| Originaltitel: Transylvanie__ Herstellungsland: Frankreich__ Erscheinungsjahr: 2023__ Regie: Rodrigue Huart__ Darsteller: Katell Varvat, Lucien Le Ho, Emma Gautier, Marylou Sampeur, … |

Von Rodrigue Huart co-verfasst und realisiert, eröffnet der knapp viertelstündige französische Kurzfilm „Transylvanie“ (2023) in Gestalt einiger mit ominös-atmosphärischer Instrumentalmusik der Pariser Band The Psychotic Monks unterlegter Shots einer Plattenbau-Siedlung nach Sonnenuntergang – worauf die Stimme eines Mädchens erklingt, ins Englische übersetzt die Sätze flüsternd: „Master, it’s an honor to be your servant, but you know only too well that nights are long when they are lonely. I would finally like to transform someone to beat this terrible loneliness. Hear me, please! It’s with humility and devotion that I request your blessing to have my first human victim. Have no fear, dear master, I will choose someone worthy of reigning over this province for all eternity.“ Ihr Name ist Ewa (Katell Varvat). Zehn Jahre jung, wohnt sie in einer der oberen Stockwerke, hängen düstere Zeichnungen und Poster (u.a. von „the Lost Boys“, „Fright Night“ und „Interview with the Vampire“) an ihren Kinderzimmer-Wänden und trägt sie mit Vorliebe dunkle Hoodies sowie ein innen rotes, außen schwarzes Cape (wie von einem Halloween-Kostüm). Offenbar hegt sie ein Faible für Vampire – und ist überdies auch davon überzeugt, selbst ein solches Wesen zu sein…
Im Anschluss an die Titel-Einblendung sehen wir sie inmitten eines Friedhofs stehend – im Sonnenlicht sowie mit Kreuzen auf den Gräbern überall um sie herum. Eine gefundene tote Ratte wird eingesteckt und mit nach Hause genommen – wo sie dem Tier eher widerwillig (dabei wegschauend) mit einer Schere die Kehle aufschneidet und das ausströmende Blut zu trinken beginnt, welches ihr aber keineswegs mundet (ähnlich wie etwa in der zuvor erwähnten 1994er Anne Rice Adaption oder der deutschen Mystery-Serie „Oderbruch“). Jeweils flüchtig werden im Verlauf ihre Mutter und ihr Bruder erwähnt – mit Ewa an einer Stelle ein Foto von ihm betrachtend, ihn unverkennbar vermissend – doch wird sie stets allein daheim gezeigt. Ein Satzfetzen deutet an, dass er sich in Therapie befinden könnte – während es sich aus dem Kontext heraus ableiten lässt, dass kein Vater mehr zugegen ist und ihre Mutter von daher viel arbeitet, um so die Familie durchzubringen. Auf jeden Fall ist Ewa einsam. Freunde hat sie keine – seitens der anderen Kids wird sie des Öfteren gehänselt. Wohlmöglich wegen ihres Auftretens, samt ihrer Kleidung – allerdings ist das nicht konkret klar, da wir nicht wissen, was zuerst kam bzw. zuvor so alles geschah…
Mit zehn vollzieht sich der Übergang von der späten Kindheit in die Vorpubertät – der Körper wie auch Denkweisen und soziale Beziehungen verändern sich. Ewa’s innig-reges Interesse an Vampiren (und darauf ausgerichtetes Gebaren) könnte ein „Schutz-Mechanismus“ wider ihre sie bedrückende Umwelt sein – eventuell in Kombination mit dem verbreiteten Reiz von Storys wie die der „Twilight-Saga“ auf Heranwachsende; der Wunsch nach emotionaler Validierung sowie Projektionsfläche für erste sexuelle Sehnsüchte inklusive. Sie schwärmt für den 15-jährigen Hugo (Lucien Le Ho) – doch haben sie bisher noch keinen direkten Kontakt gehabt und ist er mit einem Mädel zusammen, welches sie regelmäßig schikaniert: Gwen (Emma Gautier). Eines Tages fasst sie schließlich den Entschluss, ihn zu ihrem „ewigen Gefährten“ zu machen – wobei sie aber weiß, dass dieser Schritt nicht einfach erzwungen werden darf: „Only those who are ready to die can access everlasting life.“ Also sucht sie ihn kurzerhand auf und fragt ihn frei heraus, ob sie ihn verwandeln dürfte. Im Zuge des Gesprächs berichtet sie ihm u.a. „I was turned into a vampire in September“ – ebenso wie (als Begründung ihres Begehrs) „The burden of eternity is too heavy for me alone…“
Via des Settings, der dort lebenden Menschen (mit ihren Lasten und Herzenswünschen) sowie des „nüchternen“ Inszenierungsstils – einer dessen zentralen Komponenten die passend ruhige Bebilderung Julien Ramirez Hernans („Other“) ist – vermittelt „Transylvanie“ durchaus den Eindruck eines sozial-realistischen Dramas – mit Ewa dabei jedoch einen charmanten Zacken an Quirkiness in einzelnes injizierend, z.B. als sie im Rahmen ihres Bestrebens, Hugo zu einem Vampir werden zu lassen, einige Zeilen aus Bram Stoker’s „Dracula“-Roman zitiert. Jener ist nett zu ihr – sich an der Selbstsicherheit und Fantasie erfreuend, mit der sie an ihn herantritt, sowie ihr Aufmerksamkeit schenkend, ohne ihr Anliegen in irgendeiner Form als „kindisch“ (oder so) abzutun. Gwen ist da anders – reagiert konfrontativ und despektierlich, als sie dazustößt und sie zusammen erspäht. Könnte man da Eifersucht mit hineindeuten? Letztendlich egal weshalb, führt ihr Verhalten (insbesondere spezielle Worte von ihr) rasch zu einer Eskalation: Wut kocht über, Blut fließt und eine Jagd mit potentiell tragischem Ausgang entbrennt. Ungemein einträglich daran – über solche Dinge wie Huart’s gute Regie-Leistung, das effektive Sounddesign sowie den feinen Score hinaus: Als Zuschauer ist man emotional involviert in das Ganze…
Katell Varvat (TV’s „La Colo“) ist klasse in der Hauptrolle. Man vermag die Gefühle Ewas nachzuempfinden – mit Varvat ihr eine mehrdimensionale Kombination aus unschuldiger Zerbrechlichkeit und Stärke verleihend. Auch Emma Gautier („Réel“) und der mich an Timothée Chalamet erinnernde Newcomer Lucien Le Ho agieren ordentlich – doch ist es die spürbar transportierte Isolation der Zehnjährigen – so ohne Gesellschaft, Freude und „Wärme“ – welche diesem Short und seiner mit den Publikums-Erwartungen spielenden Story das gewisse Etwas beschert. Unabhängig einiger vertrauter Elemente und Einflüsse – mit einem da nicht bloß „Let the right one in“ oder dessen 2010er US-Version in den Sinn kommend – steht lange Zeit die Frage im Raum, ob Huart und seine Co-Autoren David A. Cassan und Axel Wursten die Konventionen des Vampir-Genres subversiv variiert haben – oder Ewa „nur“ ein einsames, trauriges Mädchen mit einer regen Imagination (einschließlich einer träumerischen Hoffnung auf eine Gothic Romance) ist. Angesichts des Vorangegangenen bei Einsetzen des Abspanns insgesamt zufrieden gestellt, hat sich Huart mit „Transylvanie“ bei mir allemal für (s)einen ersten Feature-Film („the Conjuring: First Communion“, 2027) empfohlen…
knappe![]()
Stefan Seidl

(© Manifest & Qui Vive !)
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| Copyright des „Transylvanie“ Postermotivs und der Screenshots: Qui Vive ! / Manifest__ Freigabe: Not Rated__ DVD/BluRay: nein/nein |


