Actionfilme, Actionstars und einfach Action satt

Vendetta – Alles was ihm blieb war Rache

Originaltitel: Aftermath__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2016__Regie: Elliott Lester__Darsteller: Arnold Schwarzenegger, Maggie Grace, Kevin Zegers, Scoot McNairy, Hannah Ware, Mo McRae, Glenn Morshower, Mariana Klaveno, Kim Evans, Larry Sullivan u.a.
Vendetta Aftermath Deutsches Cover

Arnold Schwarzenegger überzeugt darstellerisch in dem schwermütigen Drama “Vendetta”

„Vendetta – Alles was ihm blieb war Rache“: Es ist natürlich klar, dass ein reißerisch betitelter Film mit Action-Hero Arnold Schwarzenegger besser vermarktbar ist. Keine Frage. Aber der im Original schlicht „Aftermath“ (zu deutsch: Nachwirkung) betitelte, aktuellste Arnold-Schwarzenegger-Streifen könnte kaum unpassender eingedeutscht sein. Denn weder will in dem Film irgendwer Rache noch wird irgendein Motiv bedient, das dem auch nur nahe käme. Die erstaunlich hohe und meines Erachtens ebenfalls falsche Erwartungen weckende FSK-16-Freigabe wird ihren Teil dazu beitragen, dass sich so mancher Filmfan in die Irre geführt fühlen wird. Und dem Film gegenüber nicht die nötige Fairness aufbringen wird. Was wirklich schade wäre…

Der Film basiert auf den Ereignissen rund um eine Flugzeugkollision, die sich am 1. Juli 2002 über der deutschen Stadt Überlingen zwischen einer Passagiermaschine und einer DHL-Maschine ereignete. Dabei wurden unter anderem die Frau und die beiden Kinder des russischen Architekten Vitaly Kaloyev getötet. Der stach zwei Jahre später auf den an diesem Tag verantwortlichen Fluglotsen Peter Nielsen ein.

In „Vendetta“ spielt Arnold Schwarzenegger nun Roman Melnyk. Einen grundehrlichen Vertreter der Arbeiterklasse, der im Hausbau tätig ist und sich schon riesig freut, das kommende Weihnachtsfest mit seiner Familie zu verbringen. Diese reist mit dem Flugzeug aus der Ukraine an. Doch als Roman seine Frau und seine schwangere Tochter vom Flughafen abholen will, wird er schnell von den anderen Personen im Flughafengebäude separiert…

Jacob Bonanos arbeitet als Fluglotse. Sein Arbeitstag verlief eigentlich ganz normal, bis auf einmal zwei Kerle auftauchten, die seine Telefonanlage warteten. Als eine Flugzeugcrew ihn bittet, aufgrund von Kommunikationstechnikproblemen deren Ankunft bei einem anderen Flughafen anzukündigen, funktioniert sein Telefon nicht mehr. In der aufkommenden Hektik gehen die Funksprüche eines weiteren Flugzeuges komplett an ihm vorbei. Als der Pilot dieses Flugzeuges irgendwann eigenmächtig handelt, weil er keine Anweisungen von Jacob erhält, kommt es zur Katastrophe. Die Frachtmaschine rast in eine Passagiermaschine…

Schaut in das Drama „Vendetta“ mit Arnold Schwarzenegger hinein

Diese Katastrophe entwurzelt Jacob und Roman vollkommen. Roman verliert auf einen Schlag seine gesamte Familie. Jacob kommt mit der Schuld, die er auf sich geladen hat, nicht klar. Beide Männer versuchen fortan auf ihre Weise mit den Folgen des Unglückes zu leben. Was für beide keine leichte Aufgabe darstellt. Roman vergräbt sich in seinem Haus. Bricht jedwede Kontakte zu Freunden und Kollegen ab. Die von der Airline angebotenen psychologischen Sitzungen lehnt er konsequent ab.

Wie der Zuschauer ist er schockiert von der Professionalität, mit der die Leben seiner Familienangehörigen abgewickelt werden. Mit klaren, nüchternen Worten wird ihm der Unfallhergang dargestellt. Empathielos wird ihm mitgeteilt, dass seine Angehörigen den Unfall nicht überlebt haben werden. Und, ganz wichtig, niemand sagt Jacob, dass ihm der Vorfall leid tue. Dass ihm Romans Verlust leid tue. Die Professionalität der offensichtlich für derartige Situationen geschulten Ansprechpartner Romans schiebt jedwede Menschlichkeit weit von sich.

So versteht man Romans Wunsch nur zu gut. Der will nämlich keine Rache. Der will niemanden zur Rechenschaft ziehen. Er schlägt gar die offenkundig nach einem Schlüssel berechneten Schadensersatzsummen für seine Frau und seine Tochter aus (seine Tochter ist erschreckenderweise weniger wert als seine Frau). Roman will nur eines. Er will hören, dass sich die Airline bei ihm entschuldigt.

Vendetta Aftermath Absturzstelle

Hier verlor Roman seine Familie…

Derweil wird auch Jacob mit einer unheimlichen Professionalität konfrontiert. Schnell wird ihm von seiner Flughafenleitung vorgeschlagen, er solle sich doch einen neuen Namen zulegen, umziehen und ein neues Leben beginnen. Man könne ihm da ganz leicht helfen. Was freilich schwer ist für einen Mann, der Frau und Kind hat. Die er nicht entwurzeln will. Es kommt zur Trennung. Er lebt fernab seiner Familie. Und auch er will keine Rache. Niemanden zur Rechenschaft ziehen. Er will eigentlich nur zurück in sein Leben. Will seine Schuldgefühle irgendwie beschwichtigen können.

Das alles ist weit entfernt von fetter Rumtata-Rache-Action. „Vendetta“ ist ein emotional wirklich schwer mitnehmender Film mit eindrücklichen Bildern, die lange nachwirken. Ein weinender und in sich versunkener Arnold Schwarzenegger („Terminator: Genisys“), der neben den Leichensäcken seiner Familie hockt, brennt sich beispielsweise nachhaltig ein. Und „Vendetta“ ist kein Film der simplen Lösungen. Die den Bauch befriedigen. Es geht, und da ist der Originaltitel einfach mal extrem treffend, um die Nachwirkungen eines Unglückes. Die ihrerseits neue Nachwirkungen hervorrufen. Und so in einen Kreislauf münden, den keiner der Charaktere irgendwie leicht durchbrechen könnte.

Die farbentsättigten, nüchternen und klaren Bilder unterstreichen den Eindruck noch. Legen sich ebenfalls aufs Gemüt des Zuschauers und sorgen für eine gewisse Schwermut. Immer wieder lässt Kameramann Pieter Vermeer seine Bilder aus der Balance geraten. Positioniert Charaktere gefühlt zu weit links und zu weit rechts von der Bildmitte, um zu zeigen, wie sie aus dem Gleichgewicht geraten sind. Auch wiederholte Einstellungen, die lotrecht von oben auf Szenerien herabblicken, haben eine eigentümliche Wirkung auf den Zuschauer. Der reduzierte, fernab von Kitsch operierende Score rundet den technisch hervorragenden Gesamteindruck trefflich ab.

Vendetta Aftermath Arnold Schwarzenegger als Roman

Arnold Schwarzenegger gibt seinem Roman ein menschliches Antlitz.

Das größte Pfund von „Vendetta“ sind jedoch seine beiden Hauptdarsteller. Arnold Schwarzenegger, der den Film auch produzierte (neben dem Hochkaräter Darren Aronofsky („Black Swan“)), spielt seinen Roman wahnsinnig nuanciert. Macht mit zurückgenommenem Spiel dessen Leid und Wunsch nach einer Entschuldigung am eigenen Leib spürbar. Und wirkt in jeder Szene absolut glaubwürdig.

„Aftermath“ spielt ab und an auch ein wenig mit Arnolds Image. Wenn dessen Roman beispielsweise die Nachricht vom Tod seiner Familie ereilt, erwartet man, dass der zu toben beginnt. Doch Roman bleibt wahnsinnig ruhig. Aber man sieht, was in ihm vorgeht. Man sieht den Schock. Und plötzlich beginnen die Gipsbeton-Wände des Büros, in dem er sich befindet, zu wanken. Man hört Schreie. Weil ein Mann im Nachbarraum so reagiert, wie wir es bei Arnold Schwarzenegger erwartet hätten. Derweil bricht selbiger zusammen. Eine starke Szene. Eine von vielen.

Scoot McNairy („Non-Stop“) steht dem in nichts nach. Vom unbeschwert scherzenden Familienvater wandelt er sich zu einem Häuflein Elend. Das mit der Situation in keinster Weise zurechtkommt und immer mehr verfällt. Wie neben sich stehend wankt er durch sein weiteres Leben, will mehrfach Selbstmord begehen und kann in letzter Konsequenz auch nicht verstehen, warum er allein zum Sündenbock umfunktioniert wird. Als seine Frau setzt Maggie Grace („96 Hours“) weitere starke Akzente.

Vendetta Aftermath Hausbeschmierungen

Jacob wird von seiner Umgebung für seinen Fehler schwer angefeindet.

Was bleibt, ist ein konsequent schwermütiges Drama, das seinen Charakteren nur wenige Momente der Hoffnung zugesteht und vor allem keinen Beteiligten in eine strahlende Zukunft entlässt. Stattdessen sogar aufzeigt, dass selbst viele Jahre nach einer Katastrophe deren Auswirkungen nach wie vor das Leben der Menschen beeinflussen. Mit elegischer Bildsprache, trauriger Musik und formidablen Schauspielerleistungen geht „Vendetta“ schwer ans Herz und wirft immer wieder die Frage auf, wie entmenschlicht unsere Gesellschaft eigentlich inzwischen geworden ist, dass sie einem Menschen, der offen ausformuliert, dass er sich einfach nur eine Entschuldigung wünscht, nicht zuhört. Keine leichte Kost. Schon gar keine Rache-Action. Und das ist gut so.

8 von 10

Die deutsche DVD/Blu-ray zum Film erscheint am 13. November 2017 von KSM und ist mit einer FSK 16 Freigabe ungeschnitten. Leider spielen die realen Ereignisse, die dem Film als Vorlage dienten, in den ohnehin raren Extras keine Rolle.

In diesem Sinne:
freeman

Was meint ihr zu dem Film?
Zur Filmdiskussion bei Liquid-Love

Copyright aller Filmbilder/Label: KSM__Freigabe: FSK 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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