Mit „Primate“ liefert Johannes Roberts seinen Beitrag zum Subgenre des Affenhorrors ab. Darin wird der hochintelligente Schimpanse Ben von Tollwut befallen, bricht aus seinem Gehege aus und bedroht die Menschen im Heim seiner Besitzer, vor allem College-Studentin Lucy, ihre Schwester Erin und Lucys Freunde. Ein überraschend ruppiger Tierhorrorfilm, der fast nur an einer Location spielt.
| Originaltitel: Primate__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2025__Regie: Johannes Roberts__Darsteller: Johnny Sequoyah, Troy Kotsur, Jessica Alexander, Victoria Wyant, Gia Hunter, Benjamin Cheng, Charlie Mann, Tienne Simon, Miguel Torres Umba, Rob Delaney u.a. |
Von Anfängen mit murksigem Billigkram wie „Forest of the Damned“ oder „F“ arbeitete sich der britische Horrorregisseur Johannes Roberts weiter nach oben, durfte mit „Resident Evil: Welcome to Raccoon City“ eine größere Produktion verantworten, und steuerte mit „Primate“ einen Beitrag zum überschaubaren Subgenre des Affenhorrors bei.
Zu den Produktionsfirmen gehört in untergeordneter Form auch das Hollywoodstudio Paramount, doch Roberts, der gemeinsam mit Ernest Riera („47 Meters Down“) auch das Drehbuch schrieb, macht von Anfang an klar, dass „Primate“ kein glatter Mainstream ist. Es beginnt mit einem kleinen erzählerischen Vorgriff zugunsten der Schauwerte. Nach einer kleinen Texttafel zu Tollwut startet der Film mit dem Tierarzt Dr. Lambert (Rob Delaney), der dem Schimpansen Ben eine Spritze geben möchte. Natürlich ist die Tollwut schon zu weit fortgeschritten, natürlich wird der freundliche Doc das erste Opfer des Tieres. Doch nachdem der Mann vom Schimpansen in dessen dunkle Behausung gezogen wurde, endet das Ganze nicht mit dem handelsüblichen Todesschrei, sondern einem Fluchtversuch, bei dem der Kopf des Opfers aus dem Bau herausschaut und man sehen kann, wie der Affe dessen Gesichtshaut herunterreißt, womit der Ton schon mal gesetzt ist.
Anschließend springt „Primate“ 36 Stunden in die Vergangenheit, um kurz das Personal vorzustellen. Collegestudentin Lucy (Johnny Sequoyah) kehrt nach Jahren der Abwesenheit zurück in ihre Heimat auf Hawaii. Mit dabei sind ihre beste Freundin Kate (Victoria Wyant) sowie Hannah (Jessica Alexander), die von Kate eingeladen wurde, mit der Lucy allerdings nicht so gut kann. Abgeholt werden sie von Kates Bruder Nick (Benjamin Cheng), der sie zu Lucys Vater Adam (Troy Kotsur) und Schwester Erin (Gia Hunter) bringt. Dabei erfährt man nicht nur mehr über die Figuren, etwa dass der taube Adam ein erfolgreicher Schriftsteller ist, sondern dass es sich bei Ben um das hochintelligente Haustier der Familie handelt, das von Lucys und Erins kürzlich verstorbener Mutter, einer Sprachforscherin, trainiert wurde.
Nachdem Adam einen toten Mungo in Bens Gehege findet, den Tierarzt verständigt und zu einem Autogrammtermin aufbricht, ereignen sich die Geschehnisse der Auftaktszene. Geschehnisse, nach denen Ben aus seinem Gehege freikommt und das Haus betreten kann…
Schaut euch den Trailer zu „Primate“ an
„Primate“ ist jene Art von schlankem, angenehm fettfreien, aber doch recht ordentlich budgetiertem Genrekino, das Blumhouse und Co. noch in die Lichtspielhäuser bringen, sonst aber eher bei den Streamingdiensten zu finden ist. Roberts‘ Film kommt ohne große Subtexte oder Metaebenen daher, sondern will einfach nur für rund 90 Minuten Horrorthrill liefern. Mit dem edel designten Haus inklusive künstlicher Grotte mit Infinity Pool hat der Film eine schick designte Location zu bieten, welche die Handlung selten verlässt. Dass der tollwütige Ben Angst vor Wasser hat und der Pool so eine rettende Oase ist, nutzt „Primate“ dabei auch immer wieder gewinnbringend aus. Roberts und sein Kameramann Stephen Murphy („Heart Eyes“) etablieren den Schauplatz und seine Geographie, sodass das Katz-und-Maus-Spiel mit tollwütigen Primaten nachvollziehbar und spannend bleibt, bieten die Räume und ihre Eigenheiten doch stets Stellen, an denen sich die Bedrohung oder die Gejagten verstecken können. Mal mag der kletterfähige Primat in den hohen Decken lauern, mal mag das Geräusch eines Fernsehers ihn anlocken, mal verstecken sich Menschen im Schrank vor ihm.
Auch die Figuren sind angesichts der Kürze der Zeit recht gut geschrieben. Allzu tief oder facettenreich ist „Primate“ sicher nicht, sondern verlässt sich auf Archetypen, aber gibt ihnen Profil und tappt nicht zu sehr in die Klischeefalle. So wäre es ein Leichtes gewesen aus Hannah bloß eine doofe Planschkuh zu machen, doch auch die zeigt positive Seiten, etwa wenn sie sich um die verletzte Erin kümmert. Eine Ausnahme sind zwei Party-Boys, die die Mädels auf dem Flug kennenlernen und zum Feiern einladen – das weitere Schicksal der beiden Honks kann man sich unschwer ausmalen, da sie in erster Linie zum Aufpolstern der dünnen Personaldecke sind. Manches Klischee kann „Primate“ auch nicht umschiffen: So tut Adam die Obduktionsergebnisse des Mungos erst als Fehler ab, da die Tollwut auf Hawaii offiziell aus ausgerottet gilt. Dass Lucy (die den gleichen Namen trägt wie die Überreste der ersten gefundenen Urzeitfrau) als Final Girl prädestiniert ist, ist ebenso klar. Dafür sorgt „Primate“ für einige Überraschungen bezüglich der Fragen, wer sterben muss und in welcher Reihenfolge.
Auch das Personal vor der Kamera hilft tatkräftig bei der Umsetzung. Roberts setzt auf weitestgehend unverbrauchte Gesichter, mit Miniprominenz in den Erwachsenenrollen. Rob Delaney ist unter anderem als Peter aus „Deadpool 2“ und „Deadpool & Wolverine“ bekannt, wird aber direkt in der Anfangsszene weggehäckselt, der auch in der Realität taube Troy Kotsur war unter anderem im Oscar-prämierten „CODA“ in einer Hauptrolle zu sehen und macht eine gute (Neben)Figur als Vater. Die jüngere Seite, allen voran Hauptdarstellerin Johnny Sequoyah („Dexter: New Blood“), schlägt sich zwar nicht preisverdächtig, aber wacker, und das reicht im Rahmen des Genres und der Geschichte aus.
Ein weiterer wichtiger Darsteller ist Miguel Torres Umbra, der Ben im Animatronic-Affenkostüm darstellt, denn „Primate“ verzichtet auf dressierte Tiere ebenso wie auf CGI-Schimpansen. Umbra gibt der Bedrohung eine Persönlichkeit, gerade wenn zwischen der Tollwut-Raserei manchmal noch der sanfte Normalo-Ben durchscheint. Ebenso handgemacht wie der Schimpanse sind die Gore-Effekte, die zwar von geringer Zahl, aber überraschend heftig sind: Blutige Bisswunden, zermatschte Köpfe und als Höhepunkt ein rausgerupfter Kiefer. Selbst wenn ein Opfer von einer Klippe geworfen wird, dann zeigt „Primate“ sogar noch den Aufprall. Doch der Überlebenskampf setzt nicht nur auf gesunde Härte, sondern auch auf veritable Spannungspassagen, wenn die Menschen sich vor dem Affen verstecken, ihn bekämpfen oder ihn austricksen wollen. Ben ist ein intelligenter Gegenspieler, der die Funktion von Türklinken und Autoschlüsseln begreift, was für böse Überraschungen sorgen kann.
Abgesehen von „Der Affe im Menschen“ und „Link, der Butler“ sowie B-Movies wie „Shakma“ oder „Animal Rage“ hat „Primate“ im Bereich des Affenhorrors sicherlich wenig Konkurrenz, doch seine Pole Position in diesem Subgenre hat sich Roberts‘ Film durchaus verdient. Die Figuren sind sicherlich archetypisch und der Plot einfach, doch „Primate“ ist ein stark getrickster, spannender Horrorfilm mit angenehm wenig Fett auf den Rippen, der aus dem Fokus auf eine Location viel herausholt.
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„Primate“ ist in Deutschland bei Leonine auf DVD und Blu-Ray erschienen, ungekürzt ab 16 Jahren freigegeben. Auf DVD gibt es Featurettes als Extras, auf Blu-Ray zusätzlich noch einen Audiokommentar von Johannes Roberts und Produzent Walter Hamada.
© Nils Bothmann (McClane)
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