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Die Geiselnahme

Originaltitel: Bel Canto__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2018__Regie: Paul Weitz__Darsteller: Julianne Moore, Ken Watanabe, Sebastian Koch, Christopher Lambert, Ryô Kase, Tenoch Huerta, María Mercedes Coroy, Olek Krupa, Elsa Zylberstein u.a.
Die Geiselnahme mit Christopher Lambert

In der Bestseller-Verfilmung “Die Geiselnahme” hat “Highlander” Christopher Lambert eine feine Nebenrolle inne.

Katsumi Hosokawa ist ein riesiger Opernfan. Vor allem die Opernsängerin Roxanne Coss bewundert er über alle Maßen. So sehr, dass der reiche Industrielle sogar eine Einladung nach Südamerika annimmt, um hier einer Privatvorstellung der Sängerin beizuwohnen. Arrangiert hat den zugehörigen Abend mit Wein, Weib und Gesang der Vizepräsident des Landes. Der möchte Hosokawa dazu bewegen, in eine Fabrik für das Land zu investieren.

Hosokawa weiß all das. Doch er will Roxanne Coss im privaten Rahmen erleben. Dementsprechend wirkt er wie verzaubert, als er der Dame das erste Mal leibhaftig gegenübersteht. Aber aus dem Auftritt der Operndiva wird nichts. Denn wenige Momente nachdem sie zu singen begonnen hat, überfallen Anhänger einer Befreiungsarmee das Anwesen. Sie wollen den Präsidenten festsetzen und mit ihm als Geisel politische Gefangene freipressen.

Was sie nicht ahnen können: Der Präsident sitzt bei sich zu Hause und schaut eine Telenovela. Außer dem Vizepräsidenten und Botschaftern aus aller Herren Länder haben sie „nichts“ in der Hand. Dennoch beschließen sie, das Beste aus der Situation zu machen. So beginnt eine tagelange Ausnahmesituation – für Geiseln und Geiselnehmer.

Schaut in “Die Geiselnahme” mit Christopher Lambert hinein

Es gibt eine Szene in „Die Geiselnahme“, die beschreibt wie keine zweite, mit was für einer Art Film wir es hier zu tun haben. In der Szene betritt ein Unterhändler des Roten Kreuzes die Szenerie der Geiselnahme. Und er glaubt seinen Augen kaum! Denn die Geiseln spielen mit ihren Geiselnehmern Fußball! Die Waffen der Geiselnehmer lehnen an einem Baum. Jeder hätte die Möglichkeit, selbige zu greifen und die Rebellen umzubringen. Doch von den Geiseln würde keiner daran denken, einen der Rebellen umzubringen.

„Die Geiselnahme“ mag nach einem spannenden Thriller klingen, entzieht sich aber sämtlichen Klischees entsprechender Filme. Infolgedessen gibt es kein Krakeelen, kein Drohen, kein Foltern und keine breit ausgewalzten Unterhändlerszenen mit bauernschlauen Listen. Der Film hat stattdessen einen zutiefst menschlichen Blick auf die tagelange Ausnahmesituation. Lässt zusammenwachsen, was eigentlich nicht zusammengehört. Gefangene bieten ihren Geiselnehmern ganz ernstgemeint an, sie nach dem Durchstehen der Situation als Arbeitnehmer anzustellen. Freundschaften entstehen. Liebe bricht sich Bahn.

Die Geiselnahme mit Julianne Moore

Die Operndiva Roxanne freundet sich mit ihren Geiselnehmern an.

Und über allem schwebt die Musik. Als Unterschiede vereinende Kraft. Als Kraft, die Grenzen, Befindlichkeiten und Politik überwindet. Und als Kraft, die eine Art Parallelwelt entstehen lässt, in der sowohl Geiseln als auch Geiselnehmer so etwas wie Glück empfinden. Obwohl an ihrer Situation nichts ist, was man mit Glück assoziieren würde. Immerhin befinden sich die Geiseln in Gefangenschaft und läuft es für die Geiselnehmer von Anfang an alles andere als rund. Was sich im Verlauf des Filmes noch verschärfen wird.

Regisseur Paul Weitz („About a Boy“) baut diese Parallelwelt ganz behutsam auf. Zieht den Zuschauer allmählich hinein in die Grundsituation und weicht zumindest emotional durchaus nachvollziehbar die Grenzen zwischen Geiselnehmern und Geiseln auf. Dabei gelingen ihm große, ganz leise Szenen mit teilweise verzweifeltem Humor. Etwa wenn er Geiseln und Rebellen gemeinsam an einer Tafel vereint und das von den Geiseln zubereitete Essen genießen lässt. Wie sehr man von „Die Geiselnahme“ vereinnahmt wird, bekommt man dann im Finale brutal zu spüren. Wenn sich Gewalt Bahn bricht. Roh. Unvermittelt. Wie ein Vorschlaghammer.

Die Geiselnahme mit Ken Watanabe und Julianne Moore

Ken Watanabe spielt den großen Bewunderer von Julianne Moores Opernsängerin.

Dieser ungewöhnliche Geiselnahme-Film wird von starken Schauspielern getragen. Allen voran Ken Watanabe („Godzilla“) als großer Opern-Verehrer. Er zeigt auf ein Neues, wie man mit maximal reduziertem Spiel und viel Melancholie eine maximale Wirkung erreicht. Julianne Moore ist derweil ein leicht zweischneidiges Schwert für das gesamte Projekt. Sie spielt stark, keine Frage, aber die Operndiva will ihr einfach nicht gelingen. Was noch dadurch verstärkt wird, dass sie – natürlich – sichtlich nicht selbst singt.

Der Deutsche Sebastian Koch („Black Book“) reißt derweil als Unterhändler des Roten Kreuzes all seine Szenen komplett an sich. Ihm hätte man mehr Screentime gegönnt. Eine interessante Personalie findet der Actionfan bei der Besetzung des französischen Botschafters. Der wird in dem multilingualen Film von Christopher Lambert („The Hunted“) gegeben, der vom Drehbuch ein paar wirklich schöne Szenen zugeschanzt bekommen hat. Ganz allgemein ist die Ensembleleistung von „Die Geiselnahme“ einfach toll – auch und vor allem auf Seiten der Rebellen.

Die Geiselnahme mit Robert Koch

Robert Koch reißt als Unterhändler des Roten Kreuzes alle Szenen an sich.

Weitz setzt all das extrem gediegen in Szene. Das herrschaftliche Anwesen des Vizepräsidenten bleibt alleiniger Schauplatz des Filmes. Der wird dank Weitz’ schwelgerischer Bilder aber nie langweilig. Ein wichtiges Element des Filmes ist natürlich seine Musik. Immerhin zelebriert er deren Kraft – obschon sie im Film eher feingliedrig daherkommt. Auch die von Julianne Moores Rolle gesungenen, durchgehend wunderschönen Opernstücke glänzen eher durch Understatement als geballte Power. Eingesungen wurden sie im Übrigen von Star-Sopranistin Renée Fleming.

“Die Geiselnahme” unterwandert diverse Erwartungen

Kurzum: Der auf dem Bestseller „Bel Canto“ von Ann Patchett basierende „Die Geiselnahme“ ist ein interessanter Film geworden, in dem im Grunde Terrorismus auf Musik trifft. Wobei letztere hier einen Ansatz bietet, ersteren ein Stück weit “zu heilen”. Zugegeben, das gipfelt ab und an in durchaus bizarren Momenten, erfährt aber aufgrund starker Darsteller und vieler berührender Momente immer wieder genug Erdung, um nicht als zu befremdlich empfunden zu werden.

Was dem Film leider komplett fehlt, ist Spannung. Es fehlt beispielsweise an Reibungen. Sowohl zwischen den Geiseln und ihren Geiselnehmern als auch mit den Belagerungseinheiten. Gerade bei den Rebellen fehlt es obendrein an einer groben Einordnung, wogegen sie warum kämpfen. Zudem wäre eine zeitliche Verortung der Vorgänge nicht verkehrt gewesen, da nicht nur den Figuren irgendwann jedwedes Zeitgefühl flöten geht. Die literarische Vorlage etwa basiert auf einer Geiselnahme in der japanischen Botschaft in Peru, welche sich 1996 ganze 126 Tage lang hinzog. Derartiges auszuformulieren, hätte vermutlich auch die krassen Auswüchse des hier zelebrierten Stockholm Syndroms noch plausibler gemacht. Und leider wirkt ausgerechnet eine der beiden präsentierten Love-Storys nicht wirklich glaubwürdig entwickelt. Sie lässt so manche Frage offen, die der Film sogar selbst ausformuliert.

Trotz dieser nicht zu leugnenden Schwächen ist „Die Geiselnahme“ ein etwas anderer Geiselnahme-Film, der so manche Erwartungen an ihn zu unterwandern versteht.

6 von 10

Die deutsche DVD / Blu-ray zum Film erscheint am 22. Februar 2019 von dem Label DCM und sind mit einer Freigabe ab 12 ungeschnitten. Kleine Featurettes zur Entstehung des Filmes erlauben zumindest kurze Blicke hinter die Kulissen.

In diesem Sinne:
freeman

Was meint ihr zu dem Film?
Zur Filmdiskussion bei Liquid-Love

Copyright aller Filmbilder/Label: DCM__Freigabe: FSK 12__Geschnitten: Nein__ Blu-ray/DVD: Ja/Ja

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