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Likeness

Originaltitel: Likeness __ Herstellungsland: USA__ Erscheinungsjahr: 2013__ Regie: Rodrigo Prieto__ Darsteller: Elle Fanning, Ximena Prieto, Jordan Diambrini, Alexis Han-Holdren, Julia Kern, Eugenia Kuzmina, Anne-Marie Mueschke, Christina Y. Yun, Valeska Miller, …
Elle Fanning in "Likeness" (2013)

Elle Fanning in “Likeness” (2013)

 

Eines Tages erkundigten sich die Produzenten Rhea Scott und Jacqueline Bosnjak bei dem preisgekrönten Cinematographer Rodrigo Prieto danach, ob er eventuell Interesse daran hätte, für Lilly Hartley´s „informierend-inspirierende Projekte mit einem sozialen Gewissen“ fördernde „Candescent Films“-Schmiede ein Werk zu erschaffen, bei dessen Konzeption und Umsetzung man ihm (im Falle einer Zusage) angrenzend „freie Hand“ gewähren würde. Da seine Tochter Ximena in ihrer Jugend eine Zeit lang an Essstörungen gelitten hatte, kam ihm jene (zweifelsohne perfekt passende) Thematik geradezu unweigerlich in den Sinn – worauf er sich „ihren Segen“ einholte und sich für das Format eines „Shorts“ entschied, anstelle einer Doku oder eines klassischen „Public Service Announcement“-Spots. Während der kompletten Entstehungsphase stand ihm Ximena fortan engagiert zur Seite – schickte ihm regelmäßig entsprechende Stimmungen vermittelnde Musik und Bilder zu, steuerte eigene Ideen bei und teilte ihm stets mit, wenn ihr irgendetwas „nicht authentisch anmutend“ vorkam. Am Ende eine Laufzeit von knapp sechs Minuten (bis zum Abspann) umfassend, feierte „Likeness“ seine Premiere schließlich im April 2013 auf dem New Yorker „Tribeca Film Festival“…

Eröffnet wird in Gestalt einer akzentuiert stylishen Party, auf der sich verschiedene hippe, schlanke, topmodisch gekleidete und ebenso (von der Schminke und den Frisuren her) zurechtgemachte junge Leute aufhalten, aus deren Reihen im Grunde jeder in irgendeiner Weise berauscht, gelangweilt, geistesabwesend oder sonstwie „weggetreten“ wirkt. Mit pulsierend-kräftigen musikalischen Klängen unterlegt sowie in teils sehr intensive (u.a. rote und blaue) Farbtöne getaucht, bewegt sich die Kamera geruhsam durch mehrere Räumlichkeiten, die eine kühle Atmosphäre ausstrahlen und in denen der Blick des Publikums auf unterschiedliche Individuen und Szenarien fällt, welche in der präsentierten Form auf Seiten des Betrachters sogleich diverse (mitunter kontradiktorische) Empfindungen auslösen. Es wird geraucht, geposed, gestreichelt und geküsst: Künstlerisch schick arrangierte Einstellungen, die mal ins Erotische, gelegentlich jedoch auch ins Unangenehme (Befremdliche, für manche mit Sicherheit gar Erschreckende) hinein tendieren – letzteres ein Resultat einzelner arg magerer Personen, von denen eine etwa (bloß spärlich verhüllt) auf einem Kückentisch liegt, wogegen eine andere nackt und regungslos in einer Truhe neben einer Treppe hockt…

Die Diskussion um „Size Zero“-Models gibt es schon lange – wobei der Grad zwischen einem attraktiven dünnen und einem unschön dürr ausschauenden Körper (generell) meist ein relativ schmaler ist. Wenn physische und/oder psychische Beeinträchtigungen mit ins Spiel kommen, handelt es sich aber um weit mehr als nur eine Frage des Geschmacks. Wir leben in einer Gesellschaft, die in dieser Hinsicht (vorrangig über die Medien) ein ganz bestimmtes „Ideal“ propagiert, welches nur auf weniger als fünf Prozent der Mädchen und Frauen zutrifft – was viele der übrigen einem speziellen (variierend stark ausgeprägten bzw. belastenden) „Druck“ aussetzt, der durchaus zu potentiell tödlichen Erkrankungen (wie zum Beispiel Anorexie oder Bulimie) führen kann. Prieto hat einige der im Rahmen des Einstiegs dargereichten Ansichten bewusst an Fotos angelehnt, welche er und Ximena zuvor in renommierten Hochglanz-Magazinen entdeckt hatten: Sie markieren somit eine Verknüpfung von Images und Botschaften, mit denen sich Konsumenten (Leser, Zuschauer etc.) heutzutage konfrontiert sehen – eingebettet in einer düster-surrealen Kreuzung aus einem „Upper-Class-Teen-Fashionista-Gathering“, einer ungewöhnlichen Underground-Mode-Veranstaltung und einem Werk im Stile David Lynchs…

Erst in der dritten Minute wird preisgegeben, dass sich das Bisherige aus der Perspektive einer Jugendlichen (Elle Fanning) heraus entfaltet hat, welche nun ein Badezimmer betritt, sich in diesem stracks vor den Spiegel begibt sowie Mascara aufzutragen anfängt. Ein paar Sekunden später hält sie plötzlich jedoch inne – sieht sich für einen Moment einfach nur die Reflektion ihres Antlitzes an, welches sich unmittelbar darauf abrupt verändert: Auf einmal besteht ihr Gesicht bloß noch aus groben, uneben an-, über- und miteinander verwachsenen Hautstücken. Tränen bilden sich in ihren Augen, fließen eine ihrer Wangen hinunter – wonach sie damit beginnt, an einigen Rändern der „Fetzen“ zu kratzen und diese dann auch abzureißen: Eine unverkennbar schmerzhafte Angelegenheit. Ihre Schreie gehen einem durch Mark und Bein – bis alles jäh vorüber ist. Verweint betrachtet sie sich erneut: Inzwischen wieder ihr natürliches Aussehen aufweisend, steigt „dennoch“ Übelkeit in ihr auf – weshalb sie hinüber zur Toilette stolpert und sich dort übergibt. Eindringlich, unangenehm beizuwohnen sowie handwerklich achtbar umgesetzt, wird auf jenem Wege die verzerrte Selbstwahrnehmung dieser Heranwachsenden veranschaulicht – und das ebenso ausdrucksvoll wie nachempfindbar…

In der nächsten Szene kehrt sie auf die Party zurück – welche sich nun allerdings gänzlich gewandelt hat: Die eingeschalteten Lampen strahlen ein warmes Licht aus, ein lockerer Pop-Song ist zu hören, die zugegenen Teenager unterhalten sich ausgelassen und sind (seitens ihrer Kleidung, Aufmachung sowie ihres Verhaltens) absolut „normal“. Ein Mädel fragt sie, ob alles in Ordnung sei – was sie (samt eines flüchtigen Lächelns) bejaht. Einem wird klar, dass sich das meiste Vorangegangene strikt in ihrem Kopf abgespielt hat: Resultierend aus ihrer Krankheit (bzw. als Begleiterscheinung dieser) waren ihr die Kids allesamt bedeutend cooler, schlanker, modischer, angesagter (etc.) vorgekommen – wodurch sie sich unwohl und ausgegrenzt fühlte. Keiner der Anwesenden hatte sie beachtet. Eigentlich wollte Prieto jene direkt in die Kamera starren lassen – doch hatte ihm seine Tochter, welche gegen Ende übrigens ebenfalls zu sehen ist, davon abgeraten, da es für Betroffene umso schlimmer sei, wenn sie die Auffassung hegen würden, von allen um sie herum ignoriert zu werden. Demnach war das, was dem Publikum da gezeigt wurde, eine rein subjektive Illustration ihrer beeinträchtigten Psyche…

Weit über die Schule, Freizeit und sozialen Medien hinaus wähnen sich viele (auf ihr Äußeres bezogen) fortwährend kritisch beäugt und beurteilt – etwas, das so auch zweifellos zutreffend ist sowie entsprechende Belastungen hervorzurufen vermag, denen einige (von sich aus) seelisch schlichtweg nicht standhalten können. Hinzu kommt, dass die Schönheit junger Leute (zumindest der vorherrschenden Auffassung nach) eine besondere, unweigerlich jedoch vergängliche Eigenheit ist. Der Abspann verrät, dass die Hauptprotagonisten hier „Mia“ heißt – seit jeher ja eine Kurzform für Bulimie (genauso wie „Ana“ für Magersucht steht). Nachdrücklich werden einem ihre Emotionen (unter ihnen Unsicherheit, Selbstabscheu und Pein) dargeboten – Elle Fanning („Maleficent“) verkörpert sie frei einer Veranlassung zur Klage. Handwerklich hat Prieto bei seinem Regie-Debüt kompetente Arbeit abgeliefert – verzichtete fast vollständig auf Dialoge und konzentrierte sich stattdessen inniger auf angepasste Sound-Kulissen sowie im Gedächtnis verbleibende Bilder. Letzteres war von dem Cinematographer solcher Filme wie „21 Grams“, „Brokeback Mountain“, „Argo“ und „the Wolf of Wall Street“ im Prinzip jedoch zu erwarten…

„Likeness“ ist ein sehenswerter „Short“, der ein brisantes Thema auf eine ungemütlich-reizvolle Weise angeht, im beabsichtigten Sinne Aufmerksamkeit erweckt und dabei bestimmte Klischees auslässt, die des Öfteren mit der Materie in Verbindung gebracht werden. Unabhängig dessen riefen einige Aspekte der Produktion aber durchaus auch kritische Anmerkungen hervor – zum Beispiel dass just zu der Zeit an Essstörungen leidende Personen (angesichts ihrer ungefestigten Verfassung) lieber auf ein Sichten verzichten sollten oder Miss Fanning wohlmöglich „zu hübsch“ für den Part gewesen sei. Es ist auf jeden Fall zu empfehlen, sich diesen bedrückenden sechs Minuten entweder in einem „stabilen Gemütszustand“ oder erst nach dem Überwinden einer solchen Erkrankung zu widmen – ebenso wie sich darüber im Klaren zu sein, dass nicht nur „unattraktive“ Menschen (beider Geschlechter) gefährdet sind. Zudem sollte man sich im Vorliegenden eher kein Happy-End erhoffen – denn obgleich es ihr zuvor tatsächlich ein paar Augenblicke lang ein wenig besser gegangen war, bewegt sich Mia zum Schluss hin erneut (wie in Trance) für sich allein durch die einzelnen Räume der Wohnung: Ihr „innerer Kampf“ ist noch fern von vorüber…

starke

Stefan SeidlLikeness

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Likeness

Copyright der Screenshots/Pics: Candescent Films / Idealogue / Little Minx

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