| Originaltitel: Night of the Juggler__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1980__Regie: Robert Butler, Sidney J. Furie__Darsteller: James Brolin, Cliff Gorman, Richard S. Castellano, Linda Miller, Barton Heyman, Sully Boyar, Julie Carmen, Abby Bluestone, Dan Hedaya, Mandy Patinkin, Marco St. John, Frank Adu, Nancy Andrews u.a. |
Ursprünglich wurde „Night of the Juggler“, in Deutschland unter anderem als „Die Ratte – Ein Mann wird zum Zerfetzer“ und „Countdown Manhattan“ veröffentlicht, vom genreerfahrenen Sidney J. Furie („Hit!“) begonnen, der jedoch nach einem Drittel der Produktion hinwarf, weil sein Hauptdarsteller sich den Fuß brach. Für den eher im Fernsehen beheimateten Robert Butler („Turbulence“) war das kein Hindernis, der den Film fertigdrehte und dann als Regisseur in den Credits genannt wurde.
Es beginnt mit drei Männern, die alle auf ihre Weise ihrem Tagewerk nachgehen. Der finstere Gus Soltic (Cliff Gorman) sitzt in einem Diner, verunstaltet sein Essen eher als es zu sich zu nehmen und heckt offensichtlich etwas aus. Der gestresste Polizei-Lieutenant Tonelli (Richard S. Castellano) muss sich mit Bombendrohungen und dergleichen rumschlagen, während er schon ahnt, dass ein heißer New-York-Tag voller Verbrechen und durchgeknallter Leute vor ihm liegt. Ex-Cop Sean Boyd (James Brolin) wiederum kehrt von seiner Schicht als Lastwagenfahrer heim und weckt seine Tochter Kathy (Abby Bluestone) mit einem zünftigen Hotdog-Frühstück. Der Loner-Held, der psychopathische Schurke und die Polizei als dritte Kraft dazwischen sind etabliert, damit kann „Die Ratte“ in den Plot einsteigen.
Gus plant nämlich die Entführung der Tochter eines Immobilienhais und will mit dem Lösegeld so richtig absahnen. Dummerweise scheint der Verbrecher bei aller Planung sich das Aussehen seines Opfers nicht haargenau eingeprägt zu haben, denn letzten Endes greift er sich das falsche latzbehoste Mädchen beim Gang durch den Park – nämlich Kathy. Sean rast dem Mann in einer Verfolgungsjagd hinterher, mit so vielen Konstellationen und Vehikelwechseln (Auto jagt Auto, Fußgänger jagt Auto, Fußgänger jagt Fußgänger in der U-Bahn usw.), dass es manchmal schon etwas unfreiwillig komisch wirkt. Eine kurze Abkürzung mit dem Taxi durch den Central Park wirkt immerhin wie die weniger spektakuläre Vorstudie der entsprechenden Szene aus „Stirb langsam – Jetzt erst recht“.
Die Polizei verhandelt mit Gus, der sich entgegen aller Vernunft immer noch im Besitz des Rich Kids wähnt. Sean ist allerdings eine Persona non grata, was nicht zuletzt an Sergeant Otis Barnes (Dan Hedaya) liegt, dessen Korruption er anzeigte, als er noch Polizist war, was diesem so gar nicht schmeckte. Also ermittelt der Vater auf eigene Faust…
Schaut euch den Trailer zu „Die Ratte“ an
„Die Ratte“ gilt bisweilen als besonders düsterer bis schmieriger Vertreter seiner Gattung, der jene Zeit repräsentiert, als New York noch ein regelrechter Moloch war, in dem man manche Gegenden besser nicht betrat. Im Vergleich zu einem massentauglichen Vater-sucht-entführte-Tochter-Eighties-Actioner wie „Phantom Kommando“ ist das hier natürlich merklich dreckiger und böser, jedoch weitaus zahmer als abgründige New-York-Filme wie „Taxi Driver“, „Fear City“ und „Maniac“ oder Paul Schraders in Los Angeles angesiedelter Vater-sucht-Tochter-im-Pornomilieu-Thriller „Hardcore“. Was vielleicht auch daran liegt, dass „Die Ratte“ sein Schmuddel-New-York immer mit etwas komödiantischer Überzeichnung präsentiert. Wenn Gus seinen Van im Armutsviertel abstellt, dann ist nur wenige Minuten später eine schwarze Jugendgang da, welche die Räder abschraubt und das Teil ausschlachtet. Eine Latino-Jugendgang wiederum verfolgt Sean aggressiv, als dieser ihnen querkommt. Und in ein Peepshow-Lokal führt die Spur auch, wobei die Stripperinnen eher als geldgierig und frech denn als wirklich sündig rüberkommen.
So ist das Abgründigste an „Die Ratte“ dann auch seine Schurkenfigur. Gus ist ein Rassist und Kleinbürger, der sich von oben wie unten bedrängt fühlt. Er hasst die Schwarzen und die Latinos in seiner Gegend, aber auch die Reichen, denn wahnhaft glaubt er daran, dass die Reichen ihn und sein Viertel bewusst haben verarmen lassen. Gus wohnt immer noch in seiner bruchreifen Wohnung, allein in einem verlassenen Block, umgeben von Schutt, Alkis und Gangs, und träumt von seinem großen Tag. Das „juggling“ des Originaltitels bezieht sich auf das Manipulieren von Bilanzen durch die Reichen, wie Gus ausführt: „Now I’m gonna be the juggler. I’m gonna juggle the books my way.“ Gus sticht mit dem Messer jeden nieder, der ihm (vermeintlich) im Weg ist und/oder den er hasst, natürlich bevorzugt heimtückisch. Und seinem Entführungsopfer gegenüber verhält er sich noch auf ganz andere Weise creepy. Dass sich Abby nicht mehr gegen den Entführer wehrt und manche Chance zur Flucht nicht so recht nutzt, gehört dann wieder zu den Drehbuchschwächen des Films.
Ansonsten folgt man den Figuren durch den Big Apple voller Sommerhitze und Kriminalität, vor allem Sean, der bei seinen mäßig komplexen, mäßig spannenden Ermittlungsarbeiten unter anderem Unterstützung von der Latina Maria (Julie Carmen), einem puerto-ricanischen Cabbie (Mandy Patinkin) und einer schwarzen Taxifahrerin bekommt. Mit diesen Figuren balanciert „Die Ratte“ das Bild der Latino- und Schwarzen-Jugendgangs aus, so wie es auf der Seite der Polizei den gutherzigen, durch den Job und die bevorstehende Hochzeit seiner Tochter gestressten Tonelli ebenso gibt wie den fanatischen Barnes. Dass dieser Boyd mehr verfolgt als den Entführer, den Fall für seine private Vendetta gefährdet und irgendwann sogar auf offener Straße mit einer Schrotflinte um sich ballert, um Sean zu kriegen, fällt dann wieder in die komödiantische Überzeichnung.
James Brolin („Savate“) als hemdsärmliger Vater mit Durchsetzungsvermögen und Actionheld macht sich gut in der Hauptrolle, dem man den gebrochenen Fuß nie anmerkt. Das große Highlight ist aber Cliff Gorman („Ghost Dog“) als geifernder, hinterhältiger Psychopath, der gleichzeitig ein totales Würstchen, eine unberechenbare Gefahr und ein echtes Hassobjekt ist. Sympathisch kommen Richard S. Castellano („Der Pate“) und Julie Carmen („The Butcher“) in den solide gespielten Unterstützerrollen rüber. Andere Darsteller geben dem Affen mit Overacting Zucker, vor allem Dan Hedaya („Diese Zwei sind nicht zu fassen“) als Cop mit kurzer Lunte, aber auch Linda Miller („Communion – Messe des Grauens“) als Schräpel-Kuh von Ex-Frau und Mandy Patinkin („Alien Nation“) als Taxifahrer, der Sean nicht nur ohne zu fragen bei einer Verfolgungsjagd unterstützt, sondern auch von seinen Fahrkünsten beim Puerto Rican 500 erzählt. Bei diesem angeblichen Rennsport sollen 500 Kandidaten jeweils ein Auto stehlen, damit nach New Jersey rasen und der Erste gewinnt.
Die Action ist flott und eher bodenständig. Nach der überlangen, aber immerhin stunt- und blechschadenreichen Verfolgungsjagd im ersten Drittel stehen weitere Verfolgungsjagden und Handgemenge an, in denen sich Sean mit Gangs, Türstehern und der Polizei rumschlagen muss, ehe das Finale natürlich zwischen Familienvater und Kidnapper ausgetragen wird. Das ist alles noch roh und noch etwas unbeholfen im Vergleich zu den Werken von großen Actionvirtuosen, ohne die ganz memorablen Momente, aber doch gut gemacht. Was davon am Ende des Tages auf Furies Kappe ging und was auf jene von Butler, kann man natürlich schwer nachvollziehen – Stunt Coordinator Chris Howell („Kid – Einer gegen alle“) arbeitete danach mit beiden zusammen. So schaffen sie gute Hausmannskost im Schauwertebereich.
„Die Ratte“ ist ein atmosphärisch dichter Reißer, dessen Schmierigkeit nicht ganz mit den ganz derben New-York-Filmen mithalten kann, der aber mit einer wahrlich abgründigen Schurkenfigur aufwarten kann. Der Rest ist teilweise düster, teilweise komödiantisch überzeichnet, mit soliden Schauwerten gesegnet. Eine gradlinige Reise durch die Hitzehölle von New York, an der Seite eines Mannes auf der Suche nach seiner Tochter, selten im klassischen Sinne spannend, aber schon recht kurzweilig.
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In Deutschland ist „Die Ratte“ bisher nur auf VHS bei Starlight Video erschienen, ungekürzt ab 16 Jahren freigegeben. In Großbritannien gibt es ihn auf DVD, in den USA als 4K-Blu-Ray von Kino Lorber. Ein deutsches Release ist laut Xcess in Planung und dürfte den Transfer der Kino-Lorber-Veröffentlichung nutzen.
© Nils Bothmann (McClane)
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