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Boy Kills World

Bill Skarsgård auf Rachefeldzug. In der durchgeknallten Actionkomödie „Boy Kills World“ will er ein dystopisches Unrechtsregime stürzen, das seine Familie auf dem Gewissen hat und zu dem unter anderem Famke Janssen, Brett Gelman, Sharlto Copley und Michelle Dockery gehören. In splattriger Videospiel-Marnier kämpft sich der von Yaya Ruhian gecoachte Boy durch die Reihen seiner Gegner.

Originaltitel: Boy Kills World__Herstellungsland: USA/Deutschland/Südafrika__Erscheinungsjahr: 2023__Regie: Moritz Mohr__Darsteller: Bill Skarsgård, Famke Janssen, Jessica Rothe, Brett Gelman, Sharlto Copley, Michelle Dockery, Yayan Ruhian, Andrew Koji, Isaiah Mustafa, Quinn Copeland, Nicholas Crovetti, Cameron Crovetti u.a.
Boy Kills World

In der schrägen Actionkomödie “Boy Kills World” kämpft gegen Bill Skarsgård gegen ein Unrechtsregime

Aktuell haben deutsche Genrefilmer einen ganz guten Lauf: Die „Plan B“-Jungs dürfen bei Hollywoodfilmen wie „The Fall Guy“ mitchoreographieren, Peter Thorwarth konnte für Netflix die lang in der Entwicklungshölle schmorenden „Blood Red Sky“ und „Blood & Gold“ realisieren, während einige Beteiligte des Geheimtipps „Schneeflöckchen“ nun an „Boy Kills World“ mitarbeiteten.

„Boy Kills World“ basiert auf dem gleichnamigen Kurzfilm von Moritz Mohr, dessen Script ebenso wie die Langversion von Drehbuchautor Arend Remmers (mit-)verantwortet wurden. Es ist die alte Mär vom einsamen Kämpfer gegen ein totalitäres Regime, in welche „Boy Kills World“ erfreulich zackig einsteigt. Boy (Bill Skarsgård) trainiert bei einem Schamanen (Yayan Ruhian) für den Tag der Abrechnung, während sein Voice-Over und Rückblenden kurz zusammenfassen, wie es dazu kam. Seine Eltern und seine kleine Schwester wurden von der Gewaltherrscherin Hilda Van Der Koy (Famke Janssen) im Rahmen einer jährlichen Machtdemonstration dahingemetzelt, als Boy noch klein war. Seitdem wird er vom Schamanen in Nah- und Fernkampf geschult, der ebenfalls noch eine Rechnung mit Hilda offen hat. Wobei Boys innere Stimme nicht seine eigene ist: Seit dem traumatischen Tag ist er taubstumm, weshalb er sein Voice-Over nach dem Vorbild der Ansagerstimme in einem Beat ‘Em Up auf einem Arcade-Automaten kreiert hat.

In „Boy Kills World“ ist Diktatur Familiensache, weshalb Hilda alle wichtigen Positionen ihres Herrschaftsapparats mit der Verwandtschaft besetzt hat. Ihre Schwester Melanie (Michelle Dockery) ist inzwischen Programmdirektorin, welche die jährliche Abschlachtzeremonie von Hildas Feinden, „The Culling“ genannt, als Fernsehshow in Szene setzt. Melanies Ehemann Glen (Sharlto Copley) agiert als Moderator, hat aber eine kurze Lunte, die auch schon mal zu Bluttaten vor der eigentlichen Show führt. Hildas und Melanies Bruder Gideon (Brett Gelman) ist ein verhinderter Autor, der jetzt immerhin Glens Reden schreiben darf, was aber immer wieder zu Reibungen führt. Ergänzt wird die Riege noch um die meist behelmte Sicherheitschefin June27 (Jessica Rothe), die als wahre Kampfmaschine notfalls ganze Gegnerhorden auslöscht, womit schon für einige schräge Gegenspieler gesorgt ist.

Als sich herausstellt, dass die öffentlichkeitsscheue Hilda zum diesjährigen Culling aus ihrem Bunker hervorwagen wird, ist für Boy klar: Der Tag der Rache ist da. Also versucht er an die Gewaltherrscherin heranzukommen, was allerdings weniger glatt läuft als geplant…

Schaut euch den Trailer zu „Boy Kills World“ an

Boy Kills World

Boy (Bill Skarsgård) will Rache nehmen

„Boy Kills World“ steht in der Tradition jener besonders abgedrehten Action-Comedy-Spektakel, die mit „Crank“ und „Shoot ‘Em Up“ ihren Anfang nahmen und durch den Erfolg von „Deadpool“ wieder besonders in Mode kamen. Will heißen: Ultraschräge Figuren massakrieren einander oder reihenweise chancenlose Handlanger, mit reichlich derber Gewalt, dauerndem Augenzwinkern und Sidegags, inspiriert von PC-Spielen. So ist es nicht verwunderlich, dass Game-Autor Tyler Burton Smith, der im Filmbereich auch schon das „Child’s Play“-Remake verfasste, das Drehbuch gemeinsam mit Remmers schrieb. Wie die erwähnten Vorbilder kopiert man bewusst eine Videospielstruktur, wenn sich der Held durch Horden gesichts- und namenlosen Schergen kloppt, aufgelockert durch besondere Figuren als Zwischen- oder Endbosse. Die Story ist da bloß funktionales Mittel zum Zweck, viel wichtiger ist der nächste durchgedrehte Einfall, weshalb es schade ist, dass „Boy Kills World“ so viele davon bereits im Trailer offenbart.

So ist die Culling-Zeremonie mittlerweile ein „Hunger Games“- und „Running Man“-artiges Fernsehspektakel, in dem die armen Würstchen dann jedoch von den Maskottchen des Sponsors (eine Frühstücksflocken-Marke) dahingemetzelt werden. Da Boy nur Lippenlesen kann, Widerstandskämpfer Bennie (Isaiah Mustafa) jedoch undeutlich redet, wird es zu einem Running Gag, dass man einerseits das hört, was Boy bei dem Genuschel versteht, andrerseits auch bildlich präsentiert bekommt, was er sich darunter vorstellt. Leider nutzt sich der Running Gag mit der Zeit etwas ab, ähnlich wie die imaginäre Figur von Boys ermordeter Schwester Mina (Quinn Copeland), die den Bruder bei der Rachetour begleitet, aber immer wieder im entscheidenden Moment ablenkt. Immerhin hat „Boy Kills World“ auch großen Spaß daran die Kompetenz des Rächers zu unterlaufen – mehr als einmal ist Boy gar nicht so versiert wie gedacht, mindestens einmal reißt er die Faust zu früh zur Victory-Videospiel-Pose nach oben.

Boy Kills World

Glen Van Der Koy (Sharlto Copley) moderiert die Hunger Games, ähh, Culling-Zeremonie

Die Trefferquote der Gags ist ordentlich, kann aber nicht ganz verhehlen, dass „Boy Kills World“ an manchen Stellen Potential verschenkt. So ist die Game-Show-Episode etwas schnell vorbei und auch aus mancher Nebenfigur hätte man etwas mehr machen können. Dafür tritt Moritz Mohr ordentlich aufs Gaspedal, sodass immer was los ist. Es liegt in der Natur dieser Art von Film, dass man bei lauter Fun-Splatter-Gewalt und Witzeleien wenig Bindung zu den Figuren aufbaut, da mag Boy seine Familie, vor allem seine Schwester, noch so sehr vermissen. Auch die Zeichnung der Schurken bleibt in Ansätzen stecken: Wie genau das Herrschaftsmodell aussieht, bleibt ebenso unklar wie die Frage, warum man als Alleinherrscherin Sponsoren braucht. Die interessanten Brüche innerhalb der Van Der Koys werden ebenfalls nicht allzu sehr vertieft: Hilda lebt zurückgezogen und mit Wahnvorstellungen wie eine Lady MacBeth, Melanie ist ihr Glen als Moderator wichtig als als Ehemann und Gideon hat innerlich resigniert, weil Hilda kaum noch echte Feinde hat und man nur noch als Show und zur Befriedigung ihrer Paranoia jährlich jede Menge Leute dahinmetzelt. Wesentlich effektiver ist ein unerwarteter Twist auf der Schlussgeraden, der dem Geschehen nochmal einen interessanten Spin gibt, aber etwas zu spät kommt, um seine volle Wirkung zu entfalten. Das Geheimnis um June27 dagegen kann man dagegen schon früh erraten.

An der Actionfront gibt es dann diverse Shoot-Outs und vor allem Fights zu sehen, die sich am Gewaltlevel von „Sisu“, „The Night Comes for Us“ und Co. orientieren. Comichaft und ultraderb werden hier Köpfe mit Ambossen zerquetscht, eine Käsereibe als schmerzhafte Nahkampfwaffe eingesetzt oder Kamerakräne als Mordinstrument eingesetzt. Ein Over-the-Top-Spektakel, in dem ein zugedrogter Bossgegner auch nach dem Verlust von Gliedmaßen noch weiter gegen Boy kämpft. Fight Designer Dawid Szatarski („The Intergalactic Adventures of Max Cloud“) hat sich jedenfalls das eine oder andere einfallen lassen, der Hauptdarsteller ist top in Form und langt größtenteils selbst zu. Dummerweise sind die Kameraarbeit von Peter Matjasko („Die stillen Trabanten“) und die Inszenierung da nicht immer auf dem gleichen Level, weshalb bisweilen die Übersicht flöten geht und manche Kamerafahrt dann ähnlich computergestützt aussieht wie jene im Finale des „Road House“-Remakes.

Boy Kills World

June27 (Jessica Rothe) ist die Sicherheitschefin der Van Der Koys, hat Schlagkraft und Prinzipien

Dass Bill Skarsgård wesentlich muskulöser als etwa in seiner Pennywise-Rolle in „Es“ oder als Marquis in „John Wick 4“ daherkommt, steht ihm gut zu Gesicht bzw. Körper, ist die Off-Stimme doch nicht seine und sein Mienenspiel jetzt auch nicht das Komplexeste. Yayan Ruhian („The Raid“) hat nur eine kleine Rolle, darf aber wieder zeigen, dass er ein Profi im Hinlangen ist. Dafür drehen die Antagonisten umso gewinnbringender frei: Famke Janssen („Saint Seya – Die Krieger des Zodiac“) als Familienoberhaupt im Wahn, deren Unsicherheit jederzeit in Gewalt umschlagen kann, Sharlto Copley („Monkey Man“) als schweinigelnder Schmierlappen, Michelle Dockery („Non-Stop“) als zynische Puppenspielerin und Brett Gelman („Without Mercy“) als resignierter Zyniker mit mehr Grips als der Rest der Sippe. Jessica Rothe („Happy Deathday“) ist oft unter einem Helm mit Display versteckt, setzt aber Akzente, wenn ihr Gesicht mal zu sehen ist, während auf Seiten der Widerstandskämpfer Andrew Koji („Bullet Train“) und Isaiah Mustafa („Es – Kapitel 2“) für gut gelaunten Support und einige Gags sorgen.

Den Weg in den Olymp durchgeknallter Actionkomödien schafft „Boy Kills World“ dann nicht ganz. „Crank“ und „Shoot ‘Em Up“ waren halt zuerst da, die „Deadpool“-Filmen waren konsequenter und selbstreflexiver. Eine kurzweilige Sause mit ordentlich Ultrabrutalität, gut aufgelegter Besetzung, Videospiel-Vibes und zahlreichen Einfällen, die ähnlich gelagerte Werke wie „Gunpowder Milkshake“ in die Tasche steckt, bleibt am Ende des Tages doch. Mancher Running Gag wird über Gebühr strapaziert, die Actioninszenierung patzt hier und da, aber dank des hohen Tempos macht das durchaus Laune, auch wenn sich der Nährwert in Grenzen hält.

Starke:

Die deutschen Auswertungsrechte an „Boy Kills World“ hat sich Constantin Film gesichert und eine Vorführung auf den Fantasy Filmfest Nights gestattet, wo „Boy Kills World“ dann kurz vor US-Start zu sehen war. Wann und wie der Film regulär in Deutschland ausgewertet wird, steht noch nicht fest.

© Nils Bothmann (McClane)

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