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Shelby Oaks

Originaltitel: Shelby Oaks__ Herstellungsland: USA__ Erscheinungsjahr: 2024__ Regie: Chris Stuckmann__ Darsteller: Camille Sullivan, Sarah Durn, Brendan Sexton III, Charlie Talbert, Robin Bartlett, Keith David, Michael Beach, Emily Bennett, Derek Mears, Sloane Burkett, …

Shelby Oaks

Zum Trailer (engl. OV) geht’s hier!

Review Nr. 1 – von Sascha Ganser (Vince)

Wenn man sich den Werdegang eines Schrader, Truffaut oder Godard vor Augen führt, liegen die ursprünglichen Beweggründe für den Seitenwechsel des klassischen „Critc-goes-Filmmaker“ wohl darin, das Kino mit eigenen Händen einreißen zu wollen, es neu aufzubauen und zu revolutionieren; richtig zu machen, worin andere ihren Ansprüchen nicht genügten. Youtuber Chris Stuckmann, der für seinen großen Traum unlängst die Filmkritik aufgab und über seinen alten Kanal heute allenfalls noch Empfehlungen ausspricht, gehört offensichtlich einer völlig anderen Denkrichtung an. Betrachtet man sein Regiedebüt „Shelby Oaks“, scheint es ihm vorrangig darum zu gehen, sich selbst als Kanal zur Verfügung zu stellen, um das Kino, das er liebt, das also ohnehin bereits existiert, zu vervielfältigen; kein neues zu erschaffen, sondern sich in bestehende Strukturen einzubetten, seine Signatur hinzufügen zu können, sich als Teil einer Bewegung zu definieren und als Medium im besten Fall impliziten Einfluss auf die Pfade auszuüben, die in Zukunft beschritten werden.

Die formell disziplinierte Bildsprache, wie sie zu den Markenzeichen der Shyamalans, Asters, Eggers und Peeles gehört, ist unschwer als Hauptinspiration ausgemacht, was auch die Beteiligung von Mentor Mike Flanagan erklärt, der hier die Produktion übernahm. Stuckmann lässt keinen Zweifel an seinen mannigfaltigen Vorbildern, die in den letzten vierzig Jahren den westlichen, mit Betonung aber auch fernöstlichen modernen Genrefilm mitgeprägt haben. Sein Ansatz ist nicht der einer postmodernen Neuanordnung, auch wenn es in seinen vorausgehenden Kurzfilmen durchaus humorvolle Brechungen und Zitate gab, bis hin zur Parodie. Das mühsam in die Wege geleitete Langfilm-Debüt indes verzichtet auf jede Form des Humors. Auch zeigt es sich kaum daran interessiert, gegen die Regeln anzuspielen und Irritationen zu verursachen, wie es Zach Cregger zuletzt mit „Weapons“ zwischen den Zeilen tat, der grundsätzlich ebenso zu den Einflussgebern zählen dürfte. Was aber die eigene Vision angeht, meint es Stuckmann ganz und gar ernst mit sich und der Welt.

Die Story von „Shelby Oaks“ deutet zunächst einmal nicht auf einen modernen Horrorfilm am Puls der Zeit hin, von jener Art, wie die Youtube-Kollegen Danny und Michael Philippou ihn seit „Talk to Me“ (2022) erfolgreich praktizieren. Vielmehr scheint sie ihrer Zeit zwanzig Jahre hinterherzuhinken. Spurlos verschwundene Menschen, die nichts als Videomaterial hinterlassen, dessen merkwürdige Inhalte anschließend vom Publikum wie Puzzleteile zusammengesetzt werden sollen, verortet man wohl eher in die 2000er, unmittelbar nachdem „Blair Witch Project“ (1999) den Reigen mit seiner einfach und günstig replizierbaren Handkamera-Ästhetik im großen Stil eröffnet hatte.

Gleichwohl ergibt diese rückwärtsgewandte Ausrichtung aus Sicht des Autoren Sinn. Mockumentary-Horrorklassiker wie „Noroi: The Curse“ (2005) gehören schließlich zu den erklärten Vorbildern Stuckmanns, der hier offensichtlich seine Zwille spannt, indem er in einem ersten Schritt weit in seine persönliche Vergangenheit zurückgeht, um sich erst im zweiten Schritt in die Gegenwart zu katapultieren.

Entsprechend eröffnet „Shelby Oaks“ mit einer doppelten Meta-Ebene der filmischen Realität, einer Mischung aus verwackelten Found-Footage-Einschüben einer Youtube-Gruppe namens „Paranormal Paranoids“ und einem vom amerikanischen Fernsehen aufbereiteten Story-Rahmen, der sich zwar ästhetisch mit hochauflösenden Bildern und sauberen Kamerafahrten bereits von der Found-Footage-Ebene abhebt, jedoch selbst eine weitere Ebene der manipulierten Realität repräsentiert. Das Bildformat wechselt dabei zwischen 1,33:1 und 1,78:1, jeweils als Windowbox-Kasten im Zentrum des Bildschirms, umrundet von schwarzer Leere; die wahrhaftige filmische Realität, die sich bis zu den Außenrändern des Bildschirms erstreckt, bleibt bis auf weiteres außen vor, dem Betrachter wird über den kompletten ersten Akt hinweg kein Ausweg aus dem TV-Inhalt gewährt.

Stuckmann, der bis zum heutigen Tag für seinen Kanal Stunden über Stunden damit verbringt, seine Inhalte nachzubearbeiten und zum finalen Produkt zu schneiden, befindet sich hier natürlich noch in seiner Komfortzone und geht spielerisch mit den Möglichkeiten um, die sich ihm bieten. In dieser Nische darf er noch seiner eigentlichen Expertise frönen, und auch wenn es im Alltag völlig andere Inhalte sind, die er als Schnittmeister seiner eigenen Videoclips bearbeitet, so kitzelt er hier einiges heraus, was die vor zwei Dekaden erfolgreiche Stilrichtung des Independent-Horrors so erfolgreich gemacht hat: Suggestion und Illusion durch die Verknüpfung von Fiktion und vermeintlicher Realität, zum Leben erweckt durch Zooms, Egoperspektiven, unstete Winkel und abrupte Wendungen des Moments.

Zu sehr ist der frischgebackene Filmemacher aber Liebhaber des ästhetischen Kinos mit seinen langen Kamerafahrten und kunstvollen Kadragen, als dass er über die komplette Laufzeit hinweg in diesem Format verweilen würde. Der Wechsel kommt mit einem Paukenschlag, zelebriert in Zeitlupe, die künstlerischen Ambitionen festgehalten in der Nahaufnahme einer Hauptdarstellerin mit vor Schreck verzerrtem Gesicht, deren Augenmerk sich noch in der Bewegung vom vordergründigen Grauen hin zu einem Detail verlagert, das die Frühzeit und die Gegenwart des digitalen Zeitalters mit all seinen Implikationen für den Horrorfilm miteinander verknüpft.

Jetzt, da Stuckmann ohne Rettungsweste in kalten Gewässern schwimmt, fixiert er sich darauf, Schlüsselmomente in eine unchristliche Stimmung tiefster Dunkelheit zu pflanzen. Fensterscheiben springen, rote Augen leuchten in der Nacht auf, der fluoreszierende Schein analoger Videosignale hüllt das verhärtete Gesicht von Camille Sullivan in eine Maske des Entsetzens und der Traurigkeit, die sie zu keinem Zeitpunkt mehr richtig ablegen darf. Bekannte Gesichter wie Michael Beach und Keith David wurden für Kleinstrollen gecastet, wie um zumindest ein wenig Bekanntes zu bieten, das die ansonsten herrschende Fremdartigkeit noch einmal betont.

Tatsächlich entsteht so nach und nach eine stockdüstere Atmosphäre, begünstigt auch durch unheimliche Setpieces wie ein überwuchertes Riesenrad im Wald oder ein verlassenes Gefängnis, die man zwar in sich selbst als Klischees begreifen kann, die ihre Wirkung aber nicht verfehlen. Übernatürliche Elemente zum Trendthema Okkult-Horror werden immer wieder angedeutet, ohne ihre Präsenz zu überreizen. Die Halbtotalen werden mit Details gefüllt und geraten so zu Wimmelbildern, die man auf das eine verstörende Element absucht, das nicht in die Szenerie gehört. Das funktioniert durchaus. Die wenigen Jump Scares sitzen, auch die Slowburns wissen sehr wohl, wie sie sich auszubreiten haben. Gore-Einlagen werden so illusionistisch eingeschoben wie die Portionen in einem Zwölf-Gänge-Menü. Manchmal wird auch auf den einfachen Schockmoment verzichtet, um mit der Alternative im Nachhinein umso stärkere Gänsehaut zu erzeugen. Wenn man diesbezüglich Kritik anbringen möchte, dann, was den Mangel an Eigenständigkeit angeht. „Insidious“ (2010) und die gesamte Welle, die James Wan losgetreten hat, wurde bis ins Detail studiert, selbst David Lynch wird anhand einer Mann-hinter-Twinkies-Variation und anhand des auffällig an die Hütte des Finales aus „Lost Highway“ erinnernden finalen Setpieces ins Spiel gebracht, in dessen Innerem darüber hinaus noch ein dämonischer Keller nach Evil-Dead-Art wartet.

Obwohl Stuckmann und seine Frau Sam Liz für all diese und viele weitere Referenzen schlüssige Argumente in ihr Skript eingebaut haben, verbleiben einige ihrer Verse ungereimt, so dass schließlich der Eindruck entsteht, dass es vordergründig nie um den Inhalt ging, sondern immer nur um eine möglichst dichte Ansammlung schauriger Arrangements.

Und doch ist „Shelby Oaks“ für das Regiedebüt eines Mannes, der bis hierhin eher Filmfanatiker als Regisseur war, ein Achtungserfolg, so wie überhaupt die Tatsache beachtlich ist, dass er vom Indie-Label Neon und einem etablierten Filmemacher wie Mike Flanagan unter die Fittiche genommen wurde. Die Abonnentenzahlen werden dabei sicherlich eine Rolle gespielt haben. Nichtsdestotrotz beweist Chris Stuckmann mit seinem ersten Spielfilm ein gutes Gespür für die Wirkung von Bild und Ton, die bereits jetzt über das Fachverständnis von manch etabliertem Filmemacher hinausreicht. Sollte er es schaffen, sich noch mehr von seinen Vorbildern zu emanzipieren, indem er sich ein wenig von der Geisteshaltung Schraders, Truffauts und Godards abguckt, kann man durchaus gespannt auf weitere Arbeiten blicken, die hoffentlich noch erscheinen werden.

7 von 10

Diese Kritik basiert auf der britischen Blu-ray von Altitude Film Distribution. Der Hauptfilm liegt hier in hervorragender Bildqualität vor. Unter den Audiooptionen befindet sich ein effektreicher 5.1-Surround-Ton in DTS-HD Master Audio sowie eine alternative Stereo-Abmischung in Linear PCM. Englische Untertitel für Hörgeschädigte sind ebenfalls mit an Bord. Von den zahlreichen für den Film produzierten Extras sind allerdings keine auf der Disc gelandet. Die Aufmachung kommt mit einem breiten, blauen Standard-Amaray-Case und einem Sleeve ohne Wendecover spartanisch daher; auch Booklets oder andere Beigaben sind nicht enthalten.

Shelby Oaks

Review Nr. 2 – von Stefan Seidl

Shelby Oaks: A Horror Feature Film from Chris Stuckmann

So lautete die Überschrift einer Crowdfunding-Kampagne, die jener populärer YouTube-Movie-Critic im März 2022 begonnen hatte. Am Ende gelang es ihm auf diesem Wege, dank der Beteiligung von 14.720 Backern (einer derer ich war) das Ergebnis von 1.390.845,- Dollar zu erzielen – was auf der Kickstarter-Plattform einen Rekord für ein solches Genre-Vorhaben markierte. Zuvor war es ihm nicht möglich gewesen, sein Spec-Script anders realisiert zu bekommen, welches er 2019 Indie-Producer Aaron B. Koontz („the Artifice Girl“) gepitcht hatte – denn auch mit dessen Unterstützung (sowie einer eigenen netten kleinen „the Blair Witch Project“-esken Online-Guerilla-Marketing-Aktion) vermochte keine für das von ihm für sein Regie-Debüt Angestrebte ausreichende Budget-Höhe gesichert zu werden…

Mit dem Geld dann aber beisammen, um seinen Traum seit Kindheitszeiten ohne größere Einschränkungen verwirklichen zu können, ging es schließlich vom 05. Mai bis zum 09. Juni 2022 an verschiedenen Locations in Ohio vor die Kameras. Basierend auf einer von ihm und seiner Frau Samantha Elizabeth verfassten Vorlage, entfaltet sich die erzählte Geschichte inspiriert u.a. durch Stuckmann’s Erinnerungen an sein oft nicht gerade einfaches Aufwachsen in einer strenggläubigen Jehovah’s-Witness-Familie sowie seitens bestimmter Eigenschaften und Elemente geschätzter Streifen wie „Lake Mungo“, „Noroi“, „Hereditary“ sowie des bereits erwähnten Daniel Myrick und Eduardo Sánchez Klassikers – markante Found-Footage– und Faux-Documentary-Anteile inklusive…

Der Dreh verlief gut – obgleich auf einzelne eigentlich geplante Shots und Szenen verzichtet werden musste, da die Finanzierung dafür letztlich doch nicht genügte (nach allen Gebühren und Reward-Kosten stand weniger als eine Million zur Verfügung). Im August 2023 unterbrach der SAG-AFTRA-Streik die Post-Production für mehrere Wochen – Anfang 2024 konnte der Film dann aber fertig gestellt sowie seine Premiere für den 20. Juli (auf dem Fantasia-Festival in Montreal) angekündigt werden. Nach jenem Screening schnappte sich Neon („Longlegs“, „Immaculate“, „Cuckoo“ etc.) kurzerhand die Vertriebs-Rechte und überließ Stuckmann obendrein gar eine das Budget insgesamt verdoppelnde Summe für drei Tage an Re-Shoots, zusätzliche Effekte sowie Rekonfigurierungen im Bereich des Editings…

Lange hatte Riley (Sarah Dunn) Albträume und war fest davon überzeugt, nachts regelmäßig eine finstere Gestalt draußen vor ihrem Schlafzimmer-Fenster (im ersten Stock) zu erblicken. Irgendwann hörte das zwar auf und vieles wurde besser – doch depressive Phasen blieben. Eine Art positive Erfüllung fand sie später als ebenso engagiertes wie beliebtes Mitglied eines YouTuber-Quartetts, das lokalen „Spuk-Storys“ nachging und das Ganze auf ihrem Paranormal Paranoids genannten Channel postete. Die Videos waren creepy und unterhaltsam – mit Riley scheinbar ein besonderes Gespür für das Übernatürliche aufweisend – was ihnen eine stetig wachsende Zahl an Followern und Views bescherte; allerdings auch hitzige Debatten entfachte, ob das Gezeigte wohl wirklich echt sei…

Es war nach einer unheimlichen Episode in einem von einem Feuer zerstörten Gefängnis, dass sich Riley’s Seelenzustand auf einmal veränderte – hin in eine bedrückte, besorgte Richtung – bevor alle vier urplötzlich „verschwanden“. Im Folgenden wurden die Leichen von David (Eric Francis Melagragni), Laura (Caisey Cole) und Peter (Anthony Baldasare) in einer Hütte im Wald entdeckt: Barbarisch getötet – ihr Blut u.a. dafür verwendet, Exemplare eines mysteriösen Symbols an die Wände zu malen. Zwei Kameras hatten sie dabei – doch nur eine wurde gefunden. Das Bildmaterial jener deutet an, dass Riley entführt wurde – konkret klar ist das bis heute allerdings nicht. Stracks wurde eine groß angelegte Suche eingeleitet – offline wie online – die aber keinerlei Spuren hervorkehren konnte; geschweige denn Resultate…

Zwölf Jahre ist das inzwischen her – in denen ihre Schwester Mia (Camille Sullivan) die Hoffnung nie aufgegeben hat. Belastend für sie und ihre Ehe mit Robert (Brendan Sexton III) – nicht nur weil in der Region noch immer Graffitis mit Zeilen wie „Who took Riley Brennan?“ prangen und der Fall im Internet aufgrund seiner rätselhaften Beschaffenheit weiterhin thematisiert wird – ist sie nun auf die Anfrage einer Journalistin (Emily Bennett) eingegangen, von ihr dazu für eine Doku interviewt zu werden. Für Mia ist das so etwas wie eine letzte Chance – während sich Robert indes wünscht, dass ihr das hilft, mit der Sache endlich vernünftig abzuschließen. Inmitten jenes Termins klingelt es an der Haustür – worauf Mia einem Mann (Charlie Talbert) gegenübersteht, der sich prompt selbst in den Kopf schießt…

Dem Publikum in einem Stil präsentiert, welcher dem vertrauten gängiger True-Crime-Beiträge ähnelt, nutzt Stuckmann diese sich aus älteren Aufnahmen, Fotos, Clips diverser Quellen sowie dem Footage der kleinen Crew bei Mia daheim zusammensetzenden Einstiegs-Minuten geschickt zu Exposition-Zwecken – bis hin zur überraschenden (mit der grausigen Tat einhergehenden) Titel-Einblendung, nach der einem die Ereignisse fortan nahezu komplett traditionell gefilmt und arrangiert dargeboten werden. Manche dürften diesen Wechsel als zusagend erachten – ich selbst empfand ihn eher als schade. Unerwartet liefert der Suizid Mia nun aber neue Erkenntnisse und Ansätze – und das durch eine Camcorder-Kassette in der Hand des Toten, auf die der Name einer Stadt geschrieben wurde: Shelby Oaks.

Trotz des Schocks nimmt Mia das Tape postwendend an sich – ohne dass jemand vor Ort von dessen Existenz mitbekommt – und schaut es sich am Abend dann allein an, als die Polizisten (und Co.) wieder abgerückt sind: Es ist das der zweiten Kamera – samt garstiger Details der Morde an Riley’s Freunden sowie bis dato unbekannter Hinweise. Direkt danach teilt sie ihr Wissen mit Robert – der davon natürlich nicht gerade begeistert ist – und erfährt seitens der Behörden (denen sie ihren Fund weiterhin verschweigt) an einem der nächsten Tage, dass der Mann Wilson Miles hieß und ein aktenkundiger Straftäter war, der zu Zeiten eines brutalen Aufruhrs sowie des fatalen Feuers in eben jenem Gefängnis einsaß, welches im Zentrum des finalen veröffentlichten Videos der Paranormal Paranoids stand…

Mit Mia sich umso intensiver an Nachforschungen begebend, treibt das den „Keil“ nur noch tiefer zwischen Robert und sie. Könnte Riley wohlmöglich noch am Leben sein? Sie agiert obsessiv – und dadurch häufig impulsiv und unvernünftig. Die Veranlassung, unweigerlich leise aufzustöhnen, wenn sie bspw. spät nachts einfach mal irgendwo hin aufbricht, wo es potentiell gefährlich ist – und das allein, unbewaffnet sowie mit keinem, der davon weiß – wird durch diesen Background zwar ein wenig abgemildert – das Erkeimen des betreffenden klischeehaften Eindrucks kann aber dennoch nicht verhindert werden. Zum Glück überzeugt Camille Sullivan („the Unseen“) in der tendenziell distanzierten, bloß begrenzt sympathischen Rolle: Mia’s Verbissenheit und Emotionen transportiert sie glaubwürdig-gut…

Mia’s Recherchen führen sie u.a. in einen alten, geschlossenen, seither überwachsenen kleinen Freizeitpark, in dem sie und ihre Schwester früher des Öfteren waren, in eine Bibliothek (zum Durchspulen von Microfichen), in die erwähnte ehemalige Vollzugsanstalt sowie in ein im Wald gelegenes, unbehaglich vor sich hin schimmelndes Haus. Die Locations sind atmosphärisch und wurden von Cinematographer Andrew Scott Baird („Baphomet“) prima eingefangen – welcher ordentliche Arbeit geleistet hat; ebenso wie die für das Set-Design und die Ausleuchtung zuständige Crew. Überdies trägt die Musik-Untermalung James Burkholders („Werewolves“) und der Newton Brothers („Urge“) dienlich zur jeweiligen Stimmung und Effektivität der verschiedenen Passagen und Einzel-Sequenzen bei…

Mit dem Verlauf maßgeblich auf Mia konzentriert, verbleiben den restlichen Charakteren und Darstellern nur limitierte Aufmerksamkeit und Screen-Time. Robert (solide: Brendan Sexton III aus „Don’t Breathe 2“) liebt seine Frau – hat nach all diesen Jahren nun aber einen Punkt erreicht, an dem er das so nicht mehr kann. Michael Beach („Saw X“) tritt kurz als Cop in Erscheinung, Emily Bennett („Blood Shine“) als Interviewerin, Charlie Talbert („Rebel Ridge“) als Wilson Miles sowie Robin Bartlett („Shutter Island“) und Derek Mears („Arena“) in zwei Parts, die ich hier (zur Vermeidung von Spoilern) aber nicht weiter deskribieren werde. Darüber hinaus gibt Keith David („Nope“) den von unheimlichen Vorfällen rund um Miles berichtenden Ex-Direktor des besagten Gefängnisses gewohnt prima zum Besten…

Je akribischer Mia gewisse lost Places in Shelby Oaks erkundet – sich mit ihnen und den zugehörigen Historien beschäftigt, welche schließlich den Niedergang der gesamten (heute im Prinzip menschenleeren) Stadt auslösten – desto wiederkehrender sieht sie sich selbst mit Beklemmendem, Bedrohlichem und geradewegs Unerklärlichem konfrontiert: Dinge wie dunkle, sie belauernde Hunde, seitlich gedrehte Inguz-Runen oder wer oder was sowohl hinter Miles‘ letzten Worten „She finally let me go.“ als auch dem (u.a. in Blut zurückgelassenen) Namen Tarion steckt – von der düster-großen, ab und an leuchtend-äugigen Gestalt, deren sporadisches Auftauchen in der Kindheit der Schwestern begann, mal ganz zu schweigen. Ein so lange irgendwie schon aktiver Kult? Oder gar etwas weitaus Schrecklicheres?

Wie Riley da mit reinspielt oder hineingeraten ist, gilt es für Mia herauszufinden. Es ist nur, dass einen ihre Suche nicht genügend mitzureißen bzw. zu fesseln vermag. Obgleich mir das Pacing nicht immer optimal vorkam, hat mich das ruhige Tempo an sich nicht gestört – und an mangelndem Interesse an Riley’s Schicksal lag es ebenfalls nicht: Für mich war’s eher die eingeschränkte Originalität und „Eindringlichkeit“ der Entfaltung. Sicher, kreative Ideen und wirkungskräftige Momente sind zu verzeichnen – unterm Strich allerdings nicht genug davon. Es ist evident, dass Stuckmann inhaltlich und stilistisch diverse in anderen Werken zuvor gesehene und geschätzte Elemente in seins mit eingebunden hat: Neben den bereits genannten sind weitere Einfluss-Ursprünge bspw. „Los sin Nombre“ und „Rosemary’s Baby“…

Unabhängig ihrer generell kompetenten Umsetzung sind die vorhandenen Genre-Tropes (á la Flashbacks in die Jugend, eine unzuverlässige Taschenlampe, spezielle „Wohn-Situationen“ etc.) aber dennoch exakt als solche nachteilig zu registrieren – insbesondere wenn Faktoren wie der vermittelte Grad an Suspense oder Bedrückung sie nicht ausreichend ergiebig kaschieren oder überlagern können. Jump-Scares (von denen einer echt klasse ist) und explizit gezeigte Brutalitäten halten sich derweil in Grenzen – so wie auch CGIs; wobei die verwendeten jedoch recht klar erkennbar sind. Positiv zudem: Ein paar nette Practical-F/X, das Zurückgreifen auf reale Hunde in einer bedeutsamen Szene sowie manch „Fenster-Zentrisches“ (vom Metaphorischen, mehreren Reflektionen und einem Sprung im Glas her)…

Die einleitenden 17 Minuten sind hervorragend: Der Mix aus Clips transportiert eine Menge an Informationen sowie simultan eine Bandbreite an Emotionen – von der Unbeschwertheit, in jener noch nicht so übersättigten und kommerzialisierten Ära Online-Content zu produzieren, über die Belastungen, mit denen Riley zu ringen hatte, bis hin zu dem Horror des Geschehenen sowie den Reaktionen der Leute darauf. Sarah Dunn („Carry-On“) meistert die Einführung Rileys in diesen Video-Snippets anstandslos – und Stuckmann trifft das Feeling der Zeit sowie jenes der unterschiedlichen involvierten „Gruppierungen“ (also von Behörden und ergriffenen Nahestehenden, Legacy-Medien-Vertretern sowie sich oft besserwisserisch gebarenden Internet-Sleuths und Commentary-Vloggern) authentisch anmutend…

Leider aber wird dieser Found-Footage– und Doku-Struktur-Ansatz (samt damit verbundener reizvoller Meta-Betrachtungs-Möglichkeiten der multischichtigen Thematik) zugunsten einer konventionellen Darbietung (inklusive glatterer Optik und Editing-Form) aufgegeben. Fast schon ironisch ist es da, dass von den creepy Highlights bis hin zur schick arrangierten finalen Einstellung selbst fortan eine hohe Zahl aus Abschnitten stammt, in denen sich jemand ein grainy-unscharfes altes Video-Band anschaut. Stuckmann hat Talent als Regisseur und Skript-Autor – allerdings wirkt „Shelby Oaks“ bisweilen so, als habe er sich fürs Akzeptieren so einiger Kompromisse entschieden, um als Newcomer in diesem Bereich überhaupt erst einmal diese Chance gewährt zu bekommen…

Ein prominenter Film-Kritiker, der selbst einen verfasst und dreht – dazu noch unterstützt seitens Mike Flanagan („Hush“) und den Profis bei Neon: Da waren nicht wenige durchaus gespannt auf das Ergebnis – welches letztendlich okay geraten ist. Stuckman ist ein passionierter Cinephile, der an dem vorliegenden Streifen sicher eine Reihe von Punkten loben und bemängeln würde, wäre er von jemand anderem (oder würde er ihn selbst offen und ehrlich rezensieren). Warum er z.B. Mia Miles‘ Blut derart lange nicht hat abwaschen lassen, werde ich wohl nie verstehen (oder akzeptieren). Nunja, für seine Zukunft auf diesem Gebiet drücke ich ihm jedenfalls weiterhin die Daumen – dass ihm ähnliches gelingen mag wie etwa seinen YouTube-Kollegen RackaRacka mit „Talk to me“ und „Bring her back“…

knappe7 von 10

Während „Shelby Oaks“ in den USA und GB bereits als DVD und BluRay erhältlich ist, war er hierzulande bislang erst einmal nur bei den „Fantasy Filmfest White Nights“ (Ende Januar) im mehreren deutschen Kinos zu sehen…

Shelby Oaks

(© Paper Street & Intrepid Pictures, AMP International & Neon)

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Copyright der „Shelby Oaks“ Postermotive und Pics: Paper Street Pictures / Intrepid Pictures / AMP International / Neon (US)__ Freigabe der amerikanischen VÖ: R__ DVD/BluRay: ja/ja

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Categorised in: Horror, the Horror Pit

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