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Mārama

Originaltitel: Mārama__ Herstellungsland: Neuseeland-UK __ Erscheinungsjahr: 2025__ Regie: Taratoa Stappard__ Darsteller: Ariana Osborne, Toby Stephens, Erroll Shand, Umi Myers, Evelyn Towersey, Jordan Mooney, Mihi Te Rauhi Daniels, Turia Schmidt-Peke, …

Mārama

Zum Trailer (engl. OV) geht’s hier!

Whakapapa. Whānau. Utu.

Die Übersetzung dieser drei Worte aus der indigenen Sprache Aotearoas bzw. Neuseelands (Te Reo Māori) lautet: Genealogie, Familie und Rache bzw. Gerechtigkeit. Inhaltlich spielen sie eine wichtige Rolle in „Mārama“ – dem Feature-Film-Debüt des in Hāwera (NZ) geborenen, die meiste Zeit seines bisherigen Lebens allerdings in London ansässigen Regisseurs und Drehbuch-Autors Taratoa Stappard: Ein düster-atmosphärisches Gothic-Horror-Drama, welches er u.a. aus eigener Ahnen- und Historien-Forschung hervorgehend verfasst hatte. Mit einem Themen-verwandten Short sozusagen bereits als Proof-of-Concept-Anschauungs-Material aufwarten könnend – „Taumanu“ aus dem Jahr 2022 – pitchte er das Werk innerhalb der Branche als „Get Out“ meets „Lady Macbeth“ – worauf er es schließlich in Gestalt einer neuseeländisch-britischen Indie-Co-Produktion zu realisieren vermochte. Nach seiner Premiere im Rahmen des offiziellen 2025er „TIFF“-Programms, diversen Festival-Screenings und Kino-Starts (z.B. in Frankreich und den USA) steht der als Slow Burn zu charakterisierende Streifen übrigens weiterhin (Stand 06/2026) bei fabelhaften 100% bei „Rotten Tomatoes“…

1859 angesiedelt, wird die Geschichte Marys (Ariāna Osborne) erzählt – einer jungen Māori, die von ihrer Heimat aus die beschwerliche Reise nach England auf sich nimmt, um Informationen über ihre leiblichen Eltern (sowie eventuell über weitere Angehörige) zu erlangen. Als sie in Yorkshire eintrifft, ist der Mann, der ihr via Brief die ersehnten Antworten versprochen sowie die Kosten des nicht unaufwändigen Unterfangens übernommen hatte, allerdings schon verstorben. Ein wohlhabender Bekannter des Herrn, Sir Nathaniel Cole (Toby Stephens), lädt Mary kurzerhand dazu ein, bei sich auf seinem Anwesen unterzukommen – wo jener gemeinsam mit seinem verwitweten Sohn Arthur (Jordan Mooney) und dessen Tochter Anne (Evelyn Towersey) wohnt. Überdies mit zugegen sind Cole’s Vertrauter Jack (Erroll Shand) – seines Zeichens ebenfalls ein Māori – sowie die Bedienstete Peggy (Umi Myers). Mittellos und allein – davon losgelöst jedoch resolut und gebildet – bietet ihr Cole eine Anstellung als Gouvernante Annes an – was die Neunjährige erfreut sowie Mary zunehmendere Einsichten in den Alltag dieser Leute gewährt, die ein irritierend ausgeprägtes Faible für die Māori-Kultur besitzen…

Das Haus ist voller Objekte und Sammlerstücke jenes Ursprungs und Brauchtums, welche Cole vorrangig über Jack bezieht – und alle (bis auf Peggy) können sich mehr oder minder gut in der spezifischen Varietät jener polynesischen Region verständigen. Darüber hinaus findet Mary sogar eine traditionelle Wharenui-Hütte in einem abgetrennten Bereich des Gartens vor, die Cole aus Neuseeland hat herschiffen und bei sich neu aufbauen lassen. Im Grunde sofort beginnt sie an bedrückenden Visionen und Träumen zu leiden, in denen sie sich selbst entweder an metaphysischen Orten (wie einem surrealen Strand-Abschnitt) oder an konkreten in ihrer direkten Umgebung sieht. Sie begibt sich an Nachforschungen, redet mit Peggy, wundert sich über Arthur’s Gebaren ihr gegenüber, der (depressiv sowie des Öfteren betrunken) ihren Blick kaum erwidern kann – und erspäht zudem ein auffälliges Hautmal auf Anne’s Arm, das nahezu identisch mit einem ihrer ist. Irgendwann konfrontiert sie Cole schließlich mit allem – darin resultierend, dass er ihr gesteht, dass Mary’s Zwillingsschwester Emilie Arthur’s (inzwischen ja verstorbene) Ehefrau war; Anne also ihre Nichte sowie sie selbst somit ein Teil der Familie ist…

Obgleich „Mārama“ durchaus einzelne Jump-Scares aufweist, entfalten sich diese fast rein mit den „Erscheinungen“ verbunden, die Mary überkommen. Die erwähnte Preisgabe macht ihr klar, dass es sich bei einigen nicht etwa um ihre Zukunft handelt, sondern um Emilie’s Vergangenheit – während in anderen wiederum ein Mann getötet wird oder sie (in weniger beklemmenden) ihrer Mutter in einem spirituellen Liminalraum (am Meer) begegnet. Es wird offenbart, dass sie eine Deszendentin einer Seherin (Tohunga bzw. Matakite) ist – was mit gewissen Glaubens-Vorstellungen der Māori harmonieren mag; in diesem Genre aber unweigerlich „konventionell“ anmutet und dem Ganzen simultan den Faktor verwehrt, Mary manches selbst aktiv aufdecken zu lassen. Unüberhastet bewegen sich die Geschehnisse in der nicht einmal 90-minütigen Laufzeit voran: Fragen und Befürchtungen tun sich auf, Spuren werden nachgegangen sowie Geheimnisse und Erkenntnisse zutage gefördert. Seitens „Britisch-typischem Wetter“ sowie Locations wie das spärlich beleuchtete viktorianische Herrenhaus oder schroffe Klippen (samt rauer Brandung) an der Küste unterstützt, wird dabei eine kontinuierlich trist-kühle Stimmung vermittelt…

Als Māori geboren, wurde Mary im jungen Alter von ihrer Familie getrennt sowie durch ein europäisches Paar adoptiert, welches ihr jenen christlichen Namen gab und sie fürsorglich aufzog – ihr u.a. eine wertige Schulbildung zukommen ließ; ihr im Rahmen dessen aber auch die Möglichkeit gewährte, sich mit ihrer indigenen Herkunft zu beschäftigen (die Sprache, Bräuche, Historie etc. zu erlernen). Es wäre interessant gewesen, über knappe Details aus Gesprächen mit Cole und Anne hinweg weiteres über ihr Heranwachsen dargereicht zu erhalten – allerdings ist ihre daraus entstammte Motivation nichtsdestotrotz umfänglich nachvollziehbar. Sie ist eine markige Protagonistin, die sich mit inneren und äußeren Dämonen auseinandersetzen muss sowie von Ariāna Osborne („In a Flash“) – selbst eine stolze Māori (Ngāti Mutunga sowie Te Āti Haunui-a-Pāpārangi) – rundum überzeugend verkörpert wird: Wehrhaft, ausdruckskräftig und sich zügig die Gunst des Publikums sichernd. Derweil ruft Newcomerin Evelyn Towersey als Anne keine Veranlassung zur Klage hervor und agieren Umi Myers („Bob Marley: One Love“) und Jordan Mooney („the Bluff“) in ihren Nebenparts als Peggy und Arthur ebenso ordentlich…

Cole betrachtet sich als einen respektvollen Bewunderer und bewahrenden Kurator der Māori-Kultur – doch seine geradezu verehrende Fixierung ist eher oberflächlich „dekorativ-fetischisierend“. Toby Stephens („the Machine“) portraitiert ihn genau das ergiebig treffend: Selbstbewusst, mit Einfluss und Geld, philanthropisch-würdigend sowie zwielichtig; mit erahnbaren Abgründen. Die Briten waren Kolonisatoren, welche in diversen Übersee-Gebieten u.a. eine „Assimilation an den Westen“ anstrebten, blutige Konflikte auslösten, massive Land-Enteignungen erzwangen, soziale Ordnungen zerschlugen sowie obendrein Krankheiten einschleppten. Bei all der dem von ihm geschätzten Volk gebotenen „Zuwendung“ ist Cole’s Macht-Position dennoch unverkennbar. Gern hätte ich insgesamt indes ein Stück weit mehr über Jack erfahren – Ausstrahlungs-intensiv prima gespielt von Erroll Shand („Deathgasm“) – speziell in der Hinsicht, was ihn dazu bewogen hat, zu Cole’s Handlanger (und somit in jenem Sinne zu einem Verräter seiner Landsleute und Traditionen) zu werden. Ein besseres Leben? Wahrscheinlich. Doch wie denkt er im Innern darüber? Hin und wieder hätte der Film-Inhalt da mehr „Tiefe/Dichte“ vertragen können…

Das Centerpiece von „Mārama“ ist eine Geburtstagsfeier Coles, für die sich alle unter dem Motto seines persönlichen Faibles verkleidet haben – auf welcher Jack dann zur Belustigung der Gäste eine von Gesang begleitete Performance über James Cook aufführt: Ein groteskes „Spektakel“ – und das nicht nur, weil der Māori dafür in die Rolle eben jenes (neben seinen Errungenschaften) für gravierende Unterdrückungen bekannten Captains schlüpft sowie er überdies die Jagd auf Wale (für die Māori heilige Tiere) mit darin einbindet; u.a. da Cole so zu seinem Vermögen gekommen war. Angesichts dieser dekadenten, von Gelächter und Alkohol-Konsum begleiteten despektierlichen Geschmacklosigkeit zum Amüsement dieser Gruppe Angehöriger des dermaßen viel Leid ausgelösten Empires erreicht Mary (in einem prächtigen roten Kleid gehüllt) schließlich ihren Breaking Point und entlädt all ihre angestauten Emotionen (wie Abscheu und Wut) in Gestalt eines Hakas – eines expressiven Ritual-Tanzes mit rhythmisch-intensiven Gesten, Mimiken, Rezitierungen und stampfenden Bewegungen. Es ist eine furiose, für einige Zuschauer garantiert leicht befremdliche Szene, nach der sich Mary all dem dort im Hause entschieden lossagt…

Fortan verweigert sie sich der Unterordnung dieser Menschen und embraced erneut bestärkt-beherzt solche Dinge wie ihren einstiegen Geburtsnamen: Mārama. Schockierende Entdeckungen und eine brutale, kathartische Eskalation folgen. Mit einem feinen Victorian-Gothic-Produktions-Design und einer Musik-Untermalung ausgestattet, welche die atmosphärische Bebilderung Gin Loanes („the Convert“) unaufdringlich komplementiert, sowie gänzlich in Neuseeland gedreht, hat Stappard ein Werk geschaffen, das auf ruhige Weise eine mit Mystery- und Horror-Elementen aufwartende dramatische Geschichte über Kolonialismus, Repression, Ausbeutung, Rassismus, „Cultural Appropriation“, Überlieferung, Familie und Identität erzählt. Dazu noch Gender-Dynamiken, Inspirationen von Autoren wie den Brontë Schwestern, Symbolismus sowie dass man verschiedenes über die Māori erfährt, was die meisten in unseren Breitengraden nicht unbedingt zu ihrem Wissensschatz zählen dürften – wobei Kundigen dagegen bspw. eine Einstellung, in der einer Frau Blut das Kinn hinunterläuft, postwendend die markanten Moko-Kauae-Tattoos ins Gedächtnis ruft. Kurzum: Ein sehens- und empfehlenswertes Genre-Hybrid abseits des Mainstreams…

7 von 10

Während „Mārama“ hierzulande bereits im Programm der „Fantasy Filmfest Nights“ mit dabei war, sind mir darüber hinaus bis heute (06/2026) noch keine weiteren Veröffentlichungspläne für Deutschland bekannt…

Stefan Seidl

Mārama

(© Watermelon Pictures, Vendetta & Dark Sky Films)

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Copyright der „Mārama“ Postermotive und Pics: Hinterland Creative / MPI Media Group / New Zealand Film Commission / Sweetshop Ent. / Te Tumu Whakaata Taonga / The Black List / The Sweetshop / Vendetta Films / Watermelon Pictures, Dark Sky Films (US)__ Freigabe der amerikanischen VÖ: Rated R__ DVD/BluRay/VOD: nein/nein/ja

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