| Originaltitel: Varsity Blues__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1999__Regie: Brian Robbins__Darsteller: James Van Der Beek, Jon Voight, Paul Walker, Scott Caan, Amy Smart, Ron Lester, Richard Lineback, Ali Larter, Tiffany C. Love, Eliel Swinton, Thomas F. Duffy, Jill Parker-Jones, Tonie Perensky, Jesse Plemons u.a. |

In dem Sportdrama „Varsity Blues“ sind damalige Jungstars wie James Van Der Beek und Paul Walker als Footballspieler zu sehen
Kürzlich verstarb James Van Der Beek im Alter von nur 48 Jahren an Darmkrebs. Die Hauptrolle in „Dawson’s Creek“ verhalf ihm zum Durchbruch, aber aus dem Schatten von Dawson kam er auf der Leinwand nie so ganz heraus: Vehikel wie die Brett-Easton-Ellis-Adaption „Rules of Attraction“, der Neowestern „Texas Rangers“ und das Sportdrama „Varsity Blues“ machten keinen Kinostar aus ihm.
Wobei „Varsity Blues“ noch am meisten Eindruck hinterließ und zu einem kleinen Kultfilm wurde. Die Geschichte spielt in der Kleinstadt West Canaan in Texas, wo Football König ist. Die Teenager spielen unter Coach Bud Kilmer (Jon Voight), wie schon ihre Väter zuvor, denn der Mann ist seit 30 Jahren im Amt und hat in der Zeit 22 State Championships gewonnen. Vor Football und vor Kilmers Ansichten haben die Leute so viel Respekt, dass Ersatz-Quarterback Jonathan ‘Mox‘ Moxon (James Van Der Beek) seinem kleinen Bruder sagt, dass dieser noch nicht mal an einen Ausfall des eigentlichen Stars Lance Harbor (Paul Walker) denken dürfe, denn dadurch wären ja die Football-Siege in Gefahr. Allerdings hat Mox auch keinen Football-Ehrgeiz, liest lieber „The Catcher in the Rye“ als das Buch mit den Spielzügen und will es durch akademische Leistungen ans College schaffen. Seine Freundin Julie (Amy Smart), Lance‘ Schwester, macht sich ebenfalls wenig aus Football.
Wenn die Footballer in dieser MTV-Produktion zum Training fahren, dann gibt es auf dem Soundtrack „Nice Guys Finish Last“ von Green Day auf die Ohren, während man einige der anderen Spieler kennenlernt. Billy Bob (Ron Lester), das gutherzige Riesenbaby, Charlie Tweeder (Scott Caan), der trinkfreudige Krawallmacher, und Wendell Brown (Eliel Swinton), dessen hauptsächliche Funktion im Drehbuch das Schwarz-Sein ist. Er darf auf rassistische Ausfälle des despotischen Kilmer aufmerksam machen, aber sonst gibt das Script von W. Peter Illiff („The Enforcer“) ihm kaum Persönlichkeitsmerkmale mit auf den Weg.
Als sich Lance kurz vor Ende der Saison so schwer verletzt, dass er für längere Zeit nicht mehr spielen kann, muss Mox doch ran. Das ist nicht einfach: Mit Coach Kilmer kommt er nur begrenzt klar, die Einwohner unterschätzen ihn und als er sich als Quarterback macht, muss er mit den Fallstricken des plötzlichen Starruhms klarkommen…
Schaut euch den Trailer zu „Varsity Blues“ an
„Varsity Blues“ ist ein klares Produkt seiner Zeit, als der Sender MTV ins Filmgeschäft drängte und Werke für seine Zielgruppe produzierte: Angesagte Jungstars, jugendaffine Themen, knackige Mucke. Gerade in letzterer Hinsicht liefert auch „Varsity Blues“ ab, der vor allem seine Footballszenen mit Songs wie „Thunderstruck“ von AC/DC, „My Hero“ von den Foo Fighters oder „Nitro“ von The Offspring untermalt. Die Footballszenen sind meist dynamisch inszeniert, fokussieren sich aber oft nur auf einzelne Passagen der Spiele, sodass das Publikum nicht immer vollends mitfiebert. Das Endspiel, genregemäß auf gleich der Showdown des Films, hingegen ist ziemlich packend gemacht, da Spielzüge hier klarer erläutert werden und Mox‘ Mannschaft nicht eindeutig als über- oder unterlegen gezeichnet wird.
„Varsity Blues“ ist allerdings auch insofern ein typisches MTV-Produkt, dass die Macher rund um Regisseur Brian Robbins („Hardball“) und Drehbuchautor Illiff auf reichlich leicht verständliche Stereotype setzen. Chef-Cheerleaderin Darcy Sears (Ali Larter) ist das blonde Gift, das von Zuneigung für Lance schnell zur Mox schwenkt, wenn dieser der große Star wird. Hier immerhin mit der Begründung, dass ein Johnny-Football-Hero-Boyfriend der Ausweg aus dem Kaff ist, den sie sich wünscht, nicht einfach aus purer Bosheit. Die kann man dagegen bei Coach Kilmer vermuten: Der Antagonist des Stückes bleibt einfach ein von Ehrgeiz zerfressener Despot, dem Trophäen mehr bedeuten als die Gesundheit seiner Spieler, eine große Motivation dahinter zeigt der Film nicht. So ist dann auch die Auflösung dieses Konflikts überraschend simpel, weshalb man sich fragt, warum es in den vorigen 30 Dienstjahren des Coaches nie dazu kam. Auch manche Konflikte, etwa die kriselnde Beziehung zwischen Mox und Julie, werden nur unzureichend erzählt. So steigt Mox der Ruhm zu Kopf, was der eh schon nicht gerade Football-affinen Julie gar nicht schmeckt, erste Entschuldigungsversuche scheitern, aber passend zum Showdown werden sie dann angenommen. Nach dem letzten Footballspiel läuft auch fast direkt der Abspann; nur ein kleines Voice-Over erzählt noch, was aus den Figuren wurde.
Das ist schade, denn zwischendurch ist „Varsity Blues“ ein sehr stimmiges Kleinstadtportrait im ländlichen Amerika. Football ist wie eine zweite Religion, die Spiele am Freitagabend sind das Event, zu dem alle kommen, der Star-Quarterback wird vergöttert. Auf welcher Position du in deiner Highschool-Zeit gespielt hast, wie gut du warst, ob du erste Wahl oder Ersatzspieler warst, aber auch wo dein Sohn in der Football-Hackordnung steht, das prägt das Leben der Filmfiguren bis ins Erwachsenenalter. Kilmer ist die absolute Autorität, nach dessen Anerkennung sich selbst diejenigen sehnen, die von ihm erniedrigt werden. In der Kneipe mag man sich über die Eskapaden der Spieler echauffieren, aber wenn sich Kilmer ins Gespräch einschaltet, dann ist der Beschwerdeführer auf einmal ganz klein mit Hut. Football ist einerseits sinnstiftend, durch Stipendien sogar die Chance auf Größeres, gleichzeitig einschränkend und erdrückend. Das mag zugespitzt sein, wirkt dennoch glaubwürdig, sodass es schade ist, dass dieses stimmige Szenario vergleichsweise simpel aufgelöst wird.
Noch dazu schwankt „Varsity Blues“ etwas unentschlossen zwischen Drama und Komödie. So ist die Grundgeschichte vom Konflikt zwischen dem selbstbestimmten Mox und dem despotischen Kilmer ernst, außerdem wird sie (durch die Nebenfiguren) angereichert mit Themen wie geplatzten Träumen und Selbstmordgedanken. Doch dazwischen gibt es immer wieder Intermezzi, die aus einer reinrassigen Teeniekomödie stammen könnten: Billy Bob verliert ein Wetttrinken und sorgt kotzenderweise für einen Koitus Interruptus bei einem Paar, Tweeder klaut einen Streifenwagen und geht auf einen Joyride der nackten Art, die Jungs besuchen einen Stripclub und haben dabei eine besondere Begegnung usw. Die Szenen funktionieren für sich, sind bisweilen sogar ziemlich amüsant, untergraben manchen dramatischen Aspekt aber etwas. Aber vielleicht ist das auch so gewollt, um dem anvisierten Publikum keine zu schwere Kost zuzumuten.
In einer Comedyrolle ist auch ein junger Jesse Plemons („Civil War“) als Mox‘ jüngerer Bruder zu sehen, der verschiedene Religionen durchprobiert. Mit James Van Der Beek („Clive Barkers Die Seuche“), Paul Walker („Fast & Furious 7“) und Ron Lester („Freaks & Geeks“) sind gleich drei früh verstorbene Darsteller in Hauptrollen zu sehen. Van Der Beek kann den Film auf seinen Schultern tragen, auch wenn der Part des sensiblen, grundehrlichen Kleinstadt-Schönlings gewisse Dawson-Vibes besitzt. Walker hat vergleichsweise wenig Screentime, ist aber brauchbar als scheiternder Star, der auf den letzten Filmmetern noch seine neue Bestimmung findet. Lester kommt überraschend stark daher, kann er aus dem übergewichtigen, chaotischen Billy Bob mehr machen als nur einen Comedic Sidekick. Den verkörpert dagegen Scott Caan („Rock the Kasbah“), aber mit ordentlich Laune und Elan. Jon Voight („The Painter“) muss zwar einen eindimensionalen Schurken geben, füllt die Rolle aber mit viel Charisma aus. Amy Smart („Crank“) verschwindet leider phasenweise aus dem Film, punktet aber als komplexere Frauenrolle, die auf ihre eigene Art gegen die Football-Vergötterung rebelliert. Ali Larter („Resident Evil: The Final Chapter“) dagegen wird in erster Linie auf ihr Aussehen reduziert, aber ihre Sahne-Bikini-Szene brannte sich in der Popkultur ein und wurde unter anderem in „Not Another Teen Movie“ parodiert.
Dass „Varsity Blues“ ein kleiner Kultfilm wurde, kann man angesichts der gut aufgelegten Besetzung, des schmissigen Soundtracks und zahlreicher memorabler, mal lustiger, mal dramatischer Einzelszenen schon verstehen. „Varsity Blues“ ist sympathisch und trägt sein Herz am rechten Fleck, zeichnet außerdem ein stimmiges Bild einer Kleinstadt im Rausch des Football. Allerdings ist das Ganze reichlich klischeehaft, die Auflösung des Mainplots sogar enttäuschend simpel, während manche Figuren zu kurz kommen. Eine nette Sache, aber auch mit klaren Schwächen.
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© Nils Bothmann (McClane)
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