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Free State of Jones

Originaltitel: Free State of Jones__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2016__Regie: Gary Ross__Darsteller: Matthew McConaughey, Keri Russell, Gugu Mbatha-Raw, Christopher Berry, Mahershala Ali, Sean Bridgers, Jacob Lofland, Liza J. Bennett, Kerry Cahill, Jessica Collins u.a.
Free State of Jones

Matthew McConaughey brilliert als Freischärler Newton Knight in “Free State of Jones”.

1862. Der Sezessionskrieg ist in vollem Gange. Ein Offizier treibt ein Regiment Südstaatler eine Anhöhe hinauf. Den Männern steht die Angst ins Gesicht geschrieben. Immer wieder stolpern sie über die Leichen gefallener Kameraden, die bei vorhergehenden Schlachten ihr Leben auf diesem unbedeutenden Hügel ließen. Als sie den Gipfel der Anhöhe erreicht haben, werden sie der Tatsache gewahr, dass sie zur Schlachtbank geführt wurden.

Die Nordstaatler eröffnen sofort das Feuer. Die Soldaten der Südstaaten werden von Kugeln zerrissen. Schädel explodieren, Körperteile fliegen durch die Gegend, Artilleriefeuer lässt die Soldaten förmlich zerplatzen. Überall liegen Eingeweide, Leichen, Verwundete. Inmitten des Chaos’ sucht Newton Knight nach Verwundeten. Der Sanitätssoldat duckt sich unter den Kugeln weg und trägt Verletzte von dem Schlachtfeld.

Nach der Schlacht begegnet er seinem unlängst eingezogenen Neffen Daniel. Ein Kind. Newton reicht es nun. Er hat keine Lust mehr, in einem Krieg zu kämpfen, in dem die Interessen der Reichen über alles andere gestellt werden. Er hat keine Sklaven. Er handelt nicht mit Baumwolle. Dieser Krieg ist nicht sein Krieg. Er beschließt, mit Daniel zu desertieren. Das Unterfangen schlägt fehl, Daniel stirbt. Newton will den Jungen zu seiner Mutter bringen, ihm ein ordentliches Begräbnis verschaffen. Freilich wird auch das als Fahnenflucht gewertet. In seiner Heimat angekommen muss Newton um jeden Preis untertauchen.

Er schließt sich entflohenen Sklaven an, die in den Sümpfen des Staates Mississippi leben. Gemeinsam mit ihnen beginnt er, hinter den Fronten einen Krieg gegen die Südstaatenarmee zu führen. Je aussichtsloser der Krieg für die Südstaaten wird, umso größer wird der Zulauf für Newtons Freischärlerarmee. Mehr und mehr beginnen sie den Bundesstaat zu übernehmen. Doch die Nordstaatler erkennen die Bestrebungen der „Freien Männer von Jones County“ nicht an. Verweigern dringend notwendige Waffenlieferungen. Zusätzlich rückt ein 1000 Mann starkes Südstaaten-Regiment an, um Newton und seine Mannen zu zerschlagen…

„Free State of Jones“ erzählt ein hochinteressantes und spannendes Kapitel aus dem verheerenden amerikanischen Bürgerkrieg. Dabei fokussiert er weniger auf die eigentlichen Kriegsgräuel, wenn die Nordstaaten und die Südstaaten in Schlachten aufeinandertreffen. Vielmehr geht es um die Kriege, die in den zerrütteten US-Bundesstaaten fernab der Frontlinie geführt werden. Kriege gegen die eigene Bevölkerung:

Wir sind dabei, wenn Armeebedienstete die eigenen Landsleute bis aufs Hemd ausnehmen, um die Soldaten an der Front mit Essen zu versorgen – wer nicht spurt, dessen Farm geht in Flammen auf. Wir sehen Städte, die nur aus Frauen und alten Männern zu bestehen scheinen, weil ansonsten alle zum Dienst eingezogen wurden. An scheinbar jedem Baum hängen Körper desertierter Soldaten. Dieses Land scheint längst verloren…

Free State of Jones

Newton Knight versucht seinen Neffen vor dem Krieg zu retten… vergeblich.

Ungeschönt und realistisch rückt Regisseur Gary Ross („Die Tribute von Panem“) das Schicksal der Daheimgebliebenen in den Fokus. Präsentiert deren Leid und Überlebenskampf eindrücklich und geht ganz allmählich und in manchmal zu ruhigem Tempo zu dem episodisch angehauchten Guerillakrieg von Newton Knight gegen die eigene Armee über. Er tritt damit eine eindrückliche Gewaltspirale los, die sich munter immer weiter dreht und zeigt, wie sehr vor allem die Menschlichkeit in Kriegen leidet. Dabei verschiebt sich folgerichtig auch der Ton des Films. Was zu Beginn an verschmitzte „Robin Hood“-Aktionen erinnert, wird zunehmend blutiger und brutaler.

Doch richtig stark wird „Free State of Jones“ nach dem Ende des Krieges. Denn Gary Ross wollte sichtlich keinen in Pomp und Gloria ersaufenden Sieg der Freischärler zelebrieren. Stattdessen rückt er ein neues Schlachtfeld in den Mittelpunkt der zweiten Filmhälfte: Den Kampf eines von den Ereignissen überfahrenen Landes um seine eigene Identität und gegen die eigene Vergangenheit. Wurde beispielsweise die Sklaverei de facto verboten, installierten die Südstaaten neue Gesetze, die das umgingen. Der Ku-Klux-Klan entstand und wütete wie wahnsinnig unter den Schwarzen. Die erste Wahl, an der auch Schwarze teilnehmen durften, geriet in den Südstaaten zur Farce.

Mittendrin Newton Knight. Inzwischen förmlich ohnmächtig, versucht er weiterhin, Ungerechtigkeiten nicht zuzulassen. Doch auch er kommt gegen die Entwicklungen nicht an. Er darf nicht einmal seine große Liebe Rachel, eine Farbige, heiraten. Die alten Großgrundbesitzer, wegen deren Baumwollhandel damals alle in den Krieg ziehen mussten, werden wieder eingesetzt. Die Schwarzen werden weiterhin unterdrückt. Es scheint, als habe sich nichts geändert…

Free State of Jones

Moses (rechts) mutiert zu Newtons bestem Freund…

Eine Einsicht, die eine Parallelhandlung antreibt. Hier kämpft ein Nachkomme Newtons 85 Jahre später vor Gericht den Kampf seines Vorfahren weiter. Da er von Newton und Rachel abstammt, soll seine Ehe als nicht rechtmäßig aufgelöst werden. Noch immer dürfen Farbige und Weiße nicht heiraten. Nichts scheint sich geändert zu haben… Und schaut man weiter, in unsere heutige Gegenwart, in der Rassenunruhen und Ungleichbehandlungen in Amerika allgegenwärtig sind, scheint sich noch immer nicht viel geändert zu haben.

Es ist diese Aktualität, die diesen Film so wichtig macht. Die ihn faszinierend interessant und spannend macht. Dabei ist er leider bei Weitem nicht perfekt. Hier und da wirkt er zu langsam in seinem Erzähltempo, ab und an verschenkt er Involvierungspotential und die Parallelhandlung um die Gerichtsverhandlung reißt den Zuschauer immer wieder unsanft aus dem Erzählfluss heraus. Zudem gerät „Free State of Jones“ zu pathetisch und erstaunlicherweise erfährt der Zuschauer nur wenig über die eigentliche Hauptfigur, deren Vergangenheit und Motive.

Makel, die durch die kraftvolle Performance des Hauptdarstellers Matthew McConaughey („Dazed and Confused“) weitgehend wieder ausgeglichen werden. Er ist als Newton Knight Herz und Seele dieses Streifens, treibt ihn immer wieder an und brilliert auch in kleinen, unscheinbaren Szenen. Seinem Regisseur Gary Ross war indes eine realistische, nüchterne Bebilderung sehr wichtig. Die detailreiche, stimmige Ausstattung und die geerdeten, brutalen Actionszenen, die vor allem zu Beginn und am Ende der ersten Filmhälfte aufkommen, zeugen davon ebenso wie die ENDLICH mal nicht strahlend weißen Zähne des Hauptdarstellers. Besonders stimmungsvoll geraten die Szenen um das Sumpfsetting, in das sich Newton und seine Mannen immer wieder zurückziehen.

Free State of Jones

Newton Knight führt eine Armee von Deserteuren gegen die Südstaaten.

Was am Ende bleibt, ist eine wirklich interessante Geschichtsstunde. Eine Geschichtsstunde, die dem Zuschauer radikal naive Vorstellungen von der damaligen Zeit nimmt und dem „Fackeln im Sturm“-Kitsch und diversen Verfilmungen berühmter Schlachten des Bürgerkrieges („Gettysburg“) ein realistisches Zeitbild entgegenstellt, welches das Leid an der Heimatfront ebenso eindrücklich inszeniert wie das blutige Chaos an der Front. Indem „Free State of Jones“ weit über den Bürgerkrieg hinaus erzählt, wird die ganze Tragik eines sinnlosen Krieges offensichtlich, an dessen Ende so viele schöne Versprechungen gemacht wurden. Doch leider gibt es da keinen Schalter, den man umlegen könnte, um Jahrhunderte voller Ungerechtigkeit und Rassentrennung einfach vergessen zu machen… Ein wichtiger Film, realistisch und spannend in Szene gesetzt, toll gespielt, aber leider auch mit diversen kleineren Problemchen durchsetzt…

7 von 10

Die deutsche DVD/Blu-ray zum Film erscheint am 10. November 2016 von Eurovideo und ist mit einer FSK 16 Freigabe ungeschnitten. Dem bild- und tontechnisch perfekten Datenträgern hätten ein paar schöne Extras zum geschichtlichen Hintergrund gut zu Gesicht gestanden. Leider gibt es bis auf eher dünne Interviews mit Cast und Crew nichts dahingehend zu entdecken.

In diesem Sinne:
freeman

Was meint ihr zu dem Film?
Zur Filmdiskussion bei Liquid-Love

Copyright aller Filmbilder/Label: Eurovideo__Freigabe: FSK 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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