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Kondom des Grauens

Originaltitel: Kondom des Grauens__Herstellungsland: Deutschland / Schweiz__Erscheinungsjahr: 1996__Regie: Martin Walz__Darsteller: Udo Samel, Peter Lohmeyer, Iris Berben, Leonard Lansink, Marc Richter, Evelyn Künneke, Hella von Sinnen, Heribert Sasse, Meret Becker, Gerd Wameling, Henning Schlüter, Ron Williams, Otto Sander, Monika Hansen, Gode Benedix, Weijian Liu, Peter Krüger u.a.

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Kondom des Grauens

„Kondom des Grauens“ erscheint als Nr. 90 der „Limited Collector’s Edition“-Reihe.

Auf den Pfaden des bewegten Mannes

„Der bewegte Mann“ bewegte 1994 tatsächlich so einiges in Deutschland. Die Hintern der Zuschauer in die Kinos zum Beispiel. In einem Massenumzug, der einen Produzenten durchaus zum Grübeln bringen konnte. Eignete sich etwa ausgerechnet Ralf Königs lockeres Handgelenk dazu, die natürliche Steifheit des deutschen Michel aufzutauen? Und würde man ein vergleichbares Kunststück wiederholen können? 6,5 Millionen Kinobesucher konnten schließlich unmöglich irren… oder?

Nun, vielleicht hatte man einfach Sönke Wortmanns hetero-perspektivische Anpassungen ein wenig unterschätzt. Vielleicht mutete man dem heimischen Publikum mit einer Comic-Adaption in Form einer Horrorkomödie um fleischfressende Kondome im Homosexuellen-Milieu auch ein wenig zu viel zu. Ein Bernd Eichinger hatte die Zielgruppe wohl nicht ohne Grund eher mit alltagsnahen Stoffen wie „Werner – Beinhart!“ (1990), „Manta Manta“ (1991) und eben „Der bewegte Mann“ umgarnt. Das von Erwin C. Dietrich und Sohn produzierte „Kondom des Grauens“ fischt zwar schon wegen des Autors der Vorlage in den gleichen Gewässern, nutzt dabei allerdings einen anderen Köder. Schließlich weist die Vermarktung schon von Titel wegen auf ein Genre-Produkt hin. Und mit Genres tut sich der Deutsche eben seit Dekaden schwer, erst recht, wenn auch noch Gevatter Horror mitmischt.

Dessen ist sich natürlich auch ein verdienter Produzent wie Dietrich durchaus bewusst. Sein Auftrag lag also darin, das Gröbste aus den zugrundeliegenden Erwachsenen-Bildergeschichten herauszubügeln. Dem Rezept somit die Würze zu nehmen. Und auf Film gebannt, da schrumpft das Ding dann auch kümmerlich in sich zusammen, 32-Zentimeter-Schattenspiele hin oder her. Schwellkörper, die durch Königs flockige Strichführung noch wie Popup-Effekte aus dem Panel ragten, verschwinden elegant hinter Scenery-Censor-Objekten… und alles, was der Empörung bleibt, ist der freie Blick auf den haarigen Männerarsch. Oder mit bestem Willen die ein oder andere Kunstprothese.

Mit dieser zutiefst deutschen Art des Filmemachens wird dem fehlenden Abstraktionsvermögen einer Klientel auf Augenhöhe begegnet, die dem Frivolen zwar schon begegnet ist, aber gerade mit den Tropes des Horrorfilms nicht allzu vertraut ist und deswegen auch nicht dazu in der Lage sein kann, ein Kondom mit Fangzähnen als verdrehte Metapher für etwas zu begreifen, das seinerzeit sehr wohl im Alltag verankert war: Das Kondom mal als HIV-Monster anstatt als HIV-Schutzschild. Und wer einen Stoff an ein Publikum vermitteln will, dem man die Verarbeitung nicht zutraut, der hat womöglich ein grundlegendes konzeptionelles Problem mit seinem Produkt.

I’m a Germanman in New York

Zumindest der äußeren Form nach zu urteilen, verfährt „Kondom des Grauens“ ohnehin nicht unbedingt wie eine typische heimische Filmproduktion. Gedreht hauptsächlich in New York, ist das Selbstverständnis vielmehr das einer Hollywood-Parodie, der es darum geht, den Sleaze aus den Welten eines William Friedkin („Cruising“) oder Abel Ferrara („Bad Lieutenant“) auf die Weltbühne zu zerren und sich an der Unangemessenheit des Akts im Scheinwerfer zu erfreuen. Das Detective-Noir-Ambiente, das bereits Gegenstand unzähliger Parodien war, liefert den Genre-Kontext und das Fundament für die Erzählstruktur, in deren Verlauf die persönlichen Neigungen des Ermittlers sich zunehmend mit den Fällen verstricken, in denen er ermittelt.

Dass es Deutsche sind, die sich in New York aufführen wie Amerikaner, ist ein mehr als obskures Alleinstellungsmerkmal des Streifens, bei dem man als Deutscher beim Anschauen irgendwie das Gefühl hat, man sei ein Alien und schaue seinen Alien-Artgenossen zu, wie sie ein fremdes Volk unterwandern… nicht aber, ohne dass man sich über ihre schlechte Tarnung aufregen würde, die aber zu unserem Erstaunen von keinem Einheimischen durchschaut wird.

K O N D O M – Im Hotelzimmer hört dich niemand schreien

Apropos Alien: Es ist schon ein dickes Ding, dass da der Name H.R. Giger über den Vorspann flimmert und sogar mehr leistet als nur einen Meta-Gag für das Werbeposter. Künstlerischer Berater will er gewesen sein, und tatsächlich: Auch wenn seine eigentlichen Entwürfe rund um Penis-Guillotinen schlichtweg zu bizarr waren, um in einer Komödie zu landen, bleiben die Assoziationen backofenwarm. Die Kreatur, die einer Vorliebe für englisches Frühstück frönt (starte den Tag frisch und frei – mit XXL-Würstchen und pochiertem Ei!), ähnelt sie mit vollgeschlagenem Bauch nicht dem gurkenförmigen Schädel eines Xenomorph, der sich diesmal eben nicht über den Boden einer Raumstation schlängelt, sondern über die Teppiche eines Hotelflurs?

Die Effekte, entstanden unter Aufsicht von Jörg Buttgereit, der sein Genital-Können im Ultra-Low-Budget-Sektor bereits mit Filmen wie „Nekromantik“ (1988) und „Schramm“ (1993) unter Beweis gestellt hatte, sind in ihrer metaphorischen Auskleidung jedenfalls minimalistisch, zweckdienlich und funktional. Die kleinen weißen Dreiecke, die man mit der Pinzette an den Eingang der Präservative geklebt hat, entsprechen in etwa dem Aufwand einer Unterrichtsstunde in der Bastel-AG der örtlichen Grundschule, was Evelyn Künneckes höchst seriösen Gastauftritt als Leichenbeschauerin bei der Obduktion eines getöteten Exemplars überhaupt erst so hochgradig bescheuert wirken lässt, mitsamt der abenteuerlichen Schlussfolgerungen, die sie schulterzuckend verfeuert.

Die schlumpfige Fortbewegungsmethode der Zipfel, begleitet von knautschigen Mundharmonika-Animationen, darf man dabei gut und gerne als Verbeugung vor all den Stop-Motion-Künstlern begreifen, die den amerikanischen Fantasy-Abenteuerfilm der 50er und 60er so fantastisch-abenteuerlich gemacht haben. Mögen vergleichbare Wunder der Animation hier allenfalls zitiert und wohl kaum selbst erschaffen werden, so ist doch immerhin alles liebevoll per Hand arrangiert, von der Ketchupflasche, die ein Assistent aus dem Off ins Gesicht einer kreischenden Jungfrau entleert, bis zum Spread-the-Disease-Shot, bei dem die Lümmeltüten aus einem Kanalloch in alle Himmelsrichtungen ausströmen wie Turtles auf Pizzasuche. Auf akustischer Ebene gesellt sich dann noch ein nie versiegendes Gekichere hinzu, dem zum Dank man all die kleinen Quälgeister der 80er in den Ohren trägt, von den „Gremlins“ über die „Critters“ bis zu den „Ghoulies“.

Von Homosexualität und der Schwierigkeit, auf Schaumstoff-Zeigefinger zu verzichten

Obwohl Buttgereit all sein Nerdtum in die niedliche Effektarbeit legt, geht es Regisseur Martin Walz gar nicht einmal so sehr um die Horror-Comedy-Elemente, sondern vornehmlich um das beiläufige Eintauchen in die Gay-Szene, beobachtet aus den zugekniffenen Augenschlitzen des Neo Noir. Liebe ist vor allem in das Styling, die Dialoge und die Performance der Hauptfigur geflossen, wunderbar knorrig-knollig von Udo Samel gespielt, der als stoppeliges, kompaktes Fleischmännchen vielleicht nicht ganz die einschüchternde Silhouette der Comicvorlage trifft, welche fast schon Eckat’sche Qualitäten erreicht, umso besser aber die Lässigkeit eines Bob Hoskins in „Rififi am Karfreitag“ (1980) oder „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ (1988) nachzustellen weiß.

Der hüpfende Klempner aus „Super Mario Bros.“ (1993) muss schon aufgrund der italoamerikanischen Herkunft zusätzlich in der Aufzählung landen, hört Samel in „Kondom des Grauens“ doch auf den wenig zimperlichen Namen Luigi Mackeroni, den man so wahrscheinlich heute auch nicht mehr bringen könnte; erst recht nicht, wenn ihm der Verflossene im Transvestiten-Dress von Tatort zu Tatort folgt und wie eine kaputte Schallplatte den Kosenamen „Lutschi“ hinterherruft. Samels größte Qualität liegt darin, die Homosexualität seiner Rolle zum absoluten Nicht-Thema zu machen, sie insbesondere im Zusammenspiel mit Leonard Lansink zu parieren, wie es ein Boris Becker mit einem Stefan Edberg auf dem Tennisplatz getan hätte.

An diesem Punkt beginnt sich der Noir-Ansatz immerhin langsam auszuzahlen, denn was in eine überhitzte Love Parade mit aufdringlichem Schaumstoff-Zeigefinger hätte ausarten können, für deren Teilnahme man sich am nächsten Morgen schämt, das wird von den säuselnden Off-Dialogen in Kombination mit dem unbeeindruckten Spiel Samels so weit heruntergekühlt, dass es sich wahrlich wohltemperiert durch die Chose gucken lässt.

Der Deutsche und der Humor – eine Tragödie

Die Kehrseite der Medaille liegt darin, dass der Humor gleich mit heruntergekühlt wird. Als Lachfest eignet sich „Kondom des Grauens“ (wie wohl die meisten deutschen Komödien) eher nicht, dazu wird zu viel in die Nachbildung von US-Filmklischees investiert und es fehlt schlichtweg an der absurden Schreibe etwa eines Helge Schneider. Irgendwann kommt der Punkt, da wird der Arbeitstag von Mackeroni zur wiederkehrenden Masche, aus der sich Walz oft nur mit Plattheiten zu befreien weiß. Wenn sich etwa im Extended Cut ein Undercover-Cop in einer Schwulenbar in linguistische Übersetzungsfehler bei der Anwendung des Hanky Codes verheddert, sind wir nur eine Fingerbreite von der Blue Oyster Bar aus „Police Academy“ entfernt. Von Hella von Sinnens Einlagen müssen wir erst gar nicht anfangen.

Irgendwann sieht sich das Skript dazu gezwungen, sich mit einem Ruck aus der Endlosspirale aus Lovebites und Loverboys lösen, um das Finale in Gang zu setzen, für das man extra ein Labor nach Vorbild der guten alten Mad-Scientist-Tradition hergerichtet hat, damit auch ja sämtliche begrabene Erinnerungen an die ersten deutschen Horror-Versuche im Nachkriegsdeutschland wiederkehren. Phiolen und neonfarbene Blubberbläschen, wohin das Auge blickt.

Dass der bis hierhin relativ bodenständigen Mischung (für eine Killerkondomödie wenigstens) nun noch die weit zurückliegenden Markenzeichen des verirrten deutschen Genrefilms vor den Latz geknallt werden, tut dem Gesamtergebnis nicht unbedingt gut. Das kann man wohl gerade auch von Iris Berben behaupten, die beim Versuch, zu allem Überdruss eine Prise religiösen Wahnsinn in die Suppe zu kippen, so maßlos überzieht, dass sie wie eine Rakete in die Luft geht und da oben unauffällig als Sternschnuppe explodiert anstatt vor der Kamera, wo die Pointe hingehört. Aber im Grunde gilt das ebenso für die meisten anderen Gestalten, die sich um den Hauptdarsteller herum versammeln, der ganz klar in seiner eigenen Liga spielt.

„Kondom des Grauens“: Ende gut, alles gut

Der reizvolle Surrealismus dieser deutsch-amerikanischen Farce ist spätestens abgeschüttelt, als sich der Film mit einem hoffnungslos abgedroschenen Schlussplädoyer in den Filmförderschoß zurückzieht, regelrecht um Prädikat-Wertvoll-Plaketten bettelt (die es von der FBW dann auch gab) und sich darüber endgültig wieder der hiesigen Filmlandschaft angleicht. Eine Notwendigkeit für derartig einfallslose Klammersetzung besteht natürlich nicht, es sei denn, man möchte eben 6,5 Millionen Kinozuschauern ein „Aaaaaawwww“ entlocken. Es ist bezeichnend für eine Kuriosität von Film, die so viel mehr hätte sein können, würde sie nicht am Ende doch möglichst vielen Leuten gefallen wollen. Dabei hätte der Epilog nach dem Showdown völlig gereicht: Ein putziges Zwiegespräch zwischen Mackeroni und seinem Lover beim Spaziergang in den Fluchtpunkt des Bildes, zunehmend von der Abspannmusik übertönt; ein durchaus versöhnlicher, weil natürlich wirkender Schlusspunkt. Mit einem italienischen Bullen in den amerikanischen Sonnenuntergang reiten – das hat fast wieder etwas von einem guten Spaghettiwestern.

04 von 10

Informationen zur Veröffentlichung von „Kondom des Grauens“

Limited Collector’s Edition #90

Mag dem „Kondom des Grauens“ das große Abräumen an der Kinokasse auch verwehrt geblieben sein, so hat sich sein Name doch bis heute in den Geschichtsbüchern gehalten. Martin Walz‘ bekanntester Film ist es ohnehin geblieben (kein Wunder, wo er ansonsten fast nur TV-Filme inszeniert hat) und allgemein ist zumindest der Titel regelmäßig weiter in aller Munde. Zu verdanken hat er das seiner exzellenten Ausdauer in den heimischen Wohnzimmern. Eins im Nachtschrank, eins in der Flimmerkiste, so lautet die Regel seither – wer am längsten steht, lacht eben zuletzt.

Und es sind bei weitem nicht nur deutsche Wohnzimmer, in denen zur Wurstattacke geblasen wird. In den USA zum Beispiel, da nahm das Indie-Label Troma („The Toxic Avenger“) den „German Import“ unter seine Fittiche und wurde dort umgehend zunächst auf VHS und dann bald auch auf DVD veröffentlicht. Erst das renommierte US-Boutique-Label Vinegar Syndrome befreite aber die längst zum Kultstreifen gereifte Komödie im August 2024 aus ihrem Schmuddel-Dasein und lieferte ein Paket ab, das sich gewaschen hatte: Der gut zehn Minuten längere Director’s Cut überhaupt erstmals auf Scheibe, und dann gleich als Ultra-HD Blu-ray, das Ganze nochmal gespiegelt auf Blu-ray, plus der Kino-Cut auf einer weiteren Disc, alles gemeinsam mit zahllosen Extras in einem 3-Disc-Set im Hardcover-Schuber, wow, das war mal eine Ansage.

Zu jenem Zeitpunkt waren die verschiedenen DVD-Auflagen von VCL oder Cine Plus im eigentlichen Produktionsland Deutschland das Höchste der Gefühle. Kurzum, die komplette Blu-ray-Ära wurde bisher komplett verschlafen. Es war also höchste Not geboten, den Vinegar-Content auch zu uns zu bringen, um die Ehre des hiesigen Heimkinomarktes zu retten. Und für ein solches Vorhaben fällt einem auf Anhieb kaum ein passenderes Label ein als eben Wicked Vision.

In der Vergangenheit hatten sie nicht nur immer wieder ihre Affinität zu Horrorfilmen und Komödien gezeigt, sondern auch unter Beweis gestellt, dass sie spektakuläre Auslandsveröffentlichungen nicht nur verlustfrei nach Deutschland holen konnten, sondern darüber hinaus fast immer noch einen zusätzlichen Mehrwert geboten haben. Und das, soviel sei schon mal verraten, trifft auch bei der „Limited Collector’s Edition“ mit der runden Nummer 90 wieder zu.

Die Verpackung

Mediabooks

„Kondom des Grauens“ kommt in 5 verschiedenen Artwork-Varianten mit einer Limitierung von je 222 Stück.

Von überdurchschnittlichem Aufwand zeugt alleine schon der Blick auf die Vielfalt an Covern, die zur Auswahl stehen. 5 Motive hat man bisher nur besonderen Prestigetiteln spendiert. Möglich gemacht wurde das durch die Freigabe des genutzten Bildmaterials durch Ralf König persönlich, der somit seinen Beitrag leistete, damit diese Edition zu den schönsten in der gesamten Reihe aufschließt.

Die Limitierung beläuft sich bei allen fünf Varianten auf jeweils 222 Stück. In Natura liegt Cover A zur Besprechung vor. Das darauf verwendete Motiv, eine minimalistische König-Zeichnung des doppelt bewaffneten Luigi Mackeroni (eine Waffe in der Hand, eine dezent aus dem Morgenmantel lugend) dürfte gemeinhin noch vom deutschen Kinoplakat bekannt sein. Dieses nutzte damals aber noch zusätzlich einen Live-Action-Screenshot, vermutlich, damit der Kinogänger keine Tickets in Erwartung eines Zeichentrickfilms löst (dabei sind wir doch damals alle mit dem Rosaroten Panther aufgewachsen). Heute ist eine solche Maßnahme natürlich nicht mehr vonnöten, weshalb der Screenshot (völlig zu Recht) von der Druckfläche getilgt wurde.

Durch die gewonnene Fläche an grau meliertem, matten Hintergrund bekommt die Comicfigur (mitsamt des Kondoms, das Mackeronis Beine wie eine Hauskatze umschmeichelt) allen Platz, den sie zum Atmen braucht. Der Mix aus matter Oberfläche und durch Spotlack hervorgehobenen gezeichneten und getexteten Elementen wirkt einmal mehr überaus edel. Auf dem Spine setzt sich diese Verarbeitung fort… und reicht bis aufs Backcover.

Wer sich den originalverpackten Artikel nämlich einmal genauer anschaut, wird feststellen, dass auf der Front anstatt des üblichen Deckblatts diesmal nur ein Foliensticker mit allen nötigen Informationen (inkl. FSK-Logo) zu finden ist. Das liegt daran, dass das Deckblatt diesmal auf der Rückseite liegt und sämtliche Informationen zu Inhalt, Ausstattung und technischen Spezifikationen aufführt… weil die eigentliche Rückseite des Mediabooks anderweitig benötigt wird.

Und zwar für ein ganzflächiges Comic-Panel mit einem gezeichneten Kinoaushang, das übrigens bei allen Varianten identisch ist. „Es sieht aus wie ein Kondom. Es fühlt sich an wie ein Kondom. Es lässt sich überrollen wie ein Kondom. Aber es ist kein Kondom. Luigi Mackeroni auf der Jagd nach dem unglaublichsten Monstrum der Filmgeschichte!“, steht da in Comic Font, darunter ein nacktes Pärchen auf der Matratze und eine Blutspur, die von einem Nichts zwischen den Beinen des Mannes wegführt… hin zum „Jetzt im Kino!“-Hinweis. Auch hier wurden die Figuren und die Blutspur mit Spotlack hervorgehoben, während die Hintergründe matt gehalten sind.

Mediabooks

Wohin mit all dem Artwork? Einfach aufs Backcover!

Ähnliche Spielereien sind vermutlich bei den anderen Motiven genauso zu erwarten. Auf Cover B zeigt sich Mackeroni mal ausnahmsweise komplett angezogen an einer brüchigen Wand lehnend, dafür hat ein aufgeschrecktes Pärchen im Hintergrund seine Klamotten vergessen. Hinter ihnen grüßt außerdem die Skyline von New York als Ansammlung schwarzer Linien vor einem lila-rosa-schmutzigen Wasserfarbenhimmel. Highlight dieser Variante ist die niedliche „Zisch!!“-Sprechblase des Killerkondoms, das durch den Vordergrund kriecht und eine Schneckenspur aus Blut hinterlässt.

Auf dem ebenfalls recht bekannten Cover C hat Mackeroni seine Hosen mal wieder verloren und seine Knarre nach oben gerichtet; Hemd und Jackett sitzen hingegen wie angegossen. Vor ihm hockt ein nackter Jüngling und drapiert seinen blassen Hintern in den Fokus. Gemeinsam persiflieren die Beiden auf schrullige Weise den Film Noir, mitsamt der Dame in Not und ihrem Beschützer. Dass so etwas auch im Gay-Kontext funktionieren kann, hat sich der Film zu beweisen schließlich auf die Fahne geschrieben.

Cover D ist als einziges nicht im Stil der Comics gehalten. Verwendet wurde es zuvor auf der japanischen Blu-ray, jenem Land, in dem der Streifen ebenfalls einen gewissen Kult entwickeln konnte. Die homoerotischen Aspekte, repräsentiert nur noch durch klein abgedruckte Portraits von Peter Lohmeyer im Lederoutfit und Leonard Sansik in Transvestitenverkleidung, werden durch eine überdimensionale, heteronormative Variation in Form einer kreischenden, blutbesudelten Dame in Unterwäsche und High Heels verdrängt, die glänzt wie eine Gummipuppe. Vermutlich soll es sich bei ihr um die von Meret Becker (das Rumpelstilzchen aus „Werner – Beinhart“) gespielte Jungfrau handeln, die zu Beginn des Films Zeugin einer Kastration wird. In rosa Ballontier-Buchstaben breitet sich hinter ihr nicht etwa der deutsche Titel aus, sondern das englische Pendant „Killer Condom“ (die beiden „O“s werden natürlich durch eingerollte Kondome repräsentiert).

Und dann wäre da noch Cover E. Zu heiß für Facebook, aber was ist das schon nicht. Wem der Anblick der Lümmelspitze mit knabberbereitem Kondom zu derbe ist, der stelle sich stattdessen einfach Morgan Spurlock auf dem Cover seiner „Super Size Me“-Doku vor oder den Papst, der seinen Pileolus trägt. Oder derjenige greife einfach zu einem der anderen Cover. Muss man inzwischen wahrscheinlich sowieso, denn im Wicked-Vision-Shop ist diese Variante offenbar schon gar nicht mehr zu bekommen.

Im Innenteil bleibt der hohe Anspruch an ein stimmiges Design bewahrt. Jede der drei enthaltenen Scheiben (die UHD links, zwei Blu-rays versetzt übereinandergesteckt rechts) kommt mit einer alternativen Zeichnung des Kondoms. Hinter den Trays verbirgt sich jeweils noch ein Comic-Motiv. Auf dem Cover des Booklets wird die Zeichnung von Cover A noch einmal verwurstet, diesmal strömert das Kondom aber nicht um die Beine von Mackeroni, sondern tritt als überdimensionaler Schatten mit Zähnen in Erscheinung. Auf der Rückseite gibt es noch eine frivole Zeichnung aus der Drehpause.

Das Booklet

Dazwischen entfaltet sich ein Booklet, das mit 32 Seiten ein wenig dicker geraten ist als gewöhnlich. Gezeichnete Fragmente sind gemeinsam mit etlichen Screenshots aus dem Film quer über alle Seiten verteilt. Mittendrin in den wackeligen Strichen sorgt Christoph N. Kellerbach für die nötigen Textinhalte. Eigentlich tritt er aber diesmal eher als eine Art Moderator in Erscheinung. Ein beachtlicher Teil des Textes besteht aus kursiv eingerückten Interview-Ausschnitten mit Regisseur Martin Walz; Kellerbachs Aufgabe besteht darin, die Aussagen kausal zu einer Story zu verknüpfen. Zu diesem Zweck klärt er erst einmal die Fronten, indem er die Biografien von Walz und Autor Ralf König abarbeitet, so dass er im Anschluss in allen Details auf die Unterschiede zwischen Vorlage und Verfilmung eingehen kann.

Parallel dazu wird mit Hilfe von Walz‘ Einschüben die komplette Produktionshistorie aufgearbeitet, mündend in der Veröffentlichung. Dass dabei ein besonderes Augenmerk auch auf die Presse in den USA gelegt wird, lässt sich nicht nur mit dem Filmschauplatz New York erklären; Walz hatte nämlich zunehmend das Gefühl, im Filmland Deutschland nicht gut aufgehoben zu sein, wie auf den letzten Seiten nachzulesen ist, weshalb das Echo aus dem Ausland für ihn wohl eine entsprechend höhere Relevanz gehabt haben dürfte als aus einem Land, in dem Genre-Kino in keiner Weise gefördert wird.

Ultra-HD Blu-ray: Director’s Cut

Filetstück der Edition ist selbstverständlich die Ultra-HD Blu-ray, die dann auch gleich mit dem Hinweis „Director’s Cut“ gelabelt ist. Damit beginnt für „Kondom des Grauens“ nun eine neue Zeitrechnung diesseits des blauen Teichs. Mehr als zehn Minuten Laufzeit unterscheiden die neue Schnittfassung von der Version, die in den 90ern im Kino gelaufen war. An einer Stelle ist sogar die Kinofassung länger, in der Regel erweitert der DC das bekannte Material aber um neue und erweiterte Szenen. Bei der Darstellung eines abgebissenen Penis wird es auch etwas expliziter, im Wesentlichen geht es aber um inhaltliche Erweiterungen.

So sehen wir zum Beispiel einige neue Episoden von der Frau mit der abgebissenen Nase und diverse zusätzliche Szenen von Luigi im Einsatz auf der Straße. Besonders in Erinnerung bleibt jedoch Sams Streifzug in SM-Montur durch eine Schwulenbar. Dass diese Schnittfassung zur Hauptfassung gemacht wird, ist nur konsequent; nicht nur gilt sie im Allgemeinen als die rundere, sondern ist eben auch diejenige, die schon damals erschienen wäre, würde es für den Veröffentlichungsapparat um Verleih und Zensuranstalten nicht immer wieder diesen oder jenen triftigen Grund geben, ein Werk zu kürzen.

Das Bild

Wie spätestens mit der Einblendung des Logos am Ende des Films bestätigt wird, stammt das 4K-Bildmaster von der Vinegar-Syndrome-Veröffentlichung aus den USA, wurde aber für die deutsche Edition von LSP Medien frisch encodiert, um das Maximum herauszupressen. Zur Abtastung stand das 35mm-Originalkameranegativ zur Verfügung. Man kann kaum anders als mit Begeisterung auf das Ergebnis zu schauen: Die oft in schummrigen Hotelzimmern, Kellern, Apartments und Polizeistationen angesiedelten Sets pulsieren in all ihrer durchdringenden Pracht aus roten und braunen Flächen, die bei aktiviertem Dolby Vision besonders kräftig zur Geltung kommen.

Von den DVD-Fassungen war man nicht nur andere Bildausschnitte gewohnt (je nach Veröffentlichung zwischen 1,33:1 und 1,56:1; diesmal hingegen 1,85:1), sondern auch um Welten schlechtere Bildqualität, die auf so manchem Datenträger einer VHS-Kopie nähergekommen sein soll als einer guten DVD. Die UHD präsentiert den Film hingegen in lebhaften Details, sie lässt das prägnante Filmkorn intakt und wirkt insgesamt extrem vital. Der Schmuddel-Look, der trotzdem durchkommt, rührt vielmehr von den Sets, aber der Unterschied liegt darin, dass es nun möglich ist, die roten Blutspritzer von der ebenso roten Tapete zu unterscheiden.

Der Ton

Der Director’s Cut ist mit nur einer regulären Tonspur ausgestattet, und zwar dem deutschen Originalton in DTS-HD Master Audio 2.0 Stereo. Der überzeugt vor allem durch seine ausgewogene Abmischung. Selbst wenn Dialoge, Effekte und Score gleichzeitig in Erscheinung treten, ist alles klar voneinander zu unterscheiden. Die Musik verteilt sich organisch über beide Lautsprecher, die Geräuschkulisse der New Yorker Straßen und öffentlichen Räume grundiert alles mit der gleichen Art von Grundrauschen, die auch vielen US-Filmen mit New-York-Setting aus jener Zeit zu eigen ist.

Sogar die Dialoge klingen ein Stück weit wie aus einem Hollywood-Film, da zumindest Marc Richter (mit Justin-Long-Stammsprecher Julian Haggège) und Ron Williams (mit Thomas Wolff, dessen Stimme man unter anderem von Steven Seagal, Michael Madsen und Danny Trejo kennt) nachsynchronisiert wurden. Die abgeklärten Oneliner von Udo Samel im Bild und per Off-Kommentar darf man zum Glück im Original genießen. Dazu gibt es auf Wunsch deutsche oder auch englische Untertitel.

Der (junge) Audiokommentar

Egal wie oft man sich den Streifen nun in all seiner glorreichen Pracht reinzieht, es gibt mindestens zwei Menschen, die ihn wahrscheinlich noch öfter gesehen haben: Regisseur Martin Walz und Effektspezialist Jörg Buttgereit. Zumindest haben die Beiden inzwischen schon drei verschiedene Audiokommentare zum Film eingesprochen, und das, obwohl die deutschen DVDs noch keinen an Bord hatten. Da wir uns bei der UHD aber im Director’s Cut befinden, rollen wir die Historie mal von hinten auf. Frisch für diese Edition aufgenommen wurde der deutschsprachige Kommentar zur Langfassung, der somit exklusiv auf der Wicked-Vision-Disc zu hören ist.

Das ist schön insbesondere für jene Zuschauer, die des Englischen nicht mächtig sind oder die es zu anstrengend finden, einer englischsprachigen Unterhaltung zu folgen. Inhaltlich muss es bei einer dritten Sitzung in gleicher Zusammensetzung natürlich zu Überschneidungen mit früheren Sitzungen kommen. Auch in dieser Runde werden wieder Cameos aufgedeckt, Drehbedingungen ausgeführt, Spezialeffekte erklärt etc. Bocklos klingt das aber auch im dritten Take nicht; jedenfalls harmonieren die Beiden nach wie vor prächtig miteinander, und man hat sogar eher das Gefühl, dass sie die Gelegenheit nur allzu gerne dazu nutzen, in einigen Details weitere Fußnoten unterbringen zu können.

Der (mittelalte) Audiokommentar

Der englischsprachige Kommentar von Walz und Buttgereit zum DC ist ebenfalls enthalten. Wenn man beide back-to-back hört, fallen wie vermutet viele Dopplungen von Informationen auf. Auch wer Kellerbachs Booklet gelesen hat, dem wird so manches Zitat in den Ohren klingeln. Wenig überraschend ist das Englisch der Beiden souverän und wird flüssig vorgetragen, sieht man einmal vom deutschen Akzent (insbesondere bei Buttgereit) ab. Deutsche Untertitel zum englischen Kommentar bietet Wicked Vision ausnahmsweise nicht an; man könnte gewissermaßen sagen, stattdessen sei mit dem neuen deutschsprachigen Kommentar quasi eine Synchro des englischen Kommentars in Auftrag gegeben worden.

Die Extras auf der Ultra-HD Blu-ray

Wie bei vielen UHD+Blu-ray-Double-Features (nicht nur dieses Labels) befinden sich die meisten Extras nur auf der Blu-ray und nicht auf dem hochauflösenderen Medium. Mit dem Datenvolumen der Discs kann das eher nichts zu tun haben; vielleicht hat es rechtliche Hintergründe, zumal UHD-Discs grundsätzlich codefree sind. Zumindest der in HD restaurierte deutsche Trailer (mit satten 5 Minuten Laufzeit), der Videotrailer (ein Fünftel kürzer) und eine gewaltige Bildergalerie ist darauf zu sehen. Letztere ist mit 16 Minuten Laufzeit nicht nur ziemlich üppig ausgefallen, sondern auch inhaltlich extrem interessant, gibt es hier doch etliche alternative Poster, rare Setfotos, Entwürfe, Storyboards, Aushangfotos, Modelle, Merchandise, Pressematerial, Artworks und mehr zu sehen.

Blu-ray #1: Director’s Cut

Die zweite Disc im Set ist eine Blu-ray, die ebenfalls den Director’s Cut mit identischen Audiooptionen enthält. Der einzige Unterschied ist die geringere Auflösung von 1080p, mit der das Bild aber trotzdem noch verdammt gut aussieht. Abgesehen von den oben beschriebenen Extras hat die Blu-ray aber noch mehr Boni zu bieten, und zwar in Form von vier Featurettes mit einer Gesamtlaufzeit von rund 100 Minuten.

Blu-ray #1: Die Featurettes

In „A Rough Ride“ (35 Min.) darf man der Stimme aus dem Audiokommentar ein Gesicht zuordnen: Regisseur Martin Walz rollt in einem Interview die komplette Produktionsgeschichte von „Kondom des Grauens“ noch einmal auf. Erneut lässt es sich nicht vermeiden, dass bereits bekannte Informationen gedoppelt werden, hier sind sie aber eingebettet in den gesamten Ablauf, von den ersten Vorbereitungen bis zur Premiere und Rezeption. Zwischendurch wird der Monolog von Filmausschnitten unterbrochen; Musik wird keine eingespielt, wenn Walz spricht. Das Interview wurde in Englisch aufgenommen, da für Vinegar Syndrome produziert, verfügt aber über deutsche Untertitel.

Auch bei „Severed Parts“ (25 Min.) besteht eine gewisse Wiederholungsgefahr, da es nun der andere Audiokommentar-Kollege ist, der vor dem Mikrofon sitzt. Jörg Buttgereit dabei zuzuhören, wie er über seine Effekte spricht, ist aber trotzdem immer ein Vergnügen. Unter anderem geht es um den Realismus seiner früheren Arbeiten im Gegensatz zu den Comic-Ansprüchen in „Kondom des Grauens“ und darum, wie sich H.R. Giger in die Produktion eingebracht hat.

Eine neue Perspektive bringt hingegen Simone Klier ein, die in „Rubber and Rushes“ (21 Min.) über ihre Arbeit als Editorin spricht. Schon im Kommentar hatte Walz erwähnt, dass sie am Ende ihres Jobs völlig erledigt auf dem Boden zwischen den Schnittresten lag. Sie ist durchaus gewillt, das zu bestätigen. Die engen Zeitpläne hebt Klier als Hauptursache für die eingelegten Crunch Times hervor, aber auch die beschriebenen Prozessabläufe geben eine gute Vorstellung davon, weshalb der Job so hart ist und so viel zeit verschlingt. Im zweiten Teil des Interviews geht sie auch noch einmal auf ein paar spezifische Szenen ein, in denen der Schnitt eine besondere Rolle spielt.

Zum Abschluss kehrt Martin Walz noch einmal zurück, um in „This is what we built“ (20 Min.) eine Tour durch sein Studio anzubieten. Dabei präsentiert er Konzeptentwürfe, Storyboards und seine große Fotosammlung und kommentiert sie entsprechend mit ein paar Hintergründen.

Blu-ray #2: Kinofassung

Auch wenn der Director’s Cut die Wunschfassung des Regisseurs ist, so hat sich doch auch die Kinofassung in den letzten knapp 30 Jahren ihren Platz in der Filmgeschichte erarbeitet, kannte man bis dahin doch keine andere Fassung als diese. Insofern ist es schön, dass diese wie bei der Vinegar-Scheibe auf einer dritten Blu-ray ebenfalls Platz in der Edition findet.

Die Spezifikationen unterscheiden sich dabei durchaus ein wenig vom Director’s Cut, wobei das nicht für die Bildqualität gilt. Das Bild wurde nämlich auch für die Kinofassung restauriert und erstrahlt daher in gleicher Pracht wie die Hauptfassung. Beim Ton allerdings gibt es als Alternative zum Stereo-Ton noch eine 5.1-Abmischung. Das entspricht der Ausstattung der DVDs, von denen einige ebenfalls die Wahl ließen zwischen Stereo und Surround Sound.

Blu-ray #2: Der (alte) Audiokommentar

Weil die inzwischen 25 Jahre alte US-DVD von Troma bereits einen Kinocut-Audiokommentar von Martin Walz und Jörg Buttgereit enthielt, haben wir an dieser Stelle außerdem das Vergnügen, noch eine dritte Sitzung mit den Beiden abzuhalten, beziehungsweise mit einer jüngeren, weniger erfahrenen Version von ihnen. An den Stimmen merkt man das kaum, sie klingen Anfang des Jahrtausends wohl entweder zu alt für ihr Alter oder heute zu jung – in jedem Fall also eigentlich so wie immer. Auch die Schwerpunkte, die sie im Gespräch setzen, sind ähnliche wie bei den jüngeren Kommentaren.

Rückblickend ist es also ein wenig so, als würde man Oppa zuhören, wie er die gleichen Kriegsgeschichten zum x-ten Mal erzählt, nur dass wir es beim ersten Kommentar eben fast schon mit einer Live-Aufnahme aus dem Krieg zu tun haben. Auffällig ist, dass die neueren Kommentare noch mehr zu kontextualisieren versuchen, sicherlich auch mit der Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte, während die Beschreibungen beim ersten Mal noch stärker im Hier und Jetzt verortet sind, auch wenn natürlich nicht unmittelbar nach Veröffentlichung aufgenommen wurde, sondern das ein oder andere Jahr später.

Blu-ray #2: Die neuen Extras

Wer gedacht hat, dass es das nun war mit den Extras, sieht sich getäuscht, denn die Disc der Kinofassung bietet Platz für weitere Special Features, die zusammen sogar noch einmal einen Tick länger laufen als diejenigen der Director’s-Cut-Blu-ray.

Definitiv nicht verpassen sollte man „Holy Mackeroni“ (19 Min.), ein neues Interview mit Hauptdarsteller Udo Samel. Martin Walz sitzt neben ihm in einem leeren Kino und sorgt gelegentlich für Einwürfe, um das Gespräch weiter voranzutreiben. Es ist interessant zu hören, wie Samel Parallelen zwischen seiner Rolle und seinem eigenen Leben zieht, welche Erinnerungen er an den Dreh hat und wie sich die Dinge für ihn seither entwickelt haben. Bemerkenswert ist vor allem ein Statement, das eine zuletzt vielfach vernommene Forderung im Rahmen der LGBTQ+-Debatten in Hollywood indirekt relativiert: Ihm als offen homosexuell lebenden Schauspieler sei es zwar durchaus leichter gefallen, eine homosexuelle Figur zu spielen, doch eine Grundvoraussetzung sei es sicher nicht.

Tatsächlich greift auch Peter Lohmeyer diese These in der nächsten Featurette „It’s just a Movie“ (22 Min.) auf. Auch allgemein drehen sich seine Ausführungen überwiegend um Methoden des Schauspiels, teilweise gemischt mit kleinen Nebengeschichten vom Set in New York. Da er im gleichen Kino wie Samel sitzt, ist davon auszugehen, dass alles zur gleichen Gelegenheit gedreht wurde.

Adriana Altaras hätte man vielleicht nicht als nächste Interviewpartnerin auf dem Schirm, da die deutsche Schauspielerin mit kroatischen Wurzeln eine eher kleine Rolle als einziges weibliches Opfer der Killerkondome spielt (die Nase der Dame war dann doch zu verlockend). Umso schöner ist die Überraschung, sie hier anzutreffen. In „What is this?“ (14 Min.) spricht sie über ihre damalige Unfähigkeit, das Projekt, an dem sie teilnahm, richtig einzuordnen; eine Sache, die sie sich heute eher zutraut, wenn sie „Kondom des Grauens“ als einen modernen Film von einem modernen Regisseur beschreibt, der seiner Zeit voraus war. Auch sie hat einige Geschichten zum Dreh in petto und einige Tipps zum Thema Schauspiel zu teilen, die sich bei ihr vor allem auf Slapstick und Timing beziehen.

Darüber hinaus wurde noch ein Special namens „Really Special Items“ (14 Min.) mit dem Filmrequisiten-Sammler Roman Güttingers produziert. Die Verbindung kommt wohl über H.R. Giger zustande, den Güttingers bei seiner Einführung als einen Freund bezeichnet. Hier steht er in einem der Aufbewahrungslager seiner Schätze, prall gefüllt mit Ausstellungsstücken von „Star Wars“ über „Alien“ bis „Nightmare on Elm Street“, so dass er wohl noch viel über den Film hinaus zu sagen hätte. In diesem Video beschränkt er sich aber natürlich auf seine Artikel zum Thema „Kondom des Grauens“. Dazu gehören im Film genutzte Modelle der Kondome, Aushangbilder und ein persönlich zusammengestelltes Fotoalbum der Premiere, inklusive einiger Zeichnungen und Modelle, die Giger für den Film angefertigt hatte. Als sein großes Highlight präsentiert er dann noch das Monster-Kondom vom Ende des Films und schließt ab mit einer kleinen Anekdote über H.R. Giger und seine Vorliebe für Vanillecreme.

Blu-ray #2: Das Archiv

Damit sind die neu produzierten Extras abgefrühstückt, aber es gibt ja noch das 90er-Archiv. Ganz oben in der Liste steht das 10-minütige Making Of. Das besteht zwar zu gefühlt 60 Prozent aus Filmausschnitten, aber zwischendrin ist es durchaus nett, Interviewausschnitte mit den Beteiligten zu sehen, insbesondere mit jenen hinter der Kamera, etwa einem blutjungen Jörg Buttgereit und vor allem dem kreativen Kopf hinter dem Stoff, Ralf König, den man bis dahin noch nicht in den Extras zu Gesicht bekommen hat; wohl auch deswegen, weil er mit dem Film rückblickend nicht allzu glücklich geworden ist.

Dann hätten wir noch eine Behind-the-Scenes-Featurette im Programm. Elf Minuten klassisches Hinter-den-Kulissen-Material, das unkommentiert bleibt und lediglich die zufällig mitgeschnittenen Dialoge der Leute am Set einfängt. Zu Beginn bekommt man ein paar ungefilterte Impressionen New Yorks, später geht es auch in die Indoor-Kulissen.

Wem zu viele Filmausschnitte und zu wenig Informationsgehalt im Making Of enthalten waren, der kann auch einfach zu den „Interviews mit Cast & Crew“ (9 Min.) schalten. Udo Samel erläutert, warum er „Kondom des Grauens“ nicht als schwulen Film sieht, Peter Lohmeyer führt aus, was ihn an dem Projekt aus Genre-Sicht gereizt hat, Iris Berben geht mit einer Weltklasse-Performance der subversiven Zuschauer-Irritation auf die vermeintliche Vorbildrolle ihrer Figur ein, Ralf König rekapituliert den unerwarteten Aufstieg seiner Ideen vom Comic für Minderheiten bis zum Kino für die Massen, Martin Walz bestätigt und vertieft, was Udo Samel bereits sagte, Leonard Lansink sitzt mit Prinzessinnenkrönchen da und raucht eine Zigarette und Hella von Sinnen versetzt sich in das männliche Bewusstsein.

Would you use this condom?“ ist mit zwei Minuten eher ein Quickie, aber einer der sehr unterhaltsamen Sorte. Ein Filmteam läuft durch die New Yorker Straßen, zeigt den Passanten ein Kondom mit Zähnen und fragt sie nach ihrer Meinung – um teilweise sehr schlagfertige Antworten geliefert zu bekommen.

Blu-ray #2: Der Kurzfilm

Schließlich geht es sogar noch mit einer Werkschau von Regisseur Martin Walz weiter. Kurzfilme gehören ohnehin immer zu den schönsten Beigaben im Bonusmaterial, insofern ist es toll, dass wir hier zumindest einen Kurzfilm aus dem Jahr 2003 begutachten dürfen, mit dem wunderbaren Hätte-Hätte-Fahrradkette-Titel:

Ich hätt’s ihm früher sagen sollen…

Originaltitel: Ich hätt’s ihm früher sagen sollen…__Herstellungsland: Deutschland__Erscheinungsjahr: 2003__Regie: Martin Walz__Darsteller: Patrick Braun, Dafne Maria Fiedler, Schirin Sanaiha

Ein häuslicher Thriller, produziert vom Berliner Institut für Schauspiel, Film- und Fernsehberufe, der sich um die Flucht aus der Realität in den persönlichen Safe Space dreht. Zwei Frauen in der Defensive gegen einen Mann, der keine Kontrolle mehr über sein Handeln hat. Eine Wohnungstür fungiert als Dimensionsportal von einem Gegenwartszustand in den nächsten. Je nach Identität desjenigen, der um Einlass bittet, öffnet sie sich bereitwillig oder muss gewaltsam durchbrochen werden; ohne direktes „Shining“-Zitat zwar (zum Glück; dieser Drops ist gelutscht), aber mit der gleichen manischen Unbeirrbarkeit.

Das Traum-im-Traum-Prinzip, nach dem Martin Walz sein Drehbuch aufbaut, ist bekannt und schnell durchschaut. Das ändert gleichwohl nichts an seinem wohldurchdachten Einsatz. Die Ästhetik ist sowieso schon eine artifizielle; irgendwo zwischen den dreckigen „Tatorten“ der 80er, angereichert mit sattem Korn und steilem Kontrast, und der für das Surreale empfänglichen Theater-Anmutung, die in seinem bekanntesten Werk „Kondom des Grauens“ Anwendung fand. Hitchcock-Anleihen bleiben dezent, werden aber mit scharfer Schneide angerichtet: Chaotisch, unkontrolliert, impulsiv. Im Bild und auf der Tonspur. Ein letztes Lächeln noch als Rausschmeißer, so unbehaglich künstlich, dass es das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Echter Thrill braucht natürlich Zeit zum Atmen, und in gerade mal sieben Minuten lässt sich wohl kaum ein Meisterstück in diesem Genre arrangieren. Aber die Zeit reicht, um das mulmige Gefühl, in einem irreversiblen Lebensabschnitt gefangen zu sein, über eine schrille Suspense-Varieté für Minuten nach außen zu tragen. Walz bekommt die Thematik damit zwar nicht in ihrer ganzen Komplexität zu fassen, verschafft ihr aber ein kurzfristiges Ventil.

06 von 10

Abgeschlossen wird auch die dritte Disc wieder mit dem deutschen Trailer, dem Videotrailer und der Bildergalerie.

DVD: Der verschollen geglaubte Workprint

Soviel zum eigentlichen Deluxe-Paket, das ohnehin schon aus allen Nähten platzt. Kurz vor Veröffentlichung meldete sich Wicked Vision jedoch zusätzlich mit der frohen Kunde, man sei beim Wühlen in den Archiven unverhofft auf den Workprint gestoßen, der nie zuvor an die Öffentlichkeit geraten ist. Dieser wird nun als besonderes Gimmick als DVD in einer Papphülle an jeden Kunden ausgegeben, der das Mediabook direkt im Wicked-Vision-Shop bestellt hat. Das Backcover der Hülle sagt dazu folgendes:

Liebe Visionäre,

mit dieser Bonus-DVD möchten wir uns bei allen Kunden bedanken, die „Kondom des Grauens“ direkt bei uns im Shop gekauft haben. Was ihr jetzt in den Händen haltet, stellt eine kleine Sensation dar, denn bis zuletzt galten alle Rohschnittfassungen des Films seit fast 30 Jahren als verschollen.

Dank der Hilfe des Regisseurs Martin Walz konnten wir ein Tape finden, welches auf den 12.4.1996 datiert ist und die letzte Workprint-Fassung des Films enthält. Mit einer Laufzeit von knapp 132 Minuten dauert dieser Rohschnitt rund 14 Minuten länger als der Director’s Cut und enthält gerade in der zweiten Hälfte eine Menge bisher unveröffentlichtes Filmmaterial, alternative Takes sowie die sagenumwobene Effektszene, in der ein Killer-Kondom einen Penis wieder ausspuckt.

Über diese Szene wurde in den vergangenen 30 Jahren viel geredet und noch mehr spekuliert, aber niemand hat sie jemals zu Gesicht bekommen. Wir möchten uns bei Martin Walz und Jörg Buttgereit bedanken, die uns bei der Umsetzung unserer Deluxe-Edition unterstützt haben. Ein besonderer Dank auch an Jörg Kopetz, der uns nachdrücklich motiviert hat, nach dieser Szene zu suchen.

Mediabooks

Exklusiv im Wicked-Vision-Shop bekommt man zum Mediabook noch ein Cardsleeve mit einer DVD, auf der sich der ultralange, bisher unveröffentlichte Workprint befindet.

Qualitativ sollte man sich von dieser Fassung natürlich nicht viel erwarten; es handelt sich schließlich um einen einfachen Rip einer drei Jahrzehnte alten VHS, inklusive laufendem Timecode. Das Bild ist oft so dunkel, dass man gerade einmal die zentrale Figur im Bild sieht. Wertvoll ist diese Schnittfassung in erster Linie als filmhistorisches Dokument. Wer sich im Detail auf die Unterschiede zwischen Extended Cut und Workprint interessiert, der möge einen Blick auf den fein ausgearbeiteten Vergleich der Fassungen bei Schnittberichte.com werfen.

Fazit: Extrafeucht

Damit wären wir nun aber wirklich am Ende angelangt. Über „Kondom des Grauens“ kann man halten, was man will; dass er sich über die Jahrzehnte schon aufgrund seiner merkwürdigen Zwitter-Stellung gegenüber der deutschen Filmlandschaft einen gewissen Ruf als Kultfilm erarbeitet hat, kann man wohl nicht bestreiten. Und noch mehr Würdigung dieses Status als mit einer solchen Edition ist im Heimkino wohl einfach nicht mehr möglich.

Sascha Ganser (Vince)

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Copyright aller Filmbilder/Label: Wicked Vision__Freigabe: FSK16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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