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Schneeflöckchen

Originaltitel: Schneeflöckchen__Herstellungsland: Deutschland__Erscheinungsjahr: 2017__Regie: Adolfo Kolmerer, William James__Darsteller: Reza Brojerdi, Erkan Acar, Xenia Assenza, David Masterson, Alexander Schubert, Adrian Topol, Mathis Landwehr, Gedeon Burkhard, Eskindir Tesfay, Selam Tadese u.a.

Das deutsche Genrekino befindet sich gefühlt dank Filmen wie „Plan B“, „Immigration Game“, „Skin Creepers“ oder Mike-Möller-Produktionen wie „Atomic Eden“ auf einem guten Weg, allmählich eine treue Fanschar um sich aufzubauen. „Schneeflöckchen“ sollte diesen Trend bestätigen, stellt er doch nach Meinung des Autors der folgenden Zeilen die aktuelle Speerspitze deutschen Independent-Genrekinos dar.

Diese Geschichte hat sich genauso in der Zukunft zugetragen…

Schneeflöckchen DVD Cover

“Schneeflöckchen” ist wildes Genrekino aus deutschen Landen mit vielen tollen Ideen.

„Welche Geschichte?“, meint ihr? Na die von Tan und Javid. Zwei Gesetzlose auf der Suche nach dem Mann, der ihrer beider Familien auf dem Gewissen hat. Und da so eine Suche durchaus auch hungrig machen kann, kehren sie in einer Dönerbude ein. Doch die gereichten Döner schmecken überhaupt nicht. Die anschließende Diskussion mit dem Besitzer des Ladens endet in einem blutigen Fiasko.

Ein Fiasko, das auch die Eltern der jungen Eliana in den Tod reißt. Fortan dürstet Eliana nach Rache. Bei Gott persönlich holt sie sich Tipps für Auftragskiller, die sich der Mörder ihrer Eltern annehmen könnten. Blöderweise haben Tan und Javid Eliana eines voraus: Sie wissen, wie die Geschichte weiter geht!

Denn die beiden finden nach ihrem Dönerbuden-Massaker in einem aufgeknackten Auto die ersten Seiten eines Drehbuchs. Dieses fasst die bisherigen Ereignisse aufs Komma genau zusammen, inklusive aller bislang geführten Dialoge. Zwar endet das Drehbuch unvollendet, doch die beiden Mörder auf Rachefeldzug machen den Autor ausfindig und erzwingen das gesamte Skript. Da ihnen der aktuelle Ausgang des Drehbuchs aber so gar nicht gefällt, selbiges die Zukunft aber punktgenau vorherzusagen scheint, versuchen sie fortan alles, ihr Schicksal zu ändern und dem Drehbuch ein anderes Ende zu geben.

Schaut in den brillanten Filmspaß “Schneeflöckchen” hinein

„Schneeflöckchen“ ist das Werk einer Gruppe junger Filmemacher, die nach diversen Musikvideos und Kurzfilmprojekten endlich einen eigenen Film auf die Beine stellen wollten. Dabei wollten sie die volle Kontrolle behalten, weshalb er unabhängig produziert werden sollte. Das Drehbuch stand verhältnismäßig schnell, doch die mangelnde finanzielle Power führte zu vielen Einschränkungen bei der Umsetzung. Über zwei Jahre hinweg trafen sich die Kreativen an verschiedensten Wochenenden und versuchten, jeweils so viel Material wie möglich fertigzustellen.

Als das vollbracht war, begann die eigentliche Arbeit erst so richtig. Denn der erste Filmschnitt offenbarte einen Film, der zwar funktionierte, aber keinen der Beteiligten zufriedenstellte. Insgesamt drei Jahre feilte man darum in der Postproduktion an dem Material. Und genau das hat sich mehr als gelohnt.

Denn seine holprige Entstehungsweise merkt man dem auch mittels Crowdfunding finanzierten Film niemals auf negative Art und Weise an. Klar, er wirkt hier und da recht episodisch, aber das gereicht ihm vor allem zu Beginn sehr zum Vorteil. Denn hier gibt sich „Schneeflöckchen“ wenig chronologisch. Verwischt nahtlos Zeitebenen und sorgt immer wieder für Überraschungen und unvorhergesehene Entwicklungen.

Schneeflöckchen mit Reza Brojerdi und Erkan Acar

Tan und Jarvid mit dem namensgebenden Schneeflöckchen.

Greift dann allerdings die Grundidee um das Drehbuch, wird der Film richtiggehend brillant. Die Erzählung mag nicht perfekt sein und lässt in den etwas zu langen 120 Minuten auch mal minimale Längen aufkommen, die Story selbst aber begeistert, reißt mit und schlägt bis zum starken Finale Haken um Haken und bleibt immer unvorhersehbar.

Spätestens wenn dann die Funktionsmechanismen eines Drehbuchs in die Dramaturgie der Handlung eingebunden werden, sie unterbrechen, beschleunigen, stoppen, ironisch brechen oder Ausblicke geben wie „Das wirkt jetzt krass, aber am Ende wird alles passen“, wird die ganze Chose richtig derb Meta. Genial dahingehend ist ein Monolog des namensgebenden Schneeflöckchens. Mitten im Redefluss schneidet der Film auf den Autor, der selbst bemerkt, dass die Szene so nicht funktioniert, zu kitschig wird. Also schreibt er sie um. Der Monolog ändert sich, doch der Autor unterbricht ihn erneut, weil er ihn immer noch scheiße findet. Quasi live verändert sich der Film vor dem Auge des Zuschauers. Was dann mehr und mehr zum Prinzip des Streifens wird. Witzigerweise trägt der Autor im Film den Originalnamen des „Schneeflöckchen“-Drehbuchautors.

Schneeflöckchen Genrekino aus Deutschland

Der Drehbuchautor weiß, wie die wilde Fahrt enden wird. Schreibt aber gerne um…

Kurzum: In „Schneeflöckchen“ purzeln die Ideen. Jede Szene, jeder Dialog, jede noch so schräge Idee wirkt irre inspiriert und treibt den Film immer wieder von Neuem an. Die großen Profiteure sind die ohnehin stark aufspielenden Darsteller, die eine irre Chemie miteinander haben. Vor allem die beiden Hauptdarsteller Reza Brojerdi als Javid und Erkan Acar als Tan sind einfach nur genial in ihren Rollen. Ihr Timing im Spiel miteinander ist einfach nur spitze, was für den immer wieder aufblitzenden, scharzen Humor enorm wichtig ist. Die Dialoge ihrer beiden Gesetzlosen erreichen mehr als einmal Tarantino-Qualitäten, ohne dass diese Momente bemüht oder gewollt wirken würden.

Doch auch der restliche Cast spielt durch die Bank stark auf. Man kann nicht einen einzigen irgendwie gearteten Ausfall benennen. Interessant für Actionfans ist das Mitwirken von Mathis Landwehr („Ultimate Justice“). Der deutsche Martial-Artist sorgt als Hyper Electro Man für zwei coole Actionszenen, in denen er unter anderem gegen seinen Lieblingsgegner Volkram Zschiesche („Kampfansage 3“) kicken darf. Die Actionszenen sind dabei deutlich stilisierter als im letzten gemeinsamen Film „Immigration Game“. Ein in Zeitlupe gereichter Shootout in einer Bar mit herzhaft blutigen Folgen ist ein weiteres kleines Actionhighlight in „Schneeflöckchen“.

Schneeflöckchen mit Mathis Landwehr

Mathis Landwehr hat zwei schöne Actionszenen abbekommen und darf den einzigen Superhelden in “Schneeflöckchen” geben.

Sowohl der Action als auch dem Film selbst merkt man die finanziellen Limitierungen kaum an. Ja, es wird überwiegend in dunklen Räumen gedreht und die Settings wirken immer arg abgerissen, da „Schneeflöckchen“ aber auch in einem dystopischen Zukunftsberlin spielt, passt das ideal. Zumal die Bilder des Kameramannes Konstantin Freyer keiner Kinoleinwand irgendwie schlecht stehen würden. Vor allem in Sachen Lichtsetzung weiß der Kameramann vollkommen zu überzeugen. Nicht ganz so gelungen ist leider der Score. Was vor allem deshalb auffällt, weil der Credit-Track unter dem Abspann derbe groovt und man genau solche Töne während des Filmes ein wenig vermisste.

“Schneeflöckchen” ist wildes Genrekino aus Deutschland und rockt wir Hulle!

Was am Ende bleibt, ist einer der besten Genrefilme aus deutschen Landen überhaupt. „Schneeflöckchen“ traut sich was. Packt Kannibalen, Superhelden, verblendete Diktatoren, ein bisschen Sozialkritik, Engel und den „lieben“ Gott mit Boondock-Saints-Attitüde in einen Rachefilm mit genialer Erzählstruktur und massig Überraschungen – und überdreht nie. Wirkt nie manieriert. Und macht vor allem immer einen Heidenspaß! Wenn es so weitergeht mit dem Independent-Genre-Kino aus Deutschland, muss man sich eigentlich keine Sorgen machen, dass das deutsche Komödien- und Betroffenheitskino weiterhin alternativlos bleibt.

9 von 10

Die deutsche DVD / Blu-ray zum Film erscheint am 23. November 2018 von Capelight Pictures und ist mit einer FSK 16 Freigabe ungeschnitten. Besonderes Augenmerk sollte dem Mediabook gelten. Dieses präsentiert den Film auf DVD und Blu-ray und hat ein extrem informatives Booklet an Bord. Ohnehin sind die Extras zum Film sehr interessant ausgefallen und präsentieren Filmemacher, die demütig auf fünf Jahre Entstehungszeit zurückblicken und sich zumindest schonmal darüber freuen, dass sie ihr wichtigstes Ziel erreicht haben: Sie haben einen Film geschaffen, der ihnen selbst Spaß macht. Und dem Zuschauer gleich mit.

In diesem Sinne:
freeman

Was meint ihr zu dem Film?
Zur Filmdiskussion bei Liquid-Love

Copyright aller Filmbilder/Label: Capelight Pictures__Freigabe: FSK 16__Geschnitten: Nein__ Blu-ray/DVD: Ja/Ja

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