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Brightburn – Son of Darkness

„Brightburn“ geht einer interessanten Fragestellung nach: Was wäre, wenn Superman sich als Kind auf der Erde nicht zum Retter der Menschheit, sondern zum mörderischen Schurken entwickelt hätte? James Gunn produzierte diesen phasenweise derben Mix aus Coming-of-Age-Horror, Slasherfilm und bösem Gegenentwurf zum Superheldenboom im Gegenwartskino.

Originaltitel: Brightburn__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2019__Regie: David Yarovesky__Darsteller: Elizabeth Banks, David Denman, Jackson A. Dunn, Matt Jones, Meredith Hagner, Jennifer Holland, Steve Agee, Gregory Alan Williams, Becky Wahlstrom, Christian Finlayson, Elizabeth Becka, Michael Rooker u.a.
Brightburn

In “Brightburn” geht es um den bösen Gegenentwurf zu Supermans Kindheit

Gedanklich möchte man „Brightburn“ dem direkten Kosmos von Nerd-Ikone James Gunn zuordnen, doch zumindest offiziell produzierte der „Guardians of the Galaxy“- und „The Suicide Squad“-Regisseur den Film nur, den sein Bruder Brian und sein Cousin Mark schrieben und David Yarovesky inszenierte.

„Brightburn“ greift jedoch Themen auf, die dem comicaffinen, produzierenden Troma-Absolventen gut in den Kram passen würden, unter anderem mit seiner Prämisse, die so reizvoll wie naheliegend ist, dass man sich wundert, dass noch niemand vorher einen Film dazu gemacht: Was wäre, wenn Superman sich auf der Erde nicht zum Heiland entwickeln würde, sondern Menschen geringschätzen oder ihnen schaden? Sicher gibt es Vorläufer: Schon in „Watchmen“ wurde das Superman-Pendant Dr. Manhattan den Menschen gegenüber indifferent, schon in „Chronicle“ entschied sich ein Teen, der Superkräfte erlangte, für den Weg des Bösewichts. „Brightburn“ erzählt diese Geschichte aber mit direkteren Anleihen an das Vorbild, wenn das Kind aus dem All im ländlichen Kansas landet wie dereinst Kal-El, auf einer Farm aufwächst und Eltern hat, deren Kinderwunsch bisher unerfüllt blieb. Diesen Part von der Origin-Story des Stählernen erzählten Inkarnationen von Richard Donners „Superman“ über die TV-Serie „Smallville“ bis hin zu Zack Snyders „Man of Steel“.

Bei den Eltern des Findlings handelt es sich Tori (Elizabeth Banks) und Kyle Breyer (David Denman), die den Jungen als Adoptivkind in der Kleinstadt Brightburn großziehen. Nach einer kurzen Eingangsszene mit der Ankunft des Kindes aus dem All springt „Brightburn“ in die Zukunft, als Brandon (Jackson A. Dunn) zwölf Jahre alt wird. Seine wahre Herkunft ist ihm unbekannt, seine Kräfte hat er im Gegensatz zu Superman nicht von Anfang an, aber mit Beginn der Pubertät beginnen sie zu erwachen, was Brandon erst an kleinen Dingen merkt, etwa wenn er einen Rasenmäher in seiner Frustration meterweit durch die Gegend schmeißen kann.

Doch nicht nur die Kräfte, auch die Persönlichkeit des Jungen beginnt sich zu verändern. Brandon zeigt weniger Empathie für andere und benutzt seine neue Macht, um Hindernisse in seinem Leben zu beseitigen – und das schließt auch Mord mit ein…

„Brightburn“ ist ein böser Gegenentwurf zum Superheldenboom im Gegenwartskino: Ein mörderisches Überwesen, explizite Gewaltdarstellung und doch kommen diverse Tropen des Genres in invertierter Form vor. Natürlich ist da immer wieder Superman, dessen Kräftepalette jener Brandons entspricht, und dessen idyllische Flugszenen mit einer geretteten Person im Arm hier in einer Szene böse gespiegelt werden. Doch es gibt andere Vorbilder. Wie viele seiner Vorgänger ist Brandon ein Außenseiter, wie dereinst Peter Parker alias Spider-Man malt er Logos und Kostüme in sein Schulheft, wie viele andere Neu-Superhelden testet er seine Kräfte nach und nach aus. Wie bei Serienkillern gehört allerdings auch Tiermord zum Austesten, ehe er sich dann an Menschen herantraut. Dabei zeigt sich ein zweites Genre, das Einfluss auf „Brightburn“ hat, nämlich der Horrorfilm um böse Kinder, der auch immer wieder seine Hochphasen hat. So dürfte Damien aus „Das Omen“ und dessen erstem Sequel nach Superman das zweite große Vorbild für Brandon sein, gerade in der Elternkonstellation, die hier nur gespiegelt vorkommt: In „Brightburn“ wird der Vater früh skeptisch und die Mutter glaubt lange an die Unschuld des Kindes, in „Das Omen“ war es andersrum.

Brightburn

Tori Breyer (Elizabeth Banks) und ihr Mann Kyle (David Denman) finden außerdisches Kind im Wald

So entwickelt sich „Brightburn“ mit zunehmender Laufzeit zu einer Art übernatürlichem Slasherfilm, wenn Brandon all jene beseitigt, die seiner Ansicht nach in seinem Weg stehen oder seinen Zorn auf sich ziehen, obwohl sie eigentlich schuldlos sind. Das geht auf äußerst derbe Weise vor sich, wenn Menschen im Flug zermatscht werden, bei einem Unfall den Kiefer zerschmettert bekommen oder sich eine Glasscherbe in ein Auge bohrt. Die Spannungserzeugung funktioniert innerhalb dieser Szenen auch ziemlich gut, wenn Brandon seinen Opfern erst Angst einjagt und danach zuschlägt. Dies macht intradiegetisch Sinn: Brandon ist ein Kind und Kinder spielen eben gern. Es gibt in diesen Momenten ein paar nette visuelle Ideen, etwa wenn der Film Point-of-View-Shots des erwähnten Glasscherbenopfers einnimmt und die eine Hälfte der Sehkraft durch verschmiertes Blut beeinträchtigt ist. Oder wenn ein anderes Opfer den bösen Superbengel im Licht an- und ausgehender Scheinwerfer auftauchen und verschwinden sieht.

Allerdings funktioniert „Brightburn“ als Slasher nur solide, denn er entscheidet sich für keinen der möglichen Pfade. Er könnte ein Funfilm sein, in dem viel und kreativ gemeuchelt wird. Unkreativ ist „Brightburn“ durch die Superheldenkomponente nicht, aber die Mordzahl ist überschaubar, zumal das erste Opfer zur Halbzeitmarke dran glauben muss. Das wäre die andere Option: Die wenigen Kills dadurch intensiver zu machen, dass man wirklich Angst um die Opfer hat. Doch die meisten davon sind relativ egal, zumal beinahe jeder Mord die Chronik eines angekündigten Todes ist und man schon früh ahnt, wen es als nächstes erwischen wird. Für das Geschlachte wird dann allerdings auch manch anderer Handlungsstrang fallengelassen: Das Mädel, in das Brandon krankhaft verschossen ist, spielt in der zweiten Filmhälfte beispielsweise auf einmal gar keine Rolle mehr, obwohl sie vorher so wichtig für seine Entwicklung schien.

Brightburn

Brandon (Jackson A. Dunn) fühlt in der Pubertät nicht nur seine Hormone, sondern auch Superkräfte erwachen

Denn „Brightburn“ erkennt an sich das große Drama hinter der Geschichte: Eltern, die akzeptieren müssen, dass ihr ganz großer Schatz das Böse ist, und ein Junge, der sich vom netten, schüchternen Kerl zum emotionslosen Mörder wandelt. Das ist in der Theorie so, doch leider machen es sich Yarovesky („Nightbooks“) und die Autoren Gunn („Die Reise zur geheimnisvollen Insel“) etwas einfach. So wird Brandon nicht (wie beispielsweise in „Chronicle“ oder „Hollow Man“) durch seine neue Macht verführt, sondern der Film deutet an, dass vor allem die immer noch auf der Farm befindliche Raumkapsel als Einflüsterer fungiert. Wobei sich „Brightburn“ nie ganz entscheiden kann, inwiefern Brandon bei seinen Taten Herr seiner eigenen Sinne ist: Mal erscheint er fremdgelenkt, mal selbstbestimmt. Bei den Eltern sieht es mit der Charakterzeichnung nicht viel besser aus, da das Breyer-Ehepaar viel zu selten wirklich im Fokus steht und sich noch dazu nicht immer nachvollziehbar verhält; gerade Tori verschließt ihre Augen unglaubwürdig lang vor dem Offensichtlichen. Das ist schade, denn immer wieder tauchen reizvolle und gute Einfälle auf, nicht zuletzt im Abspann, in dem Gunn-Kumpel Michael Rooker („Das Belko Experiment“) einen Talk-Radio-Verschwörungstheoretiker gibt und ganz kurz Crimson Bolt aus James Gunns „Super“ auf einem Bild zu sehen ist.

Auf die sonstigen James-Gunn-Regulars muss man zwar verzichten, aber immerhin Elizabeth Banks arbeitete bei „Slither“ schon ihm zusammen. Hier gibt sie überzeugend die liebende Mutter und spielt so gut es geht gegen die drehbuchbedingten Unglaubwürdigkeiten ihrer Figur an. Unter den sonst unbekannten Darstellern sticht vor allem Jackson A. Dunn („Avengers: Endgame“) heraus, der die Wandlung vom netten, stillen Jungen zum kalten Killer eingängig verkörpert. Auch David Denman („Greenland“) als warnender Vater kann Akzente setzen, der Rest der Belegschaft macht dagegen einen ebenso soliden wie unauffälligen Job.

So hinterlässt „Brightburn“ einen sehr zwiespältigen Eindruck: Die Prämisse ist famos, die Umsetzung erfrischend ruppig und Drehbuch wie Regie präsentieren einige gelungene Einfälle, die von der Kenntnis der Macher des Superhelden- wie auch des Horrorgenres zeugen. Leider versanden viele Ansätze und Plotstränge unbefriedigend, die Figuren bleiben unterentwickelt und der Film ist sowohl als übernatürlicher Slasher wie auch als großes Superkräftedrama nur halbherzig unterwegs. Ein typischer Fall von verschenktem Potential, dem 10 oder 20 Minuten Laufzeit mehr ausnahmsweise mal gutgetan hätten.

Sony hat „Brightburn“ hierzulande auf DVD und Blu-Ray veröffentlicht, ungekürzt ab 16 Jahren freigegeben. Das Bonusmaterial umfasst einen Audiokommentar, Featurettes und Kurzinterviews.

© Nils Bothmann (McClane)

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