| Originaltitel: Mercy__Herstellungsland: USA/Russland__Erscheinungsjahr: 2026__Regie: Timur Bekmambetov__Darsteller: Chris Pratt, Rebecca Ferguson, Kali Reis, Annabelle Wallis, Chris Sullivan, Kylie Rogers, Jeff Pierre, Rafi Gavron, Kenneth Choi, Jamie McBride u.a. |

Das Poster von „Mercy“.
In einem Los Angeles der nahen Zukunft urteilen KI‑Richter in Schnellverfahren über Gewaltverbrechen. Als Detective Chris Raven (Chris Pratt) plötzlich selbst des Mordes an seiner Frau beschuldigt wird, bleiben ihm nur 90 Minuten, um seine Unschuld zu beweisen. Während die Beweise erdrückend wirken, zwingt ihn die Untersuchung, tief in sein eigenes Leben, seine Vergangenheit und ein gefährliches Netz aus Lügen und Rache einzutauchen. Bald steht nicht nur sein Urteil, sondern weit mehr auf dem Spiel.
Der sitzende Mann der Tat
Der Name Chris Pratt mag beileibe nicht für Qualität stehen, hat sich aber immerhin in den letzten Jahren zum Synonym für effektgeladene Spektakel in Spielberg’scher Blockbuster-Tradition gemausert. Auch Rebecca Ferguson hat sich längst einen Namen in explosiven Großproduktionen gemacht. Weshalb man nun den einen an einen Stuhl fesselt und die andere zum sterilen Avatar einer KI macht, bleibt dann doch einigermaßen rätselhaft.
Mit der interaktiven Mechanik der Tatort-Scans aus futuristischen Videospielen wie „Batman: Arkham Origins“ oder „Cyberpunk 2077“ möchte Timur Bekmambetov die von ihm selbst als Produzent aktiv vorangetriebene Gattung der Desktop-Filme („Missing“, „War of the Worlds“) für das Zeitalter der künstlichen Intelligenz in Form bringen. Doch während auf dem Bildschirm – längst nicht mehr der Leinwand – ineinander verschachtelte Daten fortlaufend wie Springteufel aus der Windowbox hüpfen und eine filmische Pseudo-Dynamik generieren, die mit einem in Echtzeit herunterlaufenden Countdown noch künstlich dramatisiert werden muss, bleibt der physische Körper, und mit ihm das Kino selbst, zur Passivität verdammt.
Der Arnold Schwarzenegger aus „Total Recall“ und der Tom Cruise aus „Minority Report“ dürften jedenfalls mitleidig auf einen zur Anwaltsarbeit in eigener Sache gezwungenen Pratt hinabblicken, dessen durchschaubare Versuche, in angeschnallter Position Verzweiflung und Trotz zu vermitteln, auch nicht viel überzeugender geraten als seine watscheligen Sprints durch den Dschungel von „Jurassic World“; eher im Gegenteil, denn wenn sich sonst nichts bewegt, schaut man konzentrierter auf die Mimik. Und was man Ferguson da im strengen Matrix-Look an Menschlichkeit einzuimpfen versucht, erinnert dann auch eher an „Malfunctioning Eddie“, den Roboter aus „Futurama“, der mit logischen Widersprüchen gezielt zur Explosion gebracht werden kann.
Düstere Aussichten auf das KI-Zeitalter
„Mercy“ weiß das dystopische Narrativ der herzlosen, ganz und gar auf Fakten beruhenden neuen Weltordnung kaum mit eigenen Akzenten zu erweitern. Es geht wie so oft um die Verschmelzung der drei Staatsgewalten durch einen einzelnen Apparat zwecks ökonomischer Überlegungen und die Anwendung des binären Systems der Logik zur Beurteilung menschlicher Sachverhalte. Eine KI würde genau solche Themen vorschlagen, befragte man sie danach, welche Ängste ihre Nutzer mit ihr verbinden und welchen Science-Fiction-Film mit dieser Thematik sie gerne sehen würden.
Ein Debakel wie die letztjährige Amazon-Vollkatastrophe „War of the Worlds“ ist zum zum Glück nicht dabei herausgekommen. Das liegt auch daran, dass man die (aus ästhetischer Sicht dennoch fragwürdige) Kombination aus perspektivisch fahrlässigen User-Videos und Hi-Tech-Kartografie nach Google-Maps-Vorbild in der zweiten Hälfte mit vergleichsweise druckvollen Actionszenen aufplustert, die sich, auch wenn es inhaltlich wenig Sinn ergibt, irgendwann auch als 3D-Modell in die Zelle des Angeklagten ausbreiten, bis Pratt und das Metallgestell, an das er gekettet ist, mitten auf einem Highway oder in einem Feuersturm aufgestellt sind und er sich das Haar durchpusten lassen kann. Am Ende verlagert sich die Handlung dann immerhin auch noch ein wenig vom Theoretischen ins Praktische, denn am Ende der Fahnenstange weiß auch Bekmambetov, nur Original ist real.
An den grundlegenden Problemherden ändert das freilich nichts. Pratt, der in den ihm verbleibenden Minuten in einem oftmals nicht rational erklärbaren Gezeitenwandel aus Panik und innerster Zen-Ruhe der Aufklärung seiner Lage nachgeht, muss zwar nicht wie Ice Cube den manischen Weltuntergangspropheten mimen, wird aber auch nicht eben zu komplexem Handeln gefordert, weder von seiner KI-Richterin, noch von den Bausteinen auf dem Spielfeld da draußen.
Faszination Desktop-Telling
Der Regisseur ist derweil regelrecht vernarrt in die Möglichkeiten, die ihm die Nahzukunftsvision des Los Angeles im Jahr 2029 bietet. Begeistert erkundet er neue Möglichkeiten der Datenanalyse, die er zugleich als Möglichkeit begreift, das filmische Erzählen mit Innovationen zu versehen, die jedoch samt und sonders Schein bleiben. Sein grundsätzliches Dilemma liegt darin, dass der Plot im Kern technologiekritisch ausgelegt ist, weil genau darin das Verkaufsargument liegt. So, wie 1999 die Millennium-Bug-Filme aus dem Boden schossen, ist es eben nun der ungewisse Umgang mit den sich spürbar materialisierenden Möglichkeiten, die der rasante Aufstieg künstlicher Intelligenz mit sich bringt, der ein neues Schreckensszenario der 2020er Jahre definiert. Nur ist diese kritische Haltung spürbar nicht die Position des Filmemachers, der ganz und gar im Widerspruch zur Kernaussage seines Films inszeniert.
No Mercy for the Walking
„Mercy“ ist symptomatisch für das faule Science-Fiction-Actionkino der Gegenwart: Geliefert wie bestellt, inhaltlich und performativ. Wenn die Konsumenten am liebsten nicht mehr aufstehen wollen, um Filme im Kino zu sehen, wieso sollten es die Stars im Film noch tun? Wenn man aber nicht einmal mehr einen Chris Pratt dazu bekommt, in der Hauptrolle eines SciFi-Thrillers den Hintern vom Sessel zu bewegen, dann liegt irgendwo etwas im Argen.
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Sascha Ganser (Vince)
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„Mercy“ ist mäßig aufregende Genreware
Fünf Jahre sind seit Timur Bekmambetov letzterer Regiearbeit, dem russischen Actionthriller „V2. Escape from Hell“, vergangen, ganze zehn seit seiner letzten Hollywood-Großproduktion, dem Remake-Flop „Ben Hur“. Nun also „Mercy“, ein futuristischer Thriller mit Starbesetzung, dessen Start vom August 2025 allerdings in den Januar 2026 verschoben wurde.
Ein Mann erwacht in einem Raum, an einen Stuhl gefesselt. Auf einem Display vor ihm läuft ein kleines Filmchen ab, das für ihn und das Publikum kurz die Geschichte des titelgebenden Mercy-Programms zusammenfasst. Nachdem das Verbrechen in den USA immer mehr zunahm und die Polizei diesem kaum mehr Herr werden konnte, wurde das Programm eingeführt: Angeklagte müssen sich vor KI-Gerichten verantworten, die sich lediglich an Fakten orientieren, und dürfen sich selbst verteidigen. Zur Verfügung stehen ihnen sämtliche Daten und Aufzeichnungen, denn einem neuen Gesetz zufolge muss jedes Foto, jedes Video, das ein Zivilist erstellt, dem Gericht zur Verfügung stehen. Der Schuldgrad wird in Prozent errechnet, aber einer gewissen Wahrscheinlichkeit droht dem Angeklagten am Ende des Prozesses der Exitus. Das Nahe-Zukunft-Szenario entwirft einen Überwachungsstaat, der angeblich aber wie bolle wirken soll, denn die Verbrechensraten gingen danach angeblich massiv nach unten. Warum Täter so viel mehr Angst vor KI-Gerichten als vor regulären Gerichten haben sollen, das bleibt nicht die letzte Logikschwäche des Films.
Der Angeklagte ist jedoch eine ganz besondere Person, eine, die man aus dem Intro-Film kennt: Der Polizist Chris Raven (Chris Pratt), der bei der Initialisierung des Mercy-Programms half und den ersten Tatverdächtigen, der auf diese Weise angeklagt wurde, ergriff. Chris ist laut KI gerade wieder vernehmungsfähig, mit ordentlich Restalkohol im Blut und massiven Erinnerungslücken, was die Zuschauerzweifel an der Zuverlässigkeit des KI-Gerichts und jener von Drehbuchautor Marco van Belle („Arthur & Merlin“) direkt mal arg nach oben schnellen lässt. Chris soll seine Frau Nicole (Annabelle Wallis) umgebracht haben, die Indizienbeweise sprechen gegen ihn, seine Schuldwahrscheinlichkeit liegt bei 95 Prozent.
KI-Richterin Maddox (Rebecca Ferguson) gibt Chris 90 Minuten Zeit, um seine Unschuld zu beweisen oder wenigstens seine Schuldwahrscheinlichkeit unter das tödliche Level zu senken. Also sucht Chris in den Aufzeichnungen nach Beweisen, telefoniert mit Zeugen und instruiert Helfer, um seinen Namen reinzuwaschen…
Schaut euch den Trailer zu „Mercy“ an
Dass „Mercy“ bisweilen an einem Desktopthriller erinnert, ist kein großes Wunder – Bekmambetov hatte mit „Profile“ selbst einen davon inszeniert, mit „Unknown User“, dessen Sequel, „Searching“ und „Missing“ auch gleich vier prominente Vertreter des Genres als Produzent verantwortet. Schuldwahrscheinlichkeit und Countdown auf dem Maddox-Display sind visuelle Mittel zur oberflächlichen Spannungssteigerung, während die Handlung quasi in Echtzeit abläuft. Chris befragt seine Tochter Britt (Kylie Rogers), welche die Leiche fand, ruft seinen AA-Sponsor Rob Nelson (Chris Sullivan) als Charakterzeugen auf und schickt seine Partnerin Jacqueline ‘Jaq‘ Diallo (Kali Reis) als seine Augen, Ohren und Hände in der Außenwelt los. Die eingeschränkte Handlungs- und Bewegungsfreiheit des Helden bedeutet natürlich auch, dass er die meiste Action anderen überlassen muss, selbst nur meist nur in Videoaufzeichnungen aktiv wird. Wobei „Mercy“ auch nur punktuell auf Action setzt, vor allem im Finale, das dafür mit einigen Schießereien und einer groß angelegten Spektakelszene immerhin gelungene Schauwerte bietet, auch wenn der Schnitt von Dody Dorn („Rebel Moon“), Austin Keeling („The House on Pine Street“) und Lam T. Nguyen („Emergency“) nicht immer punktgenau sitzt.
Aber als Sci-Fi-Actionthriller ist „Mercy“ auch mehr Thriller als Sci-Fi oder Action, denn die Schauwerte stehen nicht so sehr im Vordergrund, das Szenario ist nur wenige Jahre in der Zukunft angesiedelt. Als Spannungsfilm verdödelt „Mercy“ seine erste Hälfte teilweise, denn einerseits dauert es, bis Chris wirklich mit der Recherche anfängt, andrerseits lässt „Mercy“ seine Schuldwahrscheinlichkeit noch weiter steigen. Nur kauft man dem Film nie ab, dass All-American Hero Chris hier wirklich als Täter in Frage kommt, auch wenn sein vertuschtes Alkoholproblem, aufgezeichnete Ehestreitigkeiten und eine Affäre seiner Frau ihn nicht gerade gut dastehen lassen. Wenn es dann losgeht, dann legt „Mercy“ einige falsche Fährten aus, manche mehr, andere weniger überzeugend, etabliert aber nur wenige Figuren, sodass es dann am Ende entweder ein Schurke sein muss, den man bisher noch nicht gesehen hat, oder eine Figur plötzliche eine dunkle Seite zeigen muss. So fällt ein involvierendes Whodunit-Raten aus; stattdessen folgt man Chris stets beim Verfolgen des nächsten Hinweises.
Dabei ist „Mercy“ immerhin handwerklich kompetent gemacht und besitzt nach der Anlaufphase ordentlich Tempo. Dummerweise hetzt er so auch über die Figurenzeichnung hinweg, vermittelt eher rudimentär wie Chris vom liebenden Vater und Vorzeigecop zum Alki wurde, den die eigene Frau vor die Tür setzte. Es gibt einige Momente, die im Gedächtnis bleiben, sogar mit memorablen Dialogzeilen (etwa wenn Chris feststellt, warum der Mord seiner Frau kein Verbrechen aus Leidenschaft gewesen sein kann). Doch nach großem Kino fühlt sich „Mercy“ nicht an, eher nach dem nächsten Freitagabend-Streaming-Thriller. Und mit der Logik sieht es auch nicht immer gut aus: Da beginnt das KI-Gerichtsverfahren schon, obwohl die Tatortbegehung nur rudimentär abgeschlossen ist, da ist die KI mal kalt und faktengebunden, reagiert dann mal regelrecht menschlich, ohne dass es einer nachvollziehbaren Logik folgt.
Vielleicht soll die Besetzung von Rebecca Ferguson („A House of Dynamite“) diese unberechenbare, quasi menschliche Komponente der KI verdeutlichen, doch dies ist eine grauenvolle Castingentscheidung: Warum engagiert man eine talentierte Darstellerin, wenn die einzige Regieanweisung anscheinend darin bestand, so unbewegt und emotionslos zu spielen, dass Steven Seagal daneben mimisch wie Jim Carrey aussieht? Ferguson kann vermutlich nicht viel dafür, aber ihr Spiel als KI auf diese Weise ist ziemlich schrecklich. Chris Pratt („Guardians of the Galaxy 3“) spielt dagegen seine Paraderolle als ungehobelter Held mit Ecken und Kanten, hier weniger humorvoll, mit etwas düsterer Seite, immer noch auf gewohnte Weise, aber recht gut. Annabelle Wallis („Malignant“) ist kaum zu sehen, Kylie Rogers („Mojave“), Kali Reis („Catch the Fair One“) und Chris Sullivan („Das Morgan Projekt“) leisten brauchbaren Support in ihren Szenen, doch meist sieht man entweder Pratt oder Ferguson.
„Mercy“ kommt bisweilen wie eine „Minority Report“-Variante mit KI anstelle von glatzköpfigen Hellsehern daher, scheint im Gegensatz zu dem Spielberg-Vehikel kaum eine Haltung zu seiner Zukunftsvision zu besitzen. Manchmal hat man das Gefühl, dass Bekmambetov einem die Vision eines Überwachungsstaates zeigen will, dessen System nicht nur unterdrückerisch, sondern inhärent fehlerhaft ist, manchmal hat man dagegen das Gefühl, dass er das grundsätzliche System des KI-Gerichts gar nicht verkehrt findet, man muss halt nur die Schwächen ausbügeln. Warum einerseits die Verbrechensraten massiv fallen, es andererseits aber immer noch auslandende, Skid-Row-artige Elendsviertel mit Obdachlosen, Zeltstädten und florierender Drogenkultur gibt, in die sich die Polizei kaum reintraut, das macht das Szenario auch nicht unbedingt glaubwürdiger oder durchdachter. Aber vielleicht gingen Bekmambetovs Ambitionen auch nicht über ein reines Unterhaltungsvehikel hinaus.
Als solches ist „Mercy“ dann mäßig aufregende Genreware, die immerhin brauchbar inszeniert ist, ein paar Schauwerte bietet und phasenweise durchaus Tempo und Oberflächenspannung besitzt. Allerdings ist „Mercy“ bisweilen löchrig geschrieben, teilweise vorhersehbar und trotz seiner Benutzung tagesaktueller Themen desinteressiert an echter Beschäftigung mit seiner Thematik. Ein echt egaler Sci-Fi-Actionthriller mit Anleihen bei Filmen wie „Minority Report“, „Strange Days“ oder „Searching“, nur dass diese alle merklich mehr boten als dieses leere Starvehikel.
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„Mercy“ startete am 22. Januar 2026 ungeschnitten und mit einer Freigabe ab 12 in deutschen und amerikanischen Kinos und blieb nicht nur bei der Kritik, sondern auch beim Einspiel unter seinen Erwartungen: Produktionskosten von 60 Millionen Dollar stehen einem Einspiel von 55 Millionen gegenüber. Seit dem 22. März 2026 ist der Science-Fiction-Streifen im regulären Programm von Prime Video abrufbar. Und ab dem 30. April 2026 könnt ihr ihn dann auch auf DVD und Blu-ray erwerben.
© Nils Bothmann (McClane)
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