen hat, wird bereits erahnen, dass man sich auch hier wieder für das Scanavo Case als Verpackungsform entschieden hat. Da es sich außerdem um die erste Ausgabe der neuen Reihe handelt, bekommt man ohne Mehrkosten zusätzlich noch einen Pappschuber dazu, der für insgesamt zehn Ausgaben Platz bietet.
Größe, Form und Verarbeitung des Würfels entsprechen dabei exakt den Eigenschaften der zuvor erschienenen Sammelboxen. Bei einer Breite von ca. 15,5 cm, Höhe von ca. 17,5 cm und Tiefe von ca. 13,8 cm beträgt die Dicke der Pappe etwa 2mm. Originalverpackt steckt die Hülle neben einem Styroporklotz mit der Breite der 9 noch fehlenden Hüllen, damit sie nicht wild durch den Innenraum poltert. In den offenen Teil des Würfels ist außerdem noch ein Einleger eingeschoben, auf dem bereits das Artwork der Hülle abgebildet ist (die man beim originalverpackten Produkt sonst nicht sehen würde) sowie eine Inhaltsangabe und die Credits zum Film, die Ausstattung, die technischen Details, einen kurze Einführung zur Gesamtreihe sowie nicht zuletzt eine maschinell gedruckte Limitierung. Die Gesamtauflage liegt bei 1500 Stück.
Was das Design der fünf geschlossenen Würfelseiten angeht, landet die „Thrill Kill Collection“ im Vergleich mit der „Black Cinema Collection“, der „Ordinary Dreams Collection“ und der wenige Monate später gestarteten „Italo Cinema Collection“ eher auf den unteren Plätzen, obgleich auch diesmal wieder ein durchdachtes Konzept geboten wird. Die rot viragierten Flächen sollen natürlich Assoziationen zu Blut und Gefahr erzeugen, nicht zuletzt in Kombination mit den Opfern scharfer Klingen, von denen eines je exemplarisch auf einer Fläche den halben Hintergrund ausfüllt.
Gelungen ist die leicht diagonal verlaufende, rote Linie, die sich über die seitlichen Flächen verteilt und die Illusion eines medizinisch präzisen Schnitts erzeugt. Im Gesamtbild wirkt das aber alles ein wenig leer. Auch die generische Blockbuchstaben-Font von „THRILL KILL“ und die ebenso generisch wirkende Schreibmaschinen-Font von „Collection“ sorgen nicht unbedingt für Jubelstürme. In Natura sieht die Box aber dann doch recht schick aus, weil eben auch diesmal wieder mit Spotlack gearbeitet wurde. Wer sie im richtigen Winkel gegen das Licht hält, wird auf der Ober- und Rückseite jeweils eine Tagline zu lesen bekommen, aber auch einige andere Elemente, wie der Titelschriftzug, das Wicked-Vision-Logo oder die blutige Diagonallinie sind in Hochglanz auf dem matten Grund hervorgehoben.

Einmal glatt durchgetrennt: Auch dieses Box-Design ist wieder out of the box gedacht.
Das Artwork
Schön bunt wird es hingegen auf dem Scanavo Case. Erfreulicherweise grüßt hier das schönere der beiden bekannteren Originalposter, also nicht das rote, das fast ausschließlich mit der Fratze des Killers bedeckt ist, obgleich es wahrscheinlich sogar besser zum Design der Box gepasst hätte. Es dominieren eher die Grün- und Blautöne eines Waldes in einer Vollmondnacht, der mit seinen verwinkelten Wurzeln auch aus „Hänsel & Gretel“ oder „Evil Dead“ stammen könnte.
Hindurch poltert eine gut ausgeleuchtete Blondine mit knappen Turnhosen und rotem Sorority-Shirt, die von einer Büste des axtschwingenden Killers verfolgt wird, der eher transzendental in die Kulisse aus toten Baumstämmen eingebaut wurde, so dass man eher das Gefühl hat, sie werde von einem Geist verfolgt. Geschenkt, dass ihre Gesichter wie verzerrte Knetgummifratzen aussehen, denn mit den blassroten, in der Höhe versetzten Großbuchstaben des Titels (inkl. „in 3D“-Hinweis) sieht hier ohnehin alles aus wie ein Scooby-Doo-Zeichentrick. Im Hintergrund leuchten noch die Sirenen eines Krankenwagens – ein erster Verweis auf das Interesse des Films, das marode Gesundheitssystem zu kritisieren.
Die Boxdesign-Elemente des Frontcovers macht sich übrigens nur durch einen schwarzen Rahmen bemerkbar sowie ein „Thrill Kill Collection“-Logo, das zentriert auf der Unterseite abgedruckt ist. Das ist so dezent eingearbeitet, dass es kaum auffällt. Wer das Cover trotzdem lieber in voller Pracht genießen will, kann den Einleger auch einmal umdrehen und bekommt das gleiche Motiv so auf voller Fläche. Das Backcover mit drei Screenshots und etlichen inhaltlichen und technischen Details ist auf beiden Seiten identisch.
Das Booklet
Das erwähnte rote Artwork mit einer Visage des Wahnsinns kommt dann doch noch zur Anwendung, und zwar auf dem Cover des mit 32 Seiten recht üppig ausgefallenen Booklets, in dem ein weiterer Text von Christoph N. Kellerbach zu finden ist. Wenn dieser mit einem Referat zur Situation des amerikanischen Gesundheitssystems in der Reagan-Ära beginnt, dann weiß man, dass der besprochene Film mehr zu bieten hat als eine stumpfe Schlachtplatte. Die anschließend aufbereiteten Fakten zur Vita des Regisseurs Simon Nuchter, der stark an der politischen Lage seines Landes interessiert gewesen sei, betten sich perfekt in diese Einführung ein und erklären auch die Schwerpunkte, die seine Regiearbeit setzt.
Im folgenden geht es unter anderem auch um die ArriVision-3D-Technik mit all ihren Vorzügen und Nachteilen, ferner werden Erklärungen geboten, warum der Film weniger Nacktheit zu bieten hat als viele seiner Artgenossen und auch etliche Splatter- und Gore-Szenen unfertig wirken. Regelrecht grausam liest sich der Abschnitt über die Verstümmelung des Films bereits im Kino, wo oftmals nur die 2D-Version gezeigt wurde, und schließlich im Heimkino, wo das Cinemascope auf einen völlig unbrauchbaren Vollbild-Ausschnitt zusammengeschnitten wurde – ganz abgesehen von der Indizierung, die zwischen 1989 und 2014 Bestand hatte.
Dass das Booklet mit einem eigenen Abschnitt zur Restauration endet, hat seinen Grund, denn die technische Präsentation von „Silent Madness“ verlangt durchaus nach ein wenig Kontext – und das gilt wohlgemerkt sowohl für das Bild als auch für den Ton.
Das Bild
Disc 1 des Doppel-Blu-ray-Sets zeigt den Hauptfilm in der 2D-Fassung und präsentiert ein Bild mit Eigenschaften, die der verbreiteten Vorstellung eines typisches Untergrundstreifens für die Bahnhofskinos entspricht, wie es vor allem durch Robert Rodriguez‘ und Quentin Tarantinos „Grindhouse“-Double-Feature in den 00er Jahren geprägt wurde. Die Farbpalette ist breit, wirkt aber ausgewaschen, in regelmäßigen Abständen blitzen Schmutzpartikel auf. Das Bild wirkt oftmals unruhig und gelegentlich auch ein wenig unscharf. Am auffälligsten sind jedoch die Doppelkonturen, die sich insbesondere am Bildrand ergeben; mitunter ist dieser Effekt so stark, dass man beinahe das Gefühl hat, ohne Brille auf einen Anaglyph-3D-Effekt zu schauen. Wie im Booklet erläutert wird, ist das keineswegs ein Problem des Transfers, sondern ein Effekt der beim Dreh verwendeten Linsen, der als „chromatische Aberration“ bezeichnet wird. Eine Beseitigung dieses Mangels wird also auch bei möglichen zukünftigen Veröffentlichungen nicht zu erwarten sein, da er bereits im Ursprungsmaterial liegt.
Störend ist dieser Aspekt aber ohnehin nur bedingt, wenn man mit den richtigen Erwartungen an diesen Film geht, bei dem es sich schließlich um eine Low-Budget-Produktion handelt. Wie sehr sich die vom US-Label Vinegar Syndrome erstellte 2K-Restauration (basierend auf einem 4K-Scan), für Wicked Vision wie üblich von LSP-Medien neu encodiert, dennoch gelohnt hat, dürfte auf der Hand liegen, wenn man einmal den Vergleich zur alten DVD bemüht. Letztlich ist das Ergebnis gemessen an den Umständen nämlich doch im besten Sinne charismatisch geraten und trägt durch seine Eigenschaften auch klar zum Sehvergnügen bei, zumal nun endlich wieder das 2,38:1 in seiner kompletten Breite rekonstruiert ist, was alleine schon genug Grund ist, die alte DVD in hohem Bogen aus dem Fenster zu jagen.
Der Ton
Noch schwieriger scheint die Situation bei einem Aspekt gewesen zu sein, für den Vinegar Syndrome keine Vorarbeit leisten konnte: der deutschen Synchronisation. Besetzt mit allerhand bekannten Stimmen, von denen die ein oder andere sicher auch mal bei den „Simpsons“ aufgetreten ist (beileibe nicht nur Norbert Gastell, der hier gleich zwei verschiedene Nebenrollen spricht), ist sie durchaus von historischem Wert, war aber wohl nicht so einfach aufzubereiten. Das liegt vor allem an dem in mehrerer Hinsicht problematischen VHS-Quellmaterial, das zur Verfügung stand, weil es in Deutschland vermutlich nie zu einem Kinostart gekommen ist.
Die VHS-Tapes waren aber oftmals geschnitten, noch dazu war die Synchronisation auf 25 Bilder pro Sekunde abgestimmt, so dass Anpassungen für den auf Blu-ray geltenden 24-Bilder-Standard vorgenommen werden mussten. Ein wahrer Horror dürfte aber vor allem die Tatsache gewesen sein, dass die Synchronisation auf Grundlage der Vollbildfassung erstellt wurde und Geräuschquellen außerhalb des Bildbereichs daher mehr oder weniger „frei“ interpretiert wurden. Nun, da man dank Cinemascope wieder alle Geräuschquellen im Bild sieht, kommt es zwangsläufig zu asynchronen Momenten.
Nimmt man diese bereits in der ursprünglichen Filmnachbearbietung entstandenen hausgemachten Probleme einmal heraus, liefert die Blu-ray das wohl bestmögliche Ergebnis. Der DTS-HD Master Audio 2.0-Track klingt insgesamt sauber und gut austariert und ist in etwa vergleichbar mit vielen Synchronisationen zu TV-Serien, die in der damaligen Zeit produziert wurden. Beklagen kann man sich auch nicht über den im gleichen Format vorliegenden Originalton, der noch ein wenig lebendiger klingt, was die Hintergrundkulisse angeht.
Die Audiokommentare
Davon abgesehen verfügt der Hauptfilm noch über zwei englischsprachige Audiokommentare. 2020 entstand ein Gespräch zwischen Regisseur Simon Nuchtern und Michael Gingold, der als Autor vor allem mit dem Fangoria-Magazin in Verbindung in gebracht wird. Akustisch ist es anfangs ein wenig schwer, der Unterhaltung zu folgen, weil es recht viel Hall gibt und Hintergrundgeräusche (wie von einer stark befahrenen Straße) die Stimmen übertönen, das wird aber später besser. Es handelt sich um eine klassische Maker-Expert-Moderation, bei der Gingold sein ganzes Hintergrundwissen ausspielt, um Nuchtern Hintergründe zur Produktion zu entlocken. Zumeist bleibt das Gespräch nah an der eigentlichen Drehsituation, Nuchterns Denkweise als Regisseur wird dadurch aber durchaus klarer, was auch das Verständnis des Zuhörers für die im Film getroffenen Entscheidungen verbessert. Der Sprachfluss wirkt mitunter etwas monoton, aber das liegt eben in der Natur des jeweiligen Sprechers.
Eine Outsider-Perspektive liefert der alternative Kommentar der Podcast-Truppe von The Hysteria Continues, die auf Slasher- und Horrorfilme spezialisiert ist und hier nicht zum ersten Mal einen Kommentar abliefert und daher eine gewisse Expertise mitbringt. Die Herren starten, indem sie auf ihren persönlichen Erstkontakt mit „Silent Madness“ zurückblicken, um auf diese Weise nebenbei auch seine Veröffentlichungshistorie aufzurollen. Auch sonst wird immer wieder die Rezeption des Films oder seiner Aspekte, insbesondere der 3D-Technologie, ins Spiel gebracht. Grundlage dafür ist ein breites Hintergrundwissen zur genutzten Technologie, aber auch zu Cast und Crew, denen viel Zeit gewidmet wird.
Die Extras
Der größte Brocken unter den Special Features ist das dreiviertelstündige Making Of „Method to the Madness“, das 2020 aufgenommen wurde, als die Welt eine kurze Pause einlegte. Entsprechend der damals geltenden Corona-Bestimmungen fanden einige Interviews kontaktlos via Laptopkamera statt, aber zumindest Regisseur Simon Nuchtern, Produzent William P. Milling und FX Artist Carl Morano scheinen auf herkömmliche Art interviewt worden zu sein.
Neben ihnen kommen noch vier Nebendarstellerinnen und ein Nebendarsteller zu Wort. Die verschiedenen Sitzungen werden nach und nach miteinander verflochten und manchmal in den Übergängen mit Filmausschnitten geschmückt. Inhaltlich ist mehr oder weniger Freestyle an der Tagesordnung, es wird einfach ausgeplaudert, was gerade in den Sinn kommt; das Gesamtbild soll sich durch die Summe der Details ergeben. Aufgrund der geteilten Inhalte wird dann auch schnell offensichtlich, dass das Making Of eine der Hauptinformationsquellen des Booklet-Autoren gewesen sein muss. Ein witziges Easter Egg folgt noch im Abspann, da heißt es „Absolutely no thanks to Covid-19“, bevor noch eine Hidden Scene den Schlusspunkt setzt.
Auch der zweite Punkt in den Extras heißt „Method to the Madness“, diesmal aber mit dem Zusatz „gelöschte Szenen“. Dabei handelt es sich selbstverständlich nicht um gelöschte Szenen zum Hauptfilm, sondern nicht verwendete Interview-Ausschnitte des Making Of. Wer also nicht genug bekommen kann von den alten Geschichten über die gute Zeit in den 80ern, der bekommt hier noch einmal knapp sieben Extra-Minuten.
Weiter geht es mit der „Sizzle Reel“ (19 Min.). Unter dem Begriff versteht man üblicherweise ein kurzes Werbevideo, mit dem man jemanden vom eigenen Produkt überzeugen will – ungefähr wie ein Trailer für ein Kinopublikum, nur dass man hier keine Kundschaft zu überzeugen versucht, sondern jemanden, der möglicherweise selbst mit dem Produkt arbeiten soll. Im vorliegenden Fall handelt es sich dann aber doch um eine Art überlangen Trailer, oder, wenn man so will, eine komprimierte Super-8-Fassung des Films, die hier allerdings in der Qualität der Hauptpräsentation vorliegt. Interessant, dass Simon Nuchtern in jenen letzten Sekunden des Features, die nicht aus Ausschnitten des Hauptfilms bestehen, als „Simon Nocturne“ bezeichnet wird.
Unter „Silent Stalking Grounds“ verbirgt sich eine 11-minütige Location Tour. Michael Gingold, den wir bereits als Moderator des ersten Audiokommentars kennenlernen durften, führt durch die Originalschauplätze des Films in New Jersey, insbesondere die Murdoch Hall, mit der die Psychiatrie gedoubelt wurde, aber auch das Sheriffbüro und der Heizungskeller, sowie der Wagner College Campus, der Echo Lake Park an der charakteristischen Wassermauer und einige andere Schauplätze. Natürlich werden die neu angefertigten Aufnahmen zum Vergleich auch gegen die entsprechenden Filmausschnitte gespiegelt.
Für das Finish der ersten Disc sorgt eine Sammlung mit vier Radiospots (2 Min.), der englische Originaltrailer (2 Min.) im schnoddrigen Grindhouse-Look und eine musikalisch untermalte Bildergalerie mit Postern, Flyern, Pressematerialien, Stills und Zeitungsartikeln.
Disc 2: 3D
Bei der zweiten Disc im Paket handelt es sich um eine 3D-Blu-ray. Die kann zwar auch auf 2D-Playern abgespielt werden, aber wer (wie der Verfasser dieser Zeilen) nicht über das entsprechende 3D-Equipment verfügt, für den wird nach einem kurzen Hardware-Check lediglich die 2D-Fassung abgespielt. In dem Fall kann man sich also frei aussuchen, welche Scheibe man einlegt, zumal alle Audio-Optionen der 2D-Disc auch hier zur Verfügung stehen.
Einlegen lohnt sich zumindest theoretisch dennoch, da sich die Extras von denen der ersten Disc unterscheiden. Praktisch ist es aber so, dass die „Einführung zur 3D-Fassung“ von Regisseur Simon Nuchtern lediglich ein 26-sekündiges Intro ist, in dem er seiner Freude darüber Ausdruck verleiht, seinen Film nach all der Zeit endlich so präsentiert zu sehen, wie er sich das immer gewünscht hat; und die „3D Sizzle Reel“ ist lediglich, wie man schon ahnt, eine Dopplung der „Sizzle Reel“ auf Disc 1, nur diesmal eben in 3D. Theoretisch hätte also nichts dagegen gesprochen, das gesamte Material auf einer Disc unterzubringen und stattdessen eine DVD mit in die Box zu packen. Aber so hat man nun eben eine HD-Sicherheitskopie in 2D, falls sie 3D-Scheibe den Geist aufgibt.
Fazit
Unter dem Strich ist „Silent Madness“ ein vielversprechender Auftakt für die „Thrill Kill Collection“: Ein experimenteller, gar nicht so klassischer Slasherfilm, der genau den Grenzbereich bedient, den sich die Kollektion auf die Fahne geschrieben hat. All das sehr schick verpackt, großzügig ausgestattet, bestmöglich präsentiert und unter anderem hier zu haben. Wenn die Auswahl so interessant bleibt, dürfte das am Ende eine ziemlich spannende Rappelkiste werden.
Sascha Ganser (Vince)
Was hältst du von dem Film?
Zur Filmdiskussion bei Liquid-Love
| Copyright aller Filmbilder/Label: Wicked Vision__Freigabe: FSK18__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja |





