Actionfilme, Actionstars und einfach Action satt

Hardcore

Originaltitel: Hardcore Henry__Herstellungsland: Russland, USA__Erscheinungsjahr: 2015__ Regie: Ilya Naishuller__Darsteller: Sharlto Copley, Haley Bennett, Danila Kozlovsky, Cyrus Arnold, Will Stewart u.a.
Hardcore

“Hardcore” beginnt, wie Crank einst endete: Der Held kracht vom Himmel auf den Boden der Realität.

Filme aus POV-Sicht, also aus First-Person-Sicht bzw. der Ich-Perspektive, sind seit den Wackelkamera-Dramen in diversen Stock-Footage-Horrorfilmen („Devil’s Pass“, „The Frankenstein Theory“) ein alter Hut. Dennoch hat man es bisher nicht gewagt, einen Actionfilm auf diese Art und Weise zu inszenieren. Es gab immer mal Elemente in Actionern, die aus POV-Sicht gefilmt wurden. Etwa wenn die Kamera auf die jeweils abgeschossene Waffe geschnallt wurde und so zumindest für Sekundenbruchteile ein gewisses „Shooter-Feeling“ heraufbeschwor (z.Bsp.: „Act of Valor“).

Zuletzt begeisterte der Film „Der Spion und sein Bruder“ in seinen Trailern mit tollen Action-Schmankerln in POV-Optik. Im fertigen Film erwies sich diese Optik nur als Gimmick, das zudem viel zu kurz kam. Wirklich legendär ist eigentlich nur eine mehrminütige Sequenz aus dem The-Rock-Streifen „Doom“. Kurzum: Einen ganzen Actioner aus First-Person-Sicht, das hat sich noch keiner getraut.

Bis der Russe Ilya Naishuller ums Eck kam. Der Regisseur hatte schon den Kurzfilm/das Musikvideo „Biting Elbows: Bad Motherfucker“ aus POV-Sicht gefilmt und damit für ordentlich Aufsehen gesorgt. Das Feedback zu diesem Projekt ließ ihn den finalen Schritt wagen: Er griff sich eine ganze Wagenladung an GoPro-Actioncams und inszenierte einen filmgewordenen 3D-Shooter. Das Konzept und ein erster cooler Filmclip, der minimal gepimpt auch seinen Einzug in den fertigen Film fand, überzeugten mich derart, dass ich eine Handvoll Euro in den Film investierte. Die dazugehörige erfolgreiche Indiegogo-Crowdfunding-Kampagne machte es Naishuller möglich, seinen Film zu vollenden. Dabei bewies er richtig Eier und ging keinerlei Kompromisse ein…

Aufgrund der für einen Actionfilm nach wie vor innovativen First-Person-Optik erwachen wir, bzw. Held Henry, in einem Cryo-Tank. Nach Verfliegen der ersten Desorientierung spricht eine aparte junge Frau (Haley Bennett aus „The Equalizer“) auf uns ein. Sie erklärt uns, sie sei unsere Geliebte und man habe uns mehr tot als lebendig von der Straße gekratzt. Was uns bzw. Henry passiert ist, wurde bereits in dem urstbrutalen, aber stylisch inszenierten Vorspann verdeutlicht. In Zeitlupe wird ein Messer in einen Hals getrieben, ein abgebrochener Flaschenhals zerschneidet einen Bauch und eine Kugel bahnt sich in Super-Slow-Motion den Weg durch einen Kopf. Schon bei diesen Bildern erweist sich der Antrag des deutschen Rechteinhabers Capelight auf eine Freigabe ab 16 als kaum mehr als ein frommer Wunsch.

Die junge Frau erklärt uns, dass wir so „zerstört“ waren, dass wir nur gerettet werden konnten, indem unser Körper zu weiten Teilen mit bionischen Bauteilen wiederhergestellt wurde. Ohne diese seien wir nicht mehr überlebensfähig. Wie zum Beweis dürfen wir dabei zuschauen, wie sie uns einen bionischen Arm und ein ebensolches Bein anmontiert. Bevor sie uns unsere Erinnerungen und unser Sprachvermögen wiedergeben kann, wird das Labor von ein paar fiesen Lumpen gestürmt. Eine wilde Jagd später finden wir uns in einem zukünftigen Moskau wieder…

Hardcore

Mit eine Minigun einen Van zerlegen? Bitte sehr!

Und werden von allen Seiten beballert. Was geht hier nur vor? Und wer stürmte das Labor? Und wieso scheint der Anführer der Angreifer brachiale PSI-Kräfte zu besitzen? Orientierungslos wuchten wir uns durch die Stadt, sammeln Hinweise, Schließkarten, neue Klamotten und derlei mehr. Kurzum: Wir befinden uns mitten in dem 3D-Shooter „Hardcore“ und klauben uns, wie man es von solchen Shootern kennt, die Handlung zusammen.

Echte Hilfe bekommen wir von der Figur des Jimmy. Diese taucht in immer neuen Verkleidungen auf und nennt uns neue Missionsziele, die wir artig abklappern. Das Unheimliche: Jimmy überlebt niemals lange genug, um uns wirklich zur Seite zu stehen. Wenige Minuten später steht er allerdings wieder quickfidel vor uns und weist uns erneut den Weg! Was geht hier nur vor?

Während wir über die Zusammenhänge rätseln, jagt uns der Film im Parkour-Stil durch die Stadt, lässt uns schwindelerregende Höhen erklimmen und mit fiesen Lumpen aneinander geraten. Dabei explodieren Köpfe, werden Menschen zu Klump geschossen und landen Messer in Körperregionen, wo sie definitiv nicht hingehören. Das hat aufgrund der genialen Optik einen unerhörten Impact und eine wahnsinnige Wucht. Und wider Erwarten gewöhnt man sich als Zuschauer nach spätestens fünf Minuten erstaunlich gut an die wilde Kamera. Diese wird im Übrigen um ein Vielfaches ruhiger geführt, als man es von vergleichbaren Filmen aus dem Horrorgenre kennt.

Hardcore

Jimmy hilft uns, ein wenig Ordnung ins Chaos zu bringen.

Dennoch verliert man immer mal wieder die Orientierung. Aber das ist echt kein Wunder, denn wenn man – von der Druckwelle eines abgefeuerten Panzergeschosses erfasst – in einem nahestehenden Baum landet und durch dessen Baumkrone gen Erdboden kracht, dürfte es für jeden normalen Menschen schwer sein, zu erkennen, wo oben und unten ist. Die Ergebnisse solcher Einlagen sind durch die Bank einfach nur wahnsinnig beeindruckend und lassen mehr als einmal den Gedanken aufkommen, wie man das tatsächlich umgesetzt und inszeniert hat.

Panzer? Du laberst hier von Panzern? Absolut! Dieser Film hat wirklich alles, was einen Actionfan wahnsinnig glücklich machen kann. Allerdings muss der Zuschauer dazu erst den etwas repetitiven Anfang überstehen. Denn die ersten Gehversuche Henrys und seine Bemühungen, mit uns die Story zu erfassen, führen vor allem zu Beginn zu diversen Wiederholungen. Als würde man ein Leben verlieren und müsste ab einer gewissen Save-Game-Stelle wieder von vorne beginnen. Und so haben selbst diese Momente ihre Berechtigung, passen sie doch zur Bebilderung eines 3D-Shooters wie Arsch auf Eimer. Zumal deren Dramaturgie ja meist sehr ähnlich angelegt ist. Mittenrein in die finale Schlacht werfen einen ja nur die wenigsten Spiele.

Rollt der Film dann, geht es aber mal so richtig ab und gibt es Bilder zu bestaunen, die man so noch nie im zeitgenössischen Actionkino zu sehen bekommen hat. Dazu gehört eine urstgeniale Sequenz, in deren Verlauf wir eine ganze Wagenkolonne voller Lumpen zerlegen. Wenn sich unmittelbar vor uns explodierende Karren um ihre Längsachse drehen, ist das wahnsinnig beeindruckend. Wenn wir mit dem Motorrad mitten durch ein anderes Gefährt hindurch rasen und dabei trocken Kopfschüsse verteilen, jauchzt das Kind im Manne.

Zu diesem Zeitpunkt haben wir bereits ein Bordell zerlegt (und dabei nackte russische Schönheiten begrapscht) und befinden uns auf dem Weg zu einem alten Abrisshaus, wo wir es richtig scheppern lassen. Das bereitet uns aber nur rudimentär auf den absolut irren Showdown vor, der apokalyptische Bilder mit fantastischen Special Effects und einem wie wild am Splatterrad drehenden Helden präsentiert. Tja, und genau dann setzen wir uns eine Adrenalin-Spritze, Queens „Don’t stop me now“ ertönt und wir laufen richtig Amok. Als wäre „Hardcore“ bis zu diesem Zeitpunkt nicht schon „Hardcore“ genug gewesen. Unfassbar.

Hardcore

Wer wird denn gleich in die Luft gehen. Hrhrhrhr.

Während des Showdowns ist dann auch die Story erst gänzlich durchschaut. Es setzt ein paar weitere Twists und wir sind quasi live dabei, wie die vorher doch eher dünne Geschichte deutlich aufgewertet wird. Ein fieser Schlussgag beendet den wilden Ritt und man hockt in dem Kinosessel und will schlicht und ergreifend nochmal loslegen! Restart, jetzt und hier! Sofort!

Erst beim Runterkommen realisiert man so richtig, was man hier gerade gesehen hat: Einen Film, in dem Sharlto Copley („Open Grave“) mit vier weiteren Ausgaben seiner selbst eine Musical-Nummer aufführt. Ein grotesk übersteigertes Over-the-Top-Erlebnis voller haarsträubender Gewalt, irrer Bilderfluten, intelligent gesetzter, das brachiale Treiben teilweise gelungen ironisierender Songs, schwarzem, richtig fiesem Humor und einem ganzen Overload an Tempo. „Hardcore“ steht nie still. Levelt immer weiter hoch. Sowohl was die Schauwerte als auch die Bewaffnung und die Skills unseres Helden angeht. Dazu kommen irre Ideen. Etwa ein Held, der den ganzen Film über keinen Ton sagt. Oder ein Fieswicht, der so übermächtig angelegt ist, dass es einem unfassbaren Triumph gleichkommt, wenn wir ihn endlich mal zu fassen bekommen. Oder dieser irre Ritt zum „Bonanza“-Thema. Großartig… und kaputt.

Funktioniert alles an „Hardcore“? Sicher nicht. Der eine oder andere Special-Effect schert ordentlich aus (der große Big Bang im Treppenhaus sei genannt). Die GoPro-Optik bzw. deren Auflösung dürfte vor allem Kinos mit großen Leinwänden fordern und ein leicht matschiges Erlebnis zur Folge haben. Nicht jeder Gag sitzt. Nicht jede Idee hätte in den Film gemusst. Aber: „Hardcore“ hat Eier. „Hardcore“ zieht sein Ding genial durch. „Hardcore“ macht einen 3D-Shooter filmisch erlebbar. Und „Hardcore“ erobert für den Actionfan neue Dimensionen. Und als „Produzent“ kann ich sagen, dass sich mein Investment in diesen „Crank“ für eine vollkommen neue Generation der Action-Nerds mehr als nur gelohnt hat.

„Hardcore“ ist ab dem 14. April 2016 in den deutschen Kinos zu sehen. Über die Schnittfestigkeit sowie seine Freigabe kann ich an dieser Stelle noch nichts sagen.

In diesem Sinne:
freeman

Was meint ihr zu dem Film?
Zur Filmdiskussion bei Liquid-Love

Copyright aller Filmbilder/Label: Capelight Pictures__Freigabe: ???__Geschnitten: ???__Blu Ray/DVD: Nein/Nein, ab dem 14. April 2016 in den deutschen Kinos

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