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Brüder – Feinde

Originaltitel: 1944__Herstellungsland: Estland, Finnland__Erscheinungsjahr: 2015__ Regie: Elmo Nüganen__Darsteller: Marko Leht, Maiken Schmidt, Mait Malmsten, Gert Raudsep, Kaspar Velberg, Magnús Mariuson, Kristjan Sarv, Anne Reemann, Tanel Saar, Märt Pius, Külli Teetamma u.a.
Brüder - Feinde

In “Brüder – Feinde” wird Estland zwischen den Großmächten Deutschland und Sowjetunion zermahlen…

1939 schließen Deutschland und die Sowjetunion einen Nichtangriffspakt. Wenige Wochen später beginnt der zweite Weltkrieg. Nicht nur Hitler wird nun aktiv, nein, auch Stalin treibt seine Rote Armee an, diverse Nachbarländer zu besetzen. Darunter 1940 Estland. Zehntausende Esten werden gezwungen, ihren Dienst in der Roten Armee abzuleisten. Und sie bleiben Bestandteil der Armee, selbst als Hitler seinerseits 1941 in Estland einmarschiert. Auch er zwangsrekrutiert zehntausende Esten für die Waffen SS. Drei Jahre später stehen die Sowjets wieder an den Grenzen Estlands und setzen fort, was in der Sowjetunion seinen Anfang nahm: Sie treiben die Deutschen zurück.

Im Juli 1944 steigt der estnische Regisseur Elmo Nüganen in seinen dramatischen Kriegsfilm ein. Wir lernen Karl und seine Mannen kennen. Allesamt Estländer im Dienst der Waffen SS und damit beauftragt, die Tannenbergstellung gegen die anrückenden Russen zu verteidigen. Gefühlt jeden Tag werden sie in blutige Konflikte gezogen und dabei immer mehr ausgedünnt. In den Momenten, in denen die Waffen ruhen, sinnieren die Mannen um Karl auch über die Situation ihres eigenen Landes, immer in dem Bewusstsein, dass schon der nächste vermeintliche Sowjetrusse, den sie umbringen, ein ehemals von der Roten Armee zwangsrekrutierter Verwandter, Bekannter oder gar Bruder sein könnte. Eines Tages passiert dann das Undenkbare: Karls Männer geraten mit einer Einheit Rotarmisten zusammen. Allesamt Esten…

„Brüder – Feinde“ vollzieht jetzt eine interessante dramaturgische Kehrtwende. Bisher konzentrierte sich der Film ausnahmslos auf Karl und seine Kameraden. Dabei fokussierte er stark auf die Vorgänge an der Front. Den täglichen, verlustreichen Kampf. Die Angst vor dem heranrückenden Tod. Und die wenigen Momente der Besinnung, in denen Karl aus dem Off vom Schicksal seiner Familie berichtet. Doch mit der Konfrontation mit den Esten im Dienste der Rotarmee ändert der Film vollkommen seinen Blickwinkel. Er tauscht die Figuren komplett aus. Anstelle von Karl konzentriert sich der Film nun komplett auf auf einen Offizier namens Jüri und dessen Mitstreiter. Infolgedessen erleben wir nun die Sowjetseite des Konfliktes. Und „Brüder – Feinde“ wird nun deutlich ruhiger.

Brüder - Feinde

Egal ob Zivilisten oder Soldaten… Die Esten geraten allesamt unter die Räder.

Es geht ab sofort mehr um politische Ränkespiele. Um die Verfolgung politischer Abweichlinge und um den Aufstieg zulasten anderer Menschen. Ebenso beleuchtet der Streifen nun auch das Leben hinter der Front und die Versuche, sich Normalität in Zeiten des Chaos’ zu bewahren. Obendrein wird deutlich herausgearbeitet, dass keine der beiden Seiten irgendwie besser ist. Vielmehr wird das kleine Estland zwischen den Großmächten Deutschland und Russland zerrieben. Wortwörtlich. Der Film legt nun trotz seiner ruhigeren Gangart deutlich an Dramatik zu und wird in seiner Handlung um ein Vielfaches komplexer. Denn Jüris Leben ist auf fatale Weise mit dem von Karl verbunden…

Aus seiner Zweiteilung zieht „Brüder – Feinde“ seinen größten Reiz. Vor allem, da der Film nicht nur die Figuren austauscht, sondern jeweils auch einen ganz anderen Blickwinkel auf die damaligen Ereignisse wirft, entwickelt das Drehbuch viel Spannung und es gelingt ihm sehr gut, die Ereignisse mehr und mehr dramatisch zuzuspitzen. Die tollen, unbekannten Darsteller tragen zum Gelingen enorm viel bei, entwerfen sie doch sehr glaubwürdige Charaktere und sorgen so für ein ordentliches Involvement auf Seiten des Zuschauers.

Brüder - Feinde

Die Einheit um Karl kämpft für die Waffen SS. Unfreiwillig!

Regisseur Elmo Nüganen kleidet die Geschichte seines Landes in sehr klare und nüchterne Bilder. Mit technischen Kabinettstückchen hält er sich komplett zurück und beschränkt seine dynamischen Bilder und eine manchmal zu hektische Montage auf die Kriegsaction. Hierfür scheute die estnische Produktion keinerlei Aufwand. Man importierte sogar extra russische T34 Panzer aus London, Prag und Helsinki, die man dann auch für krachige Szenen einsetzte. Da dürfen sogar ganze Häuser und Steinwälle platt gewalzt werden. Auch abseits des Kriegsgerätes wirkt die Ausstattung durchweg stimmig. Dass die Produktion letzten Endes nur über erstaunliche geringe finanzielle Mittel verfügte, sieht man maximal an einen oder zwei schwächeren CGIs und der Anzahl der jeweils kämpfenden Soldaten. Diese wirkt immer ziemlich niedrig skaliert.

Die Highlights der Action bilden trotz Panzereinsatz die “intimeren” Actionszenen. Vor allem die Grabenkämpfe sind enorm dynamisch umgesetzt und wurden so in bisher noch keinem Kriegsfilm inszeniert. Die Kamera fliegt förmlich durch die Gräben. Zeigt auf, wie verwinkelt diese Konstrukte sein konnten. Und wie hinter jeder Biegung die Gefahr lauern konnte. Mit Handgranaten und automatischen Gewehren rücken die Kombattanten in flottem Tempo Meter für Meter vor und sorgen für ordentlich Bewegung. Der Rest der Action bietet Kriegsfilmstandards wie Scharfschützenduelle und wuchtige, brachiale Explosionen, bei denen gefühlt Tonnen von Dreck durch die Gegend geschleudert werden. Kleinere blutige Details geben der Bestie Krieg ein abscheuliches Antlitz, Hyperrealismus in der Gewaltdarstellung (siehe Spielbergs „Der Soldat James Ryan“) war aber dennoch offensichtlich kein Ziel der Produktion.

Brüder - Feinde

Die – an Hollywood-Standards gemessene – kleine Produktion scheut keinen Aufwand!

Was man „Brüder – Feinde“ ankreiden muss, ist, dass er sich selbst gerne etwas mehr Zeit für seine Figuren und die fatale Ausgangssituation hätte geben können. Man vermisst ein wenig den epischen Atem, den ein solcher Film mit einem solchen Thema auf jeden Fall hätte vertragen können. Man stelle sich das nur mal vor, dass der Feind immer auch ein Bekannter oder Verwandter sein könnte. Jeweils zwangsrekrutiert für Ziele irgendwelcher anderer Mächte, die in den estnischen Soldaten nicht viel mehr als Kanonenfutter sahen. Brillant ist dahingehend eine kleine Szene, in der sich der Führer bei „seinen“ kampfstarken Esten mit einer höchst seltsamen Geste „bedankt“. Eine nicht minder großartige Szene verdeutlicht die ganze Sinnlosigkeit dieses Krieges für die Esten absolut wunderbar: Dabei dreht sich alles um einen bereits früh eingeführten Charakter, der irgendwann desertiert. Aufgegriffen vom Gegner wird er nun flott dieser Armee zwangseinverleibt und kämpft nun plötzlich auf der anderen Seite. Und das nach wie vor für Ziele, die er nicht versteht…

Letzten Endes hätte „Brüder – Feinde“ noch mehr solcher Szenen vertragen können und hätte gerne noch intensiver und dramatischer ausfallen dürfen. Doch auch so bietet der mit erstaunlich wenig Pathos und Patriotismus auskommende Streifen Spannung, Action und dramatische Verwicklungen satt. Gerade die Idee, den Film innerlich genauso zu zerreißen, wie es Deutschland und die Sowjetunion einst mit dem ganzen Land gemacht haben, ist absolut brillant und sorgt für einen wirklich heftigen und so absolut nicht vorhersehbaren Storyturn auf der Hälfte der Laufzeit dieses patent in Szene gesetzten Kriegsfilmes.

Die deutsche DVD/Blu-ray erschien am 6. Oktober 2015 von Ascot Elite und ist mit einer FSK 16 Freigabe ungeschnitten.

In diesem Sinne:
freeman

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Copyright aller Filmbilder/Label: Ascot Elite__Freigabe: FSK 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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