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Mercy (2026)

Originaltitel: Mercy__Herstellungsland: USA/Russland__Erscheinungsjahr: 2026__Regie: Timur Bekmambetov__Darsteller: Chris Pratt, Rebecca Ferguson, Kali Reis, Annabelle Wallis, Chris Sullivan, Kylie Rogers, Jeff Pierre, Rafi Gavron, Kenneth Choi, Jamie McBride u.a.
Mercy

In Timur Bekmambetovs Sci-Fi-Actionthriller „Mercy“ muss Chris Pratt seine Unschuld beweisen

Fünf Jahre sind seit Timur Bekmambetov letzterer Regiearbeit, dem russischen Actionthriller „V2. Escape from Hell“, vergangen, ganze zehn seit seiner letzten Hollywood-Großproduktion, dem Remake-Flop „Ben Hur“. Nun also „Mercy“, ein futuristischer Thriller mit Starbesetzung, dessen Start vom August 2025 allerdings in den Januar 2026 verschoben wurde.

Ein Mann erwacht in einem Raum, an einen Stuhl gefesselt. Auf einem Display vor ihm läuft ein kleines Filmchen ab, das für ihn und das Publikum kurz die Geschichte des titelgebenden Mercy-Programms zusammenfasst. Nachdem das Verbrechen in den USA immer mehr zunahm und die Polizei diesem kaum mehr Herr werden konnte, wurde das Programm eingeführt: Angeklagte müssen sich vor KI-Gerichten verantworten, die sich lediglich an Fakten orientieren, und dürfen sich selbst verteidigen. Zur Verfügung stehen ihnen sämtliche Daten und Aufzeichnungen, denn einem neuen Gesetz zufolge muss jedes Foto, jedes Video, das ein Zivilist erstellt, dem Gericht zur Verfügung stehen. Der Schuldgrad wird in Prozent errechnet, aber einer gewissen Wahrscheinlichkeit droht dem Angeklagten am Ende des Prozesses der Exitus. Das Nahe-Zukunft-Szenario entwirft einen Überwachungsstaat, der angeblich aber wie bolle wirken soll, denn die Verbrechensraten gingen danach angeblich massiv nach unten. Warum Täter so viel mehr Angst vor KI-Gerichten als vor regulären Gerichten haben sollen, das bleibt nicht die letzte Logikschwäche des Films.

Der Angeklagte ist jedoch eine ganz besondere Person, eine, die man aus dem Intro-Film kennt: Der Polizist Chris Raven (Chris Pratt), der bei der Initialisierung des Mercy-Programms half und den ersten Tatverdächtigen, der auf diese Weise angeklagt wurde, ergriff. Chris ist laut KI gerade wieder vernehmungsfähig, mit ordentlich Restalkohol im Blut und massiven Erinnerungslücken, was die Zuschauerzweifel an der Zuverlässigkeit des KI-Gerichts und jener von Drehbuchautor Marco van Belle („Arthur & Merlin“) direkt mal arg nach oben schnellen lässt. Chris soll seine Frau Nicole (Annabelle Wallis) umgebracht haben, die Indizienbeweise sprechen gegen ihn, seine Schuldwahrscheinlichkeit liegt bei 95 Prozent.

KI-Richterin Maddox (Rebecca Ferguson) gibt Chris 90 Minuten Zeit, um seine Unschuld zu beweisen oder wenigstens seine Schuldwahrscheinlichkeit unter das tödliche Level zu senken. Also sucht Chris in den Aufzeichnungen nach Beweisen, telefoniert mit Zeugen und instruiert Helfer, um seinen Namen reinzuwaschen…

Schaut euch den Trailer zu „Mercy“ an

Dass „Mercy“ bisweilen an einem Desktopthriller erinnert, ist kein großes Wunder – Bekmambetov hatte mit „Profile“ selbst einen davon inszeniert, mit „Unknown User“, dessen Sequel, „Searching“ und „Missing“ auch gleich vier prominente Vertreter des Genres als Produzent verantwortet. Schuldwahrscheinlichkeit und Countdown auf dem Maddox-Display sind visuelle Mittel zur oberflächlichen Spannungssteigerung, während die Handlung quasi in Echtzeit abläuft. Chris befragt seine Tochter Britt (Kylie Rogers), welche die Leiche fand, ruft seinen AA-Sponsor Rob Nelson (Chris Sullivan) als Charakterzeugen auf und schickt seine Partnerin Jacqueline ‘Jaq‘ Diallo (Kali Reis) als seine Augen, Ohren und Hände in der Außenwelt los. Die eingeschränkte Handlungs- und Bewegungsfreiheit des Helden bedeutet natürlich auch, dass er die meiste Action anderen überlassen muss, selbst nur meist nur in Videoaufzeichnungen aktiv wird. Wobei „Mercy“ auch nur punktuell auf Action setzt, vor allem im Finale, das dafür mit einigen Schießereien und einer groß angelegten Spektakelszene immerhin gelungene Schauwerte bietet, auch wenn der Schnitt von Dody Dorn („Rebel Moon“), Austin Keeling („The House on Pine Street“) und Lam T. Nguyen („Emergency“) nicht immer punktgenau sitzt.

Mercy

Detective Chris Raven (Chris Pratt) sitzt plötzlich selbst auf der Anklagebank

Aber als Sci-Fi-Actionthriller ist „Mercy“ auch mehr Thriller als Sci-Fi oder Action, denn die Schauwerte stehen nicht so sehr im Vordergrund, das Szenario ist nur wenige Jahre in der Zukunft angesiedelt. Als Spannungsfilm verdödelt „Mercy“ seine erste Hälfte teilweise, denn einerseits dauert es, bis Chris wirklich mit der Recherche anfängt, andrerseits lässt „Mercy“ seine Schuldwahrscheinlichkeit noch weiter steigen. Nur kauft man dem Film nie ab, dass All-American Hero Chris hier wirklich als Täter in Frage kommt, auch wenn sein vertuschtes Alkoholproblem, aufgezeichnete Ehestreitigkeiten und eine Affäre seiner Frau ihn nicht gerade gut dastehen lassen. Wenn es dann losgeht, dann legt „Mercy“ einige falsche Fährten aus, manche mehr, andere weniger überzeugend, etabliert aber nur wenige Figuren, sodass es dann am Ende entweder ein Schurke sein muss, den man bisher noch nicht gesehen hat, oder eine Figur plötzliche eine dunkle Seite zeigen muss. So fällt ein involvierendes Whodunit-Raten aus; stattdessen folgt man Chris stets beim Verfolgen des nächsten Hinweises.

Dabei ist „Mercy“ immerhin handwerklich kompetent gemacht und besitzt nach der Anlaufphase ordentlich Tempo. Dummerweise hetzt er so auch über die Figurenzeichnung hinweg, vermittelt eher rudimentär wie Chris vom liebenden Vater und Vorzeigecop zum Alki wurde, den die eigene Frau vor die Tür setzte. Es gibt einige Momente, die im Gedächtnis bleiben, sogar mit memorablen Dialogzeilen (etwa wenn Chris feststellt, warum der Mord seiner Frau kein Verbrechen aus Leidenschaft gewesen sein kann). Doch nach großem Kino fühlt sich „Mercy“ nicht an, eher nach dem nächsten Freitagabend-Streaming-Thriller. Und mit der Logik sieht es auch nicht immer gut aus: Da beginnt das KI-Gerichtsverfahren schon, obwohl die Tatortbegehung nur rudimentär abgeschlossen ist, da ist die KI mal kalt und faktengebunden, reagiert dann mal regelrecht menschlich, ohne dass es einer nachvollziehbaren Logik folgt.

Mercy

Judge Maddox (Rebecca Ferguson) ist Staatsanwältin, Richterin und Vollstreckerin in einer KI-Person

Vielleicht soll die Besetzung von Rebecca Ferguson („A House of Dynamite“) diese unberechenbare, quasi menschliche Komponente der KI verdeutlichen, doch dies ist eine grauenvolle Castingentscheidung: Warum engagiert man eine talentierte Darstellerin, wenn die einzige Regieanweisung anscheinend darin bestand, so unbewegt und emotionslos zu spielen, dass Steven Seagal daneben mimisch wie Jim Carrey aussieht? Ferguson kann vermutlich nicht viel dafür, aber ihr Spiel als KI auf diese Weise ist ziemlich schrecklich. Chris Pratt („Guardians of the Galaxy 3“) spielt dagegen seine Paraderolle als ungehobelter Held mit Ecken und Kanten, hier weniger humorvoll, mit etwas düsterer Seite, immer noch auf gewohnte Weise, aber recht gut. Annabelle Wallis („Malignant“) ist kaum zu sehen, Kylie Rogers („Mojave“), Kali Reis („Catch the Fair One“) und Chris Sullivan („Das Morgan Projekt“) leisten brauchbaren Support in ihren Szenen, doch meist sieht man entweder Pratt oder Ferguson.

„Mercy“ kommt bisweilen wie eine „Minority Report“-Variante mit KI anstelle von glatzköpfigen Hellsehern daher, scheint im Gegensatz zu dem Spielberg-Vehikel kaum eine Haltung zu seiner Zukunftsvision zu besitzen. Manchmal hat man das Gefühl, dass Bekmambetov einem die Vision eines Überwachungsstaates zeigen will, dessen System nicht nur unterdrückerisch, sondern inhärent fehlerhaft ist, manchmal hat man dagegen das Gefühl, dass er das grundsätzliche System des KI-Gerichts gar nicht verkehrt findet, man muss halt nur die Schwächen ausbügeln. Warum einerseits die Verbrechensraten massiv fallen, es andererseits aber immer noch auslandende, Skid-Row-artige Elendsviertel mit Obdachlosen, Zeltstädten und florierender Drogenkultur gibt, in die sich die Polizei kaum reintraut, das macht das Szenario auch nicht unbedingt glaubwürdiger oder durchdachter. Aber vielleicht gingen Bekmambetovs Ambitionen auch nicht über ein reines Unterhaltungsvehikel hinaus.

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Jacqueline ‘Jaq‘ Diallo (Kali Reis) muss für den angeklagten Chris draußen im Einsatz sein

Als solches ist „Mercy“ dann mäßig aufregende Genreware, die immerhin brauchbar inszeniert ist, ein paar Schauwerte bietet und phasenweise durchaus Tempo und Oberflächenspannung besitzt. Allerdings ist „Mercy“ bisweilen löchrig geschrieben, teilweise vorhersehbar und trotz seiner Benutzung tagesaktueller Themen desinteressiert an echter Beschäftigung mit seiner Thematik. Ein echt egaler Sci-Fi-Actionthriller mit Anleihen bei Filmen wie „Minority Report“, „Strange Days“ oder „Searching“, nur dass diese alle merklich mehr boten als dieses leere Starvehikel.

Sony bringt „Mercy“ am 22. Januar 2026 in die deutschen Kinos, ungekürzt ab 12 Jahren freigegeben.

© Nils Bothmann (McClane)

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Copyright aller Filmbilder/Label: Amazon MGM Studios / Sony__FSK Freigabe: ab 12__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein/Nein, ab 22.1.2026 in den deutschen Kinos

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