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Girlfight – Auf eigene Faust

Originaltitel: Girlfight__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2000__Regie: Karyn Kusama__Darsteller: Michelle Rodriguez, Jaime Tirelli, Paul Calderon, Santiago Douglas, Ray Santiago, Víctor Sierra, Elisa Bocanegra, Shannon Walker Williams, Louis Guss, Herb Lovelle, Thomas Barbour u.a.
Girlfight

Karyn Kusamas Spielfilmdebüt “Girlfight” bedeutete auch für Michelle Rodriguez den Durchbruch

„Girlfight“ startete 2000 gleich zwei Karrieren: Regisseurin Karyn Kusama („Jennifer’s Body – Jungs nach ihrem Geschmack“) gab mit diesem Boxerdrama ihr Spielfilmdebüt, während die Hauptdarstellerin des Films zuvor nur als Statistin gearbeitet hatte, sich dann aber beim offenen Casting durchsetzte und nach fünf Monaten Training die Hauptrolle antrat.

Protagonistin Diana Guzman (Michelle Rodriguez) ist im letzten Jahr der Highschool und lebt nicht gerade auf der Sonnenseite des Lebens. Die Mutter ist tot, ihr Vater Sandro (Paul Caldron) steckt sein geringes Interesse in die Erziehung seines Sohnes Tiny (Ray Santiago) und das Geld ist auch knapp. Diana als Unterprivilegierte hat Ähnlichkeit mit Rocky, dem ähnlich, wenn auch nicht ganz so gebeutelten Helden des wohl größten aller Boxklassiker, doch vom Temperament her ist sie das Gegenteil des etwas simplen, meist sanften Riesen: Sie prügelt sich öfter in der Schule, hat dafür bereits mehrere Verwarnungen kassiert und kann ihre Aggression kaum bändigen.

Als Diana einen Botengang zu dem Box-Gym erledigt, in dem ihr Bruder unter der Anleitung von Hector Soto (Jaime Tirelli) boxt, wird ihr Interesse an dem Sport geweckt, der dort eigentlich nur an Jungs unterrichtet wird. Doch Hector ist bereit sie zu unterrichten. Also zahlt Diana die Trainingsgebühren, obwohl sie kaum Geld zur Verfügung hat, und beweist bald Talent…

Girlfight

Diana Guzman (Michelle Rodriguez) muss sich in der Männerdomäne des Boxsports behaupten

Wenn etwas frisch an „Girlfight“ ist, dann ist es die weibliche Perspektive auf den Boxsport. Denn als Amateurboxerin muss sich Diana gleich mehrfach in einer Männerdomäne durchsetzen. Die Trainer und alle anderen Schüler sind männlich, ihr Vater bezahlt nur das Training des Bruders, würde ihr kein Geld geben und darf noch nicht mal von ihrer Betätigung erfahren. Und bei Wettkämpfen darf Diana vorerst auch nicht antreten, da dies ebenfalls den Männern vorbehalten ist. Dabei beweist „Girlfight“ auch Sinn fürs Milieu, zeigt ohne erhobenen Zeigefinger oder große Gesten den verwurzelten Machogestus der Latino-Kultur, der Diana entstammt, in der noch sehr traditionelle Geschlechterbilder vorherrschen. Und doch setzt Regisseurin und Drehbuchautorin Kathryn Kusama nicht auf Klischees: Die Männer sind meist keine Ekelpakete oder unbelehrbaren Machos, sie sind es einfach nicht gewohnt, dass auch eine Frau boxen möchte und reagieren mit Unverständnis auf das, was sie nicht kennen. Selbst Sandro ist nicht einfach das Stereotyp des polternden Paschas: Wenn Diana in ihrer Wut einen Teller zerwirft, dann wird er nicht laut oder schlägt zu, sondern sagt in bestimmtem Ton, dass die Schweinerei weg sein müsse, wenn er nach Hause kommt.

Selbst die jugendfilmtypische Liebesgeschichte, die sich zwischen Diana und dem talentierten Boxkollegen Adrian Sturges (Santiago Douglas) entspinnt, ist von diesem Verhältnis geprägt: Der mag sich für das ungewöhnliche Mädchen interessieren, verständnisvoller als andere Boxer sein, aber immer wieder beweist auch er wenig Feingefühl; wenn die Beziehung gegen Ende des Films eine besondere Probe aushalten muss, dann ist sein Stolz von dem seiner Kollegen kaum zu unterscheiden. So ist „Girlfight“ dann auch in erster Linie das Selbstfindungsdrama einer jungen, fast stets verärgerten Frau aus armen Verhältnissen, eine Art Gegenentwurf zu den Hood-Filmen, die in den Jahren vor „Girlfight“ populär waren, nur dass die Protagonistin ihre Aggressionen nicht in Ganggewalt, sondern in Sport konzentriert. Ihre Perspektive ist aber nur geringfügig rosiger als jene der Boyz in the Hood: Die Schule interessiert sie kaum, über ihren weiteren Lebensweg macht sie sich keine Gedanken und selbst der Streit, den sie immer wieder anfängt, hat kaum einen Zweck: Bereits zu Beginn des Films verteidigt sie die Ehre ihrer Freundin Marisol (Elisa Bocanegra), obwohl diese die Situation diplomatisch lösen möchte.

Natürlich sorgt das Kanalisieren von Dianas Aggressionen für die im Boxerfilm obligatorischen Kampfszenen, auch wenn Kusama diese dosiert einsetzt. Das Boxen ist relativ realistisch, verzichtet auf die großen Gesten der „Rocky“-Sequels und wird recht mitreißend inszeniert. Dabei setzt Kusama auf nicht unbedingt neue, aber dynamische Stilmittel, etwa die Vogelperspektive auf den Ring oder Point-of-View-Shots aus der Sicht der Kombattanten. Vor allem macht Kusama aber die Körperlichkeit, das gezielte Einsetzen von Dianas innerer Wut in diesen Szenen erfahrbar, sodass diese im Dienste der Handlung und der Charakterentwicklung stehen.

Girlfight

Michelle Rodriguez ergatterte hier nach einigen Arbeiten als Statistin direkt die Hauptrolle

So schwächelt „Girlfight“ dann in erster Linie bei einigen Momenten außerhalb des Rings. Die Hintergrundgeschichte um den Tod ihrer Mutter wird vom Film so aufgenommen und fallen gelassen wie es gerade beliebt, das damit verbundene Missverhältnis zum Vater in einer dramatischen Szene auf die Spitze getrieben, ehe es danach keine Rolle mehr spielt. Auch Nebenfiguren wie Marisol und Tiny bleiben etwas unterentwickelt, obwohl sie interessante Kontrapunkte zu Diana abliefern: Marisol mit ihrem wesentlichem größeren Anpassungsbedürfnis, Tiny als ähnlich mit den Geschlechterrollen kämpfender Latino. Denn der Vater schickt ihn zum Boxen, damit „ein richtiger Mann aus ihm wird“, während Tiny vom Studium an der Kunstschule träumt, was Sandro für Zeitverschwendung (und implizit unmännlich) hält.

So fokussiert sich der Film in erster Linie auf Diana, die von Michelle Rodriguez („Widows – Tödliche Witwen“) überzeugend verkörpert wird. Dieses stetig Angepisste, das viele ihrer späteren Rollen auszeichnen sollte, findet sich schon hier, der dauerhaft grimmige Gesichtsausdruck. In späteren Rollen verfeinerte Rodriguez ihr Schauspiel sicher noch, hier wirkt sie gelegentlich etwas unbeholfen, doch meist verkörpert sie das Angry Young Girl so kraftvoll, dass man versteht warum „Girlfight“ zum Karrieresprungbrett taugte. Dass es bei dem etwas blassen Santiago Douglas („Justice Woman“) danach nicht mehr zu vielen großen Rollen reichte, ist allerdings angesichts seiner Performance auch zu verstehen, die eher ein Schwachpunkt ist. Dafür setzen Jaime Tirelli („Die Fremde in dir“) als anfangs mürrischer, zunehmend enthusiastischer Coach und Paul Calderon („Deathly Weapon“) als selbstherrlicher Vater noch starke Akzente. Produzent John Sayles hat eine amüsante Gastrolle als Lehrer mit suboptimalem Unterricht.

„Girlfight“ ist phasenweise noch roh und unbehauen, aber das hat der Film mit seiner Heldin auch wieder irgendwie gemeinsam. Doch trotz einiger Schwächen beim Drama abseits des Rings ist „Girlfight“ ein starkes Debüt über die Wut und die Selbstfindung einer jungen Frau aus der Unterschicht, sowohl für seine Regisseurin als auch für seine Hauptdarstellerin.

Die deutsche DVD des Films kommt von EuroVideo und ist trotz der überraschend niedrigen FSK-6-Freigabe ungekürzt. Das Bonusmaterial umfasst Statements von Karyn Kusama und Michelle Rodriguez zum Film, Musivideos sowie Tafeln mit Hintergrundinformationen.

© Nils Bothmann (McClane)

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