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Il Futuro – Eine Lumpengeschichte in Rom

Originaltitel: Il Futuro__Herstellungsland: Chile, Deutschland, Italien, Spanien__Erscheinungsjahr: 2012__Regie: Alicia Scherson__Darsteller: Luigi Ciardo, Rutger Hauer, Nicolas Vaporidis, Manuela Martelli, Pino Calabrese, Alessandro Giallocosta u.a.
Il Futuro

Rutger Hauer als B-Moviestar in “Il Futuro”

„Heute bin ich bereits Mutter und eine verheiratete Frau. Aber vor nicht allzu langer Zeit war ich eine Kriminelle. Mein Bruder und ich hatten unsere Eltern verloren. In gewisser Weise rechtfertigt das alles. Wir hatten niemanden und das von einem Tag auf den anderen.“

Der Autounfall der Eltern machte die Geschwister Bianca und Tomás zu Waisen. Die seit kurzem volljährige Bianca übernimmt das Sorgerecht für den etwas jüngeren Tomás, dem sonst ein Heim oder eine Adoptivfamilie gedroht hätte. Fortan versucht man sich durchs Leben zu schlagen, doch der Verlust der Elten und damit verbundene finanzielle Schwierigkeiten wiegen im Italien der Weltwirtschaftskrise schwer. Beide nehmen neben ihren schulischen Verpflichtungen Jobs auf. Bianca beginnt eine Lehre als Friseurin und Tomás arbeitet in einem Fitnessstudio. Von hier bringt er eines Tages zwei Personal-Trainer mit, die eine Bleibe suchen. Sie werden zu dauerhaften Gästen der Geschwister und bringen etwas Regelmäßigkeit in die Abläufe von Tomás’ und Biancas Leben.

Aber auch die beiden Muskelberge sind chronisch pleite. Doch sie meinen einen Ausweg aus der Misere zu kennen. Einer ihrer Kunden ist ein blinder Bodybuilder und ehemaliger Filmstar, der sein Geld nicht den Banken anvertraut und es irgendwo in seinem riesigen Anwesen versteckt haben muss. Sie überreden Bianca, sich ihm gegenüber als leichtes Mädchen auszugeben. Und immer wenn er schlafe, solle sie dessen Wohnung nach dem Geld oder einem Safe durchsuchen. Bianca willigt ein, doch was sie nicht ahnen kann, ist, dass sie dem Charme des Schauspielers vollkommen verfallen und sich in ihn verlieben wird…

Il Futuro

Rutger Hauer als B-Movie-Held Maciste

„Il Futuro“ basiert auf dem „Lumpenroman“ des Autoren Roberto Bolaño und lässt vor dem Auge des Zuschauers eine feinfühlig erzählte Romanze und ein interessantes Coming of Age Drama entstehen. Dabei braucht man vor allem zu Beginn sehr viel Geduld. Denn obschon der Film mit einer Kehrtwende im Leben der Geschwister einsetzt und den Zuschauer so mitten in die Situation hineinwirft, ist die Reaktion der Jugendlichen auf den Verlust der Eltern sehr lethargischer Natur. In minuten- langen Einstellungen schauen wir den beiden zu, wie sie auf dem Sofa hocken und TV gucken oder irgendwelchen Blödsinn labern. Beide sind von den Vorfällen merklich traumatisiert, doch sie lassen weder ihre Trauer zu noch reden sie über den Verlust ihrer Eltern. Auch wenn sie dank ihrer Jobs scheinbar ins Leben zurückkehren, nimmt „Il Futuro“ kaum Fahrt auf. Stattdessen erleben wir Figuren, die sich selbst als Zombies begreifen und als leblose Hüllen bezeichnen.

Erst mit dem Auftauchen von Maciste wird „Il Futuro“ richtig faszinierend. Der blinde, wuchtige und reiche B-Movie-Darsteller, der in den 60ern als Herkules durch italienische Trash-Schinken wütete, wird von Rutger Hauer („Hitcher“) so charismatisch und einnehmend verkörpert, dass man verdammt gut verstehen kann, dass das gebrochene Mädchen Bianca (zerbrechlich, anmutig und hinreißend nackt: Manuela Martelli) seinem Charme erliegt. In langen Gesprächen blickt sie in Macistes Leben, erlaubt ihm Einblicke in ihr Dasein und lässt sich von ihm auch sexuell verwöhnen. Der Film selber hat in diesen Momenten eine wundervoll eigentümliche Atmosphäre. Wo sonst entstehende Romanzen begleitet werden von strahlenden Farben und zwitschernden Vögeln, entfaltet sich die Liebe in „Il Futuro“ in den finsteren, karg ausgeleuchteten Räumen von Macistes Anwesen, nur begleitet von einem äußerst spärlichen Score. Der Film konzentriert sich nun voll auf die beiden Figuren, ihr wirklich sinnliches Miteinander und ihre unglückliche Liebe… und lässt dabei alle anderen Charaktere zu bloßen Randerscheinungen mutieren.

Il Futuro

Bianca möchte zunächst Macistes Vermögen stehlen…

Ganz nebenbei wird auch die Faszination des Kinos und des Filmes gefeiert. Dabei vornehmlich die Sandalen- und Monumentalfilme der 50er/60er Jahre. Dies manifestiert sich freilich am deutlichsten in der Figur des Maciste. Des Weiteren pilgert Bianca, inspiriert durch ihre Gespräche mit Maciste, an die Drehorte seiner Filme, wobei sie ihre Erkundungstouren auch in die italienischen Cinecitta Studios in Rom führen. Der Vorspann in großen goldenen Lettern, der inklusive dem zugehörigen, pathetischen Score an die Sandalenfilme früherer Zeiten erinnert, schlägt ebenfalls in diese Kerbe.

Il Futuro

…doch sie verliebt sich in den charismatischen Blinden.

Dass dabei die Grundidee um das Bestehlen Macistes immer mehr in den Hintergrund rückt, verzeiht man dem nun richtig gut funktionierenden Film nur zu gerne. Doch das wir uns nun nicht falsch verstehen: Ein Unterhaltungsfilm ist „Il Futuro“ immer noch nicht! Er ist auch keine kitschige Lovestory! Mitnichten. „Il Futuro“ bleibt immer, auch wenn es ab und an etwas angestrengt wirkt, Kunstkino. Davon zeugen die langen, konzentrierten, soghaften Einstellungen, der teilweise etwas seltsame Score (der meistens eher an Macistes Sandalenfilme und weniger an ein Drama erinnert), die komplett entschleunigte Montage, die teilweise gewollt steifen Dialoge und so manch seltsame Szene, etwa wenn sich Menschen in Hunde verwandeln oder die ganze Patchworkfamilie aus Bianca, Tomás und den Bodybuildern extrem trashige, enorm viel Fremdscham hervorrufende Quizshows schaut. Auch das am Rande eingeflochtene Sendungsbewusstsein in Sachen Weltwirtschaftskrise passt da gut ins Bild. Genauso wie jene Momente, in denen Bianca feststellt, dass seit dem Tod der Eltern Tag und Nacht in gleißendes Licht getaucht seien und sowohl sie als auch ihr Bruder vor lauter Helligkeit kaum noch schlafen könnten. Offensichtlich geht es der Regisseurin hierbei darum, zu zeigen, dass die Umwälzungen im Leben der beiden jungen Menschen nach dem Tod der Eltern nichts Ungewisses sind, sondern klare, allgegenwärtige, gelebte Realität, aus der es scheinbar kein Entkommen gibt: Die Eltern sind tot und die Hinterbliebenen müssen nun die ganze Zeit um ihr Überleben kämpfen. Und natürlich muss dann als Gegengewicht die Welt von Rutger Hauers Figur so dunkel sein, wie sie es ist. Denn Bianca taucht hier in etwas Ungewisses ein. Etwas, das ihr Frieden gibt, weil sie all das, was hier passiert, eh nicht weiter beeinflussen kann, weil sie nicht weiß, was sie am Ende der Reise erwartet und freilich auch, weil Macistes Welt sie von ihrer eigenen Realität ablenkt…

Am Ende geht Bianca gestärkt aus all den manchmal seltsamen Vorgängen heraus. Sie ist zu einer Frau gereift, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist und emanzipiert alle „Störfaktoren“ aus ihrem Leben zu streichen versteht. Der Weg dahin führt über eine wirklich schöne Romanze mit einem starken Rutger Hauer, der als blinder B-Movie-Recke zu einem gewissen Teil auch sich selbst spielen darf und tatsächlich in einer Szene wie in „Blinde Wut“ mit einem Schwert im Bild herumsteht. Das Ergebnis wird sich auch aufgrund seines extrem phlegmatischen Tempos und seines etwas zu offensichtlich zelebrierten Arthouse-Anstriches nicht jedem erschließen, aber wer sich darauf einlassen kann, erlebt einen Film, der eine soghafte Wirkung entfaltet, atmosphärisch immer dichter wird und zwei großartigen Darstellern eine Bühne bereitet.

Die deutsche DVD kommt von good!movies/Real Fiction und ist mit einer FSK 12 Freigabe ungeschnitten. Leider erschien weder eine Blu-ray zum Film noch haben es irgendwelche erhellenden Extras auf den Datenträger geschafft.

In diesem Sinne:
freeman

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Copyright aller Filmbilder/Label: good!movies/Real Fiction__FSK Freigabe: 12__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Nein/Ja

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