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Lightning Bug

Originaltitel: Lightning Bug__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2003__Regie: Robert Hall__Darsteller: Bret Harrison, Laura Prepon, Kevin Gage, Ashley Laurence, Shannon Eubanks, Lucas Till, Hal Sparks, Josh Todd, Bob Penny, George Faughnan, Jonathan Spencer u.a.
Lightning Bug

Effekt-Maestro Robert Hall präsentiert mit “Lightning Bug” sein quasi autobiografisches Filmdebüt.

Eine einsame Landstraße bei vollkommener Dunkelheit. Ein Cadillac rast an der Kamera vorbei, als sich die Beifahrertür öffnet und jemand bei voller Fahrt aus dem Auto gestoßen wird. Der Körper rutscht über die Fahrbahn und bleibt irgendwann reglos liegen. Der Cadillac hält und eine Person entsteigt dem Wagen. Sie geht zum Kofferraum, öffnet ihn und entnimmt ihm den Wagenheber. Damit läuft die Person ruhigen Schrittes auf den reglos daliegenden Körper zu…

„Lightning Bug“ von Robert Hall beginnt, wie man es von einem Mann wie ihm erwarten würde. Hall hat sich nämlich mit seinen qualitativ hochwertigen Special Effects (häufig, aber nicht nur für Horrorfilme („Wer“ sei genannt)) einen Namen in Hollywood gemacht und mit seinen brachial brutalen „Chromeskull“-Streifen die Slasher-Fans rund um die Welt aufhorchen lassen. „Lightning Bug“ aus dem Jahre 2004 stellt sein Regie-Debüt dar und geht, bezieht man die bekanntesten Arbeiten Halls ein, eher unvermutete Wege. Denn bis auf wenige Motive und kurze Szenen ist „Lightning Bug“ definitiv kein Horrorstreifen. Vielmehr ist er eine nicht immer ganz rund laufende Coming-of-Age-Geschichte, die trotz einer gewissen Sperrigkeit den Zuschauer in ihren Bann zieht…

In dieser geht es um die Graves. Eine kleine Familie, die wegen finanzieller Schwierigkeiten aus Detroit verschwinden musste und nun in Alabama ein neues Leben anfangen will. Vor allem die Mutter treiben zunächst große Ambitionen um und sie erklärt ihren Kindern, dass ihre neue Bleibe, ein riesiger Trailer (Wohnwagen), nicht allzu lange das neue Zuhause der Familie bleiben werde. Einen Schnitt später sehen wir, dass es auch Jahre später nicht geklappt hat, der Trailer-Wirklichkeit zu entfliehen. Vielmehr hat sich die Mutter der beiden Brüder Green und Jay einen Versager von einem Mann gegriffen, der mit immer neuen großen Plänen um die Ecke kommt, letzten Endes aber alles Geld einfach nur versäuft.

Doch Green, der ältere der beiden Brüder, hofft für sich auf einen Ausweg. Diesen hofft er eines Tages in Hollywood zu finden. Denn er ist begeisterter Horrorfan und hat ein Talent für das Designen abscheulicher Kreaturen und kreativer Masken. Sein erster großer Schritt steht kurz bevor: Er will das örtliche Geisterhaus für eine große Halloween-Show vorbereiten und tüftelt täglich an neuen Gestalten und schockierenden Details. Blöderweise driftet Greens neuer Stiefvater im Alkoholwahn immer mehr ab. Die örtliche Kirchengruppe hält nichts von Greens „satanischen“ Aktivitäten in dem Geisterhaus. Und seine große Liebe, Angevin, hat ein großes Geheimnis…

Robert Hall („Fear Clinic“) taucht in seinem Regie-Debüt tief in die Untiefen der White-Trash-Gesellschaft Amerikas ein. Die Geschichte eines Jugendlichen, der sich aufgrund seiner Special-Effects-Fertigkeiten die Flucht aus dem Milieu und den Einstieg ins Filmgeschäft erträumt, lehnte er dabei lose an seine eigene Vergangenheit und seinen Weg in das Business an. Dabei fokussiert „Lightning Bug“ auf einen Zeitraum von etwa zwei Jahren, in denen sich Greens Leben grundlegend verändert. Das liegt vor allem an seinem Zusammentreffen mit Angevin, die behauptet, bereits als Schauspielerin gearbeitet zu haben, und in die sich der Filmnerd Hals über Kopf verguckt. Ihr will er beweisen, dass er es schaffen kann. Blöderweise ist Angevins Mutter zutiefst gläubig und arg verwirrt, was Green schmerzlich zu spüren bekommen wird. Problematisch ist auch, dass sich die Lage zwischen seiner Mutter und ihrem alkoholsüchtigen Mann merklich verschärft.

Schade ist, dass „Lightning Bug“ in seiner Figurenzeichnung sehr eindimensional wirkt. Kaum eine der Figuren verfügt über Schattierungen. Sie sind klar getrennt in Schwarz und Weiß. Das geht soweit, dass vor allem die Figuren der Bösen in diesem Stück teilweise schon zu Karikaturen verkommen, die beinahe blindwütig und unkontrollierbar agieren. Im Grunde bekommen nur Angevin und Green eine wirklich plastische und vor allem ausgewogene Charakterzeichnung spendiert, die den Helden der Chose auch dunklere Seiten zugesteht. Eine weitere Schwäche betrifft die Dramaturgie des Filmes: Obwohl Hall die Ereignisse verdichten und zuspitzen will, verliert er irgendwann spürbar sein Ziel aus den Augen. Die finalen Konflikte und Probleme kommen so nicht rundweg beim Zuschauer an. Es tun sich auf einmal zu viele Nebenschauplätze auf, die vom eigentlichen Storystrang ein Stück weit ablenken. Allerdings in keinem Fall stark genug, dass man das Interesse verlieren würde.

Green wird von einem sympathisch aufspielenden Bret Harrison („Reaper“) gegeben, der neben seinem einnehmenden Spiel eine erstaunliche Ähnlichkeit zu Robert Hall hat, was die vorliegende Vermischung aus Wahrheit und Fiktion noch deutlicher in Richtung einer biografisch angehauchten Abhandlung verschiebt. Angevin wird von Laura Prepon („Lady Vegas“) gespielt. Die hübsche Darstellerin haucht dem Film viel Leben ein und hat eine tolle Chemie mit Harrison. Prepon produzierte „Lightning Bug“ sogar mit, strebte sie mit dem Film doch eine Art Imagekorrektur nach ihrem langjährigen Mitwirken an der Comedy-Serie „Die wilden Siebziger“ an. Als wirklich finstere Unsympathen liefern Kevin Gage („The Killing Jar“) und Shannon Eubanks starke, ab und an ins Overacting kippende Leistungen ab. Eine stark aufspielende Ashley Laurence („Hellraiser“) als leider arg naiv und für meinen Geschmack zu schwach und zögerlich gezeichnete Mutter Greens und Lucas Till („X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“) als Greens etwas verschenkt wirkender Bruder runden den durchaus interessanten Cast ab.

Robert Hall inszenierte seinen Film seinem Sujet entsprechend ziemlich trostlos. „Lightning Bug“ wirkt in seiner Bildsprache roh, rau und ziemlich gritty. Im besten Sinne schäbig, wie eben das Milieu, in dem die meisten Figuren des Streifens gefangen sind. Hall bebildert den Alltag seiner Figuren dabei konzentriert und bedächtig und verortet seinen Film irgendwo in den späten 80ern und frühen 90ern. Zudem erlaubt er sich einige Insider Filmjokes. So stehen in Greens Lieblingsvideothek doch tatsächlich Videohüllen von Robert Halls „Laid to Rest“, was andeutet, seit wann der Filmemacher bereits mit der Idee zu diesem Film schwanger ging. Immerhin entstand selbiger erst fünf Jahre später. Interessant ist auch, dass ausgerechnet Ashley Laurence eine Fangoria-Zeitschrift kauft, die sich auf dem Titel mit „Hellraiser“ auseinandersetzt.

Was bleibt, ist eine in ihrer Dramaturgie manchmal etwas holprige, irgendwann zu unfokussierte und sperrige Coming-of-Age-Geschichte, die weiß Gott nichts Neues erzählt oder dem Genre neue Nuancen hinzuzufügen vermag, in ihren besten Momenten aber umso mehr in Herz und Seele berührt. Ihr Reiz besteht darin, so eng mit dem Leben und Werk ihres Machers verknüpft zu sein, was es vor allem Filmfans leicht macht, in „Lightning Bug“ hineinzufinden. Denn einem Charakter, dessen Herz vollkommen für den Film und dessen Illusionen schlägt, folgt man nur zu gerne. Dabei hat Hall trotz der immer dramatischer werdenden Ereignisse ein gutes Gespür dafür, seine Figuren nicht in eine unendliche Abwärtsspirale zu schicken. Immer wieder gibt es auch hoffnungsvolle, angenehm humorvolle Momente, die die Schwere der Story aufbrechen und den Zuschauer besser in die Charaktere und deren Problemwelten eintauchen lassen. Was natürlich auch an dem tollen Hauptdarstellergespann Bret Harrison und Laura Prepon liegt. Sehr gelungen ist im Übrigen auch der unter den grobkörnigen und düsteren Bildern ertönende Score, der zwischen Singer/Songwriter Melancholie und hartem Metal rangiert.

Der Film erscheint am 24. April 2015 auf DVD und Blu-ray und kommt von dem Label „Mad Dimension“. „Lightning Bug“ ist mit einer FSK 16 ungeschnitten und hat neben einem Making Of, Outtakes und einem Musikvideo auch Deleted Scenes an Bord, in denen Donald Gibb aus „Bloodsport“ einen Subplot befeuern darf.

In diesem Sinne:
freeman

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Copyright aller Filmbilder/Label: Mad Dimension__FSK Freigabe: ab 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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