Mit dem „X-Men“-Spin-Off „The New Mutants“ geht Josh Boone vom klassischen Superheldenbombast weg hin zu einer Art Coming-of-Age-Horrorfilm. Die fünf Jungmutanten Maisie Williams, Anya Taylor-Joy, Charlie Heaton, Blu Hunt und Henrique Zaga werden in einer abgelegenen Klinik von Ärztin Alice Braga auf die Gefährlichkeit ihrer neuen Fähigkeiten untersucht, doch bald häufen sich unheimliche Geschehnisse.
| Originaltitel: The New Mutants__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2020__Regie: Josh Boone__Darsteller: Maisie Williams, Anya Taylor-Joy, Charlie Heaton, Alice Braga, Blu Hunt, Henrique Zaga, Adam Beach u.a. |
„The New Mutants“ hat eine lange schwere Produktionsgeschichte hinter sich. Als „X-Men“-Spin-Off mit PG-13 erst für den April 2018 geplant, nach dem „Es“-Erfolg zwischenzeitlich als R-Rated-Horrorfilm angedacht und dann noch im 20th-Century-Fox-Verkauf an Disney untergegangen, kam das Endergebnis erst im Herbst 2020 raus – dann wieder als PG-13-Film.
Das Setting ist immerhin klassischer Horrorstoff, eine verlassene Klinik mit Nervenheilanstalt-Vibes, in der die indigene Protagonistin Danielle ‘Dani‘ Moonstar (Blu Hunt) erwacht, nachdem es ihren gesamten Stamm dahingerafft hat. Die Ärztin Dr. Cecilia Reyes (Alice Braga) will Dani überzeugen, dass ein Tornado für die zahlreichen Toten verantwortlich ist, was ihr jedoch weder Dani noch das Publikum glauben mag – schließlich ist man intra- wie extradiegetisch Zeuge eines dämonischen Grollens und einer riesenhaften Gestalt im Schneesturm geworden. Allerdings, das ist wiederum allen Beteiligten klar, liegt es an Danis nicht näher definierten Mutantenfähigkeiten, dass sie das Massaker ohne größere Blessuren überstanden hat.
Dies ist allerdings auch der Grund, warum sie jetzt in der Klinik ist. Denn Dr. Reyes überwacht dort neue Mutanten, um festzustellen, ob sie eine Gefahr für die Allgemeinheit sind. Es gibt auch Therapiesitzungen, in denen Dani ihre Mitpatienten kennenlernt: Die mürrisch-biestige Illyana Rasputin (Anya Taylor-Joy) aus Russland, die schüchterne Rahne Sinclair (Maisie Williams) aus Schottland, den in sich gekehrten Sam Guthrie (Charlie Heaton) aus den USA und den Möchtegern-Macho Roberto da Costa (Henrique Zaga) aus reichem Hause in Brasilien. Eine Zwangsgemeinschaft, die unterschiedlich positiv auf den Neuzugang reagiert, alle im Teenager-Alter. Regisseur und Co-Autor Josh Boone hatte mit „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ bereits einen Young-Adult-Hit für Fox gelandet, initiierte das „New Mutants“-Projekt als Fan der Comicvorlage allerdings selbst, nicht auf Betreiben des Studios.
Während sich Dani langsam in der seltsamen Einrichtung, deren einziges Personal Dr. Reyes ist, einlebt, häufen sich allerdings seltsame Vorkommnisse der horriblen Art. Doch wer steckt hinter den zunehmend bedrohlichen Geschehnissen?
Schaut euch den Trailer zu „The New Mutants“ an
Maisie Williams aus der Erfolgsserie „Game of Thrones“, Charlie Heaton aus dem Streaming-Hit „Stranger Things“ und „The Witch“-Entdeckung Anya Taylor-Joy – „The New Mutants” ging beim Casting seines Kammerspiels auf Nummer sicher. So wird Hauptdarstellerin Blu Hunt („The Originals“) in den Credits erst an fünfter Stelle genannt, schlägt sich aber wacker. Maisie Williams als schüchterne, mit dem eigenen Wesen hadernde Rahne liefert die wohl stärkste Performance ab, Charlie Heaton spielt einfach nochmal seinen „Stranger Things“-Stiefel runter und Henrique Zada („The Ministry of Ungentlemanly Warfare“) ist ganz okay. Eher gemischte Gefühle hinterlässt Anya Taylor-Joy, deren Figur irgendwann von bitchig-biestig auf heroisch umschaltet, während Alice Braga („Hypnotic“) eine gute Performance als Ärztin abliefert, bei der man sich nie sicher sein kann, inwieweit sie das Wohl ihrer Schützlinge im Blick hat. Diese sechs sind fast das ganze Personal des Films, der Rest der Schauspieler ist nur ultrakurz zu sehen, darunter Adam Beach („Red Machine“) als Go-to-Guy für Indianer-Rollen als Danis Vater, den es schon beim Auftakt dahinrafft.

Die neuen Mutanten: Rahne Sinclair (Maisie Williams), Roberto da Costa (Henrique Zaga), Danielle ‘Dani‘ Moonstar (Blu Hunt), Sam Guthrie (Charlie Heaton) und Illyana Rasputin (Anya Taylor-Joy)
Die (teilweise explizit in Interviews genannten) Vorbilder für „New Mutants“ sind unschwer zu erkennen: „Breakfast Club“ (Zwangsgemeinschaft höchst unterschiedlicher Teenager), „Nightmare on Elm Street 3“ (Teens gegen eine Horror-Bedrohung im Kliniksetting) und ein bisschen „Einer flog über das Kuckucksnest“ (Auflehnung gegen die Obrigkeit im Kontext einer Nervenheilanstalt). Anbindungen an das „X-Men“-Universum sind sehr: Es wird von Dr. Reyes in den Raum gestellt, dass erfolgreich therapierte Neumutanten auf die Schule von Professor X gehen können, minimale Verweise auf „Logan“ sind zu finden Comicfans wissen vielleicht noch, dass es sich bei Illyana um die Schwester von Colossus handelt. Doch alle größeren, zwischenzeitlich geplanten Verweise und Gastauftritte wurden nicht zuletzt wegen der Disney-Übernahme gekappt. Dies kam allerdings auch eher Boones ursprünglicher Version eines Standalone-Films entgegen, der sich in Sachen Genre und Ton von den gängigen Superheldenfilmen unterscheidet.
Insofern ist „The New Mutants“ nicht nur vom Tonfall, sondern auch von den Schauwerten her eine Abkehr vom Superhelden-Bombast, mit einem Actionfinale als Zugeständnis ans Genre. Das wartet immerhin mit ein paar cool designten, wenn auch nur solide animierten Kreaturen auf, einige menschengroß und creepy, eine riesig und bedrohlich. Die Action ist ganz okay gemacht, aber auch wenig herausragend, mit viel CGI-Einsatz, sodass das Team um Stunt Coordinator Walter Garcia („The School for Good and Evil“) nur begrenzt gefordert ist. Die Fähigkeiten der Neumutanten kommen hier teilweise erst vollends zum Einsatz, wobei sich ein ziemliches Ungleichgewicht offenbart: Die meisten haben nur eine Superkraft (wie explosive Schnelligkeit), eine Figur dagegen hat anscheinend gleich fünf davon bekommen und wirkt im Gegensatz zum Rest der Truppe ordentlich überpowert.
Doch nicht nur bei den Figuren, auch bei den Genres finden Boone und sein Co-Autor Knate Lee („Kidnap“) nicht so richtig das Gleichgewicht. Als Superheldenfilm bespielt er eben eine etwas andere Tonart, als Horrorfilm ist dagegen reichlich zahnlos. Das Personal ist übersichtlich, mit vielen Toten ist also nicht zu rechnen, die Spannungspassagen halten sich in Grenzen und auch die Schreckszenen sind meist harmlos, zumal der Horrorpart recht spät einsetzt. Zudem kann man sich viele Fragen, die der Film stellt, mühelos schnell beantworten, wenn man ein wenig aufpasst sowie etwas Horror- und „X-Men“-Kenntnis hat. Was die anfangs verschwiegenen Mutantenkräfte von Dani und Roberto sind, ob die Einrichtung wirklich mit Professor X zusammenarbeitet, ob die Hintermänner Gutes im Sinn haben und wer wohl für die unerklärlichen Vorkommnisse verantwortlich ist – alles genauso, wie man es erwartet. Höchstens die Frage, inwieweit Dr. Reyes Schurkin oder nur wohlmeinende Befehlsempfängerin ist, sorgt für etwas Ambivalenz, wird aber auch kaum beleuchtet.
So funktioniert „The New Mutants“ dann am ehesten als Coming-of-Age-Story mit Phantastik-Einschlag – was immerhin den Löwenanteil des Films ausmacht. Die Jugendlichen fordern sich heraus, müssen als Gemeinschaft wider Willen klarkommen, zarte amouröse Bande werden geknüpft, Traumata aufgearbeitet, das händelt Boone mit Fingerspitzengefühl und guter Charakterzeichnung, auch wenn der Fokus überdeutlich auf den drei Mädels liegt, während die beiden Jungs eher Nebenfiguren bleiben. Teilweise traut sich „The New Mutants“ an düsteres Material heran. Wo Rogue im ersten „X-Men“-Film ihrem Freund nur beinahe die Lebensenergie entzog, so haben die Patienten in diesem Film meist Menschen auf dem Gewissen, wenn auch in der Regel ungewollt. Einige müssen mit der Schuld leben, andere sind (zusätzlich) belastet. Eine Figur entstammt einem rigide-religiösen Umfeld, das Mutation für ein Werk des Teufels hält, eine andere ist das Opfer von Kindesmissbrauch. Das gibt den Figuren nicht nur Tiefe, sondern auch Ecken und Kanten, wenngleich sich „The New Mutants“ bisweilen wie eine Vorstufe für Sequels anfühlt, die dann nicht mehr kamen.
So hinterlässt Boones gemischte Gefühle. Der Ansatz hat zwar klare Vorbilder, ist im Superheldenkontext allerdings einigermaßen frisch, das Casting und die Figurenzeichnung passen, die Anlage als Kammerspiel mit wenigen Charakteren ist mutig. Dummerweise kann „The New Mutants“ seine guten Ansätze nie ganz vollenden, bleibt eine etwas unausgegorene Mischung aus Superheldenfilm, Coming of Age und Horror, ohne ein Genre so richtig zu bedienen. Mit seinem Mut für etwas andere Wege immerhin minimal besser als die direkten Vorgänger „Apocalypse“ und „Dark Phoenix“, aber keine Rückkehr zu „X-Men“-Glanzzeiten.
Knappe:
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The New Mutants wurde von Walt Disney/20th Century Studios in Deutschland auf Blu-Ray und DVD veröffentlicht, ungekürzt ab 16 Jahren freigegeben. Die DVD bietet kein Bonusmaterial, die Blu-Ray einen Audiokommentar, zusätzliche Szenen, Featurettes und Trailer.
© Nils Bothmann (McClane)
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