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The Old Woman with the Knife

Originaltitel: Pagwa__Herstellungsland: Südkorea__Erscheinungsjahr: 2025__Regie: Min Gyoo-dong__Darsteller: Lee Hye-yeong, Kim Sung-cheol, Kim Mu-yeol, Yang Ju-mi, Shin Si-ah, Yeon Woo-jin u.a.
The Old Woman with the Knife

In „The Old Woman with the Knife“ kommt es zu Reibereien zwischen einer alteingesessenen Profikillerin und einem jungen Emporkömmling

Zu den Spezialitäten des koreanischen Genrekinos gehört das Actiondrama. So hat ein Fanliebling wie „The Man from Nowhere“ eigentlich gar nicht so viel handfeste Auseinandersetzungen zu bieten, dafür aber Qualitäten abseits der Action. Mit „The Old Woman with the Knife“ kommt nun ein Beitrag zum Meuchelmörder-Actionthriller mit weiblicher, älterer Besetzung.

Es geht um die Auftragsmörderin Hornclaw (Lee Hye-yeong), mittlerweile Mitte 60, aber immer noch brandgefährlich, die im Namen einer Agentur Menschen tötet – nach Kundenwunsch auch inmitten einer vollbesetzten U-Bahn, wobei das Opfer auch ein Arschloch sondergleichen ist. Kurz zuvor sieht man noch Hornclaws Ursprünge, die als junge, hungernde Frau von einem Restaurantbesitzer aufgenommen wurde, der gleichzeitig Chef-Profikiller des Ladens war. Als Hornclaw selbst Talent im Töten, wenn auch in Notwehr, bewies, da wurde sie selbst in die Reihen aufgenommen, eine kurze Montage zeigt Stationen aus 40 Jahren Tätigkeit als Meuchelmörderin, lässt aber noch viele Lücken, die sich mit Rückblenden füllen lassen, denn so ein Zusammenschnitt kann und soll nicht alles erzählen.

Dass Hornclaw nicht mehr die Jüngste ist, das signalisiert ihr Köper, gerade die Hände versagen mehr und mehr den Dienst. Dem Arzt der Organisation verordnet sie Schweigen, doch es gibt genug andere, die auf ihren Status neidisch zu sein scheiden. Etwa der junge Killer Bullfight (Kim Sung-cheol), der sich ins Visier der Organisation bringt, als er eigenmächtig Leute aus dem Weg räumt und tatsächlich mit einer Anstellung belohnt wird. Der alte Hase gegen den jungen Wilden, eine bekannte Konstellation, die im Auftragsmörderfilm beispielsweise von „Assassins“ von Richard Donner durchgespielt wurde, hier nun in der koreanischen Variante.

Als Hornclaw bei einem Auftrag schwer verletzt und in einen Unfall verwickelt wird, wird sie von einem Tierarzt aufgelesen und zusammengeflickt. Eigentlich ein unliebsamer Zeuge, der nach Regeln der Organisation beseitigt werden muss. Das ist ein Konflikt für Hornclaw und dann scheint Bullfight ihr aus unerfindlichen Motiven auch noch den Rang oder sogar das Leben nehmen zu wollen…

Schaut euch den Trailer zu „The Old Woman with the Knife“ an

Einfach nur einen Genrefilm drehen, das war Regisseur Min Gyoo-dong („The Treacherous“) und seinem Co-Autor Kim Dong-wan augenscheinlich nicht genug. War das Thema der alternden Actionhelden in westlichen Kinoerfolgen wie „Taken“, „The Equalizer“ oder „The Expendables“ schon Thema, mal eher ernst, mal augenzwinkernd ironisch, soll es hier der Nährboden für das Drama sein. Dummerweise halten die Macher ihr Publikum ganz offensichtlich für begriffsstutzig, weshalb die Altersmetaphern im Dutzendpack eingeflochten werden, die Figuren über den Wert alter Messer, Pfirsiche, Hunde oder Gebäude quatschen und was diese noch können. Weil Hornclaw ja auch alt ist und trotzdem eine brandgefährliche Killerin ist, versteht ihr diese subtilen Anspielungen? Wobei Hornclaws Alter und ihre Beschwerden auch immer gerade so stark oder schwach sind, wie es dem Drehbuch gerade passt: Mal hat sie Schwierigkeiten ein Messer zu halten, mal schwingt sie mit einer Hand an einem Seil durch die Gegend und ballert mit der anderen zielsicher Goons ab. Die ganzen pseudoerklärenden Rückblenden in ihre Vergangenheit liefern dann auch nicht die große Charakterzeichnung ab, auf welche die Filmschaffenden wohl aus waren, denn meistens betonen sie das, was man eh schon weiß. Nämlich, dass Hornclaw eine Killerin mit Prinzipien ist, eine Überlebenskünstlerin. Die Zielpersonen werden von der Organisation nur als Ungeziefer bezeichnet, was für noch eine pseudobedeutsame Metapher kurz vorm Showdown sorgt. Warum die Organisation einerseits nur Leute umbringen will, die es verdienen, dann aber harmlose Zivilisten wie den Tierarzt als Zeugen um jeden Preis beseitigen wollen, das ist dann so eine Inkongruenz, die es im Genre allerdings öfter gibt.

The Old Woman with the Knife

Hornclaw (Lee Hye-yeong) ist alt, aber immer noch brandgefährlich

Tadellos ist immer das Spiel von Lee Hye-yeong („No Blood No Tears“), die ihre Figur nicht als zarte Seele spielt, sondern als verhärmte Auftragskillerin und heimliche Patin, die nicht gern im Rampenlicht steht. Sie glaubt an ihre Mission, sie ist bisweilen selbstherrlich, ist aber auch zu emotionalen Regungen fähig, was vor bei einer Enthüllung im Finale deutlich wird. Deutlich weniger überzeugend sind die Szenen mit ihr, dem Tierarzt und seiner Tochter, was allerdings auch an der bisweilen plakativen Handlung liegt. Kim Sung-cheol („Bataillon der Verdammten“) dreht als Widersacher auf und gibt einen herrlich überdrehten Gegenpart, dessen endgültiges Motiv sogar eine kleine Überraschung ist – auch wenn die Enthüllung im Finale etwas spät kommt.

Denn „The Old Woman with the Knife“ ist mit seinen rund 130 Minuten Laufzeit ein ganzes Stück zu lang geraten und lässt Tempo vermissen, weil das Drehbuch zig Dinge anschneidet, aber keines so richtig davon erzählt. Neben dem Widerstreit Hornclaw vs. Bullfight ist die alte Profikillerin ihrem Co-Chef lästig, außerdem will sie noch den Fall einer Frau übernehmen, die Rache an der Drogenmafia wünscht, obwohl die Organisation den Fall ablehnt, und dann soll sie noch einen Weggefährten töten, weil dieser bei einer Tat gesehen wurde. Letzteres besitzt großes Dramapotential, wird aber als pflichtschuldiger Plot Point abgehandelt. Dazu kommen noch zig Subplots, in denen Hornclaw für eine alternde Hündin sorgt, der Tierarzt eine Fehde mit einem Krankenhaus führt, der Kollege auf der Abschlussliste auch noch ein persönliches Trauma besitzt usw. usf. Vielleicht wollten die Macher möglichst viele Aspekte aus den Romanvorlagen von Gu Byeong-go herüberretten, aber dadurch wirkt „The Old Woman with the Knife“ trotz seines mäandernden Erzähltempos vollkommen überladen. Vielleicht wäre es besser gewesen, hätte man sich da mehr auf einzelne Aspekte konzentriert und andere einfach weggelassen.

The Old Woman with the Knife

Bullfight (Kim Sung-cheol) ist das New Kid on the Block unter den Profikillern

Über weite Strecken bietet die Action solide Fights, denen gelegentlich die Übersicht verloren geht, die aber gut choreographiert sind, ohne große Highlights zu liefern. Eine Verfolgungsjagd mit Autocrash gibt es auch, doch erst im Finale dreht „The Old Woman with the Knife“ auf. Warum alle Meuchelmörder sonst mit den üblichen Nahkampfwaffen des koreanischen Actionkinos arbeiten, Bullfight im Finale dann einfällt, dass sie als Verbrecher nicht an die geltenden Waffengesetze gebunden sind und auch Feuerwaffen einsetzen können, das ist genauso schluriges Drehbuchschreiben wie die Menge bezahlter Henchmen, welche der betonte Einzelgänger Bullfight urplötzlich engagieren kann. Immerhin sorgen er und das bezahlte Kanonenfutter für einen meist ziemlich gelungenen Showdown mit fetzigen Fights, Schusswechseln und der erwähnten Seil-Stunteinlage. Der Schnitt sitzt nicht immer, mit ein paar unsauberen Anschlüssen, etwa wenn Hornclaw in einer Einstellung einem Goon aus nächster Nähe ein Messer in den Bauch jagt, in der nächsten freistehend über eine Mauer hechtet. An anderer Stelle gibt es dabei nette Ideen für Cuts zwischen Vergangenheit und Gegenwart (Stichwort: „Street Fighter II“).

„The Old Woman with the Knife“ kann ein starkes Duo in den Hauptrollen und ein schniekes Finale auffahren, insgesamt gehört dieses Actiondrama nicht zur Speerspitze des koreanischen Genrekinos. Der Plot ist gleichzeitig überladen und tempoarm erzählt, sodass man die mehr als zwei Stunden Laufzeit deutlich merkt, der Film verliert sich in Details und Subplots ohne etwas davon richtig zu erzählen und die Metaphern drückt der Film seinem Publikum unsubtil wie die Faust aufs Auge rein. Actionkino der gehobenen und gleichzeitig gescheiterten Sorte, wenn auch mit ein paar positiven Aspekten.

© Nils Bothmann (McClane)

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