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Chappie

Originaltitel: Chappie__Herstellungsland: Mexiko, USA__Erscheinungsjahr: 2015__Regie: Neill Blomkamp__Darsteller: Hugh Jackman, Sigourney Weaver, Sharlto Copley, Dev Patel, Miranda Frigon, Jose Pablo Cantillo, Yo-Landi Visser, Ninja, Janus Prinsloo, Robert Hobbs u.a.
Chappie

In Neill Blomkamps “Chappie” dreht sich alles um künstliche Intelligenz.

„Chappie“ beginnt sehr vielversprechend. Die Interviews mit vermeintlichen Wissenschaftlern und die in Doku-Optik dargereichten Informationen über die Welt, in der „Chappie“ spielt, gemahnen überdeutlich an „District 9“, den großen Achtungserfolg von Regisseur Neill Blomkamp. Der wechselt nach der Etablierung der Grundsituation (Im Südafrika des Jahres 2016 versucht man mit einer Einheit Roboterpolizisten der steigenden Kriminalitätsrate Herr zu werden) in den rein filmischen Modus. Hier widmet er sich dem technischen Genie Deon Wilson. Dieser entwickelte einst die Grundlagen für ein Robocop-Corps und schraubt seitdem immer weiter an der grundlegenden Software.

Sein Ziel ist es nämlich, das menschliche Bewusstsein in Form von Bits und Bytes abzubilden und so eine vollkommen neue Form künstlicher Intelligenz zu entwickeln. Als es ihm theoretisch gelungen ist, wird er von seiner Chefin Michelle Bradley zurechtgewiesen, dass sie nur Waffen benötige, keine denkenden und empfindenden Wesen. Natürlich denkt Deon aber gar nicht daran, seine Entdeckung ungenutzt zu lassen. Er entwendet einen stark beschädigten Polizeiroboter und spielt ihm die neue künstlichen Intelligenz auf. Dabei kreuzt er den Weg der White Trash Bande um Ninja und Yolandi. Diese wollen Deons Roboter, der auf den Namen „Chappie“ getauft wird, für einen Überfall missbrauchen. Und als wäre das nicht genug, droht Deon auch noch Ungemach von seinem Kollegen Vincent Moore, der einen ganz eigenen, waffenstarrenden Roboter für die Kriminalitätsbekämpfung entwickelt hat. Und diesen will er nur zu gerne von der Leine lassen…

Neill Blomkamps Einführung in „Chappie“ ist kurz und knackig und funktioniert prächtig. In flottem Tempo treibt er seine Story voran und impft seinem mechanischen Hauptdarsteller Leben ein. Hier gelingen ihm starke Szenen. Wenn der „neugeborene“ „Chappie“ wie ein wildes Tier jeden Kontakt scheut und sich zu verstecken sucht, um kurz darauf wie ein kleines Kind neugierig seine Umwelt zu entdecken, ist das ganz großes, stark getrickstes Kino. Das zudem prächtig involviert und den Zuschauer mühelos für seine titelgebende Maschine einzunehmen versteht.

Chappie

In der Zukunft räumt ein Roboter-Corps unter den Verbrechern auf.

Im Sinne des flott voranschreitenden Filmes wird „Chappie“ schnell zu einer Art Teenager. Leider taucht Blomkamp ab jetzt zu massiv in die „Zef“-Kultur ein, zumindest glaubhaft verkörpert von der Rapband „Die Antwoort“, die ansonsten aber einfach viel zu viel Screentime eingeräumt bekommt. „Zef“ steht für eine südafrikanische, weiße Gegenkultur. Die aufstrebende Arbeiterklasse, die zu Zeiten der Apartheid an aufgemotzten Ford Zephyrs zu erkennen war. Eine Art Mittelklasse-Prollkultur. Die „New Kids“ in halbwegs zivilisiert. Die Folge ist ein Roboter, der irgendwann unentwegt auf Gangsta macht. Der die Behavourismen seiner Umgebung zu glaubhaft nachahmt und mit „Dicke-Hose-Gang“ und coolen Posen irgendwann genauso nervt, wie mit seiner plötzlich immer hektischer und wilder werdenden Gestik. Ganz zu schweigen von seinem nervigen Dauergeplapper, das zudem in viel zu hoher Stimmlage abgefeuert wird. „Chappie“ lernt nun schießen wie ein böser Gangster und erzählt uns einen vom Fuckermother. Das ist immer dann reizvoll, wenn Chappies zu übertriebener Habitus dazu führt, dass seine menschlichen Homies sich selbst und ihr Verhalten hinterfragen. Abseits dieser Momente sorgt das „Zef“-Gehabe Chappies aber auch dafür, dass der Film seine Zuschauer nach und nach verliert. Warum sollte man sich mit einem „Gangsta“ identifizieren wollen? Infolgedessen wird „Chappie“ zweimal in Folge „getötet“ und der Zuschauer zuckt einfach nur gelangweilt mit den Achseln. Wird schon weitergehen…

Blomkamp tritt fortan nur noch auf der Stelle. Die Figuren um Chappie entwickeln sich nicht. Zudem wird Hugh Jackmans („Wolverine: Weg des Kriegers“) Fiesling Vincent Moore zu sehr in Richtung Comicfigur überzogen und deutlich aus dem Spiel genommen. Auch Patels Deon spielt plötzlich keine wirkliche Rolle mehr. Beinahe orientierungslos mäandert der Film in der Folge vor sich hin…

Chappie

“Chappie” sorgt gerne mal für explosive Überraschungen!

Zum Glück besinnt sich Blomkamp in Richtung Showdown wieder auf das, was er ziemlich gut an: Action. Sprich, er lässt Moose, Vincent Moores Roboter, von der Leine. Der funktioniert prächtig, steckt „Ed 209“ und seine Remake-Klone aus „Robocop“ und dessen Neuverwurstung mühelos in die Tasche und darf sogar recht offensiv einen Menschen zerteilen. Einige blutige Durchschüsse in Zeitlupe lassen zudem die deutsche FSK 12 Freigabe etwas lasch erscheinen, das dagegen sehr harte R-Rating in den USA dürfte alleine von diversen obszönen Bildchen im „Zef“-Umfeld und diversen F-Bombs herrühren. Leider wirkt „Chappie“ gerade in seinem Finale immer wieder sehr gebremst. Als wären da viele Ideen da gewesen, aber die Umsetzung funktioniert nicht so wirklich.

Und leider dreht „Chappie“ bei seinem Endspurt endgültig ab. Klaro, ein bisschen Spinnerei darf in einem Science Fiction Film nicht fehlen, aber in seinem Showdown verliert Blomkamp sämtliche Bodenhaftung und das gleich mehrfach. Erneut geht es um die Weiterentwicklung des Menschen. In „District 9“ verwandelt sich ein Mensch in ein Alien. In „Elysium“ wird Matt Damon mit einem übermächtigen mechanischen Enxoskelett gepimpt und in „Chappie“ wird es nun leider total verschroben. Diesmal dreht sich alles um das menschliche Bewusstsein und dessen Fortleben. Blomkamp bekommt seinen Film in der Folge nicht mehr unter Kontrolle. Zumindest in erzählerischer Hinsicht…

Die technischen Sparten sind derweil makellos. Der Regisseur hat einfach einen sehr dynamischen, sehr modernen Stil, der auch in „Chappie“ zum Tragen kommt. Schade ist, dass Blomkamp diesmal seinen südafrikanischen Schauplatz nicht wirklich einzubinden versteht. Er wechselt zwischen den immer gleichen, abgerissenen Sets hin und her, was einen irgendwann auch glauben lässt, das Budget könnte ziemlich schmal ausgefallen sein. Zumindest bei den Special Effects haut er dann ordentlich einen raus. Sowohl „Chappie“ als auch „Moose“ sind großartige Kunstwesen, die in ihrer Agilität und ihren Bewegungsabläufen einfach nur Staunen machen. Einen großartigen Job macht auch Hans Zimmer, der sich von Junkie XXL unterstützen ließ und dabei einen wummernden, treibenden Score auf die Beine gestellt hat, der sich auch vor schrägen Tönen nicht scheut. Arg gewöhnungsbedürftig sind die Musikklänge von „Die Antwoort“, die etwas zu omnipräsent aus den Boxen dröhnen.

Chappie

VokuHila-Fan Vincent Moore wird wohl nie ein Fan von “Chappie”

Am Ende bleibt ein Film, der flott loslegt und bis zur Filmmitte ein nettes Storytelling an den Tag legt. Danach fällt er aber ganz allmählich auseinander, um im Finale abstruse, nicht wirklich nachvollziehbare Züge anzunehmen. Mit voranschreitender Laufzeit verliert man leider auch mehr und mehr die Bindung zur Hauptfigur. Selbige ist fantastisch getrickst, wird aber von ihrem menschlichen Vorbild Sharlto Copley („Open Grave“) zunehmend in eine hyperaktive, etwas nervige Ecke gedrängt. Dev Patel gibt den Nerd überzeugend, die Show stiehlt ihm aber Hugh Jackman. Der fällt allerdings mehr durch seine Optik als durch ein sonderlich inspiriertes Spiel auf. Und Sigourney Weaver („Alien“) hat nicht viel mehr als ein besseres Cameo. Welch Verschwendung. Dafür bekommt man einen Overload an Ninja und Yo-Landi, deren Auftreten und Spiel meines Erachtens stark unter den Begriff Geschmackssache fallen. Ich konnte mit ihnen nichts, aber auch gar nichts anfangen. Wie allgemein mit der zelebrierten „Zef“-Kultur. Dennoch, die technischen Aspekte des Filmes sind überzeugend, der überraschend sparsam gesetzte Humor überzeugt, die wenige – leider innovationslose – Action macht durchaus etwas her und Hans Zimmers Score rumpelt brachial unter den Bildern. Und unterhaltsam ist die ganze Chose durchaus. Wenngleich man sich zum Ende hin etwas quält und zunehmend zu fragen beginnt, wer eigentlich die Zielgruppe des Filmes ist? Zu düster für Kids, zu kindisch für Erwachsene und irgendwie nicht cool genug für die Gangsta-Teens. Ein Film, zwischen allen Stühlen…

Der Film kommt von Sony Pictures Releasing, läuft seit dem 5. März 2015 in den deutschen Kinos und ist mit einer FSK 12 Freigabe ungeschnitten.

In diesem Sinne:
freeman

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Mehr Informationen zum Film

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Unser Bericht vom Chappie-Fanevent
Unser “Chappie”-Fotocontest

Copyright aller Filmbilder/Label: Sony Pictures Releasing GmbH__FSK Freigabe: ab 12__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein/Nein, ab 5.3.2015 in den deutschen Kinos

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