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Ich liebe dich, ich liebe dich

Originaltitel: Je t’aime, je t’aime__Herstellungsland: Frankreich__Erscheinungsjahr: 1968__Regie: Alain Resnais__Darsteller: Claude Rich, Olga Georges-Picot, Anouk Ferjac, Marie-Blanche Vergnes, Dominique Rozan, Van Doude, Annie Fargue, Bernard Fresson, Yvette Etiévant, Irène Tunc, Alan Adair, Pierre Barbaud, René Bazart, Annie Bertin, Michele Blondel, Hélène Callot, Michel Choquet u.a.
Cover

Das Cover der Radiance-Blu-ray von „Ich liebe dich, ich liebe dich“.

Claude Ridder (Claude Rich) wird nach einem gescheiterten Suizidversuch in das Zeitreise-Experiment einer Forschungsorganisation verwickelt, das ihn nicht wie vorgesehen in einen klar umrissenen Moment der Vergangenheit führt, sondern in ein labyrinthisches Geflecht aus Erinnerungsfragmenten. Während er durch Bruchstücke seines Lebens driftet, rückt vor allem seine intensive, von Melancholie und Abhängigkeit geprägte Beziehung zu Catrine (Olga Georges-Picot) ins Zentrum. Die Reise in sein Inneres wird zunehmend zu einer Auseinandersetzung mit Schuld, Verlust und der Frage, ob man der eigenen Vergangenheit je entkommen kann…

Film imitiert Erinnerung durch Nichtlinearität. Bruchstücke einer gelebten Vergangenheit treiben wie Eisschollen über eine formlose Oberfläche. Gebildet werden sie von einem übergeordneten Bewusstsein, das desorientiert wirkt bei dem Versuch, ohne Koordinaten ein verschwommenes Ziel zu lokalisieren.

Wie Chris Marker in seinem experimentellen Kurzfilm „Am Rande des Rollfelds“ (1962) nutzt Alain Resnais die Science-Fiction-Unterkategorie des Zeitreisefilms nicht um der Filmgattung willen, sondern als Instrument, um in das menschliche Unterbewusstsein einzutauchen. Wo Marker mit Einzelbildern arbeitete, da konkateniert Resnais hingegen ganze Sequenzen. Seziert sie, fügt sie wieder zusammen, wiederholt sie oder Fragmente aus ihnen in variierender Taktung. Memoiren entstehen, die Gewichtung von Augenblicken in Häufigkeit und Intensität verleiht ihnen Form und Inhalt.

Der wissenschaftliche Rahmen der Handlung bleibt bewusst eine Skizze, wie eine nicht gewissenhaft ausgearbeitete Idee aus einem B-Movie – eine Eigenschaft, die ihn mit über die Ewigkeit eines halben Jahrhunderts hinweg mit Christopher Nolans „Tenet“ verbindet. Selbst die Zeitreisekapsel, eine Geschwulst aus organisch wirkenden, nahezu cronenberg’schen Oberflächen, entbehrt jeglicher Konturen, die für einen ernsthaften wissenschaftlichen Ansatz sprächen. Interessiert ist der Regisseur nicht an der Zeitreisetechnologie, die stets Mittel zum Zweck bleibt. Es geht darum, Scheiben aus der Lende der Vergangenheit zu schneiden und sie zu lebendigen Skulpturen auszuarbeiten, ihre Stimmung darin zu konservieren… und der inneren Tragik der Hauptfigur so auf den Grund zu gehen.

Sentimentalität, Bedauern und die Machtlosigkeit gegenüber den Ziffern der Zeit gewinnen durch die von Claude Rich gespielte Hauptfigur ihre Schwere. Einen Autoren spielend, der durch einen Selbstmordversuch zum Kandidaten für das Zeitreiseexperiment wird, darf er den Zeitstrahl immer wieder für reflektierende Monologe rund um die Eigenschaften von Bleistift und Radiergummi und die Ewigkeit des Drei-Uhr-Nachmittags unterbrechen, die gar nicht mal so prätentiös geraten. Zu intensiv ist die Schicht der Nostalgie geraten, durch die er sich gleich im ersten Moment seiner Wiedergeburt wortwörtlich schwimmt. Beizeiten wird es auch visuell surreal-extravagant, mit Einstellungen, die wie für den Kinoaushang gemacht sind. Und Olga Georges-Picot? Eine Muse, ungreifbar, hypnotisierend, ein wenig so wie Catherine Deneuve in Truffauts „Das Geheimnis der falschen Braut“.

„Ich liebe dich, ich liebe dich“ hat die Ausdruckskraft, um später entstandene artverwandte Werke wie „Vergiss mein nicht!“ (2004), „Dream Scenario“ (2023) und sogar Charlie Kaufmans Universum („Being John Malkovich“, 1999, „Adaption“, 2002, „I’m Thinking of Ending Things“, 2020) wie schlicht gezimmerte Hommagen an das avantgardistische europäische Kino der 60er wirken zu lassen. Seine Bilder fräsen sich ein, wirken schon in der Bewegung nach und hinterlassen Phantomschmerzen… bis zum finalen Freeze Frame.

8 von 10

Informationen zur Veröffentlichung von „Ich liebe dich, ich liebe dich“

Dem französischen Kinostart vom 24. April 1968 folgend, erschien „Ich liebe dich, ich liebe dich“ im September desselben Jahres auch in den deutschen Kinos. Über eine physische deutschsprachige Veröffentlichung jedweder Art ist nichts bekannt. Diese Rezension basiert auf der 2025 erschienenen britischen Blu-ray von Radiance Films. Diese präsentiert den Hauptfilm in neuer 2K-Restauration mit französischem LPCM-Original-Monoton und optionalen englischen Untertiteln. Unter den umfangreichen Extras (Gesamtlaufzeit: knapp 2 Stunden) befinden sich Audio-Interviews mit Regisseur Alain Resnais und Hauptdarsteller Claude Rich, eine 2007er-Featurette von Jacques Sternberg und Francois Thomas, ein neu produziertes Interview mit Kritiker David Jenkins und die 2020er-Doku „In the Ears of Alain Resnais“ von Geraldine Boudot. Die Limited Edition verfügt weiterhin über ein 20-seitiges Booklet mit Text von Catherine Wheatley.

Sascha Ganser (Vince)

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Copyright aller Filmbilder und Screenshots/Label: Radiance Films__FSK Freigabe: BBFC15__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja (nur Ausland) / Nein

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