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Final Girl

Originaltitel: Final Girl__ Herstellungsland: Kanada-USA__ Erscheinungsjahr: 2015__ Regie: Tyler Shields__ Darsteller: Abigail Breslin, Wes Bentley, Alexander Ludwig, Logan Huffman, Cameron Bright, Reece Thompson, Emma Paetz, Francesca Eastwood, …

Das britische Covermotiv.

Das britische Covermotiv.

Ein amerikanisches Postermotiv.

Ein amerikanisches Postermotiv.

Die bündigste Definition des Genre-bezogenen Begriffs „the Final Girl“, welcher sich seit seiner ersten konkreten Thematisierung in Carol J. Clover´s 1992er Buch „Men, Women, and Chain Saws: Gender in the Modern Horror Film“ inzwischen fest in dem betreffenden Kontext etabliert hat, dürfte wohl „the last character alive to confront the killer“ lauten. In Jane Mendelsohn´s 2000er Roman „Innocence“ bin ich vor kurzem zudem auf folgende Zeilen gestoßen, die mir ebenfalls ganz gut gefallen haben: „One person remains, one girl, the Final Girl. She outlives the others. She wields the knife. She runs like a maniac across the screen. She stares hard at the monster. She´s afraid of it, and then suddenly she´s past being afraid. That´s when the Final Girl kills the monster.” Ursprünglich war ein solches Mädel meist brünett, jungfräulich-keusch, Alkohol und Drogen abgeneigt sowie cleverer und ausdauernder als die Menschen um sie herum. Letztere Eigenschaften bewirkten u.a., dass sich der Zuschauer im Verlauf immer stärker mit ihr zu identifizieren vermochte – er also zunehmend inniger mit ihr mitzufiebern begann – während sie einem eingangs oft noch deutlich uninteressanter und „unaufregender“ vorkam als so manch anderer, eher „auf Spaß ausgerichteter“ Protagonist. In der Hinsicht ist vieles bis heute allerdings weitaus „lockerer“ geworden: Länger schon kommen Partys, Sex und ausgelassen an den Tag gelegte Lebensfreude nicht mehr einem absehbaren „Todesurteil“ gleich…

Die Thematik lässt zahlreiche reizvolle Betrachtungsansätze zu: Zum Beispiel die wiederholt in Verbindung mit bestimmten „Rape&Revenge“-Veröffentlichungen durchaus kontrovers geführte Diskussion, unter welchen Bedingungen es sich denn tatsächlich um eine Form von „Female Empowerment“ handelt, wenn eine Frau zuerst allerlei (aktives wie passives) Leid erfährt bzw. erfahren muss, nur um zum Ende hin schließlich möglichst vehement „zurückzuschlagen“ – und zwar auf eine Art und Weise, die das sich „effektive Unterhaltung“ erhoffende (überwiegend männliche) Publikum auch in einem vernünftigen Maße zufrieden stellt. Aber ich schweife ab: Fortan soll es hier nun nämlich um das Spielfilm-Regiedebüt des ehemaligen Profi-Inline-Skaters sowie angesagten amerikanischen Photographen Tyler Shields gehen, welches den prägnanten, ja fast schon konventionell anmutenden Titel „Final Girl“ trägt – davon mal abgesehen jedoch recht „individuelle Pfade“ beschreitet. Im November 2012 in und um Vancouver realisiert, stellte Shields bereits im Februar 2013 einen 60-sekündigen Teaser-Trailer online, der das komplette Werk „im Schnelldurchlauf“ zeigte: Eine ungewöhnliche und somit prima zu dem eigenwilligen, beileibe nicht für die „breitere Masse“ geeigneten Projekt passende Idee. Bis zum endgültigen Erscheinen dieser kleinen Low-Budget-Produktion (im Herbst 2015) dauerte es dann allerdings noch stolze 29 Monate…

Eröffnet wird in einem karg ausgestatteten Raum, in welchem ein Mann namens William (Wes Bentley) an einem Tisch einem kleinen Mädchen (Gracyn Shinyei) gegenüber sitzt, deren Eltern gerade verstorben sind. Auf die Frage, wie es ihr dabei geht, erwidert sie bloß emotionsarm: „People die all the time.“ – „That´s a good way to look at it“, bestätigt er anerkennend, gibt ihr ein Rätsel zu lösen und testet ihr Gedächtnis – was sie beides mit Bravour meistert – und bietet ihr zum Abschluss an, sich von ihm im Hinblick auf einen „besonderen Job“ ausbilden zu lassen. 12 Jahre später ist aus dem Kiddie Veronica eine hellblonde Schönheit (Abigail Breslin) erwachsen, die William seither beherzt aufgezogen und sowohl auf physischer als auch psychischer Ebene hin zu einer findig und kontrolliert agierenden, in Kampf-Techniken sowie im Umgang mit Waffen geübten Teenagerin trainiert hat. Aktuell ist es für sie nun sozusagen an der Zeit für ihre „praktische Reifeprüfung“: Als ihre „Ziel-Personen“ werden ihr vier Freunde (Alexander Ludwig, Reece Thompson, Logan Huffman und Cameron Bright) genannt, die in einem abgeschiedenen Waldgebiet regelmäßig eine grausame nächtliche Hetzjagd auf junge Frauen betreiben – rein zu ihrem Vergnügen, bislang rund zwanzigmal an der Zahl. Veronica´s Plan ist es, dass das Quartett sie als ihr „nächstes Opfer“ auserwählt – worauf sie den sprichwörtlichen „Spieß“ postwendend umzudrehen gedenkt…

„Final Girl“ erlaubt es sich, gewissen Konventionen und Sehgewohnheiten bewusst nicht Folge zu leisten: Eine Gegebenheit, welche dem Streifen eine Menge Kritik bescherte – die meiner Meinung nach aber nur bedingt gerechtfertigt ist. In einem markanten Maße hängt vieles von den Erwartungen und Präferenzen des Zuschauers ab: Wer etwa auf einen traditionellen „Slasher“ aus ist, der wird vermutlich ebenso wenig auf seine Kosten kommen wie all jene, die sich generell nicht allzu gern ins Surreale hinein tendierenden, künstlerisch ambitionierteren „Indies“ widmen. Das Ganze wirkt, als hätte man „Nikita“, „the Most Dangerous Game“, „Léon“ und „You´re Next“ mit dem Stil und Schaffen von Regisseuren wie David Lynch und Chris Sivertson gekreuzt. Shields und sein Skript-Autor Adam Prince – seines Zeichens übrigens Co-Verfasser des arg missratenen 2014er Action-Flicks „Red Sky“ – verzichteten vorsätzlich auf das Darreichen etlicher (normalerweise irgendwann im Geschehen präsentierter) Hintergrund-Infos: Konsequent erhält das Publikum stattdessen immerzu im Prinzip bloß nur die „äußere Schicht“ der Materie Schrägstrich Handlung geboten. Von einigen relevanten, dem „Drumherum“ sowie einzelnen Gesprächen zu entnehmenden Details mal abgesehen, verbleibt das meiste weitestgehend vage belassen: Die Exposition wurde auf ein Minimum begrenzt, es gibt keinerlei „unterfütternde“ Ausführungen oder Rückblenden – primär stehen die jeweils gegenwärtigen Momente im Fokus…

Diverse Fragen, die einem im Zuge des Sichtens erkeimen, beantwortet der Film schlichtweg nicht: Wie sind Veronica´s Eltern ums Leben gekommen? Arbeitet William tatsächlich für eine geheimnisvolle, Selbstjustiz ausübende Organisation? Wie sind die Strukturen eben jener geartet? Welche Aufgaben umfasst sein Tätigkeitsfeld? Wie ist man eigentlich darauf gestoßen, dass die anvisierten Herrschaften in Wahrheit sadistische Mörder sind? Was hat bei ihnen diese (kollektive) „krankhafte Neigung“ hervorgerufen? Spärliche Anhaltspunkte sind zwar vorhanden – genaueres erfährt man allerdings nicht. Hier jetzt aber mal so ein Gedanke: Muss man das alles wirklich wissen? Inwieweit würden entsprechende Erläuterungen (á la eine im Verborgenen operierende Vigilanten-Gemeinschaft, prägend-schreckliche Kindheitserlebnisse der Killer etc. pp.) „unterm Strich“ einen gewichtigen Unterschied erbringen? Das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Mehrfach wird dem Betrachter nicht unbedingt das offeriert, was er sich so erdenkt oder erhofft. Am Ende ihres Trainings – bei welchem William sie sich u.a. daran gewöhnen lässt, stundenlang barfuss über nass-kalten Waldboden zu rennen – ist Veronica (beispielsweise) nicht zu einer „perfekt funktionierenden eiskalten Kampfmaschine“ geworden, sondern noch immer eine unverkennbar „menschliche“ Jugendliche, die weder über „akrobatische Fight-Skills“ verfügt noch ein vordergründiges „Bad-Ass-Gehabe“ an den Tag legt…

Eher an „Hanna“ als an „Hit-Girl“ erinnernd, ist Veronica zwar tough und wurde vernünftig auf ihren Einsatz vorbereitet – allerdings mangelt es ihr an konkreter „Praxis-Erfahrung“: Um ihre Chancen gegen vier mit dem Töten bestens vertraute Widersacher zu erhöhen, greift sie auf eine „die intensivste Furcht des Einnehmenden“ heraufbeschwörende bzw. visualisierende Droge zurück, welche sie ihnen in Alkohol untermischt. Abigail Breslin – einst „Little Miss Sunshine“, zu Zeiten des Drehs gerade einmal 16 sowie dank ihrer Beteiligung an Werken wie „Maggie“ und „Haunter“ inzwischen solide „in düsteren Genre-Gefilden verwurzelt“ – liefert eine anständige, verschiedene Eigenheiten umspannende Performance ab, bei der sie u.a. clever, augenzwinkernd, verführerisch, unschuldig, naive, schlagfertig sowie sich nach Zuneigung sehnend auftritt. Zudem gefiel mir ihre Vortragsweise bestimmter Dialogzeilen (Betonung, Mimik, Gestik) herausragend gut. Als ihr Ausbilder und Mentor William, der sich nach der Ermordung seiner Familie übrigens freiwillig für den „Job“ gemeldet hatte, agiert Wes Bentley („Rites of Passage“) überzeugend – wird jedoch auch nicht allzu kräftig gefordert. Während er sie quasi wie eine Tochter großzieht, entwickelt sie allmählich „darüber hinaus reichende Gefühle“ für ihn: Nichtsdestotrotz harmonieren sie ersprießlich miteinander – weshalb ich auch nichts gegen eine Vertiefung ihrer privaten wie professionellen Beziehung im Rahmen eines Sequels einzuwenden hätte…

Immerzu glatt rasiert sowie Smokings und sorgsam gepflegte Frisuren tragend, bleiben einem die Motive und jeweiligen Backgrounds der Killer ebenfalls weitestgehend vorenthalten. Gemäß des gesamten Kontexts kommen sie nahezu Comic-haft, nie aber irgendwie albern daher: Reece Thompson („Daydream Nation“) mimt Nelson, der ein „ziemlich enges“ (schon ein Stück weit creepy anmutendes) Verhältnis zu seiner Mutter pflegt, Logan Huffman („Lymelife“) verkörpert den herrlich irren sowie seiner Axt eine Menge „zärtliche Aufmerksamkeit“ widmenden „überdrehten Hepcat-Crooner“ Danny, Cameron Bright („Running Scared“) kann als Shane sogar eine feste Freundin (Emma Paetz aus „Selling Innocence“ als Jennifer) vorweisen – ist allerdings nicht dazu in der Lage, ihr seine mit ihr verknüpften Emotionen und Befürchtungen offen preiszugeben – und angeführt werden sie seitens des aufs weibliche Geschlecht ungemein „anziehend“ wirkenden, wortgewandten, von Alexander Ludwig („the Hunger Games“) passgenau portraitierten Jameson. Besonders hat mir das schräge Gebaren Dannys gefallen – egal ob nun mit seinem Beil beschwingt tanzend, Marquis de Sade zitierend oder Veronica mit gewählten Worten wie „You Babylonian whore!“ anschreiend – ebenso wie zwei „verspielt-klangvoll-coole“ Konversation zwischen Jameson und letzterer bei ihrem ersten Treffen sowie unmittelbar vorm Einsetzen des Showdowns…

Gradlinig bewegt sich die Handlung voran: Subplots wie einen sich um Jennifer rankenden, durchaus geschickt mit eingeflochtenen, gibt es kaum. Einfach alles (Story, Charakterzeichnungen, zwischenmenschliche Verbindungen etc.) entfaltet sich stets „entlang der Oberfläche der Dinge“, etwaige Nebenfiguren sucht man im Grunde vergebens – von einzelnen „Cameos“ wie Desiree Zurowski („Horns“) als Nelson´s Mom oder Clint´s hübsches Töchterchen Francesca Eastwood (TV´s „Heroes Reborn“) als ein spezielles Opfer Jamesons mal abgesehen. Nach rund 30 Minuten wird in Richtung Wald aufgebrochen – die eigentliche Jagd setzt knapp 22 später ein. Dazwischen spitzt sich die Lage u.a. in Gestalt einer Partie „Tat oder Wahrheit“ kontinuierlich weiter zu. Als es dann zu der Offenbarung ihrer sinisteren Absichten Veronica gegenüber kommt, die Hatz eröffnet wird, die heimlich verabreichte Droge ihre Wirkung zu zeigen beginnt sowie die an und für sich strikt als „Beute“ betrachtete jungfräuliche Blondine sie plötzlich der Reihe nach „auszuschalten“ beginnt, treten die klassischen „Slasher-Elemente“ hervor – allerdings verfügen selbst diese im Vorliegenden über einen recht „unorthodoxen Touch“, der gewiss nicht jedermanns Geschmack trifft. Es ging den Verantwortlichen nunmal nicht darum, dem Mainstream einen möglichst spannenden, blutigen, komplexen und/oder unvorausahnbaren Streifen aufzutischen. Es wird auch niemand vergewaltigt. Zitat Jameson: „Women don’t run very well after a sexual assault…”

Als Fan von Shields’ Foto-Arbeiten hat mir der kreierte Look des Films sehr zugesagt, da man seine „Handschrift“ (z.B. markante, auf helle Wandflächen geworfene Schatten) auf Anhieb wiedererkennt. Cinematographer Gregory Middleton („They wait“) hat die mit einem feinen Score Marc Canhams („the Disappearance of Alice Creed“) unterlegten Geschehnisse elegant eingefangen und das Setting wurde ansprechend (anachronistisch) an die ’50er- und ’70er-Jahre angelehnt – inklusive edler Autos und einem tollen Diner, in welchem vorrangig Milkshakes und Pancakes serviert werden – was wiederum hervorragend zu den Tuxedos der Herren und den schönen Kleidern der Damen passt. Konsequent wurde der Grad an Realismus dem Arrangieren schick anzusehender Einstellungen untergeordnet – und so sorgen die forcierten Halluzinationen für verschiedene „unwirkliche Momente“ (á la Männer mit großen Panda-Köpfen) und erstrahlen nicht bloß die nächtlichen Wälder British Columbias (dank heller, akzentuierender Scheinwerfer) unnatürlich perfekt ausgeleuchtet. Das Resultat ist ein eigenwilliger, fern von makelloser, ein geneigtes „Nischenpublikum“ aber dennoch prima unterhaltender kleiner Streifen, der sich (mehr oder minder verhohlen) „in abwandelnder Weise“ ausgewählten Klischees sowie anderen des Öfteren zur Schau gestellten (inhaltlichen wie visuellen) „Genre-Gewohnheiten“ angenommen hat…

Fazit:  Konzeptionell interessant und mit einer individuellen Bildersprache aufwartend, hat Tyler Shields mit „Final Girl“ (2015) ein überstilisiertes, amüsant-gewitztes „Meta-Indie-Arthouse-B-Movie“ geschaffen, an welchem sich die „Geister“ zum Teil recht heftig scheiden…

U.a. ist der Film in Großbritannien bereits auf DVD sowie in Frankreich auf DVD und BluRay (allerdings nur mit festen, nicht ausblendbaren französischen Untertiteln) erschienen. Ein deutscher VÖ-Termin ist mir bis heute (09/2015) indes noch nicht bekannt…

Stefan SeidlFinal Girl

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Final Girl

Copyright der Covermotive und Pics: Nasser Group / NGN Productions / Cinedigm (US) / Arrow Films (GB) / Marco Polo Production (F) / Tyler Shields__ Infos zur britischen VÖ: Freigabe: 15__ Geschnitten: nein__ DVD/BluRay: ja/nein__

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