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Augen ohne Gesicht

Originaltitel: Les yeux sans visage__Herstellungsland: Frankreich__Erscheinungsjahr: 1960__Regie: Georges Franju__Darsteller: Pierre Brasseur, Edith Scob, Alida Valli, Juliette Mayniel, François Guérin, Alexandre Rignault, Béatrice Altariba, Charles Blavette, Claude Brasseur, Michel Etcheverry, Yvette Etiévant, René Génin u.a.

Augen ohne Gesicht Banner

Augen ohne Gesicht

Mediabook Cover C von “Augen ohne Gesicht”

Es ist das reflektierende Licht auf der glatten Fläche des Skalpells, es sind die Kerben im Metall der Zange oder auch die Fingerabdrücke am Griff der Klemme, die letztlich den Bezug zur Realität bewahren. Geschaffen sind diese medizinischen Instrumente ja schließlich aus den ungeschliffenen Materialien der Natur, gehorchen also deren Gesetzen. Und doch sind ihre Linien in eine nicht-natürliche, auf beunruhigende Weise zweckdienliche Form gegossen. Das Bewusstsein dafür, dass die organische Realität offenbar zu einem gewissen Grad verformt werden kann, um bestimmte Zwecke zu erfüllen, kann einen surrealen Abgrund erzeugen, durch dessen Sog die Realität einer Verzerrung ausgesetzt wird.

Wenn man sich mit „Augen ohne Gesicht“ befasst, könnte man meinen, in nahezu jeder Einstellung auf ein Kippbild zu blicken, angesiedelt im Zwielicht greifbarer Wirklichkeit und ihrer Sättigung durch die eigentümliche, lyrische Ader des Autoren. Genre-Regisseure aller Couleur, von Jess Franco („Faceless“) über John Carpenter („Halloween“) bis John Woo („Face/Off“), haben gemäß ihrer eigenen Affinitäten stets eher die Lyrik in diesen Kippbildern erkannt und daraus Inspiration für ihre eigenen Werke geschöpft. Georges Franjus wohl bekanntestes Werk wurde dadurch hauptsächlich zu einem Einflussgeber für das breite Genre-Kino, im Speziellen für den Horrorfilm.

Dabei ist der Horror, der von ihm selbst ausgeht, womöglich zu steril und zu schwer mit Subtext beladen, um selbst Genre-Aspekte vollumfänglich befriedigen zu können. Es ist kein Film, den man in einer Wolke wohliger Kaminfeuer-Atmosphäre erlebt, wie es etwa typisch ist für das Schaffen des Italieners Mario Bava, der im gleichen Jahr mit „Die Stunde, wenn Dracula kommt“ dafür den Startpunkt setzte. Es ist auch kein Film, der zwangsläufig daran interessiert ist, die Regeln des Genres zu brechen oder für alle zu verändern, so wie es in der Absicht des ebenfalls 1960 angelaufenen „Psycho“ von Alfred Hitchcock lag.

„Augen ohne Gesicht“ hat mit derartigen Regeln nichts unmittelbar zu tun, vielmehr transzendiert er jegliches Regelwerk, nach dem ein Film kategorisiert werden kann. Er ist Horror, Familiendrama und Krimi zugleich und doch auch wieder nichts davon, ihn kennzeichnet der Hang zum Dokumentarischen ebenso wie zum Surrealen. Er greift Stilmittel des deutschen Expressionismus und des poetischen Realismus auf, um mit ihnen jene Kippbilder zu erzeugen, mit denen der Betrachter schließlich konfrontiert wird. Die eingangs genannten Instrumente, die er selbst zeigt, verwehrt Franju wiederum der zeitgenössischen Kritik, denn damals gab es schlichtweg keine Maßeinheiten, mit denen ein Film wie dieser bewertet werden konnte.

Dabei hat selbst ein Werk, das seiner Zeit so weit vorauseilt, seinen Ursprung immer in der Vergangenheit. Wie so viele Abhandlungen über die Grenzen der Ethik in der Medizin geht auch diese ultimativ auf „Frankenstein“ zurück, obgleich sich die Motivation verschoben hat; statt der Erschaffung von Leben steht nun seine Konservierung zur Debatte. Was bleibt, ist der krankhafte Ehrgeiz, der sich durchweg in dem strichmündigen Spiel von Pierre Brasseur spiegelt und in einer wunderschön fotografierten Szene auf dem Friedhof besonders offenbar wird, wenn er trotz des Flehens seiner Assistentin, diesen Ort endlich zu verlassen, darauf beharrt, zunächst noch die Kränze zu richten, möchte er die Dinge doch gründlich erledigen.

Dem Plot liegt auf den ersten Blick ein mitfühlendes, von Liebe angetriebenes Motiv zugrunde, versucht doch hier ein Vater, seiner entstellten Tochter um jeden Preis ihr Leben zurückzugeben. Die Konstellation ähnelt jenen phantastischen Erzählungen, in denen ein Wissenschaftler oder ein Herrscher über die Zeit versucht, seine verstorbenen Geliebten aus dem Jenseits zurückkehren zu lassen. In Wirklichkeit jedoch, da wirken egoistische Kräfte, ist es doch der Vater, der die Entstellung durch einen Autounfall initial verschuldete und der nun offenbar versucht, seine Schuld zu tilgen; auch zu dem Preis, dass er seine Tochter (und damit das Eingeständnis seiner Schuld) fortan wegsperrt, in Räume ohne Spiegel und Fenster sowie hinter eine wächserne Maske, anstatt sie von ihrer Last zu befreien.

Die Unerbittlichkeit, mit der sich diese Entwicklung vollzieht, lässt sogar die Schatten des Nationalsozialismus auferstehen, erscheint die Klinik doch wie eine undurchdringliche Festung, hinter dessen Mauern gottlose Experimente durchgeführt werden, unterfüttert mit der autoritären Präsenz Brasseurs, der wild entschlossen seiner Ideologie folgt, die ihm wichtiger erscheint als das Wohl seines eigen Fleisch und Blut und erst recht der vielen Opfer, die ihr eigenes Gesicht geben müssen, um seiner Tochter eines zu schenken. Die abstrakten Hundekäfige, die wie die verzerrten Kulissen aus Robert Wienes „Das Cabinet des Dr. Caligari“ oder die dunklen Großstadtgassen aus Fritz Langs „M“ bedrohliche Schatten an die Wand werfen, projizieren ebenso wie die Tauben im gleichen Raum eine Symbolik auf das gefangene Mädchen, die vielleicht eine Spur zu transparent ausfällt; doch ihre Wirkung verfehlt sie durch das unheilvolle Schattenspiel nicht, was auch für den letzten großen Auftritt gilt, der den Tieren im finalen Akt zuteil wird.

Schaut in den Trailer

httpv://www.youtube.com/watch?v=2BY6syEApk8

Das faszinierende Schattenspiel beschränkt sich aber nicht auf die dreidimensionale Ausleuchtung der Kulissen, es greift auch auf die Hauptdarstellerin über. Franju, der dafür bekannt war, seine Darsteller vornehmlich nach besonderen Merkmalen auszuwählen, um sie dann beinahe wie Marionetten mit mechanischen Anweisungen anzuleiten, wählte mit Edith Scob nicht umsonst eine Hauptdarstellerin, deren riesige Augen ihre gesamte Erscheinung überstrahlen. Durch die Maske hindurch, deren glatte Fläche jede Spur von Persönlichkeit aus dem Gesicht tilgt, wirken ihre rollenden Augen wie Akteure in einem Theaterstück, das von zwei verlorenen Seelen gefangen in der Leere handelt. Wenn Brasseurs Rolle traditionell mit Frankenstein verankert ist, dann ist es ihre im Übrigen mit dem Phantom der Oper. Im körperlichen Gesamtbild spielt Scob einen Geist, aus dem längst jegliches Leben entschwunden ist, so dass es nur noch die Augen sind, die es für einen Moment noch erhalten. Der Kontrast zur Besessenheit des Vaters ist so erdrückend, dass die Tragödie wie eine Regenwolke im Raum schwebt. Mittendrin ausgerechnet die schöne Alida Valli als Mittlerin, ganz in Tradition der klassischen Gehilfen der dunklen Mächte, von Igor bis Renfield, und doch so viel anders im Ausdruck der inneren Zerrissenheit.

Bei der Komplexität der Charaktere zueinander und zu sich selbst erwartet man eigentlich nicht, viel mehr als das Melodram im Zentrum vorzufinden, doch „Augen der Angst“ ist mehr als das, er ist drastischer, grafischer und durchdringender. Es ist nicht einmal falsch, bei aller Kunstfertigkeit von Exploitation zu sprechen, was den reißerischen Alternativtiteln im Ausland („Das Schreckenshaus des Dr. Rasanoff“ zum deutschen Kinostart, „The Horror Chamber of Dr. Faustus“ im englischen Sprachraum) zumindest eine Grundlage gibt, wenn sie dem Ergebnis auch immer noch unangemessen erscheinen. Immerhin wird eine Transplantations-Sequenz nicht etwa nur angedeutet, wie es bis dahin üblich war (etwa in der Noir-Welle der 40er und frühen 50er mit Einträgen wie „Die Schwarze Natter“, „Nora Prentiss“ oder „A Stolen Face“), sondern in einer Deutlichkeit gezeigt, die nicht nur Teile des damaligen Publikums in Ohnmacht fallen ließ.

Sogar heute kann einem noch mulmig werden bei der langen Einstellung, in der zunächst ein Stift Suspense erzeugt, der Linien auf das Gesicht einer Bewusstlosen malt, bevor Skalpell und Klemme die Anspannung schließlich vor dem Auge des Betrachters in allen Details auflösen, ohne jeden Schnitt und ohne jede Abblende. „Exploitation“ bedeutet hier allerdings nicht Ausbeutung, sondern vollständige Ergründung oder Ausleuchtung. Wie schon in Franjus berüchtigtem Dokumentar-Kurzfilm „Das Blut der Tiere“ über einen Pariser Schlachthof geht es nicht nur um Schockwirkung, sondern auch um die Ästhetik des Wahrhaftigen. Das Gesetz, nach dem das nicht Gezeigte den größten Horror erzeugt, ist hier außer Kraft gesetzt, sind es doch bei Franju gerade die unleugbaren Tatsachen und der Kontrast aus demonstrierter Normalität und subjektiv empfundenem Entsetzen, in dem sich das Unvorstellbare bildet.

Komponist Maurice Jarre begegnet dem Ansatz des Regisseurs oft mit der Abwesenheit von Musik, um die reine Wirkung der Bilder noch zu verstärken, und doch ist es sein Leitmotiv, das in besonderer Erinnerung bleibt: Eine karnevalistische Nummer wie von einem Jahrmarkt, mit den symmetrisch gepflanzten Baumreihen im Scheinwerferlicht des Autos kreiselnd, um die Pforten für einen unwirklichen Maskenball zu eröffnen. Immer wieder greift er auch zwischendurch diese Stimmung auf, um Edith Scob dazu geisterhaft durch die Gänge des Anwesens gleiten zu lassen. Der kriminalistische Subplot um die polizeilichen Ermittlungen der Vorfälle verläuft hingegen etwas ziellos im Sande, vielleicht auch, weil er zu sehr in Genre-Konventionen verhaftet bleibt. Dass die Polizei allerdings nie einen echten Zugriff auf das Treiben in der Klinik bekommt, lässt das Wirken des Arztes nur noch surrealer wirken.

„Augen der Angst“ ist kein reines Genre-Kino und kann daher auch nicht dessen Aufgaben leisten; er ist aber eng daran gekoppelt und nähert sich ihm von der anderen Seite des Spektrums. Während der Horrorfilm Monster zeigt und mit ihnen auf das Grauen der Realität verweist, nutzt Georges Franju den ungefilterten Blick auf die Realität, um sie mit etwas Monströsem zu überdecken; hier mit dem Verlust jedweder Menschlichkeit seitens Täter und Opfer gleichermaßen. Zwei Masken auf einem Ball, verzweifelt auf der Suche nach innerem Frieden.

08 von 10

Informationen zur Veröffentlichung von “Augen ohne Gesicht”

Limited Collector’s Edition #49

Tödliche Bienen, Vampirmotorräder, gepanzerte Mandroiden… die „Collector’s Edition“-Reihe von Wicked Vision ist immer für manche Überraschung gut, zumeist stammt sich das Portfolio dabei aus den Welten des B-Movies. Hin und wieder schmuggelt sich aber auch eine echte Perle ein, die selbst gestandene Kritiker in die Knie zwingt. „Augen ohne Gesicht“ ist wieder eine solche Perle. Gewürdigt von der Filmkritik, der Einfluss auf die Regisseure späterer Generationen ungebrochen, schließt Franjus Meisterstück zu den hochwertigsten Produktionen im Bestand des Labels auf. Und das Schöne dabei: Er bewahrt den Kontakt zur B-Movie-Welt, die wir so für ihre grenzenlose Fantasie verehren. Die „Collector’s Edition #49“ bietet aber nicht nur einen der besten Filme der Reihe, sondern zugleich eine der schönsten Editionen, von der Verpackung über die Technik bis zur Ausstattung.

Die Verpackung

Zeuge des Wahnsinns Mediabooks

Die Mediabook-Ausgaben von “Augen ohne Gesicht”.

Wie üblich wird der Käufer mit drei unterschiedlichen Motiven vor die Wahl gestellt, wobei zumindest die Limitierungszahl bei der Wahl keinen Unterschied machen sollte, denn alle drei Editionen sind auf jeweils 333 Stück limitiert (ohne Limitierungsangabe). In natura liegt zur Rezension die Covervariante C vor, die mit einem wunderschönen Originalmotiv aufwartet: Geprägt von tiefen Schwarz- und Rottönen, die auf der Hochglanzfläche des Covers wunderbar kräftig zur Geltung kommen, wird die Fläche von einer melancholisch ins Nichts starrenden Edith Scob hinter ihrer Maske bestimmt. Pierre Brasseur sieht man als Tuschezeichnung in der unteren rechten Ecke in der Frontalen, während er gerade eine Studentin betäubt, um seine schrecklichen Pläne in die Tat umzusetzen.

Besonders schön auch die Typografie in Form und Anordnung: Erfreulicherweise wurde der wesentlich geschmackvollere Titel „Augen ohne Gesicht“ dem reißerischen Kinoverleihtitel „Das Schreckenshaus des Dr. Rasanoff“ vorgezogen, so dass er nun in geschwungenen gelben Buchstaben die obere linke Ecke verzieren darf. Unten links findet man in weiß dann noch den Print „Ein Film von Georges Franju“. FSK-Logo, Werbehinweise und Collector’s-Edition-Banderole wurden natürlich wieder auf ein Deckblatt verbannt, so dass das Motiv in voller Pracht erstrahlen kann. Die gleiche Praxis dürfte auch bei den anderen Motiven zu erwarten sein; Cover A basiert ebenfalls auf einem Originalplakat und ähnelt in der Farbgebung mit seinem roten Grundton Cover A, die Hauptdarstellerin ist hier aber gleich zweimal vertreten, einmal liegend in der Ohnmachtspose, einmal im Halbprofil für den Hintergrund. Sowohl die Komposition als auch die Typografie des Filmtitels (welche allerdings vom französischen Originalposter übernommen wurde) wirkt nicht ganz so elegant wie auf dem C-Cover.

Ein echter Hingucker ist die Neukreation von Gilles Vranckx auf Cover B geworden. Nicht nur überzeugt das mittels Wachsstift (?) realisierte Portrait von Edith Scob durch feinste Schraffuren und eine tolle Lichtsetzung, die der Optik von „Augen ohne Gesicht“ alle Ehre macht, die ebenso gut gelungene Taube im oberen rechten Viertel sorgt für einen weiteren starken Akzent, zumal sie eine in weiß gehaltene Rahmung durchbricht, was wiederum eine Symbolik aus dem Film aufgreift. Der Schriftzug ist derselbe wie auf Cover C, nur diesmal passend zur Zeichnung in Weiß. Das Highlight ist aber wohl die mattblaue Färbung, die das gesamte Mediabook umfasst, wobei auf der Vorderseite im Hintergrund noch dezente Bleistiftzeichnungen der menschlichen Anatomie verteilt sind.

Die anatomischen Zeichnungen werden im Inneren auch noch einmal als Design-Element genutzt, um die Innenseiten des Buchs hinter der Disc-Halterung interessanter zu gestalten, ferner für den Aufdruck der enthaltenen Discs. Das sieht nicht nur schick aus, sondern passt auch wunderbar zur klinischen Atmosphäre des Films. Wer nun den eingangs genannten reißerischen deutschen Alternativtitel auf dem Cover vermisst hat, der bekommt ihn wenigstens als Trost auf dem Booklet-Cover gemeinsam mit der Originalzeichnung aus dem Deutsche Cosmopol Filmverleih – eine äußerst elegante Lösung, die jeden zufrieden stellen sollte.

Das Booklet

Das Booklet fasst einmal mehr 24 Seiten und bietet neben mehreren Aushangfotos und Filmbildern in Schwarzweiß einen Essay von David Renske. Dieser ist in sechs Kapitel gegliedert, doch der Text läuft fließend über die die Unterteilungen hinweg und ist daher äußerst flüssig zu lesen. Von einer Biografie des Regisseurs geht es zu einer Kritik des Filmes, von dort zum zeitgenössischen Kritikerspiegel, dann zur allgemeinen Deutung, die sich seit der Einstufung als Konsenswerk durchgesetzt hat. Zum Abschluss werden die visuellen Stilmittel noch einer technischen Betrachtung unterzogen und die Veröffentlichungs- und Zensurgeschichte des Films auf dem deutschen Markt beleuchtet. Wünsche bleiben bei dieser vielseitigen Betrachtung kaum welche offen.

Dennoch soll das bei weitem nicht der einzige Hintergrund bleiben, den die Edition zur weiteren Beschäftigung mit und über den Hauptfilm liefert. Im Grunde haben wir es mit einer fast vollständigen Sammlung aller Extras der 2015 erschienenen britischen Blu-ray von BFI und der schon 2013 erschienenen amerikanischen Blu-ray von Criterion zu tun, angereichert sogar um exklusiv produzierte eigene Extras.

Der Audiokommentar

Beginnen wir mit dem Audiokommentar. Derjenige von Tim Lucas von der BFI-Blu-ray ist das einzige Extra der englischsprachigen Releases, das nicht auf dieser Scheibe zu finden ist, dafür wurde aber ein neuer deutscher Kommentar produziert. Er bedeutet die Rückkehr eines berüchtigten Paares, das man früher sehr oft, inzwischen aber zumindest gefühlt recht lange nicht mehr gemeinsam vor dem Mikrofon gehört hat: die Herren Doktoren Gerd Naumann und Rolf Giesen. Wer die Beiden kennt, weiß ganz genau, was zu erwarten ist: Eine Menge Ausschweifungen von Giesen, mehrere Back-to-Topic-Versuche von Naumann, dazwischen aber sehr viele, teils auch ziemlich überraschende Hintergrundinformationen, die nicht zwangsläufig im restlichen Video-Material zu hören sind.

Das Bonusmaterial

Die Video-Extras sind sogar so umfangreich, dass es sich gelohnt hat, das Bonus-Menü wie eine kleine Bibliothek aufzubauen: Kurzfilme, Dokumentationen, Featurettes und Promo-Material haben hier alle ihre eigenen Archive mit jeweils mindestens zwei anwählbaren Punkten. Unter dem Strich kann man sich mit dem Zusatzmaterial, ohne den Audiokommentar eingerechnet wohlgemerkt, fast drei Stunden beschäftigen.

Zu den wertvollsten Boni gehören seit jeher Kurzfilme des jeweiligen Regisseurs, und derer hat die Edition gleich drei zu bieten, auch wenn eine davon im Bereich „Dokumentationen“ untergebracht wurde, und zwar die Schlachthof-Dokumentation „Das Blut der Tiere“. Diese war auf der US-Disc vorhanden, nicht jedoch auf der britischen Blu-ray, was möglicherweise mit den strengen Auflagen des britischen Marktes in Bezug auf Tierleid zu tun hat. Denn der Dokumentar-Kurzfilm führt die Kamera direkt in einen Pariser Schlachthof und dokumentiert die Schlachtungen eines Pferds, eines Rinds und einiger Kälber und Schafe, nicht jedoch, ohne die schrecklichen Bilder mit besänftigenden Stilmitteln zu kontrastieren: Schwarzweiß-Ästhetik, zwei Erzähler (einer männlich, die andere weiblich), die erwachende Stadt der Liebe und nicht zuletzt Charles Trenets „La Mer“ erzeugen gekoppelt mit den Inhalten jenen Effekt, der auch „Augen ohne Gesicht“ bestimmt, nur wesentlich näher an der Realität. Angesichts der grafischen Details muss eine Warnung für jeden ausgesprochen werden, der solche Bilder meiden möchte. Wer sich die Dokumentation dennoch ansieht, sollte anschließend noch drei weitere Minuten in die Featurette „Georges Franju über Das Blut der Tiere“ schauen, erläutert der Regisseur doch hier seine Intention hinter der Realisation und hilft damit entscheidend bei der Einordnung des Gesehenen.

Franju hat auch viele nicht-dokumentarische Kurzfilme gedreht, von denen es letztlich zwei auf die Disc geschafft haben. „Monsieur et Madame Curie“ handelt von dem Ehepaar Marie und Pierre Curie, das für seine Pionierarbeit in der Identifizierung und Erforschung radioaktiver Elemente Berühmtheit erlangte. Verkörpert von den Darstellern Lucien Hubert und Nicole Stéphane, verfolgt auch dieser Kurzfilm wenigstens einen dokumentarischen Stil, wenn er schon keine Dokumentation per se ist, nutzt er Curies Stimme doch für die Off-Erzählung, während die Arbeitsmethoden mit einer distanzierten, man könnte auch sagen respektvollen Perspektive nachgezeichnet werden. Franjus Faszination für die Grenzbereiche der Realität schlägt sich diesmal in den schwer kontrollierbaren chemischen Elementen nieder, resultierend in der Bewunderung für das Paar, das sie zu kategorisieren und katalogisieren wusste.

Das Erlebnis

Szene aus dem Kurzfilm “Das Erlebnis”.

Wesentlich filmischer, ja regelrecht märchenhaft geht es derweil in „Das Erlebnis“ zu. Der Regisseur schickt hier einen Jungen durch die verzweigten Tunnel eines U-Bahn-Systems und lässt ihn darin surreale Situationen erleben, die in mancher Hinsicht an Alices Irrwege durch den Kaninchenbau und das darin mündende Wunderland erinnern. Anstatt grinsender Katzen und blutrünstiger Königinnen gibt es nur Funken schlagende Schweißgeräte von Tunnelarbeitern und vor allem ein einsam reisendes Mädchen im gegenüberliegenden Zugabteil, das zur Besessenheit des Jungen wird, derweil sich ihre Pfade immer weiter annähern, ohne sich jemals zu treffen.

Gezeigt wird eine Reihe theoretisch vorstellbarer Situationen, die aber inszeniert sind wie auf einem fremden Planeten. Franju wird hier ungewöhnlich konkret, was das Phantastische angeht, erschafft damit aber nicht nur für den Protagonisten, sondern auch für den Zuschauer ein unvergessliches, ja, Erlebnis eben. Während das Bild des Curie-Kurzfilms übrigens voller Beschädigungen ist und eine recht verwaschene Qualität liefert, profitiert „Das Erlebnis“ überdeutlich von wesentlich höheren Produktionswerten und kann so mit richtigem HD-Feeling aufwarten.

Das mit einer guten Dreiviertelstunde längste Feature ist eine Dokumentation über den Regisseur und sein Wirken. „Die kränkelnden Blumen des Georges Franju“ entstand 2009 als Regiedebüt von Pierre-Henri Gibert, der bis heute in diesem Bereich sehr aktiv ist, zuletzt etwa mit Dokumentationen über Volker Schlöndorff oder Jacques Audiard. Zur Sprache kommen diverse Weggefährten Franjus, unter anderem auch Edith Scob oder Novelle-Vague-Regisseur Claude Chabrol, der unter anderem eine Anekdote beisteuert, auf der auch der abstrakte Titel der Dokumentation basiert. Man kann sagen, dass „Augen ohne Gesicht“ als Kernwerk gezeichnet wird, das viel zur Charakterisierung Franjus beiträgt, seinem Antrieb und seiner Sicht auf die Dinge. Insofern eignet sich Giberts Arbeit hervorragend, um nicht nur seinen bekanntesten Film zu verstehen, sondern sein gesamtes Schaffen.

Nur für ihre Augen“ ist ein 17-minütiges Interview mit der 2019 gestorbenen Hauptdarstellerin Edith Scob, das den Credits zufolge für den britischen Disc-Release aus dem Hause BFI produziert wurde. Über den manchmal etwas rauschigen Ton (Französisch mit optionalen UT) muss man hinwegsehen, dafür bekommt man Ausblick auf eine wunderschöne (Heim?) Bibliothek, in deren gemütlichem Ledersessel die würdevoll gealterte Darstellerin mit Blick auf das Leitthema von „Augen ohne Gesicht“ nicht nur über ihre Meinung zu Transplantationen und Facelifting befragt wird, sondern auch zu ihren Co-Stars und ihrem Regisseur. Darsteller geben in Interviews oft einer sehr subjektiven Perspektive auf die Produktion preis, doch Scob scheint eine sehr gute Vorstellung davon gehabt zu haben, welchen Blick Franju auf sein eigenes Werk und damit auch auf sie als Hauptdarstellerin hatte. Trotzdem verliert sie auch ein paar Worte über die Dreharbeiten, vor allem über die recht umständliche Prozedur, mit der die Maske hergestellt wurde.

Franju selbst tritt abgesehen von der Begleit-Featurette zu „Das Blut der Tiere“ noch einmal im Rahmen eines recht bizarr ausgestatteten TV-Specials namens “Le Fantastique” (ca. 5 Min.) in Erscheinung. Phiolen blubbern da im Vordergrund vor sich hin und ein clownesk gestylter Moderator dient als Interviewpartner. Franju lässt sich von der skurrilen Kulisse nicht irritieren, sondern baut sie sogar ein, um anhand eines sehr interessanten Gedankenspiels seine Faszination für Horror zu erläutern, die auch viele Charaktere in „Augen ohne Gesicht“ erklärt: Wenn eine unmoralische Figur unmoralische Dinge tut, dann ist das etwas, das der Zuschauer erwartet. Doch was, wenn es eine moralische Figur ist, die unmoralische Dinge tut?

Damit die Extras nicht zu regisseurlastig ausfallen, gibt es noch eine Featurette von 1985 mit den beiden Drehbuchautoren Pierre Boileau und Thomas Narcejac, die den Roman von Jean Redon für „Augen ohne Gesicht“ gemeinsam adaptiert haben. Es handelt sich um einen Zusammenschnitt von Interviews mit Boileau und Narcejac, die getrennt voneinander an den unterschiedlichsten Orten (an der Schreibmaschine, auf der Terrasse, im öffentlichen Bus…) über ihre Arbeit und übereinander sprechen und damit den Eindruck eines komplett eingespielten Teams abgeben. Irgendwie kann man sich kaum anders helfen, als bei den Beiden an das Asterix-Dream-Team Goscinny und Uderzo zu denken…

Das Promo-Material besteht aus dem Originaltrailer, dem US-Trailer und einer 8-minütigen Bildergalerie, die Poster, Aushangfotos, Behind-the-Scenes-Material, DVD- und Blu-ray-Cover sowie die Artworks der vorliegenden Veröffentlichung an Bord hat. Generell liegen sämtliche Extras, abgesehen von den selbst produzierten deutschsprachigen Extras und den Trailern, in Französisch mit optionalen deutschen Untertiteln vor.

Marcus Stiglegger

Marcus Stiglegger spricht über “Augen ohne Gesicht”.

Und dann ist da außerdem noch der Video-Essay, der exklusiv auf dieser Edition zu finden ist. Wir kennen dieses Format bereits von anderen Veröffentlichungen: Dr. Marcus Stiglegger spricht in die Kamera und präsentiert dabei den Besprechungsgegenstand, indem er ihn zunächst filmhistorisch einordnet und dann unter Rückgriff auf Querverweise zu anderen Filmen kurz und bündig analysiert. Die vorliegende Ausgabe ist übrigens stilecht in Schwarzweiß gehalten, ferner sieht es so aus, als sei die Criterion-Ausgabe oder zumindest deren Motiv auf einem Beistelltisch dekorativ drapiert worden. Das 13-minütige Video eignet sich wunderbar als Absacker, um alles noch einmal in der Gesamtheit Revue passieren zu lassen.

Stigleggers Kommentar, der Audiokommentar von Giese / Naumann und das Promo-Material sind die einzigen Extras, die sowohl auf der Blu-ray als auch auf der beiligenden DVD zu finden sind, alle übrigen Extras befinden sich exklusiv auf der Blu-ray – das ist zu bedenken, sofern man die Edition hauptsächlich wegen der DVD kaufen sollte. Möglicherweise hat das mit Speicherplatzgründen zu tun, vielleicht lag aber auch keine Lizenz vor, das lizensierte Material auch auf die DVD zu packen – sonst hätte man ja womöglich zumindest die Kurzfilme übernehmen können.

Bild und Ton

So oder so, die technische Präsentation des Hauptfilms nimmt auf beiden Medien keinerlei Schaden. Wie es sich für einen Film über Augen gehört, ist die Bildqualität absolut brillant. Sicherlich gibt es ein paar weiche Szenen, insgesamt ist das Bild aber gestochen scharf, voller Details und weit über dem Durchschnitt von Produktionen jener Zeit. Das Filmkorn ist fein aufgelöst und die Kontraste werden so wiedergegeben, dass die Ausleuchtung der Sets ideal zur Geltung kommt. Das Master sollte identisch sein mit demjenigen, das schon auf der BFI- und Criterion-Disc zur Anwendung kam.

Beim Ton findet man die französische Originalspur in DTS-HD Master Audio 2.0 Mono vor, ferner zwei deutsche Tonspuren im gleichen Format. Dabei handelt es sich einerseits um die originale deutsche Kinospur, die zuvor auf der Concorde-DVD zur Anwendung kam, andererseits um die TV-Synchronisation aus den 80ern, die auf der Eyecatcher-DVD genutzt wurde. Abgesehen von gewissen inhaltlichen Unterschieden, der Arzt etwa wird in der einen Fassung Dr. Rasanoff genannt und in der anderen Dr. Génessier, gibt es auch deutliche Qualitätsunterschiede: Die Kinofassung wirkt sehr verrauscht, während die TV-Fassung wesentlich ruhiger klingt. Da die Kinofassung auf einer kürzeren Schnittfassung des Films basiert, wurden die fehlenden Stellen mit der TV-Fassung aufgefüllt. Der Film selbst liegt in der längsten und vollständigsten Schnittfassung vor und beinhaltet somit auch die Stellen, die auf der Concorde-DVD noch geschnitten waren.

Sascha Ganser (Vince)

Bildergalerie

Augen ohne Gesicht

Wenn der Arzt pfuscht, muss immer einer den Dreck wegmachen.

Augen ohne Gesicht

Wenigstens auf der Beerdigung wird ein Anschein von Pietät erweckt.

Augen ohne Gesicht

Kadrage und Beleuchtung verleihen den Kompositionen oft eine unwirkliche Räumlichkeit.

Augen ohne Gesicht

Die Szene, die sich einer ganzen Generation nachfolgender Regisseure für immer eingebrannt hat.

Augen ohne Gesicht

Darf ich Ihnen etwas Chloroform zu Ihrem Drink anbieten?

Augen ohne Gesicht

Edith Scob wandelt wie ein Geist durch die Gemäuer.

Augen ohne Gesicht

Nur kurz sieht man die Hauptdarstellerin in ganzer Schönheit.

Augen ohne Gesicht

John Woo, hast du dir auch eifrig Notizen gemacht?

Sascha Ganser (Vince)

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