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Fear City – Manhattan 2 Uhr nachts

Originaltitel: Fear City__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1984__Regie: Abel Ferrara__Darsteller: Tom Berenger, Billy Dee Williams, Jack Scalia, Melanie Griffith, Rossano Brazzi, Rae Dawn Chong, Joe Santos, Michael V. Gazzo, Jan Murray, Janet Julian, Daniel Faraldo, Maria Conchita Alonso u.a.

Review Nr. 1 – von Nils Bothmann (McClane)

Fear City

Tom Berenger und Jack Scalia jagen einen irren Killer in Abel Ferraras „Fear City“

Der deutsche Untertitel „Manhattan 2 Uhr nachts“ passt tatsächlich sehr gut zu Abel Ferraras „Fear City“, denn sein Großstadtthriller fängt die Stimmung von gewissen New Yorker Vierteln in den 1980ern nicht nur ein, sondern macht auch daraus seine Hauptattraktion.

Während der Titelsong, „New York Doll“ von David Johansen, tönt, überfliegt die Kamera erst das nächtliche Manhattan, steigt danach aber in dessen dreckigere Vergnügungsspelunken ab. Schuppen, in denen Stripperinnen tanzen, aus deren Kreis Loretta (Melanie Griffith) der Star ist. Sie und andere werden an die Läden von einer Agentur vermittelt, die der Ex-Boxer Matt Rossi (Tom Berenger) und sein Kumpel Nicky Parzeno (Jack Scalia) leiten. Matt und Nicky kassieren Kommission und arbeiten mit einer Mafiafamilie zusammen – so wie jede andere Nackttänzerinnenvermittlung der Stadt auch. Damit erzählt „Fear City“ von einem Ökosystem der New Yorker Halbwelt, in dem Matt und Nicky halb Zuhälter, halb kumpelhafte Arbeitsvermittler sind, die ihre Pferdchen auch mal anschnauzen, gleichzeitig aber ein echtes Beschützerinteresse an ihnen haben.

Besagtes Interesse kann auch weitergehen: Nicky ist mit einer Stripperin zusammen, Matt ist Lorettas Ex-Freund. Doch Stripperinnen und Vermittler werden empfindlich getroffen, als ein wahnsinniger Mörder Jagd auf die exotischen Tänzerinnen macht, die vor allem aus dem Stall von Matt und Nicky stammen…

Mit „Fear City“ führt Ferrara seine Geschichten aus dem Unterleib von New York City weiter, siehe dazu auch seine vorigen Werke „Driller Killer“ und „Die Frau mit der 45er Magnum“. Allerdings will „Fear City“ gleich alles auf einmal sein: Slasher, Liebesdrama über beschädigte Seelen, Gangsterfilm, garniert mit Erotik, einer Boxergeschichte und ein paar Actionszenen. Denn der Killer ist Kampfkünstler, der fast jedes Opfer mit einer anderen Ninja-Waffe umbringt, von Handmesser über das Nunchaku bis zum Schwert, womit Ferrara auch dem Creative Killing des Slasherfilms Rechnung trägt. Wenngleich die Szenen etwas abgehackt daherkommen, da „Fear City“ für ein R-Rating mehrere Schnittrunden über sich ergehen lassen musste. Die erhältliche Unrated ist dann in erster Linie bei Nacktheit freizügiger, während der Fehlmaterial der Mordszenen verschollen bleibt. Natürlich gibt das Vorgehen des Bösewichts Raum für ein zünftiges Finale, in dem Matts Old-School-Boxen gegen die fernöstliche Kampfkunst des Killers steht, zu einer Zeit, in welcher der Martial-Arts-Film auch in den USA immer populärer wurde. Neil Clifford („Die Klasse von 1984“) zeigt durchaus Körperbeherrschung in der Rolle des namenlosen, noch nicht einmal im Vor- oder Abspann genannten Mörders, die Kampfszenen bieten auch nette Schauwerte, doch sonst hat man sich wenig zum Killer einfallen lassen: Ein Whodunit fällt flach, weil der Zuschauer den Schurken von Anfang an sieht und dieser sowieso keine tiefergehenden Motive hat. Es ist einfach ein Fanatiker auf einem selbstgewählten Kreuzzug gegen den vermeintlichen Schmutz und Abschaum, den er in den Stripperinnen verkörpert sieht.

Eine nicht ganz unähnliche Mordserie hatte William Friedkin wenige Jahre zuvor mysteriöser und fesselnder in „Cruising“ geschildert, während die Morde und Mordversuche hier nur Set-Pieces sind. Vor allem aber geschieht der Mordplot erschreckend beiläufig und scheint in erster Linie dafür da zu sein, dass noch irgendwas die Handlung gelegentlich am Laufen hält. Ein Gangsterkrieg droht auszubrechen, wird aber abgeblasen, als der Killer Damen aus verschiedenen Zirkeln anfällt, ein harter Bulle, Al Wheeler (Billy Dee Williams), jagt ebenfalls nach dem Mörder und ergeht sich in Kompetenzgerangel mit der Unterwelt, die das Problem lieber auf eigene Weise lösen will, hat aber erst im letzten Drittel wirklich Berührungspunkte mit der Geschichte Matts.

Dem schreibt das Drehbuch die Traumata noch und nöcher an die Rübe: Unter der Trennung von Loretta leidet er ebenso wie an der Erinnerung an einen früheren Kampf, bei dem er seinen Kontrahenten im Ring totschlug, weshalb er die Pulle Sprit stets im Anschlag hat. Wenn er dann im Kampf gegen den Killer die Chance zur Vergebung sieht, die Möglichkeit seine mörderischen Prügelimpulse gegen den Schurken anzuwenden, dann ist das aus der Geschichte eigentlich klar, aber da Ferrara sein Publikum offensichtlich für schwer von Begriff hält, müssen während dieser Prügelei noch Flashbacks zu besagtem Totschlag im Ring sein, damit auch die Dümmsten die Parallele noch kapieren. Und trotz all dieser Informationen bleibt Matt eine seltsam leere Figur, ähnlich wie Loretta, was die Beziehung der beiden, ein vermeintliches Herzstück des Films, zum weiteren Schwachpunkt werden lässt: Warum die beiden sich getrennt haben, warum sie immer noch so viel füreinander empfinden, das kann Ferrara ebenso wenig glaubwürdig vermitteln wie die Tatsache, dass die eigentlich seit einer Weile clean lebende Loretta nach dem Tod einer Freundin in Rekordzeit einen Rückfall hat und zum zugekoksten Wrack wird.

Vor allem aber ist die Geschichte von Matt und Loretta, trotz der dichten Manhattan-2-Uhr-nachts-Atmosphäre, trotz der Morde, Nacktszenen und des Gangstermilieus, ziemlich 08/15 – denkt man sich den erwähnten Rahmen weg, dann ist es die handelsübliche Geschichte zweier Menschen, die nur schwer miteinander, aber noch schwerer ohne einander können, nur eben hier mit begrenzt gelungener Charakterzeichnung. Und für diese Geschichte finden Ferrara und Drehbuchautor Nicholas St. John („King of New York“) dann auch ein 08/15-Ende. *SPOILER* Natürlich ist Loretta das letzte Beinahe-Opfer des Films, natürlich geht es ihr fast an den Kragen, als Matt auf einmal als Ein-Mann-Kavallerie in der Gasse auftaucht und den Schurken plattboxt. Die Polizei ist zumindest an der Oberfläche not amused, packt die beiden zwecks Verhör in einen Streifenwagen, wo man die Versöhnung des Paares sieht. Die toten Stripperinnen, der beste Freunde im Koma – das interessiert an dieser Stelle weder Film noch Protagonisten, weshalb Ferrara dann auch konsequent an dem Punkt den Abspann rollen lässt. *SPOILER ENDE*

Beim Casting macht „Fear City” dagegen wenig falsch. Tom Berenger („Sniper: Homeland Security“) ist stark besetzt als Alki, der mit sich selbst und seinem Leben hadert, ein Verlorener im nächtlichen Neonsumpf, der eher dumpf vor sich hin funktioniert als wirklich zu leben. Billy Dee Williams („Nachtfalken“) und Jack Scalia („T-Force“) machen das Beste aus ihren vom Drehbuch nur unzureichend skizzierten Figuren, Charakterfressen wie Joe Santos („Last Boy Scout“) und Michael V. Gazzo („Last Action Hero“) bevölkern das halbseidene Milieu und unter den Stripperinnen sieht man talentierte Schauspielerinnen wie Maria Conchita Alonso („Ausgelöscht“) und Rae Dawn Chong („Commando“) in frühen Rollen. Einziger Schwachpunkt ist Melanie Griffith („Fegefeuer der Eitelkeiten“), die zwar viel Körpereinsatz zeigt, aber nie so recht vermitteln kann, was denn nun an Loretta so toll, einzigartig und faszinierend ist, dass ihr Matt und die Stripclubbesucher zu Füßen liegen, und auch sonst darstellerisch schwächelt.

„Fear City“ erweist sich als atmosphärisch extrem dichter Thriller, dessen Drehbuch leider mit der einzigartigen Stimmung des Films nicht mithalten kann: Zu oberflächlich für ein Liebesdrama im halbseidenen Milieu sind die Protagonisten angelegt, zu egal ist der Plot um den gestörten Karate-Killer. „Fear City“ will zwar extrem viel auf einmal sein, ist aber deshalb nichts davon so richtig.

(Stand 2019) In Deutschland wurde „Fear City“ früher von e-m-s, inzwischen von Concorde auf DVD veröffentlicht und das in der Unrated-Fassung, die hierzulande ab 16 freigegeben ist. Dieser merkt man allerdings das Hickhack mit der MPAA immer noch an; sie ist aber in ein paar Szenen freizügiger als die amerikanische R-Rated-Fassung. Die Concorde-Version enthält in Sachen Bonus ein paar Trailer, bei e-m-s gibt es Biographien und ein Abel-Ferrara-Portrait.

Review Nr. 2 – von Sascha Ganser (Vince)

Fear City Banner

Fear City

„Fear City“ erscheint als sechster Titel der „Thrill Kill Collection“.

Diesmal liegt eine dünne Hochglanzschicht über Abel Ferraras New York. Der Grit darunter ist immer noch deutlich zu erkennen, aber Neonreklame und Scheinwerferlicht tauchen das Ambiente in billigen Glamour, es locken Versuchungen, Erfüllung und Ekstase. Die hypnotisierten Besucher in den Nachtclubs fixieren mit glasigen Augen die Bühne und definieren so innerhalb des dargestellten Milieus eine schmuddelige Subkultur, die von außen trostlos wirken kann. Man sollte sich ihr trotzdem besser nicht entziehen; denn an ihrem Rand, im Dunkeln, da lauert der Tod.

„Fear City“ ist oft mehr Performance als Film, in mancher Hinsicht fast schon ein Vorläufer von „Showgirls“. Es geht um Bewegung, gebannt jedoch in einen statischen Rahmen. Auf Podesten tanzen unerlässlich Stripperinnen, von denen das Framing oft nur die Beine übrig lässt. Unter ihnen befindet sich auch Melanie Griffith, die nicht zum ersten Mal in ihrer Karriere mit vollem Körpereinsatz bei der Sache ist. Die Kamera widmet sich ihren freizügigen Auftritten in etwa so, als wolle sie einen Live-Act dokumentieren, ganz ohne die gehetzte Sprunghaftigkeit eines handelsüblichen Thrillers, obwohl ein solcher eben durchaus bereits im Hintergrund lauert.

Ferrara beschwört nämlich auch in seiner ersten größeren Produktion die Schutzlosigkeit des öffentlichen wie privaten Raums, indem er seine weiblichen Figuren zwischen den dunklen Schleichwegen der Stadt und ihren Apartments pendeln lässt, wo sie Opfer von Übergriffen werden. Derer ziehen sich einige in zyklischen Abständen durch den Plot, damit die privaten Ermittlungen abseits jeglicher Police-Procedural-Vorgänge konsistent auf mittlerer Flamme köcheln können.

Fear City

Im Büro von Matt Rossi (Tom Berenger) und Nicky Parzeno (Jack Scalia) ist immer was los.

Ferrara bedient sich zu diesem Zweck eines Figurenpools, der genetisch im (Neo) Noir verankert ist, nun aber fintenreich variiert wird. Anstatt des einen Private-Eye-Solisten, der immer alleine arbeitet, bekommen die Damsels in Distress mit Tom Berenger und Jack Scalia gleich zwei Aufräumer an die Seite gestellt, die sich einerseits wie Zuhälter verhalten und andererseits wie zwei Michael Biehns aus „Terminator“, während sie die Buddy-Movie-Dynamik reflektieren, die Eddie Murphy und Nick Nolte zwei Jahre zuvor in „Nur 48 Stunden“ losgetreten hatten. Als Nebenprodukt der im Titel genannten Furcht entwickeln sich nebenbei Liebschaften, die gelegentlich auch das Heterosexuelle überwinden. Das Little-Italy-Szenario, das zeitweise als Kulisse dient, wirkt in diesem Rahmen wie ein völliger Fremdkörper aus einer anderen Welt, derjenigen von Martin Scorsese womöglich. Überhaupt zerfließen die von Genre-Standards einstmals gesetzten Grenzen in oftmals überraschender Weise zu Mustern, die zwar die vertraute Intensität der Klassiker verströmen, dabei jedoch nie so ganz in vorgefertigte Schablonen passen.

Eng an diese Verwischung traditioneller Muster ist die Konzeption des Killers geknüpft. John Foster, der eigentlich kein Schauspieler war, sondern ein in New York ansässiger Kampfsportler, könnte sich für seine Interpretation des unberechenbaren Wahnsinnigen womöglich Gene Davis zum Vorbild genommen haben, der ein Jahr zuvor im Charles-Bronson-Thriller „Ein Mann wie Dynamit“ ähnlich irritierende Auftritte absolviert hatte. Die Darstellung meditativer, disziplinierter Routinen unterstreicht auch bei Fosters völlig dialogfreier Figur, im Abspann „Pazzo“ (ital. „verrückt“) genannt, die Zurschaustellung einer konsequenten Körperkultur, die zugleich als Anklage des vermeintlich unreinen Lebensstils der Tänzerinnen dient. Ein weiterer „Taxi Driver“ also in gewisser Weise, der die New Yorker als Abschaum und ihren in Neonlicht getauchten Hedonismus als Sünde betrachtet, mit dem Unterschied allerdings, dass man den Ursprung des Zorns bei dem von Robert de Niro gespielten Vietnamveteranen noch nachvollziehen kann, während sich das Verhalten unseres durchgeknallten Karate-Killers jeglicher Rationalität entzieht, verkörpert er doch längst keinen Menschen mehr, sondern die tödliche Unberechenbarkeit der Stadt selbst.

Der willkürliche, spielerische Verlauf der Attacken, der aus einem überaus comichaften Charakterprofil resultiert, verleiht „Fear City“ deswegen nicht nur seinen Nervenkitzel, sondern auch eine bizarre Komik, die einem jedoch ein ums andere Mal im Halse stecken bleibt. Der Ton pendelt zwischen seriösem Milieuthriller und überstilisierter Farce; gelegentlich scheitert die Abstimmung von Bildmaterial und Erzählung daran, dass die Fotografie an die bedeutenden Großstadtfilme der vergangenen Jahrzehnte anknüpft, der Inhalt aber manchmal auf dem Niveau einer Kneipenprügelei daherkommt. Diese Mischung hat aber sicherlich auch einen gewissen Reiz.

Fear City

Die grelle Neon-Optik ist eine Schlüsselkomponente in der visuellen Gestaltung von „Fear City“.

Tom Berenger in einer frühen und Jack Scalia in seiner ersten Kinofilmrolle sorgen für reichlich Charisma, sie profitieren auch von ihren unorthodox geschriebenen Figuren, die sie wie beherzte Zupacker wirken lassen, auch wenn sie ein ums andere Mal daneben greifen. Griffith glänzt vor allem durch ihre gute Vorbereitung auf die Rolle, die sich durch professionelle Bewegungen auf der Bühne und glaubwürdige Darstellungen außerhalb äußert, auch wenn sie der glorifizierenden Ausschmückung ihrer Rolle in jungem Alter noch nicht die völlig ausgereifte Präsenz entwickelt, die es vielleicht gebraucht hätte. Allerdings muss sie den Film auch nicht alleine auf ihren Schultern tragen, wo sie doch mit Rae Dawn Chong und Maria Conchita Alonso die geballte Female Power an ihrer Seite hat. Irgendwo im Hintergrund mischt sogar noch Billy Dee Williams mit und rümpft die Nase über sein Umfeld, wie es ein Jahrzehnt zuvor Sidney Poitier oder Yaphet Kotto zu tun pflegten. Schauspielerische Highlights hagelt es zwar trotz großer Namen keine, aber die Besetzung ist derart mit Charismabolzen gepflastert, dass man zumindest im Sinne der physischen Präsenz trotzdem von „Actor’s Cinema“ sprechen muss, ganz wie in den Actionstreifen um Schwarzenegger & Co., in denen viele von ihnen außerdem ihre Brötchen verdienten.

Abel Ferrara hat sicher künstlerisch wertvollere, nicht zuletzt auch psychologisch anspruchsvollere New-York-Filme gedreht. „Fear City“ ist trotzdem erotisch, spannend, bizarr, progressiv und unberechenbar, und das oft in hohen Dosen. Verloren hat er von dieser Wirkung nichts. Spätestens, wenn es in einer dreckigen Hintergasse zu einem Knuckle-Fight zwischen Ex-Boxer und Karate-Psycho kommt, ist der Liebhaber gepflegter Trivialunterhaltung regelrecht verzückt.

Gute

Informationen zur Veröffentlichung von „Fear City“

Thrill Kill Collection #6

„Fear City“ gehört zu den Titeln, die nach ihrer Kinoaufführung ein Doppelleben führten – einmal als R-Rated-Fassung, einmal als Unrated-Fassung. Vor Kinostart sah sich Abel Ferrara gezwungen, etliche Gewalt- und Nacktszenen zu schneiden, um einem X-Rating zu entgehen. Schon auf Videokassette folgten allerdings bald die ersten Unrated-Fassungen, vermutlich erstmals in Europa, womöglich sogar in Deutschland.

Seitdem sind beide Fassungen recht flächendeckend verbreitet. Bereits auf der deutschen ems-DVD von 2000 konnte man frei zwischen beiden Optionen wählen, auch dem prüden Amerika wurde das zusätzliche Material irgendwann nicht mehr vorenthalten. Das Problem lag irgendwann nicht mehr in der Zugänglichkeit, sondern nur noch in der Qualität. Auf der amerikanischen Shout-Blu-ray von 2012 lagen die Unrated-Szenen noch in minderer Qualität vor. 2024 folgte aber eine neue 2K-Restauration des 35mm-Materials. Zwei Jahre später bringt nun Wicked Vision „Fear City“ mit ebenjener Restauration als sechsten Titel in die „Thrill Kill Collection“ – mit dem erwähnten 2K-Master für R-Rated und Unrated im Gepäck.

Die Unrated-Version versteht sich entsprechend der Veröffentlichungsgeschichte des Streifens dabei natürlich als die Hauptfassung, denn auch wenn es die kürzere Version war, die im Kino lief, so ist es doch die längere, die immer im Sinne des Regisseurs war.

Das Bild

Es gehört zum visuellen Konzept, dass Abel Ferrara seine Filme immer dunkel ausleuchten lässt; erst recht in einem Film wie diesem. Entsprechend wichtig wird der Schwarzwert. Ob es nun der Himmel von New York ist, der den Bildschirm zum gähnenden Loch macht, die Lederjacke von Tom Berenger oder ein dunkler Winkel in einem schlecht beleuchteten Apartment, das Schwarz ist unerbittlich in seiner Wirkung und frisst gerne auch die Nachbarn im Farbspektrum. Wenn sich dann das Neonlicht auf dem Lack der Autos spiegelt, hat man seinen Aha-Effekt. Die Hintergründe wirken in den entsprechenden Ambientes oft schummrig, als würden sie das Licht filtern; auch das Filmkorn tritt dadurch klar in den Vordergrund. Anhand der Bildqualität lässt sich nicht ausmachen, wo die Unrated-Szenen beginnen und wo sie enden. Dass die längere Fassung die Restaurationsgrundlage darstellt, ist anhand der nahtlosen Übergänge offensichtlich. In Deutschland ist das in dieser Form zum ersten Mal der Fall; überhaupt handelt es sich hier um die deutsche Blu-ray-Premiere.

Der Ton

Der deutsche Ton war angeblich auf bisherigen Releases immer ein Ärgernis. Auf dieser Edition sind nun gleich zwei deutsche Tonspuren enthalten. Am Format lassen sie sich nicht unterscheiden, beide liegen in DTS-HD Master Audio 2.0 vor. Eine ist allerdings eher als Doppelkanal-Monospur abgemischt und konzentriert alle Geräuschquellen auf den Center, die andere füttert auch mal die Flanken, insbesondere, was das Murmeln von Menschenmengen im Hintergrund angeht. Die Synchronisation ist stark in den Vordergrund gemischt, aber auch wieder nicht so stark, dass man Effekte oder Musik im Verhältnis nicht mehr wahrnehmen würde. Von einer problematischen Materiallage ist jedenfalls nicht mehr allzu viel zu spüren.

Der englische Ton ist natürlich auch an Bord und liefert eine ausgewogene, unaufgeregte Abmischung ohne allzu ausgeprägte Besonderheiten. Auch hier erzeugt die Kulisse ein Grundmaß an Räumlichkeit, der Soundtrack übernimmt szenenweise das Sprechen und die eigentlichen Dialoge sind naturgemäß harmonischer in die M&E-Spur integriert als bei einer Synchronisation. Untertitel können auf Wunsch in Deutsch und Englisch dazugeschaltet werden.

Der Audiokommentar

Abel Ferrara selbst ist nicht unbedingt bekannt dafür, allzu oft Audiokommentare zu seinen eigenen Werken aufzunehmen. Auf der britischen Blu-ray von 101 Films gab es stattdessen einen mit Filmkritiker Kevin Lyons. Der ist zwar auf der vorliegenden Scheibe nicht vorhanden, dafür aber stehen Dr. Gerd Naumann und Christopher Klaese wieder bereit, eine Paarung, die gut genug funktioniert, dass man in Erwägung ziehen könnte, sie beim nächsten Spiel der Nationalmannschaft anstatt der hiesigen Kommentatoren einfach über Filme reden zu lassen. Mit den gut 90 Minuten von „Fear City“ passt sogar die Lauflänge. Im Wicked-Vision-Programm ist dies der erste Film von Abel Ferrara, da lohnt es sich, auch mal eine Einführung in den markanten Stil des Filmemachers zu geben. Unter anderem wird ihm aufgrund seiner Verdienste in der rohen Darstellung New Yorks zugetraut, dass er auch in der Zeit des Black Cinema im Stil von Jack Hill & Co. gut funktioniert hätte, so wie überhaupt in allem, was dem ungeschliffenen Bild des New Hollywood in den 70ern entsprach. Umgekehrt werden auch die Probleme herausgearbeitet, die zwischen Ferrara und dem Hollywood-System bestanden und die verhinderten, dass er einen Pfad wie Martin Scorsese hätte einschlagen können. Natürlich geht es auch um Melanie Griffith, Tom Berenger und andere, aber Ferraras markante Signatur schlägt sich im Grunde auf jedwede Argumentation in diesen eineinhalb Stunden nieder, was zeigt, wie sehr der Besprechungsgegenstand eben auch ein Autorenwerk ist.

Die R-Rated-Fassung

Die R-Rated-Fassung befindet sich im Bonusmaterial. Sie ist mit 94:32 Min. gegenüber den 97:06 Min. der Hauptfassung exakt 2:34 Min. kürzer; der eigentliche Umfang der Schnitte erreicht aber eher die Dreieinhalb- bis Vier-Minuten-Marke, denn in die R-Rated wurden teilweise auch Schnittreste eingefügt, die in der Unrated fehlen. Überwiegend handelt es sich dabei um einfache Dialogerweiterungen. Die stärkste Zensur betrifft die bisexuelle Ausrichtung der Figur von Melanie Griffith, wurde diese doch gleich in mehreren Szenen komplett aus der Handlung getilgt, so dass diesbezüglich nicht einmal mehr Andeutungen übrig bleiben. Auch die Gewalt wurde leicht abgeschliffen. Die Bildqualität befindet sich natürlich auf dem gleichen Niveau wie die Hauptfassung, was das angeht, lagen die Probleme schließlich schon zu DVD-Zeiten eher bei der Unrated-Fassung. Beim Ton fehlt gegenüber der Hauptfassung der Audiokommentar und die zweite deutsche Tonspur; diejenige, die übrig geblieben ist, scheint die Stereo-lastige zu sein. Deutsche und Englische Untertitel sind auch hier vorhanden.

Die Extras

Mit weiteren Extras sieht es eher mager aus. Dass sich eine knapp 10-minütige Featurette auf die Scheibe verirrt hat, die im Rahmen der Entstehung von Ferraras 1995er-Vampirfilm „The Addiction“ entstand, zeigt auf, dass es zu „Fear City“ direkt wohl nicht allzu viel zu holen gab. Der Titel „Abel Ferrara Portrait“ ist zudem recht irreführend und suggeriert eine allgemeine Abhandlung über den Regisseur; tatsächlich ist es eher so, dass ihn da ein deutsches Filmteam in New York besucht, während er offenbar gerade am Editing des Films arbeitet. Nach seinem deutschen Lieblingsregisseur befragt, antwortet er mit Rainer Werner Fassbinder, weil der schlicht und einfach verdammt gute Filme gemacht habe. Schließlich gibt er sogar noch eine Gesangsperformance zu Schallplattenbegleitung zum Besten. Über Ferraras Methoden wird also nicht sehr viel in Erfahrung gebracht; spannend ist der Beitrag eher, weil er nebenbei durch den Blick aus dem Fenster ins Dunkel der Stadt ziemlich gut die dreckige New-York-Atmosphäre einfängt, die sich auch in Ferraras Filmen zeigt. Das Video kann wahlweise entweder im englischen O-Ton oder im Stil alter TV-Beiträge mit deutschem Voiceover abgespielt werden.

Zumindest den spannend geschnittenen Originaltrailer (3 Min.) findet man noch auf der Scheibe. Dann ist aber Ende im Gelände. In Sachen Ausstattung sortiert sich „Fear City“ also am unteren Ende der „Thrill Kill Collection“ ein.

Das Booklet

Wer mehr Bonus haben will, kann allerdings immer noch das enthaltene Booklet aufschlagen, das im Gegenzug mit 28 Seiten diesmal besonders üppig ausgefallen ist. Christoph N. Kellerbach nutzt für seinen Text mit dem Titel „Im Neon-Fegefeuer: Abel Ferrara und das Leben in Fear City“ tatsächlich den vollen Umfang, der sich ihm bietet. Es ist zunächst ein reines Ferrara- und New-York-Portrait, das sich aus den Anfängen im Porno-Business und Low-Budget-Horrorthriller schält, bis sich langsam die Realisierung dieses ersten größeren Films des Regisseurs zu materialisieren beginnt. Zu diesem Zweck werden unter anderem die wichtigsten Darsteller und Soundtrack-Komponist Dick Halligan eingeordnet, bevor die kreativen Missverständnisse zwischen Ferrara und der produzierenden 20th Century Fox auf den Plan treten. Kellerbach geht dazu diesmal ungewöhnlich tief in die Filmanalyse, um zu veranschaulichen, woran sich die Finanzgeber stießen. Das resultiert folgerichtig in eine Aufarbeitung der Schnittauflagen. Die Entfremdung des Filmemachers von seiner geliebten Stadt im Post-9/11-Zeitalter mit Flucht ins idyllische Rom sorgt für einen bittersüßen Abschluss, der den Kreis schließt zum besprochenen Titel „Fear City“.

Die Verpackung

Blu-ray

„Fear City“ kommt im Scanavo Keep Case mit 28-seitigem Booklet.

Als Verpackung dient selbstverständlich das gewohnte Scanavo Case mit schwarzem Rahmen-Design; schließlich will die Edition nach Gebrauch in der „Thrill Kill Collection“-Sammelbox einen guten Eindruck machen. Die Herkunft des genutzten Artworks ist nicht eindeutig geklärt; um eine Neuanfertigung scheint es sich nicht zu handeln, da der Künstler in den Booklet-Credits nicht genannt wird, aber online findet man auch keine Verweise auf die Nutzung des Motivs für Poster oder andere Heimkinoveröffentlichungen. Die im unteren Bereich platzierten Büsten von Billy Dee Williams, Jack Scalia und Tom Berenger sind zweifelsohne Nachzeichnungen von einem bekannten Originalplakat mit NY-Skyline, das auch in dieser Edition als Booklet-Cover verwendet wird; neu ist Melanie Griffith in Aktion hinter dem kräftigen roten Original-Titelschriftzug, hinter ihr die erwähnte Skyline als dekoratives Element. Es ist letztlich eine Collage unterschiedlicher Originalbestandteile, die aber als Komposition ziemlich gut funktioniert.

Fazit

Dass „Fear“ und „Thrill“ eng verbunden sind, zeigt dieser Film: „Fear City“ passt perfekt in das Konzept der „Thrill Kill Collection“ und bereichert die neu gegründete Sammlung von US-Thrillern nicht nur um einen weiteren grimmigen Beitrag, sondern auch das Portfolio von Wicked Vision um einen weiteren Ausnahmeregisseur. Schön, dass man die neue 2K-Restauration von R-Rated- und Unrated-Fassung nun auch in Deutschland erleben kann.

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Copyright aller Filmbilder/Label: Wicked Vision / Concorde__FSK Freigabe: ab 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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