| Originaltitel: 28 Years Later: The Bone Temple__Herstellungsland: Großbritannien / USA__Erscheinungsjahr: 2026__Regie: Nia DaCosta__Darsteller: Jack O’Connell, Ralph Fiennes, Emma Laird, Alfie Williams, Chi Lewis-Parry, Robert Rhodes, Erin Kellyman, Louis Ashbourne Serkis, David Sterne, Maura Bird, Sam Locke, Elliot Benn, Natalie Cousteau, Ghazi Al Ruffai, Mia Verity u.a. |

Das deutsche Kinoposter von „28 Years Later: The Bone Temple“.
Noch ein Schädel für die Sammlung
„From the World of…“, lautet das Selbstverständnis dieses Add-Ons aus der 28-X-Later-Franchise, angesiedelt auf der Karte eines postapokalyptischen Robin-Hood-Britanniens, das nur aus Wiesen, Wäldern, zerfallenen Landhäusern und streunenden Vagabunden zu bestehen scheint. Eine aufstrebende Regisseurin wie Nia DaCosta hätte dieses Back-to-Back-Sequel, und hier ergibt sich eine Parallele zum Marvel-Komplettunfall „The Marvels“ (2023), eigentlich nicht gebraucht, denn die Regeln hatte Danny Boyle mit dem direkten Vorgänger „28 Years Later“ ja bereits für sie aufgestellt. Sie muss die Vision nun als Handwerkerin verwalten, indem sie eine neue Episode darin ansiedelt, ganz so, wie man heutzutage üblicherweise bei einer TV-Serie vorgeht.
Ralph Fiennes‘ Figur gehörte schon in der einigermaßen ziellos anmutenden Konstruktion des Vorgängers zu den wenigen Figuren mit klarem Antrieb, insofern überrascht die Entscheidung nicht, ihn noch stärker in die Handlung einzubinden. Der Main Plot um Jamie (Aaron Taylor-Johnson) und dessen Gemeinschaft wird sinnvollerweise komplett fallengelassen, weil die Handlung konsequent dem Weg seines Sohns Spike (Alfie Williams) folgt, den es im Cliffhanger in die Hände von Jimmy (Jack O’Connell) und seinen Jimmy-Fingern verschlägt. Es kommt also, wie es kommen muss: Religiöser Wahn der Jimmy-Kommune trifft auf wissenschaftliche Rationalität des Einsiedlers und einmal mehr werden so die Grundpfeiler menschlicher Existenz zu Kollisionskörpern.
Gestatten: Jimmy, Jimmy, Jimmima, Jimmy und Jimmy
Für sich genommen sind die aufgeworfenen Themen die investierte Zeit durchaus wert; insbesondere der Blick in die verquere Überlebenssoziologie der Jimmys birgt einiges an Zündstoff, zumal der Verfall gesellschaftlicher Strukturen hier zum Vergnügen des Zuschauers mit karikaturistischem Strich in theatralische Splatter-Exzesse übersetzt wird. Dabei mangelt es keineswegs an ausdünstender Kreativität. Da müssen fast schon SciFi-Kaliber wie die „Alien“- und „Predator“-Franchises zum Vergleich herangezogen werden, wenn in Augenhöhlen gepackt und Köpfe samt Rückgrat aus dem Körper gezogen werden. Im Zwielicht einer surrealen neuen Weltordnung kommt außerdem hier und da noch der krude Alptraum-Humor aus „American Werewolf“ (1981) zum Vorschein.
„28 Years Later: The Bone Temple“ ist dadurch eher komische Satire als beklemmende Dystopie. Nachdem bereits im Epilog des Vorgängers mit radikalem Stilbruch ein völlig neuer Ton angeschlagen wurde, wird dieser nun auf voller Laufzeit stilgetreu ausgespielt. Das gipfelt im ganz und gar psychedelischen Auftritt eines jodierten Ralph Fiennes („The King’s Man: The Beginning“) mit gebleckten Zähnen, der seinen Knochentempel in eine Heavy-Metal-Bühne verwandelt und in einem Feuerkreis als mephistophelischer Hampelmann eine Playback-Performance zu Iron Maidens „The Number of the Beast“ abliefert. Das ist nicht weniger als eine absurde Rückkehr der tierischen Maskerade aus den Zeiten der kultivierten Zivilisation, mit der damals an das animalische Fundament des Homo Sapiens erinnert werden sollte, nur dass die Show in der neuen Weltordnung eben für bare Münze genommen wird.
6 6 6 – The Number of the Beast
Mehr und mehr verrenkt sich die Franchise also hin zu etwas Wildem, das mit dem gängigen Kino-Establishment nicht mehr allzu viele Ähnlichkeiten hat. Man spürt eine Weigerung, narrative Konventionen einzuhalten. Experimentell war schon der erste Teil anno 2002, aber immer im Rahmen einer filmischen Struktur. Dieser Rahmen ist inzwischen gebrochen. Ersatzweise wird nun eben das Serienformat nachgeahmt, das sich als kontinuierlicher Strom zwecks Zuschauerbindung seinen dauerhaften Platz auf der Mattscheibe zu sichern versucht.
Als Metal-in-Opposition könnte man ein solches blutiges Chaos höchstens bezeichnen, wenn es nur das Kino gäbe und nichts darüber hinaus. In Wirklichkeit deutet vieles darauf hin, dass man sich mit der Open-World-Philosophie, bei der neue Stories allenfalls noch in den bestehenden Kontext gepflanzt werden müssen, bei einem Publikum anbiedern möchte, dessen Sehgewohnheiten sich seit Franchise-Start vor einem Vierteljahrhundert stark verändert haben. In das aus kreativer Sicht überaus kostspielige World Building muss dabei nur einmal investiert werden und kann anschließend trotzdem die Grundlage bilden für etliche potenzielle Sequels. Das nennt man wohl Kostenoptimierung.
Ob man sich von den formalen Aspekten aber nun abgestoßen oder angezogen fühlt, ist eher zweitrangig, denn in erster Linie lässt die gesamte Wiederaufnahme der Marke nach fast 20 Jahren Eisfach einen überzeugenden Grund für diese Wiederaufnahme vermissen. Was der Doc zum Beispiel mit dem Alpha Samson anstellt (gespielt vom britischen Martial-Arts-Hünen Chi Lewis-Parry), hat George A. Romero bereits vor über vierzig Jahren in „Day of the Dead“ erkundet und dabei viel weitreichendere soziologische Implikationen freigelegt. Auch sonst erschöpfen sich die meisten Andeutungen in apokalyptischen Gemeinplätzen, die die Macher allenfalls individuell dekorierten.
„28 Years Later: The Bone Temple“: Ein Kinofilm wie ein TV-Episoden-Highlight
Es ist nicht so, dass „28 Years Later: The Bone Temple“ nicht durchaus seine Reize in handwerklicher wie inhaltlicher Hinsicht hätte. Das war schon beim ersten „Years“ von Danny Boyle der Fall. In der Auslotung von Extremen traut man sich hier endlich mal wieder ein paar Nadelstiche zu, die man deutlich spüren kann, wo die Haut zumindest gegenüber dem Zombie-Subgenre in den vergangenen Jahren ziemlich taub geworden ist. Allerdings wirken die Schlussfolgerungen aus dem 2002er „28 Days Later“ chaotisch, stockend, ohne klares Ziel vor Augen. Nicht einmal die bewusst geplante Ziellosigkeit der Endlos-TV-Soap „The Walking Dead“ scheint wirklich das Anliegen der Kreativen um Danny Boyle und Alex Garland („Civil War“) zu sein, obwohl sich der flache Aufbau mit seinen punktuellen Highlights an deren Publikum anbiedert.
Wie ein Schockeffekt ohne Widerhall droht die Odyssee durch das britische Hinterland mitten im nächsten Cliffhanger zu ersticken, ist das Schicksal des geplanten, aber eben noch nicht abgedrehten dritten Teils doch aufgrund der Zuschauerzahlen nun ungewiss, ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Rückkehr eines alten Bekannten. Der bisherige dramaturgische Verlauf lässt aber darauf schließen, dass im Grunde ohnehin alles so weitergehen würde wie bisher, endend in einer weiteren offenen Konstellation, die weitere Geschichten in diesem Universum vorbereiten könnte. Ob man also nun hier schon den Schlussstrich zieht oder erst später, scheint da fast egal.
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Informationen zur Veröffentlichung
Keine Zeit zu verlieren: Im Juni 2025 startete „28 Years Later“ im Kino, im Januar 2026 folgte bereits die Fortsetzung. Möglich machte es der Umstand, dass beide Filme zeitgleich gedreht wurden. Auch die Streaming-Premiere ließ aufgrund eines speziellen Deals zwischen Sony und Netflix jeweils nicht lange warten. Teil 1 kann man bereits seit dem 19. Dezember 2025 bei Netflix sehen und damit noch vor dem Kinostart von Teil 2, der seinerseits am 26. April 2026 seine Netflix-Premiere feierte.
Eine knappe Woche später folgte auch die physische Auswertung in Form von DVD, Blu-ray und Ultra-HD-Blu-ray, wobei letztere wahlweise im Standard-Keep-Case oder im limitierten Steelbook erworben werden kann. Das Bonusmaterial enthält laut Angaben von Plaion Pictures einen Audiokommentar, Featurettes und geschnittene Szenen. Inzwischen ist der Film auch bei anderen Streamern anschaubar.
Sascha Ganser (Vince)
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