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Gundala

Originaltitel: Gundala__Herstellungsland: Indonesien__Erscheinungsjahr: 2019__Regie: Joko Anwar__Darsteller: Abimana Aryasatya, Tara Basro, Bront Palarae, Ario Bayu, Lukman Sardi, Marissa Anita, Cecep Arif Rahman u.a.
Gundala DVD Cover

“Gundala” ist eine Comic-Verfilmung aus Indonesien.

Kaum hat man dank „The Raid 2“ oder „Headshot“ den Fakt verdaut, dass die Indonesier knallharte Action können, da kommen sie mit der nächsten Überraschung daher. Indonesien hat eine reichhaltige Comic-Geschichte! Der Vorspann des hier besprochenen Filmes deutet an, dass die amerikanischen Comichelden dabei teils überdeutlich Pate standen. Ein Fan der Comicgeschichten war auch der kleine Joko Anwar.

Der entwickelte sich in der Folge zu einem Regisseur mit leichtem Horrorfokus, dessen großer Traum es war, seinem bevorzugten Comichelden ein filmisches Denkmal zu setzen. Das Ergebnis heißt „Gundala“ und erzählt eine klassische Origin-Story.

Der kleine Sancaka lebt mit seiner Familie in einer Arbeitersiedlung unweit einer gigantischen Fabrik. Deren Besitzer beutet die Arbeiter nach Strich und Faden aus, was Sancakas Vater dazu veranlasst, den Arbeitskampf auszurufen. Das gefällt dem Fabrikchef freilich gar nicht und so stellt er Sancakas Vater eine tödliche Falle. Kurz darauf verschwindet auch noch die Mutter des kleinen Jungen spurlos. Der harrt so lange im Heim der Familie aus, wie es ihm möglich ist.

Doch irgendwann muss er, getrieben von Hunger und Durst, sein Glück in der angrenzenden Großstadt suchen. Hier trifft er irgendwann auf den etwas älteren Awang, der Sancaka einige neue Lebensmaximen einimpft und ihn vor allem Kampfsport lehrt. So gelingt es Sancaka, sich auf den Straßen der Großstadt zu behaupten. Sein wichtigster Grundsatz: Kümmere dich nur um dich, dann überlebst du!

Diesen Grundsatz muss er eines Tages jedoch über Bord schicken, als eine junge Frau von einer Gang attackiert wird und er eher unvermutet mitten in die Prügelei gerät. Natürlich wehrt sich der zum jungen Mann herangereifte Einzelgänger und wird sogleich zu einer Art Hoffnungsträger des Viertels. Doch Sancaka denkt gar nicht daran, sich weiter in Angelegenheiten hineinziehen zu lassen, die ihn nichts angehen. Doch da hat er die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn nicht nur die gerettete junge Dame, sondern alle um ihn herum reden ihm plötzlich ins Gewissen und lassen ihn seine egoistische Lebensmaxime überdenken.

Sancaka beschließt, fortan seinen Mitmenschen zu helfen. Ein Vorsatz, den er teuer bezahlt, denn beim nächsten Angriff der zuletzt geschlagenen Gang wird Sancaka von einem Hausdach geworfen und verendet elendig. Da trifft ihn urplötzlich ein Blitz. Und noch einer. Sancaka erwacht zu neuem Leben. Mit ganz besonderen Fähigkeiten, die er, nun vollkommen bekehrt, in den Dienst der Allgemeinheit stellt.

Schaut in die indonesische Comicverfilmung hinein

Es scheint aktuell en vogue zu sein, bei jedem neuen Superheldenfilm erst einmal die Augen zu verdrehen und zu jammern, dass es diese doch bereits inflationär gäbe. Damit würde man „Gundala“ allerdings unrecht tun. Denn dieser vermag durchaus zu überraschen, weil er sich eben nicht an die Streifen von DC oder Marvel anbiedert. Stattdessen entwickelt er einen ganz eigenen Flow und fährt auch asiatypisch Skurriles auf.

Dabei ist bereits die Reise unseres Helden extrem interessant. Von seinem Vater zum kritischen Geist erzogen, der seinen Mitmenschen hilft, lassen ihn die tragischen Ereignisse und das Einwirken von Awang vollkommen umdenken. Sancaka verbittert, zieht sich zurück und verschließt die Augen vor dem Leid der anderen. Wieder sind es verschiedene tragische Ereignisse, die ihn erneut verändern. Ein Weg, der auch ein wenig das Zögerliche des dann aus Sancaka werdenden Helden erklärt. Dem muss gefühlt immer erst einmal in den Arsch getreten werden, bevor er loslegt.

Äußerst interessant ist auch der Umstand, dass der kleine Sancaka vor dem Angst hat, was ihn zum Helden machen wird. Der Junge fürchtet nämlich Gewitter, weil sie ihn „verfolgen“. Später werden sie ihn verwandeln und seine Kräfte immer wieder neu nähren, wenn er sich wie ein Akku auflädt. Sancakas Superkraft besteht aus extremer Widerstandskraft und er kann, scheinbar ohne es richtig beeinflussen zu können, Blitze schleudern.

Gundala Held in Gasse

Unser Held badet im erdigen Licht einer Gasse in Jakarta.

Ziel derselben wird der topp vernetzte Mafiaboss Pengkor. Dieser erhält vom Film seine ganz eigene, enorm präzise und auf den Punkt inszenierte Origin-Story. Interessant ist, dass Pengkor und Sancaka eigentlich vollkommen autark voneinander agieren. Pengkor weiß bis zum Showdown nichts von Sancaka und der wiederum weiß so gut wie nichts über Pengkor. Was daran liegt, dass sich Sancaka nach und nach zum Oberbösewicht der Story vorarbeitet und dementsprechend Schritt für Schritt hinter dessen Identität kommt.

Pengkor plant im Übrigen mal nicht das Ende der Welt. Weshalb auch einstürzende Neubauten und Rettungsmaßnahmen via Nuklear-Sprengköpfen ausbleiben. Pengkor plant etwas ganz anderes. Er möchte der Menschheit etwas ganz Wichtiges rauben. Dem ist freilich dennoch nur mit viel Action beizukommen.

Diese ist formidabel über den Film verteilt und speist sich aus groß skalierten Massenprügeleien, bei denen Sancaka-Darsteller Abimana Aryasatya das aus „The Raid“ bekannte Silat zelebrieren darf. Instruiert wurde er dabei von „The Raid“-Veteran Cecep Arif Rahman, der neben einer Nebenrolle im Film auch einer der verantwortlichen Choreografen vor Ort war. In langen, von minimal wenigen Schnitten zerteilten Einstellungen dürfen die Choreographien hier atmen und das Können der Abgefilmten feiern.

Gundala mit Action im Silat-Stil

Der junge Sancaka (links) erhält eine Silat-Lehrstunde.

Dabei gibt es einige Sequenzen zum Zungeschnalzen, gleichzeitig merkt der Zuschauer aber auch, dass den Szenen das gewisse Etwas fehlt. „Gundala“ wirkt auf ein breiteres Publikum zugeschnitten. Weshalb der Action diesmal die sonst aus Indonesien gewohnte Härte abgeht. Infolgedessen fehlt es an Impact und an Intensität. Das nimmt den wunderschön anzusehenden Keilereien leider viel an Wirkung und gipfelt obendrein in einen reichlich vermurksten Showdown.

Dieser wird brillant aufgebaut. Pengkok zieht reichlich seltsame Gesellen zusammen, die offensichtlich alle wissen, wie man seine Gliedmaßen höchst tödlich einsetzt. Und dann trifft Sancaka auf diese Lumpenbande und haut sie gefühlt binnen weniger Minuten aus den Latschen. Bei manchen erkennt man nicht einmal richtig, was sie Sancaka entgegenwerfen sollen, da liegen sie auch schon flach. Auch hier bricht die seltsame Harmlosigkeit des Gezeigten dem Impact des Showdowns vollkommen das Genick. Nicht einmal Pengkok darf im Finale glänzen.

Doch nicht nur wegen des schwachen Showdowns will das Ende nicht befriedigen. In Richtung Finale wirkt der bislang eher ruhig und griffig erzählte „Gundala“ plötzlich überladen. Ein neuer Oberbösewicht wird installiert. Figuren, die Sancaka beizustehen scheinen, tauchen aus dem Nichts auf. Der große Schurkenplan wird zur Lappalie umgedeutet, die keine echte Rolle mehr spielt, weil NOCH EIN weiterer Supermufti auf der Bildfläche erscheint. Aufgrund der Ereignisdichte ist sofort klar, dass hier auf einen Cliffhanger hingearbeitet wird. Was das Ende noch einmal herunterzieht. Denn ein Film mit richtigem Anfang und ebensolchem Ende ist halt doch immer schöner. Zumal ja keiner weiß, ob „Gundala“ die Fortsetzung jemals bekommen wird. Zumindest ist selbige laut Extras geplant.

Der Held des indonesischen Comicfilms

Held “Gundala” in seiner Uniform. Im Film ist sie sehr praxisgebunden, im Original erinnert sie an Captain America.

Die Extras offenbaren dann auch den Aufwand hinter der bereits zweiten „Gundala“-Verfilmung – der erste Anlauf erfolgte in den 80ern. Da das Land laut den Machern über keine Filmstudios verfügt, musste alles on location gedreht werden. Und hier trumpft „Gundala“ mit teils riesigen Sets gewaltig auf. Selbige leuchtet Joko Anwar überwiegend gelblich aus und erzeugt so eine schön irreale Atmosphäre. Im Verlauf des Filmes bemüht er sich um eine dynamische Bebilderung, die freilich in den Actionszenen mit schnellen Schwenks noch einmal an Kraft gewinnt. Mit CGIs geht die Produktion recht behutsam um. Dennoch gibt es ein paar kleinere Auffälligkeiten (ein Autostunt schaut physikalisch reichlich seltsam aus, nicht so gelungene Feuereffekte), ohne dass diese stören würden. In Sachen Score gibt es keinerlei Beschwerden, zumal der Film auch ein hübsches Thema für seinen Helden findet.

Schauspielerisch ist „Gundala“ die Show von Abimana Aryasatya („The Night Comes For Us“). Der hochgeschossene, schlaksige Mime gibt seinem Helden etwas angenehm Zerbrechliches mit, das diesem gut steht. Nur um in den Actionszenen umso vehementer hinzulangen. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass so gut wie alle Actionszenen nach einem Take im Kasten sein mussten und man das wohl ziemlich konsequent durchgezogen haben soll. Wer die langen Fight-Szenen sieht, wird mit dieser Information im Hinterkopf das Können von Aryasatya vermutlich noch einmal anders bewerten. Die Darsteller um ihn herum verrichten allesamt einen tollen Job, erst die gegen Ende aufgefahrenen „Supergegner“ Sancakas neigen dann auch mal zum gefürchteten Overacting.

„Gundala“ endet leider zu offen…

Das Problem des offenen Endes von „Gundala“ ist, dass man sofort das Gefühl bekommt, den Film erst richtig bewerten zu können, wenn die Fortsetzung da ist. Denn leider fühlt sich die in den ersten zwei Dritteln tadellos und mit Sinn für Atmosphäre erzählte Geschichte dank des letzten Drittels einfach nur wie ein großer Teaser für etwas weitaus Größeres an. Das überschattet leider die gesamte Wirkung des Streifens.

Dem will man letztlich gar nichts Böses. Denn die meiste Zeit seiner zwei Stunden Laufzeit liefert „Gundala“ starke Unterhaltung mit unverbrauchten Bildern und ebensolchen Darstellern. Und so kann man nur hoffen, dass die angekündigte Fortsetzung tatsächlich bald zustande kommt. Und hoffentlich setzen die Macher dann auch noch auf intensivere Action. Denn der fehlt es im vorliegenden Film einfach an Impact und Wucht.

06 von 10

Die deutsche DVD / Blu-ray erscheint am 28. Mai von Koch Media. Die Datenträger sind mit einer FSK 16 ungeschnitten und warten mit Behind the Scenes, einer Premierenfeier auf dem Tiff und einem Interview mit den Machern auf.

In diesem Sinne:
freeman

Was meint ihr zu dem Film?
Zur Filmdiskussion bei Liquid-Love

Copyright aller Filmbilder/Label: Koch Media__Freigabe: FSK 16__Geschnitten: Nein__ Blu-ray/DVD: Ja/Ja

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