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Lee Cronin’s The Mummy

Originaltitel: Lee Cronin’s The Mummy__Herstellungsland: Irland, USA__Erscheinungsjahr: 2026__Regie: Lee Cronin__Darsteller: Jack Reynor, Laia Costa, Veronica Falcón, May Calamawy, Natalie Grace, Emily Mitchell, Hayat Kamille, Billie Roy, Shylo Molina, May Elghety, Jonathan Gunning, Dean Allen Williams, Kian Nagel u.a.
Cover

Das Poster von „Lee Cronin’s The Mummy“.

Mummy à la Cronin

„The Mummy“. Seit nunmehr 27 Jahren ein unverrückbares Synonym für exotisches, effektgeladenes Abenteuer-Actionkino mit integriertem Humorventil. Das Erbe von Stephen Sommers‘ gleichnamigem 1999er-Blockbuster liegt gerade darin, die Spinnweben des zugrundeliegenden 1932er Gruselklassikers von Karl Freund mit seiner neuen, bekömmlichen Mischung radikal weggeblasen und so ein neues Framework für potenzielle weitere moderne Mumienfilme erschaffen zu haben – auch wenn ironischerweise außerhalb seiner eigenen Franchise, ähnlich wie bei den Dinosauriern und „Jurassic Park“, seitdem kaum bis keine nennenswerten Beiträge entstanden sind. Die Markenzeichen sind wohl einfach so fest mit Sommers Vision verankert, dass sich alles andere der Kopie verdächtig gemacht hätte.

Möchte man das Steuer nun wieder gen Horror drehen, braucht es einen wahren Kraftakt, denn das Mindset des Blockbuster-Publikums ist ein starrer Monolith. Oder man packt einfach den Genitiv desjenigen Mannes vor den Titel, der mit dem garstigen „Evil Dead Rise“ erst jüngst einen Achtungserfolg erzielt hatte. Dabei sind Lee Cronins Bandagen ansonsten eigentlich nahezu unbeschriftet; vielen Kinogängern dürfte sein Name jedenfalls noch kein Begriff sein. Bei einem großspurigen Titel wie „Lee Cronin’s The Mummy“ geht es also vielleicht gar nicht so sehr darum, mit dem Namen des irischen Regisseurs zu werben, sondern überhaupt erst einmal zu signalisieren, dass das hier kein weiteres Tom-Cruise-Reimagining zu werden gedenkt. Der Sommer, er soll dieses Jahr mal komplett ins Wasser fallen.

Cronins Handschrift ist für jene, die ihn bereits kennen, dennoch unverkennbar, und das nicht erst im ganz und gar ausgewickelten Horror-Finale, sondern schon im dramatischen Unterbau zuvor. Bereits in seinem ersten Langspielfilm „The Hole in the Ground“ (2019) verarbeitete er Motive um dysfunktionale familiäre Strukturen; für seine Evil-Dead-Neuausrichtung baute er diesen Ansatz unbeirrt weiter aus. Warum sollte er also für die Mumie von seiner Formel abrücken?

Das bedeutet natürlich, dass ihre Mythologie in der Konsequenz fast bis zur Unkenntlichkeit verfremdet wird. Doch wo alte Verbindungen gekappt werden, bilden sich gleichzeitig neue Synapsen. Frisches Blut in alter Schale, fürwahr; denn anstatt eines 5000 Jahre alten ägyptischen Hohepriesters ist es diesmal ein vermisstes Mädchen, das dem Sarkophag entsteigt – halb lebendig, halb völlig woanders.

Familiendrama statt Horror

Mindestens eine Hälfte lang ist „Lee Cronin’s The Mummy“ somit einem kriminalistischen Entführungsthriller näher als der erwarteten Horror-Neuinterpretation. Obwohl schon zum Einstieg die Spitze des zu erwartenden Grauens freigelegt wird (im buchstäblichen Sinne), entstammt der generierte Schmerz in dieser Phase in erster Linie nicht etwa körperlicher Versehrtheit, sondern hauptsächlich dem familiären Drama. Das Skript spielt mit elterlichen Ängsten vor dem Verlust des eigenen Kindes und bereitet mit schreiberischer Sorgfalt den Höhepunkt des ersten Aktes vor, in dem die Befürchtungen Realität werden. Eindringlich geraten sind die daraus kulminierenden Bilder eines einsetzenden Sandsturms, durch den hindurch der Vater einen Schatten durch die engen Gassen Kairos jagt, einem Labyrinth gleich, wie man es aus alten Krimis und Agentenfilmen wie „Der Mann, der zuviel wusste“ (1956), „Arabeske“ (1966) oder „Der Spion, der mich liebte“ (1977) kennt.

Natalie Grace in Lee Cronin's The Mummy

Natalie Grace spielt die einst verschollene Katie. Copyright: Photo Courtesy Warner Bros. Pictures.

Bemerkenswert ist dabei, in welcher Weise es gelingt, xenophobe Tendenzen zwar fortan unterschwellig zu thematisieren, selbst aber trotz der Konstellation um eine amerikanische Familie in einem fremden Land eine solche Haltung zu vermeiden. Tatsächlich befasst sich der Prolog nämlich mit einer weiteren Familie, bestehend aus Einheimischen (Hayat Kamille und Omar El-Saeidi samt Kindern), die bewusst in einen Parallelismus gesetzt werden zu den Ausländern um das verzweifelte Elternpaar im Zentrum der Handlung. Das Böse ist in diesem Film nicht etwa ein bestimmter Schlag Mensch, sondern eine Art körperlose Entität, die von einer Person auf die nächste übergeht wie eine Krankheit… oder, im Sinne des Sujets, ein Fluch.

Sofern man nach „Evil Dead Rise“ Erwartungen an einen schnellen Reißer mit hoher Ereignisdichte aufgebaut haben sollte, werden diese vorerst zerschlagen. Das Tempo bleibt zäh und passt sich gewissermaßen den Eigenschaften der schlurfenden Kreatur an, die einstmals von Boris Karloff geprägt wurde. Natalie Grace spielt ihrerseits unter kränklichem Make-Up eine Variation des klassischen „Kuckuckskinds“, das aufgrund der erlebten Traumata wie ausgetauscht wirkt. Angelehnt ist dieser Ansatz sicherlich hauptsächlich an Teufelskind Damien aus „Das Omen“ (1976), während ihre psychosomatisch in Mitleidenschaft gezogene Gesamterscheinung mitsamt des zugrundeliegenden Besessenheitsmotivs vor allem Vergleiche zu „Der Exorzist“ (1973) provoziert.

Anders als die zahllosen Epigonen, den diese Klassiker des Horrorfilms bereits als Rattenschwanz hinter sich herziehen, bedient sich „Lee Cronin’s The Mummy“ allerdings nie auch nur ansatzweise an ihrer Struktur, schon alleine deswegen, weil die Einflüsse viel zu zahlreich sind, als dass sich ein klares Schema ergeben würde, das man einfach abpausen könnte. Mal blitzen zum Beispiel auch Fragmente von Mystery-Krimis wie „Bunny Lake ist verschwunden“ (1965) auf, dann wieder werden nach Vorbild von Nicolas Roegs „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (1973) die unterschiedlichen Strategien von Vater und Mutter dargestellt, mit Sorge und Trauer umzugehen. In einigen Passagen verschiebt sich die Erzählperspektive sogar weg von den besorgten Eltern hinein ins Blickfeld der Geschwister, die vom fremdartigen Verhalten der Heimkehrerin zutiefst verunsichert sind, so dass sich ein komplexer Blick der gesamten Familie auf eine zunehmend bizarrer werdende Lage ergibt.

Am Ende regiert das Chaos

Es ist gerade diese wilde Vielfalt an erzählerischen Ansätzen, aus der sich schließlich doch noch das heillose Chaos ergibt, das auch „Evil Dead Rise“ im Abgang so brachial gemacht hatte. Pulsierende Furcht jener Art, die die Herzfrequenz steigen lässt, bleibt zwar fast völlig außen vor. Die Spezialeffekte setzen stattdessen systematisch auf das Gefühl von Ekel. Sie erkunden die Angst vor dem Verfall, setzen auf den Kontrast von Jugendlichkeit, Krankheit, Alter und Tod. Der Fluch bricht in ruckartigen Ergüssen, oftmals nur mit verzogenen Mundwinkeln zu ertragen, durch die Hautschichten in die heile Welt hinein.

Jack Reynor in Lee Cronin's The Mummy

Jack Reynor spielt den alsbald überforderten Daddy von Katie. Copyright: Photo Courtesy Warner Bros. Pictures.

Es entstehen nicht nur im Gesicht des greisenhaft lächelnden Kindes Zerrbilder, die den Betrachter mit seiner eigenen Vergänglichkeit und derjenigen seiner gesamten Erblinie konfrontieren. Ekel ist eine eher verrufene Spielart des Horrors, die gerne als effekthascherisch verschrien wird, die aber im Rahmen der gewählten Thematik durchaus sinnhaft erscheint und einem überaus vitalen Genre eine weitere Facette abringt, auch wenn Cronin in den Arbeiten der Philippou-Brüder, insbesondere deren Zweitwerk „Bring Her Back“ (2025), eine gewisse Geistesverwandtschaft vorfinden dürfte.

Lee Cronin’s The Mummy mumifiziert den Zuschauer

Jack Reynor („KIN“), dem in der deutschen Fassung wohl nicht ohne Grund die Synchronstimme von Chris Pratt verpasst wurde, quittiert die vor seinen Augen zerschmelzende Normalität interessanterweise mit einer gewissen schauspielerischen Teilnahmslosigkeit, die im Widerspruch zu seiner aktiv handelnden Figur steht. Seine minimalistischen Ausdrucksmöglichkeiten kann man sicherlich tadeln, sie vermitteln andererseits aber einen gewissen Realismus im Sinne eines betäubten, fremdgesteuerten Agierens aus dem Affekt heraus. Das steht stellvertretend für den Effekt, den „Lee Cronin’s The Mummy“ auf den Betrachter hat. Es ist ein Filmerlebnis, das man wie paralysiert über sich hinwegrollen lässt; zu bizarr, als dass man echte Angst empfinden könnte, so übersättigt mit Reizen, dass man eine gewisse Leere empfindet. Die reichhaltigen Texturen werden erst sichtbar, wenn man die Schichten voneinander löst und nebeneinander ausbreitet.

7 von 10

Der Film läuft seit dem 16. April 2026 in den deutschen Kinos. Der ungeschnitten ab 18 freigegebene „Lee Cronin’s The Mummy“ kommt von Warner Bros. Pictures und New Line Cinema. Die physische Auswertung wird dann über PLAION Pictures erfolgen.

Sascha Ganser (Vince)

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Copyright aller Filmbilder und Screenshots/Label: Warner Bros. Pictures__FSK Freigabe: ab 18__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein / Nein (ab 2026)

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