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Here Now – die letzte Nacht von Palermo

Originaltitel: Fino alla fine__ Herstellungsland: Italien__ Erscheinungsjahr: 2024__ Regie: Gabriele Muccino__ Darsteller: Elena Kampouris, Saul Nanni, Lorenzo Richelmy, Ruby Kammer, Yan Tual, Enrico Inserra, Francesco Garilli, Mitch Salm, Grace Ambrose, …

Here Now

Zum US-Trailer geht’s hier!

La vita è il risultato delle scelte che facciamo
(Das Leben ist das Ergebnis unserer Entscheidungen)

Bei dem im Original „Fino alla fine“ betitelten dramatischen italienischen Lovestory-Crime-Thriller „Here Now“ (2024) handelt es sich um ein Remake des preisgekrönten deutschen Streifens „Victoria“ von Sebastian Schipper aus dem Jahr 2015. Unter der Regie Gabriele Muccinos entstanden, der bereits seit rund drei Dekaden in dieser Profession tätig ist sowie auch schon eine Reihe an Hollywood-Produktionen (darunter „the Pursuit of Happyness“, „Seven Pounds“ und „Fathers & Daughters“) in Szene gesetzt hat, entfaltet sich die Geschichte nun in Palermo (anstatt in Berlin) angesiedelt, steht eine junge Amerikanerin (statt Spanierin) im Mittelpunkt und wurde das Ganze nicht mehr in Gestalt eines einzigen ununterbrochenen Kamera-Takes gedreht, sondern in „klassischer Form“ sowie mit einem wesentlich höheren Budget zur Verfügung (€11 Millionen gegenüber 443.300,- Euro damals)…

Sizilien markiert die letzte Station des Europa-Urlaubs der Schwestern Rachel (Ruby Kammer) und Sophie (Elena Kampouris) vor ihrem Rückflug ins heimische Kalifornien am nächsten Tag. Nach dem Tod ihres Vaters hatten sie sich den Trip vorgenommen – u.a. weil sie in jener Region familiäre Wurzeln besitzen sowie Sophie in ihrer Kindheit und Jugend mit bestimmen Gegebenheiten zu ringen hatte, die schließlich gar in einem Suizid-Versuch mündeten und sie bis heute durchaus noch immer belasten; so dass Rachel ihr auf diesem Wege einen guttuenden Tapetenwechsel bescheren wollte. Leider aber agiert sie dabei relativ einengend-behütend und vermag ihre eigenen Interessen – nämlich Historisch-Kulturelles á la Kirchen, Museen und Katakomben – nicht in eine „Balance“ mit denen Sophies zu bringen, welche eigentlich viel lieber entspannt das Wetter und Lokalkolorit genießen möchte…

Als Sophie energisch mitteilt, dass sie die Reise am Strand ausklingen lassen und nicht noch eine weitere Kathydrale besichtigen will, entbrennt ein Disput – am Ende dessen sie sich zumindest darauf einigen, beides in Angriff zu nehmen. Während Rachel vor Ort mit einem Pärchen aus den Staaten (Grace Ambrose und Mitch Salm) ins Gespräch kommt, erspäht Sophie einige ungefähr Gleichaltrige, die von einer Klippe aus in die Bucht hinunter springen: Spontan schwimmt sie zu ihnen hinüber – wo sie Giulio (Saul Nanni) kennenlernt, der ihr im Folgenden eine verborgene Küstenhöhle zeigt, ihr seine Kumpels Komandante (Lorenzo Richelmy), Samba (Enrico Inserra) und Spritz (Francesco Garilli) vorstellt sowie sie (als Rachel missgelaunt anrückt) wegen der auf Anhieb verspürten gegenseitigen intensiven Anziehung rege dazu animiert, sich am Abend noch mit ihm in einem Club nahebei zu treffen…

Tatsächlich gibt Rachel nach, als Sophie ihren Wunsch nach Aus- statt Schlafengehen beim gemeinsamen Dinner mit den getroffenen US-Landsleuten bekräftigt – vorrangig da jene ihre Position ergreifen, den Urlaub doch lieber mit Fun zu beschließen und dafür morgen ggf. Müdigkeit am Flughafen zu erdulden. Also brechen sie zur genannten Location hin auf – wo Giulio und seine Clique schon bald ebenfalls eintrudeln; sehr zur Freude Sophies. Ärgerlicherweise entpuppt sich Rachel etwas später aber erneut als „Spaßbremse“ – was zu einem heftigen Streit hin ausartet, nach dem Rachel wütend allein ins Hotel zurückfährt sowie Sophie mit dem Quartett feiernd um die Häuser zieht: U.a. wird reichlich gequatscht, getanzt und getrunken, klauen sie Alkohol und Eis aus einem Mini-Mart und kehrten sie in ein Segelboot im Hafen ein, wo Drogen konsumiert werden sowie Sophie und Giulio Sex haben…

Der Plot von „Here Now“ läuft wie diverse andere an – sei es in Filmen, Büchern oder auch der Realität: Mit einer noch nicht wahrhaft erwachsenen Person an einem schönen, fremden, entfernten Ort im Urlaub – außerhalb des gewohnten Umfelds; mit Lust und Drang, eine gute Zeit zu verleben, sich frei zu fühlen, zu flirten sowie wohlmöglich einen vergnüglich-netten Hookup zu erzielen – aufgewühlt durch einen von Frust ausgelösten „Akt der Rebellion“ wider einen beaufsichtigenden Begleiter (Angehörigen) sowie ein sich einfach mal dem Rausch des Moments Hingeben: Ein „Abenteuer“ also – akzeptierte Risiken sowie Erinnerungen und Lehren, die daraus resultieren, inklusive. In ihrem „Revier“ treten die Kerle angeberisch-überheblich-selbstbewusst auf – und Sophie gefällt das Kribbeln der gesamten Situation; verwoben mit dem Vibe der Metropole sowie der sich in jener tummelnden Menschen…

Die Dialoge sind so inhalts- und substanzarm wie es die Geschehnisse dieser Phase an sich sind – was so aber gar nicht unbedingt unpassend ist, da tiefgründige Konversationen in einem solchen aufgeputschten Rahmen schlichtweg nicht glaubwürdig gewesen wären und das sich treiben lassen der Protagonisten primär der Absicht dient, dass man Eindrücke von ihnen (von einzelnen ihrer Charakter-Eigenschaften) ebenso erhält wie von dem „Feeling“, in welches Sophie sozusagen mitgerissen werdend eintaucht. Voraussetzungen dafür, dass das round about eine halbe Stunde lang zu funktionieren fähig ist, ohne das Publikum dabei „zu verlieren“, wären beseelt verfasste und/oder verkörperte Figuren, coole Locations und/oder eine markant atmosphärische, stylische oder sonstwie anregend-inspirierte Inszenierung. Unglücklicherweise sind im Vorliegenden da einzelne (teils gewichtige) Mängel zu verzeichnen…

Dass Rachel prompt unsympathisch rüberkommt, ist sowohl der Art ihrer Sophie aus einer mit dem Empfinden von Sorge und auferlegter Verantwortung verbundenen Lage heraus einschränkenden, obendrein aber außerdem schnell unfaire Vorwürfe machenden Rolle zu verdanken – simultan wie auch, dass dem Zuschauer die nicht nur emotional verzwickten Hintergrund-Sachverhalte, die all dem vorausgingen, im Verlauf erst nach und nach kundgetan werden. Und dann begegnet Sophie Giulio: Aus einem anderen Kulturkreis und einer sozial-schwächeren Schicht stammend – offensiv und direkt bei seiner Annäherung. Ja, hin und wieder werden Italiener diesbezüglich generell als „forsch und dramatisch“ angesehen – doch wie er Sophie z.B. gerade zu Beginn anfasst und „zum Küssen bewegen“ will, ist schon eher unbehaglich beizuwohnen und sollte sie eigentlich zu Vorsicht und Abstand mahnen…

Giulio’s Clique besteht aus Spritz, Samba und Komandante. Letzterer ist ihrer „Anführer“ – siehe seinen Spitznamen – und saß bereits mal im Gefängnis. Mit Kleinkriminalität und Prügeleien scheinen sie keinerlei Probleme zu haben – so wie das in dem Milieu, in dem sie aufwuchsen und sich bewegen, offenbar keine Seltenheit ist. Konkrete Zukunfts-Perspektiven sind für sie limitiert. Sie wollen sich amüsieren und lassen Sophie mit ihnen mitziehen – u.a. weil Giulio sich dermaßen in sie verguckt hat. Selbst wenn ich im selben Alter wäre, würde ich persönlich zwar nicht wirklich mit ihnen „abhängen“ wollen – Sophie aber durchaus. An jenem Abend bietet sich ihr die Chance, auszubrechen und sich (wie noch nie zuvor) unbeschwert ins Leben zu stürzen. So wie hier präsentiert, wirkt das (nicht nur wegen des Mangels an Background-Wissen über sie) jedoch recht leichtsinnig und ist dem Aufbau einer „Connection“ zu ihr somit abträglich…

Trotz der einladenden Locations dieser feucht-fröhlichen Sommernacht im stimmungsvollen Zentrum Palermos, der Unklarheit, ob Sophie von jemandem (oder mehreren) aus der Gruppe eine Gefahr droht, sowie der Tatsache, dass ich Kampouris als Darstellerin seit „Before I fall“ stets gern sehe, ließ mich „Here Now“ bis an die 40-Minuten-Marke heran unerwartet kalt – so ohne mitfiebernswerte Charaktere und Ereignisse sowie von der erzählten Story her. Als Sophie und Giulio Sex haben, wird versucht, die ekstatische Leidenschaft zwischen ihnen entsprechend zu bebildern – was in der gebotenen Form allerdings viel zu klischeehaft (und dazu noch tendenziell unabsichtlich komisch) anmutet; komplett mit Unschärfen, Slow-Motion- und Nahaufnahmen sowie einer durch das Kondenswasser an einem Fenster wischenden Hand. Doch plötzlich klingelt ein Handy – und der Film wird mit einem Mal interessanter…

Als Komandante den Anruf entgegennimmt, hat sich sein ganzes Gebaren (nach Erblicken des Displays) verändert: Schlagartig ernst, ist ihm Befürchtung ins Gesicht geschrieben. Im Knast hatte er den Schutz eines einflussreichen russischen Mithäftlings (Yan Tual als Yuri) genossen – bei welchem er von dem Eingehen dieser Verbindung aus an mit „einem Gefallen“ in der Schuld steht. Seine Freunde wissen darüber Bescheid – weshalb bei allen sofort Ernüchterung und Hektik ausbricht, als er ihnen anschließend eröffnet, dass eben jene Gegenleistung genau jetzt eingefordert wird und sie dafür postwendend los müssten. Unabhängig (bzw. wegen) seiner Gefühle für Sophie bemüht sich Giulio stracks darum, sie nicht in diese Angelegenheit mit hineinzuziehen. Widerwillig gedenkt sie dem nachzukommen – bis deutlich wird, dass Spritz wegen seines hohen Rauschmittel-Konsums nicht einsetzbar ist…

Unmissverständlich hatte Yuri verlangt, dass Komandante drei weitere für den „Job“ mitbringt – und mit Spritz außer Gefecht, stehen sie vor einer Bredouille, die zeitig bloß nur noch mit Sophie gelöst werden kann. U.a. in Anbetracht der sonst sicher üblen Konsequenzen für die Männer sagt sie sogleich zu – worauf Yuri ihnen am Treffpunkt dann preisgibt, was sie zu tun haben: Einen Geldtransporter überfallen! Von ihm erhalten sie Masken, Waffen und diverse Infos (wann, wo, wie etc.) – also einen vorgefertigten Plan – ebenso wie die Zuscherung, dass sie ein Viertel der anvisierten rund €400.000,- Beute behalten dürfen: Einschüchterung und Motivation seitens des von mehreren Henchmen flankierten Gangsters. Noch vor Sonnenaufgang soll die Aktion über die Bühne gebracht werden – weshalb die Uhr fortan tickt. Mit Sophie hinterm Steuer begeben sie sich wenig später in Position – und ziehen das Ding durch

Mit dem Übergang in den „Crime-Teil“ der Handlung gewinnt „Here Now“ an Reiz – nicht aber an Originalität. Die Erkenntnis, dass diese jungen Leute weit minder „hart und lässig“ sind, als sie sich bis dato nach außen hin zeigten, mag zwar nicht sonderlich überraschend sein – wird jedoch gut veranschaulicht und veranlasst die besonnener agierende Sophie dazu, inmitten all dessen die Führung zu übernehmen. Der Heist gelingt – wonach sie sich unters „Party-Volk“ mischen, um sich vor der Polizei zu verbergen: Tanzend, kosten sie das vitalisierende Adrenalin in ihren Körpern weiter aus – bis der Club „Feierabend macht“ und sie erneut raus auf die noch fast leeren Straßen der City müssen. Mit weiteren 30 Minuten des Streifens übrig, eskaliert die Situation vollends – Verfolgungsjagden und Geiselnahme inklusive – mit der Aussicht auf Gefängnis oder gar Tod nun eindringlich vor Augen, sofern ihnen kein Entkommen glückt…

Es wird ruhelos sowie eine Menge geschrieen – allerdings ändert auch diese für sie brenzlige Lage nichts daran, dass einem die Charaktere relativ egal verbleiben. Nicht einmal im Falle Sophies verbessert sich jener Eindruck – er verschlimmert sich stattdessen eher, da sie freiwillig mitzieht und sich dabei anwachsend rücksichtsloser verhält. Die Figuren sind neurotisch und exzentrisch – die Performances laut und akzentuiert. Ja, im „italienischen Kino“ ist das keine wirklich große Seltenheit – und in Gestalt von Werken wie „Come te nessuno mai“ und „L’estate addosso“ (mit Matilda Lutz) konnte Muccino bereits positive Erfahrungen mit Storys über Gruppen von Heranwachsenden vorweisen – doch im Vorliegenden sind er (als Regisseur und Co-Autor) und sein Mitverfasser Paolo Costella („La Carne“) daran gescheitert, dem Publikum dahingehend etwas empathisch Involvierendes zu offerieren…

Dass Sophie erstmals in ihrem Leben ihren eigenen Wünschen und Impulsen Vorrang gegenüber den Erwartungen und Vorgaben anderer gewährt, bildet eigentlich ein ersprießliches Kern-Element der Geschichte – allerdings verfehlt speziell die Szene, in der sie Giulio (an einem Klavier in einer geschlossenen Shopping-Passage sitzend) von ihrer belastenden Vergangenheit erzählt, ihre angedachte Wirkung aufgrund ihrer Art nahezu gänzlich (bestenfalls minimal über jenen Moment hinaus reichend). Überdies ist es sowohl arg unglaubwürdig, wie geschwind sie sich dermaßen in Giulio verliebt – sie bspw. mit ihm über Dinge wie Zusammenziehen und Heirat zu reden anfängt – als auch wie abrupt-überstürzt sie sich im Verlauf hin zu einer solch resolut die Zügel ergreifenden Persönlichkeit entwickelt, die (nicht nur wegen ihres Bedrohens Unschuldiger) anscheinend über kein vernünftig ausgeprägtes Unrechts-Bewusstsein verfügt…

U.a. mit griechischen, französischen und sizilianischen „Wurzeln“ 1997 in New York geboren, ist Elena Kampouris („Vindicta“) physisch toll in Form und meistert die unentwegt beibehaltene Zweisprachigkeit des Films (da sie fließend Italienisch beherrscht) souverän. Hin und wieder sind Schwächen bei ihr zu registrieren – alles in allem schlägt sie sich aber passabel. Als Giulio fehlte es mir bei Saun Nanni („Ídolos“) hauptsächlich an Charisma, als Spritz, Samba, Yuri und Rachel wurden Newcomer Francesco Garilli, Enrico Inserra („L’uomo senza colpa“), Yan Tual („Duchess“) und Ruby Kammer („the Twisted Tale of Amanda Knox“) gecastet – ihre Leistungen jeweils von schwankender Qualität – wohingegen Lorenzo Richelmy („the Bunker Game“) als Komandante konstanter als seine Co-Stars überzeugt; mit seinem Blick, als Sophie ihn an einer bedeutsamen Stelle einer Konversation umarmt, wahrlich mehr als tausend Worte sagend…

Handwerklich gibt es an „Here Now“ nicht viel zu beklagen: Muccino ist ein erfahrener Vertreter seiner Zunft, die Kamera-Arbeit Fabio Zamarions („Evilenko“) geht rundum in Ordnung und die Musik-Untermalung weiß zu gefallen. Palermo’s Sonne, Strand, Meer und Altstadt bieten den Geschehnissen ein schickes Setting, das Zu-Fuß-Gehetze und die Auto-Manöver sind durchaus rasant, in einzelnen Augenblicken kommt ein solides Maß an Spannung auf und innerhalb eines Hotels wurde außerdem eine One-Take-Sequenz arrangiert, die natürlich eine kleine Verbeugung vor „Victoria“ markiert. Tja, wäre da nur halt nicht die klischeehaft-oberflächliche Vorlage, welche bspw. jegliches Potential hinsichtlich einer „psychologischen Auslotung“ verschiedener evidenter Ansatz-Punkte enttäuschend unausgeschöpft belassen hat – ebenso wie die besonders unvorteilhafte Gegebenheit, dass man hier niemanden ernsthaft leiden kann…

gute7 von 10

Nachdem „Here Now“ bereits in mehreren Ländern erschienen ist – darunter in Italien auf DVD – wird er ab Juni 2026 dann auch hierzulande als Video-on-Demand verfügbar sein…

Stefan Seidl

Here Now

(© Rai Cinema, Voltage & Pandastorm Pictures)

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Copyright des „Here Now“ Poster-/Promomotivs und der Pics: Lotus Prod. / Adler Ent. / Rai Cinema (IT) / Voltage Pictures (US) / Pandastorm Pictures (D)__ Freigabe: FSK-16__ DVD/BluRay/VOD: nein/nein/ja

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