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Amanda Knox

Originaltitel: Amanda Knox__ Herstellungsland: USA-Dänemark__ Erscheinungsjahr: 2016__ Regie: Rod Blackhurst & Brian McGinn__
Amanda Knox (2016)

Amanda Knox (2016)

„There are those who believe in my innocence – and there are those who believe in my guilt: There´s no in between. And if I´m guilty, it means that I am the ultimate figure to fear – because I´m not the obvious one. But on the other hand: If I´m innocent, it means that everyone is vulnerable – and that´s everyone´s nightmare.

Either I´m a psychopath in sheep´s clothing – or I am you.“

Diese von Amanda Knox herself gesprochenen Worte sind die ersten, die das Publikum beim Ansehen der ihren Namen tragenden 2016er „Netflix“-Dokumentation Rod Blackhursts und Brian McGinns zu hören erhält – unmittelbar nachdem ein eingespieltes, am 02. November 2007 entstandenes Polizei-Video den Tatort aufgezeigt hat, an dem die 21-jährige Britin Meredith Kercher in der vorangegangenen Nacht brutal ermordet wurde. Infolge multipler Stichverletzungen und Ersticken starb sie in ihrem Schlafzimmer in dem an einem Berghang in der italienischen Stadt Perugia gelegenen WG-Apartment, welches sie sich mit drei Mitbewohnerinnen teilte. Eine jener war Amanda: 1987 in Seattle geboren, hatte sich die an der Uni von Washington eingeschriebene Studentin zu einem Auslandsjahr entschlossen, um ihren „Horizont“ zu erweitern sowie überdies mal ihre bisherige „Comfort Zone“ zu verlassen. Eine Woche vor dem Verbrechen war sie dem nur wenig älteren Einheimischen Raffaele Sollecito begegnet: Frisch verliebt, verbrachten sie die meiste Zeit miteinander – ihren jeweiligen Aussagen nach auch die in Frage kommenden Stunden. Dennoch gerieten sie schon bald „ins Visier“ der Ermittler – u.a. da Amanda kaum Anteilnahme zu zeigen schien und sie sich anders verhielt, als jene Herrschaften es in der Situation von ihr erwarteten. Indizien und angebliche Beweise führten schließlich zu ihrer Verhaftung ebenso wie zu der zwei weiterer Männer sowie einem sich fortan über mehrere Instanzen erstreckenden Gerichtsprozess. Geradezu allerorts wurde der Fall in der Presse überaus „sensationalisiert“ thematisiert: Eine unschöne, im Vorliegenden einen zentralen Fokus dieses Werks hier einnehmende „Schande“…

Das internationale Interesse an den Geschehnissen war nachvollziehbar: Eine junge, hübsche, lebenslustige Amerikanerin reist in ein fremdes, fernes Land, in welchem es zu Sex, Drogen und „Blutvergießen“ kommt. Unablässig goss die Presse dabei sprichwörtliches „Öl ins Feuer“ – etablierte Spitznamen wie „der Engel mit den Eis-Augen“ und stellte sie in Artikeln mit Überschriften á la „Orgy of Death“ oder „Dead Girl feared Knoxy’s Sex Toy“ als reizbare, bösartige, verführerisch-promiskuitive Person dar: Quasi ein leibhaftiger „She-Devil“. Es ist nun aber so, dass oft nicht wirklich viel (bis hin zu keinerlei) Wahrheit dahinter steckte – doch steigerte es die Auflagen bzw. Umsätze und bekräftigte obendrein die unter Erfolgsdruck stehenden Behörden. Amanda wurde „Slut-Shaming“ ausgesetzt und in der Öffentlichkeit vorverurteilt – die Verhandlungen (samt des Ausgangs des Ganzen) avancierten zu einem wüsten „Medien-Zirkus“. Unzählige Sendungen wurden zu der polarisierenden Materie produziert – ja sogar Spielfilme, wie z.B. ein maues „Lifetime“-TV-Movie mit Hayden Panettiere oder Michael Winterbottom´s ungewöhnliches 2014er Krimi-Drama „the Face of an Angel“. Für ihre Doku haben McGinn und Blackhurst rund fünf Jahre lang recherchiert, Aufnahmen und Informationen gesammelt sowie nahezu alle zentralen Beteiligten des Verfahrens interviewt. Sie haben Archivmaterial eingebunden, eigene Bilder gedreht, sind an Mitschnitte der Gespräche zwischen Amanda und ihren Eltern im Gefängnis gekommen und durften u.a. das eingangs erwähnte (Details wie die in ein Bettlaken gehüllte Leiche zeigende) „Crime Scene Video“ verwenden – ebenso wie einen „exklusiven“ Clip von Meredith, welchen Amanda im Vorfeld aufgenommen hatte. Es war ihnen wichtig, sich bei ihrer Arbeit so nahe wie möglich an den Fakten zu halten…

Nach dem starken, beklemmenden Einstieg wird einem erst einmal „die heutige Amanda Knox“ vorgestellt: Eine ernste, unauffällig-zurückgezogen in Seattle wohnende, gelegentlich als freiberufliche Autorin für eine örtliche Zeitung schreibende Frau, die sich überdies auch für andere Justizopfer (etwa via des „Innocence Projects“) einsetzt. Die Zeiten, in denen sie von aufdringlichen Paparazzi belagert wurde und ihr taktlose Reporter immer wieder unsensibel-intime Fragen stellten, sind zwar vorüber – haben bei ihr jedoch (in Addition zu den Ereignissen in Italien) unverkennbare „Spuren“ hinterlassen. Als Teen war sie ein süßes, mit dem Begriff „quirky“ umschriebenes, mich punktuell an Jennifer Lawrence erinnerndes „All American Girl“. Es ist leicht nachvollziehbar, warum sich jemand in sie verlieben würde – speziell ein eher schüchterner Außenseiter wie Sollecito. Sie haben viel herumgealbert, die Stadt erkundet sowie ab und an mal einen Joint geraucht – während Amanda nebenbei in einer Bar jobbte, die Diya ‘Patrick’ Lumumbas gehörte. Jener wurde übrigens ebenfalls als Verdächtiger in Haft genommen – konnte später allerdings ein glaubwürdiges Alibi vorweisen. Mit ihrer Mitbewohnerin Meredith war sie nicht übermäßig eng befreundet – die Nacht, in der jene ermordet wurde, verlebten sie und Raffaele angeblich bei ihm. Als sie am nächsten Morgen zu sich nach Hause zurückkehrte, bemerkte sie, dass „etwas nicht in Ordnung“ war – worauf das Paar die Polizei alarmierte, welche im Innern schließlich die grausame Entdeckung machte. Registrierte Hinweise auf einen Einbruch (unter ihnen eine eingeschlagene Scheibe) wurden indes fast umgehend als „fingiert“ eingeordnet bzw. abgetan…

Chef-Ankläger in Perugia war zu der Zeit ein religiöser Katholik namens Giuliano Mignini, der „Sherlock Holmes“ sehr schätzt und sich vor der Kamera arg „selbstbezogen“ präsentiert. Es wird klar, dass er sich von Anfang an förmlich auf Amanda „fixiert“ hat: Bereits am ersten Tag beobachtete er sie und Raffaele in der Einfahrt vorm Haus – wie sie sich im Arm hielten und küssten. Seiner Meinung nach war das „auffallend unpassend“ – also verdächtig. Genau diese Momente sind allerdings auch auf dem Polizei-Video zu sehen: Obgleich nicht weinend, wirkt die von ihrem Freund Getröstete dennoch (zumindest ein Stück weit) bestürzt. Einige seiner Schlussfolgerungen sind clever und nachvollziehbar – wie dass das Zudecken des Körpers eher für einen weiblichen Täter spricht – andere dagegen muten erstaunlich vage an. Zunehmend kristallisiert sich heraus, dass sein Ego und sein Glaube (noch immer) gewichtige Rollen in der Sache spielen: Er schätzt das ihm entgegen gebrachte Ansehen in seinem Amtsbezirk und kann seine Antipathie Amanda und ihrer (vermeintlichen) „losen Moral“ gegenüber kaum verbergen. Schnell lastete ein immenser öffentlicher Druck auf ihm sowie den ermittelnden Polizisten und Forensikern: Sie mussten sich als kompetent beweisen und zudem möglichst rasch konkrete Ergebnisse vorlegen. Irgendwann hatte sich „die eine Theorie“ geformt und gefestigt – was dazu führte, dass davon abweichenden Alternativen nur wenig beherzt nachgegangen wurde. Da wäre z.B. der aktenkundige Kriminelle Rudy Guede, von dem man DNA vor Ort fand und der sich kurzerhand ins Ausland absetzte: Im Rahmen einer heimlich mitgeschnittenen „Skype“-Session entlastete jener Amanda eindeutig – bis er gefasst, ausgeliefert, von den lokalen Behörden „in die Mangel genommen“ wurde sowie letzteren Teil urplötzlich widerrief…

Guede ließ sich auf ein Eilverfahren ein, verweigerte weitere Angaben und erhielt am Ende eine 16-jährige Haftstrafe wegen Mordes – wobei aber herausgestellt wurde, dass es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch mindestens einen Mittäter gab. Die Presse konzentrierte sich derweil um ein Vielfaches intensiver auf die attraktive Amerikanerin als auf den dunkelhäutigen Mann aus der Elfenbeinküste. Für ihr Werk ist es Blackhurst und McGinn gelungen, den wohl prominentesten Boulevardblatt-Berichterstatter des Falles zu gewinnen: Der damals primär für die „Daily Mail“ schreibende Brite Nick Pisa – ein überaus „sleazy-überheblicher“ Vertreter seiner Zunft, welcher sich opportunistisch auf jedes auch nur halbwegs interessante Detail der Story stürzte und fortan dann „gewissenlos“ zu einer hoffentlich eine Menge Aufmerksamkeit erweckenden „Schlagzeile“ ausschmückte. Er rühmt sich damit, an diverse „Exklusiv-Infos“ gelangt zu sein, erzählt von dem „berauschenden Gefühl“, seine Artikel auf Titel-Seiten zu erblicken, und vergleicht seine Arbeit sogar mit der Robert Woodwards und Carl Bernsteins. Er war es, der auf Amanda´s „MySpace“-Seite den Spitznamen „Foxy Knoxy“ sowie ein Foto von ihr entdeckte, auf dem sie spaßhaft-lachend mit einem Maschinengewehr posierte: Stracks versah er beides mit einem „negativen Anstrich“ und verbreitete „seine Version der Betrachtung“ auf diese Weise über den gesamten Globus. Unverhohlen räumt er ein, dass oft nicht genügend Zeit zur Verfügung steht, um Fakten oder Quellen vernünftig abzuchecken: In seinem Geschäft geht es schließlich erheblich mit darum, der Konkurrenz voraus zu sein und Leser zum „Zugreifen“ zu bewegen – und nicht immer könne man da die „journalistisch-ethischen Grundregeln“ voll absichern bzw. einhalten…

Zu allem Überfluss gab es „bedenkliche Verbindungen“ zwischen Pisa und einigen Personen innerhalb der zu „ähnlich fragwürdigen Methoden“ greifenden Behörden zu verzeichnen: U.a. wurde Amanda im Gefängnis vorgelogen, sie sei „HIV-positiv“, sowie Pisa ihr Tagebuch aus der Zelle zugespielt, in welchem sie über ihre Ängste schrieb und überlegte, wer ihrer (an sich nicht ungewöhnlich vielen) früheren Sex-Partner sie denn wohl angesteckt haben könnte. Unwahrheiten nahm er dabei billigend in Kauf – während sich die Polizei von den Inhalten quasi „bestätigt“ zu fühlen schien. Es ist erstaunlich und fast schon erschreckend, wie reuelos und offen Pisa und Mignini über die betreffenden Begebenheiten reden: Gerade ersterer wirkt sehr locker, beschwingt-mitteilungsfreudig und so, als würde es sich bei den Geschehnissen um „klassisches Entertainment“ (samt Spannung, Dramatik und unverhofften Wendungen) anstatt um tragisch-bedrückende „echte Schicksale“ handeln. Unfreiwillig rufen beide Männer einen unsympathischen Eindruck hervor – und das nicht etwa dank „Beeinflussung“, sondern durch ihre eigenen Worte und jeweils an den Tag gelegte Art. Ebenso bezeichnend ist es, dass Pisa selbst rückwirkend keinerlei Bedauern äußert und im Gegenzug der Polizei „den schwarzen Peter zuschiebt“. Ergänzt um verschiedene Auszüge aus Medien-Beträgen – unter ihnen Reaktionen von Menschen „auf der Straße“ sowie selbst ein Kommentar Donald Trumps, bei welchem er zu einem „Boykott Italiens“ aufruft – fügt sich das Bild zu einem zusammen, das ein unschön zu weit gegangenes „Medien-Gebaren“ aufzeigt: Mit etwas in der Tradition von Woodward und Bernstein hatte das rein überhaupt nichts zu tun – aber es sind halt beileibe nicht wenige Leute, die nach reißerischen Geschichten wie diesen gieren…

Im Dezember 2009 wurden Amanda und Raffaele zunächst schuldig gesprochen – ein Urteil, das im Oktober 2011 vom Berufungsgericht jedoch aufgehoben wurde. Im März 2013 nahm das Kassationsgericht die Freisprüche allerdings erneut zurück – wonach sie im Januar 2014 (in einem Revisionsverfahren) wiederum zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. Im März 2015 sprach der oberste Gerichtshof sie dann aber „in finaler Form“ frei – u.a. da „eklatante Fehler im Umgang mit Beweisen“ festgestellt wurden. „Unsorgsames Arbeiten“ seitens der Ermittler hatte zu einer Kontaminierung angrenzend aller DNA-Spuren geführt – worüber hinaus kaum Stichhaltiges vorgebracht werden konnte. Amanda hatte Italien 2011 verlassen – die übrigen Prozesse wurden in ihrer Abwesenheit geführt. Bei der (via TV) mitverfolgten Bekanntgabe der endgültigen Entscheidung war das Kamera-Team Blackhursts und McGinns mit vor Ort im Kreise ihrer Familie in Seattle – hat ihre emotionale Reaktion darauf sowie ein anknüpfendes Telefonat mit Raffaele direkt eingefangen. Jener ist in seiner Heimat inzwischen als IT-Fachmann (und neuerdings nun auch als „Justiz-Experte“ bei einer Fernseh-Show) tätig und wirkt in seinen Schilderungen wie jemand, der 2007 wahnsinnig verliebt (und naive) war sowie von der ganzen Situation förmlich „überrollt“ wurde. Es fällt einem nicht unbedingt schwer, sich auszumalen, dass Amanda ihn in jenem November leicht hätte manipulieren können. Blackhurst und McGinn liefern dem Publikum eine dichte Chronologie der Ereignisse sowie mehrere der zugehörigen unterschiedlichen Meinungen und Versionen: Eine Kombination aus subjektiven Darstellungen und validierten Erkenntnissen – reich an Widersprüchen und sich verändernden Sachlagen…

Amanda selbst berichtet offen über das Erlebte: Ihre Argumentationen sind reflektiert, wohl-artikuliert, schlüssig und weitestgehend überzeugend. Es ist interessant, ihr zuzuhören sowie ihre Mimik und Körpersprache zu beobachten. Man kann nachvollziehen, dass ihre Art einen „ambivalenten“ Anschein heraufbeschwören kann: Aber ist sie wirklich eine Soziopathin und brutale Mörderin – oder eine zum Zeitpunkt der Interviews 29-Jährige, die eine lange Reihe gewichtiger (vor allem psychischer) Belastungen über sich ergehen lassen musste? Obgleich das Werk durchaus (im Einklang mit den Richtern) zum ihrem Gunsten hin tendiert, vermag man sich trotzdem eine eigene Meinung zu bilden – schlichtweg aufgrund der Bandbreite und Fülle des offerierten informativen Materials, welches unterhaltsam und packend aufbereitet und zusammengeschnitten wurde. Wer sich mit dem Fall im Vorfeld bereits mal (mehr als nur oberflächlich) beschäftigt hat, erhält zwar nichts wahrhaft Unbekanntes geboten – dafür aber zusätzlichen Kontext und eine ausgeprägtere „Tiefe“. Man könnte anmerken, dass Meredith selbst „etwas zu kurz kommt“ – was u.a. daraus resultiert, dass sich ihre Familie nicht aktiv an der Entstehung dieser Produktion beteiligt hat – doch was ihr dort in Perugia grausames zugestoßen ist, wird einem wiederholt ins Gedächtnis gerufen und nie irgendwie „vernachlässigt“ (überdies kommen ihre Schwester und Mutter in eingespielten Clips aus Nachrichten-Sendungen zu Wort). „Unterm Strich“ betrachtet, ist Blackhurst und McGinn mit „Amanda Knox“ eine ambitionierte, reizvoll-sehenswerte „True Crime“-Dokumentation gelungen, die den Fall aus einer „frischen Perspektive“ heraus beleuchtet und zugleich als eindringliche Kritik an den unprofessionellen Ermittlungen sowie bestimmten „Auswüchsen des Sensationsjournalismus“ zu werten ist…

knappe

Seit September ist der Film weltweit bei “Netflix” verfügbar. Konkrete Pläne für eine Veröffentlichung auf DVD oder BluRay sind mir bis heute (02/2017) indes noch keine bekannt…

Stefan Seidl

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zur Filmdiskussion bei Liquid-Love

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