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Suburbicon

George Clooney verfilmt ein Drehbuch der Coen-Brüder, Joel Silver produziert und in den Hauptrollen tummeln sich Matt Damon, Julianne Moore und Oscar Isaac. Beste Voraussetzungen für die schwarze Farce, die sich mit Intrigen und Rassismus in einer Vorstadt in den 1950ern beschäftigt. Denn in „Surbicon“ ist der Mord an der Frau von Spießer Gardner Lodge erst der Anfang turbulenter Ereignisse.

Originaltitel: Suburbicon__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2017__Regie: George Clooney__Produktion: George Clooney, Grant Heslov, Joel Silver u.a.__Darsteller: Matt Damon, Julianne Moore, Oscar Isaac, Glenn Fleshler, Alex Hassell, Gary Basaraba, Michael D. Cohen, Jack Conley, Noah Jupe, Marah Fairclough, Steve Monroe u.a.
Suburbicon

Joel Silver wirkt als Produzent an George Clooneys Verfilmung eines Drehbuchs der Coen-Brüder mit: „Suburbicon“

Joel Silver („The Nice Guys“) hatte mit seiner Firma Silver Pictures schon mal einen Film der Coen-Brüder, nämlich „Hudsucker“, finanziert, war aber nicht als Produzent aufgetreten, um den Brüdern größtmögliche Freiheit zu lassen. Mehr als 20 Jahre später werkelte er dann aber doch noch mal in dieser Funktion an der Umsetzung eines Coen-Scripts, das nun aber George Clooney („Confessions of a Dangerous Mind“) inszenierte: „Suburbicon“.

Zurück geht es in die vermeintlich heile Welt der 1950er, in denen Kitschbilder die unter der Oberfläche brodelnden Konflikte der US-Gesellschaft, gerade in Sachen Rassismus und Diskriminierung, noch einfacher überdecken konnten als in den turbulenten 1960ern. So auch im Werbespot für die titelgebende Vorstadtsiedlung, in der das Höchstmaß an Diversität darin besteht, dass die grinsenden Weißbrot-Familien aus Gegenden von New York bis Mississippi kommen. Als mit Familie Mayers jedoch die ersten Schwarzen in der Siedlung einziehen, ist für viele Bewohner von Suburbia der persönliche Rubicon überschritten. Nach entwaffnend komischen Schreckensreaktionen auf die Hautfarbe der Mayers wendet sich der Ton des Films, als die Bewohner von Suburbicon das Haus der Familie regelrecht belagern.

In diesem Trubel geht beinahe unter, dass zwei Grobiane einen Raubüberfall auf die Familie von Spießer Gardner Lodge (Matt Damon) verüben. Gardner, Sohnemann Nicky (Noah Jupe), Ehefrau Rose (Julianne Moore) und deren Zwillingsschwester Margaret (ebenfalls Julianne Moore) werden dabei via Chloroform ins Reich der Träume geschickt – wobei Nicky in seinen letzten wachen Momenten noch merkt, dass die Einbrecher bei der an den Rollstuhl gefesselten Rose besonders viel davon nehmen. Es kommt, wie es kommen muss: Rose verstirbt an den Folgen der Zwangsnarkose, doch man ahnt bereits, dass hier mehr hinter der Sache stecken muss, wobei der Film vor allem den Blick Nickys bei den Nachforschungen einnimmt.

Denn während die Erwachsenen sich ahnungslos bis merkwürdig verhalten, kommen Noah bald Zweifel daran, dass der Mord bloß ein Nebeneffekt des Überfalls war. Bald verdichten sich die Hinweise, dass mehr hinter der Sache steckt…

Suburbicon

Ob die Handgelenktrainer Gardner Lodge (Matt Damon) wirklich fit machen?

Natürlich muss mehr hinter der Sache stecken, denn „Suburbicon“ trägt zumindest in diesem Punkt eindeutig die Handschrift der Coens. Das Script, das jahrzehntelang nicht verfilmt wurde, lässt in der Geschichte um Mord und Intrigen in der Kleinstadtidylle Motive erkennen, die es in ähnlicher Form in Werken wie „Fargo“, „The Man Who Wasn’t There“ oder „A Serious Man“ zu entdecken gab. Das Kind als Aufdecker der Verhältnisse ist ein neuer Blickwinkel, der es gleichzeitig ermöglicht jede Figur aus der Erwachsenenriege für verdächtig zu halten. Dummerweise ahnt der Zuschauer vergleichsweise schnell wie der Hase wohl läuft, doch „Suburbicon“ verschwendet fast zwei Drittel seiner Laufzeit darauf das relativ Offensichtliche für Nicky und den Zuschauer zu entblättern. Man findet Anklänge an Hitchcock angesichts Verderbtheit im näheren Umfeld, angesichts vermeintlich guter Pläne, denen aber doch jemand auf die Schliche kommt – das misstrauische Kind mag da eine Verneigung in Richtung von „Shadow of a Doubt“ sein.

Das Drehbuch, das Clooney aus der Schreibtischschublade (oder vielleicht auch dem Mülleimer) seiner alten Kumpels, in deren Filmen er schon mehrfach mitspielte, fischte, überarbeitete er mit seinem engen Kollaborateur Grant Heslov – gerüchteweise geht vor allem der Rassismus-Subplot auf Clooney und Heslov zurück. Und der erweist sich trotz hehrer Absichten als Klotz am Bein. Clooney lässt jedwede Subtilität fahren, stellt die edel leidende Familie Mayers einem gesichtslosen Mob entgegen, dessen Attacken immer weiter eskalieren, aber all das bleibt bloß Hintergrundrauschen für die Geschichte um die Familie Lodge. Ein Nachrichteninterview am Ende zieht kurz eine bösartig-satirische Verbindung zwischen den Handlungslinien, während Nicky als Kind ohne Vorurteile schnell ein freundschaftliches Band mit Mayers-Sohn Andy (Tony Espinosa) knüpft, frei von den Ressentiments der Erwachsenen, doch das ist insgesamt zu wenig.

Suburbicon

Versicherungsdetektiv Bud Cooper (Oscar Isaac) hat da noch ein paar Fragen

Clooney ist in seiner Inszenierung wesentlich braver, wesentlich weniger schräg als die Coens, doch im letzten Drittel wird es dann endlich rabenschwarz und böse, wie man es sich von einem Coen-Stoff erhofft. Versicherungsdetektiv Bud Cooper (Oscar Isaac) sorgt für Zunder, während Missverständnisse und unvorhergesehene Entwicklungen Misstrauen, Gewalt und einen wachsenden Leichenberg produzieren. Dabei gibt es durchaus herrliche Szenen: In einer muss ein Mörder mit blutigem Hemd auf einem Kinderfahrrad durch die Vorstadt radeln, in einer anderen sorgt ein plötzlich auftauchender Feuerwehrwagen für eine absurd komische Wendung. Manche Wende (Stichwort: Sandwiches und Milch) telegraphiert der Film überdeutlich, manchmal funktioniert der Spagat zwischen schwarzhumoriger Präsentation und den menschlichen Abgründen, die sich im Finale auftun, nicht immer ganz sauber, aber dennoch zeigt „Suburbicon“ im Schlussakt was für ein Potential doch in diesem Stoff geschlummert hätte.

Wenn Matt Damon nicht gerade den Actionhelden spielt, reüssiert er gern als Inbegriff des amerikanischen Spießers (siehe etwa „Der Informant“ oder „Downsizing“), als würde er das Erbe von Tom Hanks‘ Rollen aus den 1980ern und 1990ern antreten wollen. Auch hier macht er das wieder hervorragend, nur ein Jahr nach „Jason Bourne“ als verfetteter Bürohengst, der am Schreibtisch alibimäßig auf zwei Handgelenktrainer rumdrückt als würde das ihn fit machen. Julianne Moore („Non-Stop“) ist ebenfalls recht stark in ihrer Doppelrolle, doch trotz weniger Auftritte droht Oscar Isaac („Star Wars – Die letzten Jedi“) regelmäßig den Film zu klauen. Ansonsten setzt Clooney auf komplette Nobodys oder Leute, die man eher vom Gesicht kennt – nicht alle davon ausdrucksstark, doch einige sind in der Lage Akzente zu setzen: Alex Hassell („Anonymus“) und Glenn Fleshler („Hannibal“) als brutale Mörder, Jack Conley („The Purge: Anarchy“) als Cop und Gary Basaraba („The Taking of Pelham 1 2 3“) als Onkel Nickys.

Ein Script voller amoralischer Figuren, eine Sezierung der heuchlerischen Fifties-Idylle und ein rabenschwarz-absurdes Finale – eigentlich hat „Suburbicon“ auf dem Papier viel, das für Clooneys sechsten Film als Regisseur spricht. Doch für zwei Drittel plätschert der Film vor sich hin, zumal Clooneys brave Regie dem Coen-Script die Daumenschrauben anlegt und den Rassismus-Subplot nie so wirklich im Film ankommen lässt. Es bleibt die Frage, was die Coens selbst wohl auf dem Stoff gemacht hätten bzw. ob es einen Grund gab, warum sie ihr Drehbuch nie selbst verfilmten.

Die deutsche DVD und Blu-Ray des Films kommen von Concorde und sind ab 16 Jahren freigegeben. Das Bonusmaterial umfasst Trailer, einen Audiokommentar von George Clooney und Grant Heslov sowie drei Featurettes.

© Nils Bothmann (McClane)

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Copyright aller Filmbilder/Label: Concorde__FSK Freigabe: ab 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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