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Dirty Girl

Originaltitel: Dirty Girl__Herstellungsland: USA __Erscheinungsjahr: 2010__Regie: Abe Sylvia__Darsteller: Juno Temple, Jeremy Dozier, Mary Steenburgen, Milla Jovovich, Dwight Yoakam, William H. Macy, Nicholas D’Agosto, Tim McGraw, …
Dirty Girl

Das Poster der amerikanischen Fassung

 

Dirty Girl

Das Cover der DVD

 

Juno Temple, welche im England des Jahres 1989 als Tochter des Regisseurs solcher Werke wie „the Great Rock ‘n’ Roll Swindle“ und „Absolute Beginners“ zur Welt kam, ist jung, hübsch, sexy, begabt und charismatisch. Rasch hat sie sich im Laufe ihrer bislang noch immer sehr frischen Karriere zu einer der interessantesten Schauspielerinnen ihrer Generation entwickelt – und das vor allem im Rahmen einiger starker Performances in mehreren reizvollen Veröffentlichungen, unter ihnen Joe Wright´s „Atonement“, Jordan Scott´s „Cracks“, Jaco van Dormael´s „Mr. Nobody“ und Gregg Araki´s „Kaboom“. Trotz ihrer eher „Hollywood-untypischen Art“ wird man in Zukunft gewiss noch viel von ihr hören: Ein Blick auf ihre kommenden Projekte macht einem das auf Anhieb deutlich – womit ich mich allerdings weniger auf große Studio-Produktionen á la Christopher Nolan´s „the Dark Knight Rises“ beziehe, sondern eher auf vielversprechende (kleinere) Indies wie etwa „Little Birds“ oder „Jack and Diane“. Letzterer Kategorie gehört auch die hier nun zur Besprechung vorliegende Kombination aus Drama, Komödie und Coming-of-age-Road-Movie an, welche den Titel „Dirty Girl“ trägt und deren Vertriebsrechte sich die „Weinstein Co.“ für mehr als drei Millionen Dollar bereits innerhalb der ersten halben Stunde der Premieren-Vorstellung auf dem 2010er „Toronto International Film Festival“ sicherte…

Norman, Oklahoma – 1987: Auf ihrer High School ist die „frühreife“ Danielle (Temple) dafür bekannt, überaus offen mit ihrer Sexualität umzugehen und im Zuge dessen schon mit diversen Jungs intim geworden zu sein. Sie selbst forciert dieses Image sogar provokant – u.a. weil sie fest davon überzeugt ist, es würde ihr eine bestimmte Form von „Macht“ verleihen. Da ihre Noten nicht unbedingt die besten sind und sie zudem weder im Unterricht noch sonstwo ein Blatt vor den Mund nimmt, versetzt ihr Rektor (Gary Grubbs) sie eines Tages (disziplinarisch) in eine „besondere Förderklasse“, in der leistungsschwächere Schüler eine „spezielle Betreuung“ erfahren und wo man ihr prompt den übergewichtigen Clarke (Jeremy Dozier) als Partner für eine länger ausgelegte Aufgabe zum Zwecke der Steigerung des Verantwortungsgefühls zur Seite stellt: Gemeinsam sollen sie eine Tüte Mehl als „ihr Baby“ ansehen, dieses fortan „aufziehen“ und eben darüber ein chronologisches Journal führen. Schlagartig beginnt ihr Ruf (sprich: ihre Begehrtheit beim anderen Geschlecht) unter dieser neuen Situation zu leiden: Verspottet und weiter ausgegrenzt, fasst sie kurzerhand den Entschluss, sich stärker anzustrengen und mit Hilfe verbesserter Noten (so schnell wie möglich) einen erneuten Klassenwechsel zu erreichen…

Für Danielle ist das Leben daheim momentan (ebenfalls) nicht gerade übermäßig beschwingt: Mit dem neuen Lover ihrer Mutter Sue-Ann (Milla Jovovich), welche generell sehr bemüht ist und früher offenbar genauso wie sie war, kommt sie nahezu gar nicht zurecht – was oft in Streitereien ausartet und primär daran liegt, dass Ray (William H. Macy) ein streng-gläubiger Mormone mit zwei (aus ihrer Sicht: nervigen) Kids ist. Einige nicht allzu unähnliche Probleme hat indes auch Clarke zu bewältigen, denn bei ihm handelt es sich um einen (mehr oder weniger „heimlichen“) Homosexuellen, der von seinem Vater Joseph (Dwight Yoakam) dafür verachtet und gelegentlich gar geschlagen wird, während seine ängstlich-verunsicherte Mom Peggy (Mary Steenburgen) weder die Kraft noch den Willen zu haben scheint, klar zu ihrem Sohn zu stehen. Im Folgenden freunden sich die beiden Außenseiter nun jedenfalls zunehmend miteinander an – und finden sich aufgrund eines „Ereignis-Duos“ plötzlich (jeweils) an einem „individuellen Scheidepunkt“ wieder: Auf Seiten Danielles wollen Sue-Ann und Ray in Kürze heiraten, wobei letzterer sie dann zu adoptieren und „bekehren“ gedenkt – wohingegen Clarke´s Eltern dessen Gay-Porn-Sammlung entdecken, was das (sprichwörtliche) „Fass“ dort vollends zum Überlaufen bringt. Postwendend schnappen sie sich Joseph´s Cadillac und brechen zusammen in Richtung Kalifornien auf, um Danielle´s leiblichen Dad zu suchen und sich (fernab der Heimat) endlich mal „rundum natürlich“ geben zu können – also quasi Freiheit, Akzeptanz, Zuneigung und Anerkennung entgegen…

„Dirty Girl“ eröffnet zum Klang des Pat Benetar Klassikers „Shadows of the Night“ sowie mit einer Erläuterung Danielles, in welcher sie u.a. davon berichtet, dass sie ihre „offensive Sexualität“ als so etwas wie „ein Ausdruck von Feminismus“ ansieht – bevor sich die Einführung ihrer Figur dann auch „visuell“ entfaltet: Aufreizend gekleidet sowie mit einer Zigarette im Mund auf dem Weg zur Klasse, direkt nachdem sie es mit einem ihrer Mitschüler im Auto (mitten auf dem belebten Schulparkplatz) „getrieben“ hat – untermalt seitens des erwähnten Songs, zum Teil in Zeitlupe präsentiert. Einer stichelnden Frage zur „Coitus interruptus“-Verhütungsmethode folgend, wird sie unmittelbar darauf vom Sexualkunde-Unterricht (hier „Lifestyle Choises“ genannt) ausgeschlossen und stracks in eine Sonderklasse versetzt, deren „offizielle“ Bezeichnung „Challengers Program“ lautet und in welcher sich hauptsächlich all jene Kids befinden, die den konservativen Vorstellungen gewisser Entscheidungsträger nicht unbedingt entsprechen (Minderheiten, ein „früh“ schwanger gewordenes Mädel etc.). Clarke ist einer von ihnen: Laut seines Therapeuten zu 65% schwul und mit einigen Kilos zuviel auf den Rippen. Sollte er es schaffen, in jenem „Analyse-System“ des Arztes auf einen Wert von 60% hetero zu gelangen, würde ihn sein Vater auch nicht auf die Militärakademie schicken. Nicht allein die Abwesenheit einer (akzeptierten) männlichen Bezugsperson „verbindet“ beide Teens – und so wird aus dem anfänglichen Zweckbündnis nach und nach eine echte Freundschaft, in deren Rahmen sie nach langer Zeit einfach mal wieder das Gefühl genießen können, ganz sie selbst zu sein und nicht permanent (nach außen hin) eine „schützende Fassade“ aufrecht erhalten zu müssen…

Mit einer „rebellischen Attitüde“ und einem glaubhaften US-Akzent portraitiert Juno Temple Danielle frei eines Anlasses zur Klage – was angesichts der Tatsache, dass der Part wie für sie auf den Leib geschrieben scheint, im Prinzip niemanden verblüffen sollte bzw. dürfte. Die unterschiedlichen Facetten der Figur meistert sie bravourös – und es ist eine wahre Freude, ihr dabei zuzusehen. Ebenbürtig steht ihr (unterdessen) Jeremy Dozier zur Seite, welcher im Vorfeld bloß in einigen „Shorts“ sowie zwei Episoden der TV-Serie „iCarly“ zu sehen war: Er verleiht Clarke, der nach seinem „Befreiungsakt“ (Reißaus gen Westen, mitsamt des Diebstahls seines Dad´s Wagens) „regelrecht aufblüht“, einen überaus sympathisch-authentischen Eindruck. Die Performances Junos und Jeremys harmonieren gut miteinander und lassen einen (gefühlvoll) Anteil an der überzeugenden „Verbindung“ der Protagonisten nehmen – also quasi an ihrer abseits der Norm zu verortenden „platonischen Love Story“. Milla Jovovich spielt Danielle´s Mom überraschend prima und liefert als ebenso emotionale wie eifrige Hausfrau und Mutter einen durchweg gelungenen Auftritt ab, der sich klar von denen unterscheidet, für welche sie ansonsten ja vor allem bekannt ist (siehe die „Resident Evil“-Franchise). Als Stiefvater in spe agiert William H. Macy („Sahara”) solide, während Mary Steenburgen („the Help“) und Dwight Yoakam Clarke´s Eltern anständig verkörpern – letzterer dabei in einer Rolle, die unweigerlich an seine in „Sling Blade“ (1996) erinnert. Zweckdienlich abgerundet werden die Cast-Reihen schließlich noch von vernünftigen Darbietungen solcher Mimen wie Nicholas D’Agosto („Final Destination 5“), Gary Grubbs („Ray“), Brent Briscoe („A Simple Plan“) sowie Country-Star Tim McGraw („the Blind Side“) als biologischer Vater Danielles…

Regisseur und Drehbuchautor Abe Sylvia, welcher im Vorfeld erst die beiden Kurzfilme „My Mother´s Hairdo“ und „Feltch Sanders“ in Szene gesetzt hatte, ließ sich bei „Dirty Girl“ von seiner eigenen Vergangenheit inspirieren – denn er selbst wuchs in einer Kleinstadt in eben jenem (innerhalb der amerikanischen „Great Plains“ gelegenen) Bundesstaat auf, behielt seine sexuelle Gesinnung soweit es ging für sich, war übergewichtig und in der 7. Klasse geradezu fasziniert von der selbstsicheren Art einer sich relativ promiskuitiv gebenden Mitschülerin. Mit diesem Werk hat er nun eine Story kreiert, die eine Freundschaft ausmalt, wie er sie sich damals gewünscht bzw. erträumt hat. Vielleicht lassen sich deshalb hier so viele (mehr oder minder stark überzeichnete) Stereo- und Archetypen finden – unter ihnen der homophobe, gewalttätige Daddy, ein engagierter Mormone und zwei gefühlsbetonte Mütter, die noch nach ihrem Platz in einer glücklicheren Zukunft suchen. Obendrein sind etliche Klischees zu verzeichnen, von denen einige (jedoch) ein Stück weit „zu abgegriffen“ geraten sind, um sie komplett zu ignorieren bzw. ohne Erwähnung einfach nur dem „Basis-Ton“ des Kontexts zuzuschreiben, welcher sich übrigens des Öfteren verändert, ganz so wie das wechselhafte Wetter in jener Region der Vereinigten Staaten: Auf der einen Seite eine bissige, vereinzelt politisch unkorrekte Satire (u.a. auf Vorurteile und altmodische Werte) – auf der anderen eine nicht unsentimentale, zeitweise tragische Geschichte übers Erwachsenwerden. In dramatisch-ernste Themen wie Erziehungsmethoden, Eigenbestimmung, geschlechtliche Gleichstellung, Akzeptanz, häusliche Gewalt und/oder die Auswirkungen fehlender Vaterfiguren wird immer wieder ein gleichermaßen direkter wie schräger Humor mit eingebunden – was ab und an zwar „etwas holprig“ anmutet, zumindest aber nie in Albernheiten ausartet…

Es ist nicht abzustreiten, dass Sylvia´s Skript weder sonderlich origineller noch tiefgründiger Beschaffenheit ist – nichtsdestotrotz aber das Herz am rechten Fleck trägt und dem geneigten Betrachter im Zuge dessen durchaus passable Unterhaltung offeriert. Einige Dialogzeilen sind schlichtweg klasse ausgefallen und erzielen genau die beabsichtigte „Reaktion“ auf Seiten des Publikums, spezielle Augenblicke kommen „wirksam gefühlsintensiv“ daher – wohingegen andere wiederum derart „eigen“ (ja zeitweise nahezu surreal) sind, dass man nicht unbedingt weiß, wie man eigentlich darauf reagieren soll: In erster Linie beziehe ich mich da auf einen ausgedehnten Strip in einem Auto-Kino (während gerade „Easy Rider“ läuft), auf einen weiteren „feucht-fröhlichen“ Striptease in einer Bar (vor einer Konföderierten-Flagge) sowie auf eine Zeitlupen-Sequenz, in welcher Clarke´s Dad (mit einem Gartenschlauch) seinen „Caddy“ wäscht, was einem unweigerlich einen Masturbationsakt in den Sinn ruft. Auch auf das Finale trifft diese eher zwiegespaltene Empfindung zu, da es einen echt seltsamen „Pfad“ zwischen Ernsthaftigkeit und Kitsch (im Stile John Waters´) beschreitet – Danielle selbst bezeichnet es sogar als ein „Fairytale Ending“. Mit einem limitierten Budget in 21 Tagen abgedreht sowie nach seiner Premiere in Toronto noch einmal ein wenig (seitens der „Weinsteins“) umgeschnitten, verfügt der Streifen u.a. über einen unaufdringlichen Score und einen vordergründigen, nichtsdestotrotz aber gut integrierten Soundtrack mit diversen 80er-Jahre-Songs (von Künstlern wie Melissa Manchester, Belinda Carlisle oder Sheena Easton). Cinematographer Steve Gainer´s („Super“) Arbeit weiß ebenso zu gefallen wie die des Editors Jonathan Lucas („Hide Away“) – worüber hinaus die charmante „konzeptionelle Idee“, dass sich der (aufgemalte) Gesichtsausdruck des „Mehltüten-Babys“ regelmäßig (je nach Situation und Stimmungslage) auf wundersame Weise verändert, rasch zu einem kleinen persönlichen Highlight meinerseits (im Sinne eines wahrhaft sympathischen Running-Gags) avancierte…

Fazit:  „Dirty Girl“ (2010) ist eine kurzweilig-unterhaltsame „Coming-of-age-Dramödie“, die vor allem mit einem toll harmonierenden Hauptdarsteller-Duo und einigen herausragenden Einzelmomenten aufzuwarten vermag – insgesamt jedoch etwas zu „flatterhaft“ und „uneben“ ersonnen und umgesetzt daherkommt, um ein umfassend zufrieden stellendes Ganzes zu bilden bzw. zu bieten…

zu verorten unweit der Grenze zur

Bis heute (Stand 06/12) ist der Film noch immer nicht hierzulande erschienen – nicht einmal eine entsprechende Vorankündigung ist mir bekannt. Selbiges gilt (u.a.) für den britischen Markt. In den USA ist er dagegen schon seit einiger Zeit auf DVD (aus dem Hause “Starz/Anchor Bay”) zu haben – allerdings auch nicht auf BluRay…

Stefan Seidl

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Copyright der Cover und Pics: the Weinstein Co. und Starz/Anchor Bay__Infos zur amerikanischen VÖ: Freigabe: R__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein/Ja

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