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Spider Labyrinth

Originaltitel: Il Nido del ragno__Herstellungsland: Italien__Erscheinungsjahr: 1988__Regie: Gianfranco Giagni__Darsteller: Roland Wybenga, Stéphane Audran, William Berger, Bill Bolender, Arnaldo Dell’Acqua, Bob Holton, Attila Löte, John Morrison, Claudia Muzi, Massimiliano Pavone, Paola Rinaldi, Valeriano Santinelli, László Sipos, Margareta von Krauss u.a.

Spider Labyrinth Banner

Spider Labyrinth

„Spider Labyrinth“ erscheint als erster Titel der neuen „Italo Cinema Collection“.

Das Trauma, der Treibstoff allen italienischen Genrekinos. Da hockt seine pelzige Verkörperung nun im Winkel des alten Holzschranks, fett, träge und pulsierend, um die Psyche eines arglosen Kindes bei einer unwillkürlichen Begegnung irreversibel zu verändern.

Ein Blickkontakt, ein schneller Zoom, ein harter Schnitt wie in einem Giallo und schon ist der kurze Prolog für einen Film abgeschlossen, der vom Fleck weg von seiner eigenen Form dominiert wird. Oberste Zielsetzung muss gewesen sein, ihn wie ein pompöses Spinnennetz wirken zu lassen, voller asymmetrischer Seidenfäden, die entweder ins Nichts oder zurück zum Anfang verlaufen.

Dabei beginnt die Hauptgeschichte von „Spider Labyrinth“ als staubtrockene Variation des Detective Noir, in einem sterilen Büro voller alter Professoren in grauen Anzügen, die ihren jungen Kollegen auf eine Reise nach Budapest einschwören. Vor Ort, in einem Adergeflecht aus verwinkelten Seitengassen, wandelt sich die Atmosphäre dann radikal. Gepflasterte Höfe, pompöse Hotellobbys und Geheimgänge bestimmen nun die Szenerie, die Omnipräsenz von Wind und Regen verschiebt in Echtzeit die Realität und schließlich, wenn die Dinge völlig außer Kontrolle geraten, mündet alles in einer von Alptraumlogik geformten Hysterie.

Ende der 80er ist Gianfranco Giagni für die große Party eigentlich schon etwas spät dran, auch wenn Regisseure wie Michele Soavi („Dellamorte Dellamore“, 1994) und Mariano Baino („Dark Waters“, 1993) sogar noch spätere Highlights setzten. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie sich nicht nur nach Herzenslust an reichhaltiger Genre-Tradition bedienen konnten, sondern dies im Gegensatz zum Gros der damals in Italien produzierten Horrorfilme auch immer noch zu kanalisieren wussten. Die Argentos, Bavas und Avatis strömen diesem Regiedebüt aus allen Poren, sie blitzen vor allem auf in den fiebrigen Augenblicken der maximalen Irritation, wenn sich der Horror in einem Rinnsal ausbreitet, das ein wenig abseits vom großen Strom gelegen ist und oftmals überraschende Haken schlägt.

Spider Labyrinth

Auf dem Weg nach Budapest, ein paar Spinnen ausräuchern.

Verstärkt wird dabei auf hastige Verlagerungen der Kamera vom Neutralen ins direkte Blickfeld der Hauptfigur gesetzt. Gebäude werden per Dutch Angle dämonisiert, Nebendarstellerin Paola Rinaldi, stets der Blickfang ihrer Szenen, wird per Male Gaze gescannt. Bei einem Blick durch das Hotelzimmerfenster ins Apartment auf der gegenüberliegenden Straßenseite werden sogar Hitchcock-Referenzen wieder lebendig, doch nicht nur hier; sie werden überdies permanent von der Musik transportiert und sind in der grundlegenden Mystery des Stoffs codiert. Objektiv wirkt hier fast nichts; wie surreal und menschenleer die ungarische Hauptstadt eingefangen wird, das hat schon viel vom Venedig aus Nicolas Roegs „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (1973) oder vom Brügge aus Harry Kümels „Malpertuis“ (1971).

Dazu tragen auch die sparsam dosierten, gleichwohl strategisch sinnvoll zu einer Steigerung angeordneten Spezialeffekte bei. Die titelgebenden Spinnen etwa kommen im gesamten Film nicht vor, wohl aber so einige plastische Nachbildungen von ihnen, die durch träge Stop-Motion-Effekte in Bewegung versetzt werden. Man möchte sogar behaupten, dass diese hochgradig befremdliche Handwerkskunst die Wirkung der jeweiligen Szene besser zur Geltung kommen lässt als es der Einsatz echter Exemplare je könnte, wird doch durch den unnatürlich ruckeligen Bewegungsablauf und die glatte, aber doch echt wirkende Beschaffenheit die traumartige Anmutung des Films noch zusätzlich unterstrichen.

Auch die übrigen Schauerelemente ordnen sich der beschworenen halluzinatorischen Wirkung des Films unter. Ein Gummiball, der fortlaufend ins Set drängt, scheint Bavas „Die toten Augen des Dr. Dracula“ (1966) und Don Coscarellis „Das Böse“ (1979) gleichzeitig Tribut zollen zu wollen. Margareta von Krauss wiederum, die als rothaarige Furie mit Nadelzähnen durch weiße Bettlaken greift, Vorratsregale umstößt und sich in den leiseren Momenten als das Vertraute tarnt, um die profane Travestie des Horrors plötzlich doch wieder anhand kruder Buh-Effekte zu beschwören, steht in Tradition all der Hexen- und Zombieartigen (die mit etwas mehr Hirn, wohlgemerkt), die im vorherigen Jahrzehnt das Low-Budget-Kino aufgemischt hatten. Ein Wunder wäre es, wenn sich Tilman Singer für seine jüngst entstandene Alpen-Groteske „Cuckoo“ nicht ganz gehörig an diesem Film und speziell an dieser Figur bedient haben sollte.

Spider Labyrinth

So mancher Schminktisch hat schon hübschere Ergebnisse hervorgebracht.

Bemerkenswert ist auch, dass die Slasher-Grundlagen, deren erste Giallo-Blüten sich längst zur mächtigen Untergattung des internationalen Horrorfilms entwickelt hatten, bei Giagni nicht so recht auf fruchtbaren Boden stoßen. Mit deftigeren Splatter- und Gore-Einlagen hätte „Spider Labyrinth“ wohl für mehr Aufmerksamkeit sorgen können, doch das Blut gefriert eher, als dass es fließt. Die Nähe zu den diffusen Verschwörungs- und Okkult-Stoffen, die nicht zuletzt Roman Polanski mit „Rosemaries Baby“ (1968) angestoßen hatte, erlaubt nicht den Ausbruch in allzu wahrhaftige Gefilde. Deswegen gipfelt das Finale auch lieber in einer meta-fleischlichen Übertreibung von Carpenter’schen Ausmaßen, die bizarr genug geraten ist, dass man sie nicht mit der Nüchternheit des Slasherfilms abgleichen kann, sondern in einem übertragenen Sinne deuten muss.

Schade, dass ausgerechnet das transportierende Medium all dieser intensiven Eindrücke, der Hauptdarsteller, eine sterile, kalte Projektionsfläche bleibt. Eine solche Rolle braucht eigentlich jemanden, der die Wirkung des ihn umgebenden Alptraums als Spiegelung in aufgerissenen Augen noch einmal verstärkt. Roland Wybenga vermag nichts davon zu liefern, er ist lediglich dieser bärtige Reflektor mit Brille und Anzug, der sämtliche Sinnesreize wie ein schwarzes Loch absorbiert. Das gilt sogar schon für seinen jungen Stellvertreter im Prolog, der eher desinteressiert als schockiert auf das Scheusal im Winkel blickt und die Wirkung damit stark abmildert.

Als Schwachpunkt wird gemeinhin aber vor allem die Story identifiziert, die üblicherweise – Argento wird ein Liedchen über diesen Vorwurf singen können – gegen das Audiovisuelle gestellt wird, als seien Stil und Substanz grundsätzlich unvereinbare Gegensätze. Natürlich hält sie genauerer Betrachtung nicht stand; wie könnte sie auch. Als der Traum, nach dessen Regeln sie konstruiert ist, zerfällt sie letztlich in Fragmente. Es sind aber gerade diese Fragmente, teilweise aus der Not geboren, die den Film auch in den weniger aufregenden Momenten ohne Sex, Gewalt und Skurrilitäten retten, wenn eine unendliche Spirale durch die Straßen der Stadt gezogen wird und das Treiben auf der Leinwand auf einmal wie ein endloser Walking Simulator wirkt. Die vermeintlichen Sackgassen des Drehbuchs führen aber keineswegs ins Nichts, vielmehr ergänzen sie die Spezialeffekte, reichern sie mit Atmosphäre an und verleihen ihnen zusätzliches Gewicht.

Spider Labyrinth

Welcome to the Spider Murphy Gang.

Bis hinein in die letzte Pointe kurz vor Abspann zehrt „Spider Labyrinth“ von dieser Symbiose aus schrillen Effekten und mulmiger Lovecraft-Stimmung, die wie ein letztes Aufbäumen vor dem unabwendbaren Begräbnis des übernatürlichen Italo-Horrorfilms wirkt. Seitdem wird in Frieden geruht. Ein echter Sleeper also, der die komplette DVD-Ära unter dem Gras verbracht hat… um gerade jetzt vielleicht doch noch einmal den Hals auszufahren.

07 von 10

Informationen zur Veröffentlichung von „Spider Labyrinth“

Italo Cinema Collection #1

Es ist mal wieder eine neue Collection am Start. Zum bereits fünften Mal bringt Wicked Vision einen Film als Beginn einer Reihe in einem Pappschuber, der Platz für zehn Filme aus dem gleichen Themenkreis bietet und in den nächsten Monaten gefüllt werden will. Alleine im Jahr 2025 ist es schon das dritte Fass, das auf diese Weise aufgemacht wird, wohl auch in dem langfristigen Versuch, von den klassischen Mediabooks der „Limited Collector’s Edition“-Reihe wegzukommen und mehr mit Scanavo Cases zu arbeiten.

Nun ist eine „Italo Cinema Collection“ ja durchaus etwas, an dem sich etliche Labels, ob national oder international, seit dem DVD-Zeitalter immer mal wieder so oder in ähnlicher Form versucht haben. All die Gialli, Poliziotteschi und Spaghettiwestern ziehen eben doch zuverlässig stets ihr Publikum. Auch wenn also der Nischen-Bonus der (inzwischen bereits in die dritte Staffel gegangenen) „Black Cinema Collection“ ausbleibt, so verspricht der neueste Boxen-Ableger sogar für zuvor bereits anderswo veröffentlichte Titel spürbare Upgrades, sei es in Form von UHD-Premieren oder zusätzlichem Bonusmaterial.

Den Auftakt macht aber kein alter Bekannter, sondern ein vergessenes Kleinod der 80er, das seit der Videokassette nicht mehr in Deutschland erhältlich war: „Spider Labyrinth“. Anstatt aber erst einmal primär den DVD- oder Blu-ray-Markt mitzunehmen, wird gefühlt mal eben in fünf Sekunden von 0 auf 200 beschleunigt und eine UHD-Premiere rausgehauen, die sich gewaschen hat.

Die Box

Italo Cinema Collection

Die drei Seiten der Box ergeben zusammen einen bunten Schriftzug, der sich der Artworks der kommenden Titel bedient.

Bevor wir die inneren Werte begutachten, konzentrieren wir uns aber erst einmal auf die mitgelieferte Sammlerbox, die ein kleines Design-Meisterwerk geworden ist und daher entsprechend gewürdigt gehört. Rund um die geschlossenen Seitenflächen des Würfels erstreckt sich der Schriftzug „Italo Cinema Collection“ in fetten Buchstaben, deren Ränder in feinen weißen Linien mit unstetem Strich gezogen sind. Während die Box selbst abgesehen von ein paar dunkelbraunen Akzenten praktisch komplett schwarz gehalten ist, sind die Buchstaben mit Ausschnitten der knallbunten Originalposter der zu erwartenden Filme gefüllt.

Wer das italienische Kino kennt, der weiß, dass da mit satten Grün-, Blau-, Rot-, Gelb-, Orange- und Purpurtönen zu rechnen ist… und natürlich mit aufgerissenen Augen ohne Ende. Diese erschlagend einfache, aber hochgradig effiziente Gestaltung erfüllt ihren Zweck als Teaser auf die kommenden Highlights perfekt. Um den Effekt noch zu verstärken, heben sich die Buchstaben auch noch wie Fensterglasscheiben von der schwarzen Fläche ab, des Spotlacks zum Dank, mit dem hier großzügig gearbeitet wurde. Auf der Oberseite bekommt man den Schriftzug noch einmal im Kleinformat und weiß ausgefüllt unterhalb des wachsamen Wicked-Vision-Auges, auf der Unterseite findet man dezent den EAN-Code vor, sowie den Hinweis, dass diese Edition auf 1500 Stück limitiert ist.

In der offenen Seite des Würfels steckt noch ein Deckblatt mit maschineller Nummerierung sowie Inhaltsangabe und Ausstattung zum ersten Titel der neuen Reihe. Nimmt man das Deckblatt ab, kommt ein Scanavo Case sowie ein Styroporklotz zum Vorschein, der dafür sorgt, dass die Hülle nicht ungebremst durch den Innenraum rumpelt, der ja immerhin nach Vervollständigung zehn Filmen Platz bieten soll.

Hülle und Artwork

Erfreulicherweise setzt Wicked Vision auch weiterhin auf echte Scanavos, die schon aufgrund des dicken Materials der Verpackung eine gewisse Wertigkeit versprechen. Da bei dieser Reihe nicht mit mehreren Cover-Varianten experimentiert wird, setzt man auf das allseits bekannte Originalposter. Darauf hockt ein Achtbeiner im Rampenlicht und animiert sein menschliches Publikum im Hintergrund zu etlichen Schreien, während er seinen eigenen Schriftzug mit Blut aus seinem Maul besudelt. Severin, die den Streifen schon 2023 in den USA als UHD veröffentlichten, nutzten das Motiv ebenso, auch wenn es diesmal ein wenig arrangiert ist; nicht zuletzt aufgrund der Farben der italienischen Flagge, die zentriert am unteren Rand abgebildet ist, sowie des „Italo Cinema Collection“-Banners, das am oberen Rand in weiß auf schwarzem Grund abgedruckt ist.

Etwas gewöhnungsbedürftig ist auf den ersten Blick die unregelmäßige Höhe der weißen Linie, die den Schriftzug vom Motiv abtrennt, man könnte fast meinen, es hier mit einer Episode „La Linea“ zu tun zu haben. Andererseits harmoniert das eigenwillig schiefe Design mit dem Spinnennetz im Cover. Wer das Artwork trotzdem ganzflächig bevorzugt, darf den Cover-Wender machen und einmal umdrehen. Während das Motiv hier auf ganzer Fläche erstrahlt, ändert sich am Spine und am Backcover, das drei Screenshots, eine Inhaltsangabe, die Credits und technische Spezifikationen bietet, nichts.

Spider Labyrinth Italo Cinema Collection

„Spider Labyrinth“ leitet die „Italo Cinema Collection“ als UHD+Blu-ray-Doppel-Set mit Booklet im schicken Schuber ein.

Das Booklet

Der Verzicht auf ein Mediabook bedeutet bei diesen Box Sets aber nicht zwangsläufig den Verzicht auf ein Booklet. So ist also auch hier wieder eines enthalten, mit dem nicht unerheblichen Vorteil, dass man es eben aus der Packung ziehen und als Broschüre in die Hand nehmen kann. Diese erste Ausgabe kommt dabei auf den obligatorischen 24-Seiten-Umfang. Das Frontcover bietet leider keinen anderen Anblick als die Hülle. Auf der Rückseite entzückt immerhin Paola Rinaldi mit einer netten alternativen Ansicht. Labelchef Daniel Perée nimmt die Begrüßung persönlich in die Hand und betont in seiner Einleitung nicht nur die Vielfalt, die das italienische Kino zu bieten hat, sondern auch die Wichtigkeit einer guten Kuration, um es besser verstehen und einordnen zu können. Indirekt werden somit gewisse Versprechen gemacht, die schon in der ersten Ausgabe erfüllt werden sollen.

Hausautor Christoph N. Kellerbach bemüht sich auf den folgenden Seiten, die gewaltige Bandbreite an Einflüssen, die „Spider Labyrinth“ zu bieten hat, zusammenzufassen, und die 19 getexteten Seiten, die ihm dafür zur Verfügung stehen, werden ihm tatsächlich ein bisschen knapp, so dass er einiges nur umreißen kann. Trotzdem bekommt man einen umfassenden Überblick über die Entstehung des Films geboten, mitsamt seiner Einordnung in eine sich verändernde Kino-, Video- und TV-Kultur, den Einflüssen aus Film und Literatur, den Dreharbeiten in Budapest und sogar einigen Einflüssen aus der Welt der Comics, die auf den ersten Blick nicht zwingend zu erkennen sind. Der Text liest sich dabei in klassischem Schwarz auf Weiß mit roten Überschriften sehr angenehm. Einzelne Stills lockern den Lesefluss auf, sie werden aber insgesamt nicht zu exzessiv eingesetzt, um dem Autoren nicht noch mehr Platz zu rauben.

Auf der rechten Seite, versetzt übereinander eingeklammert, finden wir dann die Kernstücke der Edition, die Ultra-HD Blu-ray und die Blu-ray. „Spider Labyrinth“ ist also ein Dual-Format-Release, überspringt aber dennoch eine ganze Generation – es ist eher selten, dass ein Film die komplette DVD-Ära verschläft und dann gleich als Blu-ray und Ultra-HD Blu-ray veröffentlicht wird.

Das Bild

Wer das entsprechende Abspielgerät hat, sollte natürlich nicht lange fackeln und als erstes zur UHD greifen. Die bietet nämlich, die entsprechende Kompatibilität im Heimkino vorausgesetzt, HDR10 mit Dolby Vision. Bei den vielen Schwarzflächen des insgesamt eher dunklen Films ist das von besonderem Vorteil. Wie frisch aus der Druckpresse wirken viele Einstellungen, das Schwarz ist wirklich durchdringend tief, aber selbiges gilt ebenfalls für die überaus plastischen Farben.

Der Marmor in der Hotellobby glänzt in Smaragdfarben, das Wasser in der Therme leuchtet türkis wie in einer Lagune. Strukturen werden fein aufgelöst, der Schattenwurf lässt alles greifbar wirken. Feines Filmkorn sorgt für das Filmische. Als jemand, der diesen Film zuletzt auf einer Videokopie gesehen hat, offenbart sich dem Schreiber dieser Zeilen im Grunde ein völlig neues visuelles Erlebnis. Abgesehen von dem Dolby-Vision-Effekt, der die Kirsche auf der Sahne ist, wurden diese Qualitäten im Wesentlichen auch für die Blu-ray-Präsentation konserviert, die ebenfalls unverschämt gut aussieht.

Der Ton

Beim Ton hat man die Wahl zwischen Deutsch, Englisch und Italienisch, wobei das Format in allen Fällen DTS-HD Master Audio 2.0 ist. Die deutsche Synchronisation wirkt manchmal ein wenig steril, nicht nur, was die Synchronsprecher angeht, sondern auch die leicht blecherne Aufnahmequalität betreffend. Ihr Transfer hingegen lässt wenig Grund zur Klage. Die Hintergrundkulisse wirkt jederzeit lebendig, die Musik voluminös, Soundeffekte wie das Knurren und Krächzen der Sektenmitglieder durchdringend. Dass es abgesehen von der Synchro diesmal zwei weitere Tonspuren zur Auswahl gibt, hat auch mit der besonderen Produktionsweise zu tun, mit der italienische Filme jener Zeit bedacht waren.

Während man den italienischen Ton hier normalerweise als Originalton bezeichnen würde, so sind es doch englische Silben, die die Darsteller auf ihren Lippen formen, wenngleich sie in der Postproduktion in der Regel noch einmal synchronisiert wurden, da viele der heimischen Darsteller kein Englisch beherrschten. Ein echter O-Ton existiert in solchen Fällen also gar nicht. Den besten Kompromiss in Bezug auf die reine Audioqualität bietet die italienische Spur: Sie wirkt nicht ganz so dumpf wie die deutsche im direkten Vergleich, leidet aber auch nicht an dem Rauschen, das einige Szenen in der englischen Version heimsucht, obwohl diese noch einmal etwas offener klingt als die italienische. Übrigens liegt nicht nur die Synchronisation dreisprachig vor, sondern auch die Untertitelauswahl, die ebenfalls die Wahl lässt zwischen Deutsch, Englisch und Italienisch.

Der Audiokommentar

Entsprechend der geltenden Konventionen bei den meisten UHD+BR-Dual-Format-Releases, findet man sämtliche Extras auf die Blu-ray ausgelagert, mit einer Ausnahme: Dem Audiokommentar, der auf beiden Medien abgespielt werden kann. Will Dodson, ein Professor für Mediengeschichte, befindet sich darauf im Gespräch mit Ryan Verril, dem Betreiber des Podcasts „The Disc Connected“, der sich auf die Würdigung der Arbeit von Boutique-Labels an physischen Medien spezialisiert hat. Dementsprechend wenige Einblicke bekommt man in die Produktionsgeschichte des Films aus erster Hand. Was allerdings die Interpretation des fertigen Werks angeht, könnte man nicht besser bedient werden.

Dodson deckt sämtliche Ebenen ab, er umreißt das italienische Genrekino, setzt es in Zusammenhang mit Lovecraft-Horror und anderen Strömungen, deckt verborgene Details der Handlung auf, die einem schnell entgehen könnten und führt ein in die allgemeine mythologische Bedeutung der Spinne für den Film. Im Endeffekt werden hier beinahe drei Kommentare in einem geboten, was den Vorteil hat, dass in der laufenden Diskussion interessante Querbezüge zwischen den verschiedenen Ebenen gezogen werden können. Außen vor bleibt eben nur der Blick eines Insiders auf die Produktion… aber wozu hat man denn die Video-Extras?

Interviews mit Cast & Crew

Um die abzuspielen, muss man einmal die Datenträger wechseln. Und am besten bei der Gelegenheit noch eine Toilettenpause einlegen, denn danach warten noch mehr als drei Stunden an Bonusmaterial darauf, gesichtet zu werden – Severin zum Dank, die das meiste davon vor zwei Jahren für ihren Release produziert hatten. Eine satte Dreiviertelstunde lang läuft alleine schon das einleitende Interview „Caught in a Web“ mit Gianfranco Giagni, der sich als ein Regisseur entpuppt, dessen Einflüsse weit über das Genre-Kino hinausreichen, welches er vordergründig mit „Spider Labyrinth“ reflektierte.

Erst mit der Zeit, so gesteht er im Fazit, habe er seinen eigenen Film auch wirklich mit den Augen eines Liebhabers des Phantastischen Films betrachten können, zuvor sei sein Debüt eher Mittel zum Zweck gewesen, um aus dem Betätigungsfeld der Musikvideo-Regie auszubrechen und etwas Größeres zu machen. Einleitend gibt Giagni Einblicke in die Entstehung der Produktion, bevor er auf die mannigfaltigen Einflüsse zu sprechen kommt, die in vielen Szenen auszumachen sind. Auch technische Details der Vorbereitung, des Drehs und der Postproduktion werden beleuchtet. Schon mit diesem Interview ist das Fehlen eines Produktionskommentars im Grunde bereits kompensiert.

Aber es gibt eben noch mehr zu entdecken. „Arachne“ (41 Min.) ist ein weiteres Interview, diesmal mit Drehbuchautor Gianfranco Manfredi, der umgeben von Büchern eine Menge Spaß zu haben scheint. Es wird jedenfalls recht heiter, wenn er zu Vergleichen zwischen dem Horror- und Pornofilm der 80er Jahre ansetzt und im Zuge dessen eine Anekdote rund um einen Besuch bei Joe D’Amato teilt. Anfangs geht es noch etwas konkreter um sein Drehbuch zu „Spider Labyrinth“ und spezifische Ideen und Inspirationen daraus, wie den Ball, der in mehrere Einstellungen rollt, oder das Verführungsspiel vor dem Fenster. Später transzendiert sein Monolog dann in eine allgemeinere Betrachtung der italienischen Filmproduktion, ihrer Möglichkeiten und ihrer Grenzen.

Weiter geht es mit „All the Colors of a Spider“ (20 Min.), offensichtlich eine Referenz auf den Giallo „All the Colors of the Dark“. Angespielt werden soll damit auch auf dasjenige, was die Kamera gemeinhin zum Vorschein bringt, die Farben eben, und so ist es diesmal Kameramann Sebastiano „Nino“ Celeste, der nicht nur, aber auch über die durchaus dominante Farbgebung von „Spider Labyrinth“ spricht. Während Celeste Szene für Szene die jeweils speziellen Gegebenheiten schildert, die zu speziellen Lösungen in Sachen Beleuchtung führten, merkt man wieder, wie viele Gesichter dieser Film eigentlich hat. Logistische Problemstellungen während des Drehs werden nebenbei auch angeschnitten.

Schaut in den Trailer von „Spider Labyrinth“

„Smile of the Spider Woman“ (34 Min.) kann sich natürlich nur um Paola Rinaldi drehen. Die Genevieve-Darstellerin spricht über die Anforderungen an ihre Rolle aus Sicht des Regisseurs Gianfranco Giagni und des Drehbuchautors Tonino Cervi, von dem auch die zugrundeliegende Story stammt und der deswegen am Set ein besonderes Interesse hatte, dass alles so aufgeht, wie er es sich vorgestellt hat. Auch wenn Rinaldi betont, dass sich ihre Meinung mit der Zeit geändert hat, so kommt doch ihre am Set empfundene Antipathie gegenüber Cervi deutlich durch, zumal sie zu diesem Thema immer wieder zurückkehrt. Zwischendurch beschreibt sie ihre Tagesabläufe während und nach dem Dreh und erinnert sich außerdem an ihren 1995 verstorbenen Co-Star Roland Wybenga, mit dem sie sich gerade in den intimen Szenen vor der Kamera in ihrer Unsicherheit verbunden gefühlt habe.

Und ja, auch die Special-Effects-Fanatiker kommen noch auf ihre Kosten. Sergio Stivaletti plaudert in „Death in Stop Motion“ (39 Min.) aus dem Nähkästchen, was seinen Job angeht. Ausgehend von der These, dass Filme im SFX-Jahrzehnt der 80er oftmals sogar um die Effekte herum aufgebaut wurden, gibt er einen sehr tiefen Einblick in die Realisierung der Tricksequenzen und Make-Up-Effekte. Insbesondere die Stop-Motion-Animation der Spinnen wird ausgiebig beleuchtet, so dass man ein Gefühl dafür bekommt, was für eine undankbare Aufgabe es sein kann, ein achtbeiniges Tier mitsamt ihrer Cheliceren zu animieren. Teilweise werden die Ausführungen durch Einblendungen zusätzlich visualisiert. Auch Stivalettis Einflüsse, allen voran natürlich einmal mehr der große Ray Harryhausen, werden nicht unterschlagen.

Featurette über den Film

Eine Menge Interview-Holz kommt da also zusammen, dessen einziger Makel darin liegt, dass es so übereinandergestapelt dann doch recht wenig Abwechslung liefert, sieht man einmal von den jeweils unterschiedlichen Sprechern und Interview-Kulissen ab. Insofern ist es eine sehr schöne, weil auch unerwartete Abwechslung, wenn zum Abschluss noch eine recht aufwändige, hochwertig geschriebene und spannend zusammengeschnittene Featurette geboten wird. „Web of the Weird“ (17 Min.) nennt sich das Ganze und beschreibt den Versuch, „Spider Labyrinth“ in das sogenannte „Weird“-Genre einzuordnen – eine Bezeichnung, die filmwissenschaftlich sicherlich überaus streitbar ist, jedoch zu einer auch für den Zuhörer sehr anregenden Argumentationskette führt, die Kaliber wie H.P. Lovecraft als Stützen verwendet, um ihren Punkt zu machen. Zu Gast sind die Professoren Carl Sederholm, Ralph Beliveau und Kristopher Woofter, die ihre Thesen teils im Bild, teils auch zu eingeblendeten Filmszenen ausführen, während Erica Shultz die Narration übernimmt.

Trailer

Den Deckel drauf machen der deutsche und der englische Trailer. Ersterer ist nicht zuletzt aufgrund der künstlich verstellten Stimme des Off-Kommentators überaus reißerisch geraten und verrät zudem so ziemlich alle Spezialeffekte und Schauwerte des Films, letzterer probiert es immerhin mit einem mysteriös gehaltenen narrativen Ansatz, verfällt dann jedoch in die gleichen Muster wie sein deutsches Pendant und klotzt mit allerhand Reizen fürs Auge.

Fazit

Nicht vergessen werden soll die schöne Präsentation all dieser Inhalte mit humoristischen Rechte-Einblendungen, hübscher Menü-Aufmachung (inklusive putzig animierter Menüpunkte, die sich zerteilen, wenn man sie auswählt) und geschmackvoller Abstimmung der einzelnen Komponenten, was eine gewisse Wärme und Sorgfalt durchkommen lässt, mit der dieser Auftakt der „Italo Cinema Collection“ zu einem vielversprechenden Beginn für eine spektakuläre Reise durch die Vielfalt des italienischen Genrekinos geworden ist.

Sascha Ganser (Vince)

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