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The Piano Accident

Originaltitel: L’Accident de Piano__Herstellungsland: Frankreich__Erscheinungsjahr: 2025__Regie: Quentin Dupieux__Darsteller: Adèle Exarchopoulos, Jérôme Commandeur, Sandrine Kiberlain, Karim Leklou, Gabin Visona, Morena Gosset, Marie Lanchasm Luc Schwarz, Georgia Scalliet, Matthias Girbig, Clara Choï, Sava Lolov, Elena Ponzio Refatti, Lou Bennett, Agathe L’Huillier u.a.
Cover

Das französische Originalposter von „The Piano Accident“.

Der Ton macht die Musik

Kein Mucks, abgesehen von dem tiefen Klang einer schnarrenden Pianosaite. Eine einzelne Note nur, wiederholt angeschlagen, immer wieder ausklingend. Wie ein Plagegeist aus der Vergangenheit, der keine Ruhe geben will. Im weiteren Verlauf wird sich diese eine Note durch beharrliche Wiederholung zum alleinigen Soundtrack des Films entwickeln, um im Hintergrund an einer Art Weltuntergangsstimmung zu basteln. Vorerst ist er sogar das einzige, was man hört, weil er sämtliche Umgebungsgeräusche der Eröffnungssequenz wie ein schwarzes Loch verschluckt.

Für seine neue Groteske zieht es Quentin Dupieux ausnahmsweise in die kälteren Regionen Frankreichs. In „Eine Fliege kommt selten allein“ (2020) lag Adèle Exarchopoulos noch im Poloshirt auf einer Liege am Pool, in „The Piano Accident“ präsentiert sie sich nun dank Wintersportkluft und Bandagen für gebrochene Körperteile regelrecht mumifiziert. Es ist quasi Fargo-Land, das sich da ausbreitet, wobei von „ausbreiten“ eigentlich nicht die Rede sein kann; bei dem 1,50:1-Format zieht sich vielmehr alles zusammen. Das für Dupieux so typische weiche, wie ausgewaschen wirkende Color Grading, das normalerweise eher sommerliche Verhältnisse abbildet, wird angesichts der klirrenden Kälte praktisch ad absurdum geführt.

Wie so oft dauert es eine Weile, bis sich die filmische Konstruktion soweit gesetzt hat, dass sie zumindest als die Absurdität, die sie ist, einen gewissen Sinn ergibt. Eine Krähe im Schnee, Johnny Knoxville und becherweise Joghurt sind diesmal die Schlüsselbilder, die unser Hippocampus als wichtig einstuft, weil sie allesamt so deplatziert wirken, dass sie einfach etwas bedeuten müssen. Dazu kommt der absurde Aufhänger, wohl nicht zufällig ein Einfall wie aus einem Looney-Tunes-Cartoon.

Die Exarchopoulos-Show

Schnell wird deutlich, dass das Skript diesmal übermäßig stark von seiner Hauptfigur abhängig ist. Mit „Le Deuxième Acte“ (2024), „Smoking Causes Coughing“ (2022) und „Unglaublich, aber wahr“ (2022) konzentrierte sich Dupieux zuletzt vor allem auf Ensemblestücke, selbst „Yannick“ (2023) konnte man als ein solches bezeichnen. Letztmalig war es vermutlich Jean Dujardin, der in „Monsieur Killerstyle“ (2019) dermaßen im Mittelpunkt stand wie nun Adèle Exarchopoulos bei ihrer insgesamt dritten Zusammenarbeit mit dem Regisseur, in der sie zugleich ihre bemerkenswerteste Leistung abliefert.

Mürrisch, schnaufend, hochgradig exzentrisch stapft sie mit einem seelischen Schutzschirm durch die Peripherie, die Verachtung für die Außenwelt sichtbar auf der Stirn aufgetragen. Ein solcher Charakter ging ihr schon in „Mandibules“ gut von der Hand, aber derart sozial Derangiertes hat vermutlich selbst sie noch nicht gespielt. Was sie verkörpert, ist das Endprodukt einer körperlichen wie seelischen Verstümmelung, deren Ursprünge dann im Hauptteil durch Rückblenden und Selbstanalysen aufgearbeitet werden.

Schaut in den Trailer

Wie Dupieux diesen menschlichen Crashtest-Dummy einsetzt, wirkt manchmal wie eine Variation des „Glasknochenmanns“ aus M. Night Shyamalans „Unbreakable“ (2000), seinerseits ein Gegenentwurf zur Gattung der konventionellen Comicverfilmungen. Auch „The Piano Accident“ kann man als eine Comicverfilmung-in-Opposition betrachten, deren Ansatz darin besteht, durch die Illusion der Unzerstörbarkeit hindurch zum Innenleben der Superheldin vorzudringen, um den mentalen Verfall in ihr offenzulegen. Ebenso gut könnte man behaupten, dass sich Spuren von David Cronenbergs „Crash“ (1996) finden lassen, nur dass die Schmerzunempfindlichkeit der Hauptfigur den Teil mit der Lust aus der Gleichung streicht – es geht doch alles in allem recht leidenschaftslos zur Sache.

In erster Linie handelt es sich aber um eine schmerzhafte Satire auf Personenkulte im Zeitalter des World Wide Web. Adèle Exarchopoulos wurde im Jahr 1993 geboren, dem Jahr, in dem auch der Durchschnittsuser dank grafischer Oberflächen breitflächigen Zugang zum Internet erhielt. Diese Überschneidung wird auch in der Handlung als Parallele zur Hauptfigur gezogen.

Nimm dies, Internet!

Dupieux ist nicht daran gelegen, sich auf die Oberflächlichkeit des Influencertums einzuschießen und den entsprechenden Zweig bloßzustellen, was angesichts der großen Angriffsflächen ein nur allzu leichtes Ziel wäre; sein Fokus gilt vielmehr der Konsumentenseite. Der Journalismus, beziehungsweise noch allgemeiner die digitalen Informationsmedien, bekommen dabei besonders ihr Fett weg. Zur Mitte hin entwickelt sich „The Piano Accident“ zu diesen Ehren sogar zu einem Erpressungsthriller, als eine Journalistin versucht, eine Art „Interview mit einem Vampir“-Szenario zu beschwören, unter dem vermeintlich edlen Vorwand, der Wahrheit Rechnung zu tragen. Sandrine Kiberlain spielt diese Protagonistin wunderbar intransparent mit einer Maske der Aufrichtigkeit und des Mitgefühls, die ihr unmoralisches Handeln mit einer Doppelmoral belädt.

Doch auch die Follower kommen nicht ungeschoren davon. Mit Karim Leklou in der Rolle eines Stalkers, der für seinen kleinen Bruder zudem noch ein ganz schlechtes Vorbild abgibt, ist ein besonders perfides Exemplar in den Handlungsrahmen installiert, das vor allem deswegen so abstoßend geraten ist, weil es sich der Anstößigkeit seines Verhaltens nicht im Geringsten bewusst ist. Auch Jérôme Commandeur hat als unscheinbarer Assistent und Bodyguard seine diesbezüglichen Momente, gerade weil er der Einzige ist, der im inneren Kreis der Hauptfigur verblieben ist und deswegen dazu in der Lage ist, besonders viel Schaden anzurichten.

Der Ton bleibt dabei konsequent trocken, steril und nüchtern; das Comichafte ergibt sich nicht aus der Darstellung, sondern der Intension. Anders gesagt: Nachdem das Piano gefallen ist, sieht man anstelle von Beulen, Sternen und zwitschernden Vögeln physikalisch glaubwürdige Konsequenzen. Aber man registriert die Tatsache, dass fallende Pianos generell üblicherweise in Zeichentrickfilmen beheimatet sind. Dadurch entsteht diese Dissonanz, die so typisch ist für die Arbeiten von Dupieux. Erst als die Dinge im letzten Akt dann auf einmal doch im Stil einer schwarzhumorigen Murder Mystery eskalieren, bricht die Handlung aus ihrem sturen Meta-Raster aus und nähert sich Genrekonventionen an.

„The Piano Accident“: Ein Film wie eine Subkontra-Oktave

Wie präzise Quentin Dupieux mit seinen willkürlich erscheinenden, surrealen Einfällen tatsächlich arbeitet, wird spätestens beim letzten Schlüsselbild mit wartenden Fans vor einem Tor deutlich, als der gesamte Inhalt auf seine Quintessenz zusammenfällt. „The Piano Accident“ ist bei all seinen verschnörkelten Ansätzen unter dem Strich tatsächlich doch nur dieser eine, beharrliche Ton anstatt einer ausgefeilten Notenfolge. Aber der geht dafür so richtig in Mark und Bein.

7 von 10

Informationen zur Veröffentlichung

Mit den Filmen von Quentin Dupieux ist das leider so eine Sache. Seit „Eine Fliege kommt selten allein“ hat sich kein deutsches Label mehr seiner Filme angenommen. Was seine Filme ab 2023 angeht, sieht es sogar international eher düster aus mit einer Veröffentlichung. Wie „Yannick“ kann „The Piano Accident“ momentan immerhin mit einem Mubi-Abonnement gestreamt werden. Präsentiert wird er im französischen Originalton mit optionalen deutschen Untertiteln. Das ersetzt eine physische Veröffentlichung zwar nicht, ist aber immer noch besser als das Schicksal seiner beiden direkten Vorgänger – die kann man momentan nämlich gar nicht streamen, leihen oder erwerben.

Sascha Ganser (Vince)

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