| Originaltitel: Barbarian__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2022__Regie: Zach Cregger__Darsteller: Georgina Campbell, Bill Skarsgard, Justin Long, Richard Brake, Matthew Patrick Davis, Kurt Braunohler, Kate Bosworth u.a. |
Eigentlich ist Zach Cregger Schauspieler und in erster Linie im Comedy-Fach verortet, wo er 2009 mit dem quasi direkt vergessenen „Miss March“ sein Regiedebüt gab. Wesentlich größere Wellen schlug er 13 Jahre später mit seinem Regie-Zweitling, dem Indie-Horror „Barbarian“.
Es beginnt mit Thriller-Vibes. Tess Marshall (Georgina Campbell) kommt nachts in ein Suburb von Detroit, will in ihrem Airbnb einchecken und muss feststellen, dass dort bereits Keith Toshko (Bill Skarsgard) ist, der die Bude angeblich zur gleichen Zeit über einen anderen Anbieter gebucht hat. Draußen regnet es, wegen einer Messe sind alle Hotels belegt, also bleibt Tess dort. Es bleibt ein ungutes Gefühl, gerade weil Keith sich so peinlich darum bemüht alles richtig zu machen, indem er ihr beispielsweise nur Getränke anbieten möchte, die er in ihrem Beisein geöffnet hat. Mit dieser Idee begann der Film für Regisseur und Drehbuchautor Cregger: Eine Situation, in der eine junge Frau andauernd Warnsignale beim Zusammentreffen mit einem Mann sieht, aber auch nicht weg kann.
Doch am nächsten Morgen scheint alles gut zu sein. Tess kommt unbeschadet zu dem Vorstellungsgespräch, für das sie nach Detroit angereist ist, und findet Keith mittlerweile ziemlich sympathisch. Es könnte fast das Meet Cute einer Romantic Comedy sein, wüsste man nicht um die Genreeinordung des Films, doch genau das ist das Programm von Cregger: Immer wieder Erwartungen aufzubauen, um dem Publikum dann den Boden unter den Füßen wegzuziehen.
In Horror- und Thrillergefilde bewegt sich „Barbarian“ dann bald wieder, als Tess in den Keller muss und dort eine verborgene Tür findet. Hinter dieser wiederum befinden sich weitere böse Überraschungen, wie sie und Keith alsbald feststellen zu müssen…
Schaut euch den Trailer zu „Barbarian“ an
Dass Creggers Film sich schnell zum Geheimtipp mauserte, dürfte daran liegen, dass der Regisseur und Drehbuchautor nicht einfach nur ausgetretene Horrorpfade beackert, sondern zwar viele Versatzstücke des Genres aufgreift, das Ganze aber anders als erwartet erzählt. So macht die Handlung mehrfach Sprünge, wechselt zu anderen Figuren und Erzählsträngen, von denen man erst nach und nach erfährt, wie sie in das Gesamtgefüge hineinpassen. Der kleinere neue Erzählstrang ist eine Rückblende im letzten Drittel, die sich nicht nur durch Ausstattung und Look, sondern auch den Wechsel ins Vollbildformat vom Rest des Films abhebt. Der größere neue Erzählstrang wiederum dreht sich um AJ Gilbride (Justin Long), einen Hollywood-Schauspieler, der nach dem Vorwurf sexuellen Missbrauchs in Ungnade gefallen ist, rechtliche Probleme hat und dringend Kohle braucht, um die Anwaltskosten stemmen zu können. Diese Erzählstruktur ist einerseits reizvoll und unerwartet, hat andrerseits aber auch den unschönen Nebeneffekt, dass man immer wieder ein wenig aus dem Film herausgerissen wird, wenn dieser neu ansetzt.

Als Tess Marshall (Georgina Campbell) nachts bei ihrem Airbnb in Detroit ankommt, weiß sie nicht, was sie noch erwarten wird
So nimmt sich „Barbarian“ Versatzstücke verschiedener Horrorgenres, denen man einzelne Vorbilder anmerkt. Dass aus der Verarmung der Vorstädte wie den Suburbs von Detroit Horror entstehen kann, das erinnert an „Don’t Breathe“, an anderen Stellen werden Erinnerungen an „The Descent“, „Wrong Turn“ und „Das Haus der Vergessenen“ wach. Das Personal ist übersichtlich, der Bodycount dementsprechend klein, dafür geht es in den Matschszenen ordentlich ans Eingemachte, wobei die Szenen trotz einer gewissen Übertreibung unangenehm bleiben. Das erwähnte Neuansetzen unterbricht immer mal wieder den Spannungsbogen des Gesamtfilms, aber in Einzelszenen treibt Cregger den Puls effektiv nach oben. Vor allem dann, wenn der Horror daraus entsteht, dass man nachvollziehbare Situationen vorgesetzt bekommt, in denen man darüber nachdenkt, wie man wohl selbst reagieren würde, etwa wenn eine Person vor einer Dunkelheit steht, die sie eigentlich keinesfalls betreten möchte, aber aus genau dieser Dunkelheit dann die Hilfeschreie einer anderen, ihr bekannten Person hört.
An anderer Stelle übertreibt Cregger es dagegen mit dem Suspension of Disbelief etwas. Es mag zwar ein starkes Bild sein, wenn Tess die Gegend um das Airbnb erstmals bei Tag sieht und feststellt, dass quasi alle Häuser verlassen sind, aber es strapaziert die Glaubwürdigkeit, selbst wenn später angemerkt wird, dass dieses Airbnb wohl selten gebucht wird. An einer anderen Stelle ist die Polizei selbst für Horrorverhältnisse überzogen dumm, ignorant und nicht-hilfsbereit. Ein weiterer kleiner Schwachpunkt ist das etwas einfallslose Hetz-und-Flucht-Finale, das mit einer kleinen Überraschung aufwartet, sonst aber viel Erwartetes in oft gesehener Form bietet.
Cregger hat dabei durchaus Spaß an Krudem, wie mancher Effekt und manche Ekelszene zeigt, die mit überzeugender Make-Up-Arbeit zum Leben erweckt werden. Dabei wechselt er auch mehrmals die Tonlage, ohne dass dies deplatziert wird: So fängt „Barbarian“ erst als ruhiges Horrorstück um Misstrauen an, schreckt dann aber im weiteren Verlauf eben auch nicht vor gewagten Themen und drastischen Darstellungen zurück. Hin und wieder erlaubt Cregger sich auch ein wenig Augenzwinkern (etwa die Verwendung des Songs „Be My Baby“), ohne seinen Film zur Horrorkomödie oder zum Metaspaß werden zu lassen. „Barbarian“ lässt sich dabei nicht unbedingt dem Genre des Elevated Horror (siehe „It Follows“, „The Babadook“, „The Witch“ usw.) zuordnen, hat aber auch kleine Kommentare zu Armut, Gentrifizierung und Geschlechterrollen zu bieten. Letzteres wird vor allem über die AJ-Figur verhandelt, bei welcher der Film lange Zeit im Dunkeln lässt, ob und wenn ja inwieweit die Anschuldigungen wahr sind. Von Anfang an spricht er allerdings in abwertenden Termini über seine Anklägerin (meistens als „little bitch“), weshalb man sich fragen kann, ob sich da ein Täter ertappt fühlt oder ein unschuldig Beschuldigter seinen Zorn rauslässt – und auf was für ein Frauenbild das schließen lässt.
Justin Long („Katies Blog“) kann diese Figur dann auch als ambivalenten Charakter an, dem man sowohl die Unschuld als auch die Täterschaft zutraut, dessen Handeln man teilweise als entschlossenes Zupacken und teilweise als dämliches Nach-vorne-Preschen interpretieren kann, der aber immer irgendwie menschlich bleibt, egal was man von ihm im Guten und Schlechten denken mag. Die tragendste Rolle spielt Georgina Campbell („King Arthur: Legend of the Sword“) als Frau, die weder das kreischende Elend noch die Kampfamazone darstellt, sondern eine Horror-Protagonistin, die sich stets nachvollziehbar anstellt und das Beste aus den Situationen macht. Bill Skarsgard profitiert natürlich von seiner Schurkenperformance in „Es“, dass man diesem Kerl nicht über den Weg trauen mag, auch wenn er eigentlich immer das Richtige tut. Diese drei tragen den Film dann auch in erster Linie, allenfalls Richard Brake („The Incident“) setzt noch ein paar Akzente, was aber auch an seiner Charismafresse liegt.
Letzten Endes kann man den Geheimtipp-Status von „Barbarian“ durchaus verstehen, denn Creggers Film versucht sich auf anderen Wegen als viele andere Horrorproduktionen, wartet mit einer ungewöhnlichen Erzählweise, einem netten Spiel mit Genremotiven und einigen wirklich unheimlichen Passagen auf. Allerdings reißt die sprunghafte Erzählung das Publikum manchmal aus dem Film, die Glaubwürdigkeit wird bisweilen arg strapaziert und das Finale kommt etwas einfallslos daher, sodass „Barbarian“ am Ende des Tages ein Geheimtipp mit Makeln ist.
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„Barbarian“ wurde von den 20th Century Studios von Walt Disney vertrieben und daher in Deutschland zunächst als Streamingpremiere exklusiv bei Disney+ gezeigt. Als dort jedoch das Portfolio aus Abschreibungsgründen ausgedünnt wurde, verschwand er dort, wurde aber an Streamingdienste weiter lizenziert, weshalb man ihn – je nach Zeitpunkt – beispielsweise auch bei Amazon, Netflix oder Google Play sehen kann. Als reine Streamingproduktion wurde er bisher nicht von der FSK geprüft, in der Regel wird von den Anbietern aber jedoch eine Freigabe ab 18 Jahren empfohlen.
© Nils Bothmann (McClane)
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