| Originaltitel: Miami Blues__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1990__Regie: George Armitage__Darsteller: Alec Baldwin, Fred Ward, Jennifer Jason Leigh, Nora Dunn, Charles Napier, Buddy Joe Hooker, José Pérez, Cecilia Pérez-Cervera, Georgie Cranford, Edward Saxon, Obba Babatundé, Matt Ingersoll, Jack G. Spirtos, Raphael Rey Gomez, Tony Paris, Wendy Thorlakson, William Taylor Anderson Jr. u.a. |


„Miami Blues“ ist die Nr. 81 der „Limited Collector’s Edition“-Reihe.
Norman Greenbaum fuzzt seinen Rock-Klassiker „Spirit in the Sky“ in die Stratosphäre, während ein Wolkenfeld vor hellblauem Himmel grenzenlose Freiheit kundtut. Man könnte meinen, da würden nun die ersten Takte eines Feelgood-Streifens angestimmt. Dann aber gleitet die Kamera ins Innere des Flugzeugs und nimmt Alec Baldwin als Fluggast ins Visier. Ausgestattet mit einem Bürstenhaarschnitt, der ihn wie ein gereiztes Stachelschwein wirken lässt, dem man besser nicht zu nahe kommt, haucht er der Stewardess gleich mit seiner ersten Textzeile ein gesalzenes „May I trouble you for a pillow“ ins Ohr; freundlich, aber bestimmt. Man weiß instinktiv: Sie wird nicht die Einzige bleiben, der dieser Kerl Trouble bereiten wird. Wenn er erst einmal festen Boden unter den Füßen hat, ist davon noch eine ganze Menge in weitaus höherer Dosis zu erwarten.
Er zögert dann auch nicht lange, die erste Eskalation noch am Flughafen vom Zaun zu brechen. Ausgehend von einer der merkwürdigsten unabsichtlichen Tötungsmethoden der Filmgeschichte, der Auslösung eines Schocks durch das Brechen von Fingern, schickt sich „Miami Blues“ dazu an, sämtliche Noten immer ein wenig versetzt zu spielen, damit aus einer leichten, wenn nicht sogar seichten Florida-Komödie ein nachdenkliches, wenn nicht sogar tiefsinniges Schurken-Portrait wachsen kann.

Fein essen gehen mit dem feinsten Ausgeh-Zwirn.
Ein Hauch von Elmore Leonard breitet sich jedenfalls genau in diesen schiefen Zwischentönen aus, insbesondere gemäß seiner leichteren Stoffe wie „Schnappt Shorty“ (1995), „Be Cool“ (2005) und „Out of Sight“ (1998). Und tatsächlich, auch „Miami Blues“ basiert auf einer Romanvorlage. Es handelt sich um eine aus der Feder von Charles Willeford, den man durchaus in einem Zuge mit Leonard nennen würde. Nicht nur ihres Tätigkeitsfeldes im Bereich der Kriminalgeschichten wegen, sondern weil sie ihre kantigen Hauptfiguren mit individuellen menschlichen Zügen ausstatten und oftmals dazu mit düsterem Humor versehen; nur dass die Eigenschaften von Willefords Figuren vielleicht noch einmal eine Spur angeschrägter ausfallen.
Die nicht minder skurrile Einführung von Fred Ward als klassischer Serial-Ermittler – Willeford schrieb mehrere Romane über seine Figur Hoke Moseley – steht derjenigen Baldwins nicht nach. Gemeinsam bedienen sie zwar das klassische Noir-Muster des charismatischen Gauners, dem ein hartnäckiger Ermittler auf den Fersen ist, doch es sind nicht diese Muster, an denen sich die Adaption primär interessiert zeigt, sondern die Macken und Eigenarten der Charaktere dahinter. Fred Ward („Remo“), der permanent mit seinem Gebiss hantiert und etliche Dialogzeilen mit nacktem Zahnfleisch nuscheln muss, definiert sich praktisch über den Fall Frederick „Junior“ Frenger (aka Baldwin) und vernachlässigt darüber seine eigene Existenz, während Baldwin sich seinerseits den lieben langen Tag durch unüberlegtes Handeln vor seiner Identitätskrise zu verstecken scheint: Fügt er sich nun dem Schema des Outlaws auf der Flucht vor dem Gesetz, oder wird er sich für den Pfad des rechtschaffenen Mannes entscheiden, auf den Frau, Haus und Garten warten?

Es gibt immer einen noch verrückteren Fisch im Teich.
Jennifer Jason Leigh („The Hateful 8“) schmiegt sich als nicht ganz so helle Studentin mit Nebenberuf Prostitution nahtlos in diese Konstellation ein. Einerseits ist ihre Susie Waggoner ein eigenes klassisches Abziehbild, indem sie als eher passives Medium zwischen den beiden Alphatieren vermittelt und Kommunikationspfade erzeugt. Und doch staunt man am Ende, wie viel der Film nicht nur über seinen Protagonisten und dessen Jäger aussagt, sondern vor allem auch über sie, trotz der Objektifizierung, der sie sich angesichts des gewaltigen Raums ausgesetzt sieht, den Baldwins Figur für sich beansprucht.
Und so gärt die Handlung eben im Alltagstrott der Einwohner Miamis vor sich hin. Die hübschen und auch weniger hübschen Fleckchen des Schauplatzes werden abgeklappert, während sich das Katz- und Mausspiel langsam auf das Offensichtliche zuspitzt. Alec Baldwin („Clear Cut“) ist mal mit gekaufter Wasser-Maschinenpistole, mal mit geklauter Polizeimarke unterwegs, dreht die Rollen von Gesetzeshüter und Outlaw auf links und definiert sich über sein schizophrenes Verhalten als unentschlossener Gestaltwandler mit Identitätskrise, damit Leigh mit den Mitteln einer nüchternen Beobachterin das Puzzle lösen und zu seinem menschlichen Kern vorstoßen darf.

Fred Ward will sich ja ganz bestimmt nicht aufdrängen, aber…
Das ist im Ablauf immer ein Stück weit durchschaubar, aber meist recht charmant arrangiert und manchmal im Detail doch wieder überraschend. Regisseur George Armitage, der sein bestes Timing wohl unzweifelhaft 1997 mit „Grosse Pointe Blank“ unter Beweis stellte, vermag es durchaus, diesen Blick des zugrundeliegenden Autoren für das Einzigartige der Figuren aus den Klischees zu schälen, auch wenn es nie dazu kommt, dass tatsächlich auch der Plot mal im Kern in eine unvorhergesehene Richtung abbiegt.
Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass „Miami Blues“ als eher modernistische Trivialerzählung im Sinne einer Taschenbuch-Novelle angelegt ist, die man zu sommerlichen Temperaturen auf der Terrasse am Meer durchkauen und mit frischen Eselsohren versehen würde. Wenn man Ward mit Halskrause durch die Straßen wanken sieht, Jack Nicholsons und Humphrey Bogarts Schatten aus „Chinatown“ beziehungsweise „Die schwarze Natter“ immer dicht hinter ihm, dann weiß man, dass die Noir-Anleihen hier mit Haut und Haar gelebt werden.
Entsprechend gestaltet sich auch die Optik und die Ausstattung des Films. Teilweise mit sprödem Auge in den abgehalfterten Vierteln gefilmt, die auf keiner Postkarte landen würden, setzt sich doch immer wieder ein stimmungsvoller Orangeton vom sich anbahnenden Sonnenuntergang durch und hüllt die Gesichter der Darsteller in ein Licht, das angesichts der zunehmend unkontrollierten Jagd fast tröstlich wirkt. Die Kontinuität der Handlung, die sich durch etliche große Zeitsprünge auszeichnet, in denen ganze Beziehungen vertieft, Lebensentwürfe geändert und auch mal schwere Verletzungen auskuriert werden, vermittelt etwas völlig Zeitloses, als könne sich nicht einmal das Schicksal entscheiden, was es für einen Ganoven wie Frenger vorgesehen hat. Einige Passagen könnten dadurch gehetzt wirken, andere wiederum ziellos, wie Zwischenepisoden, die einfach dazu gedacht sind, zu zeigen, wie der kriminelle Geist tickt.

So arbeitet nur die Miami Police.
Dabei merkt man spätestens auf der Zielgeraden, dass jeder Handgriff mit Bedacht dafür angewandt wird, die Charaktere näher zu beschreiben… was beileibe nicht ausschließlich auf die Hauptfigur zutrifft. „Miami Blues“ zehrt durch und durch von den angenehm verschrobenen Darstellungen des Dreiecks Baldwin / Ward / Leigh, vor allem dahingehend, dass sie nie völlig dem Standard aus dem Lehrbuch entsprechen. Aber eben immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass sie sich trotz allem stark an diesen Standard anlehnen, ihn im Ansatz auch verkörpern, um ihn dann mit individuellen Entgleisungen zu personalisieren. Mag sein, dass die Handlungsknoten schon mit dem Einsetzen des Abspanns wieder zu verblassen beginnen, aber man hält doch schließlich inne und fragt sich, wie viel Mensch im Stereotyp des Gauners mit Herz steckt.
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Informationen zur Veröffentlichung von „Miami Blues“
Limited Collector’s Edition #81
Aus dem MGM-Paket, das in der jüngeren Vergangenheit bereits mehrfach als Schatzkiste für Wicked Vision diente, stammt auch diese Endachtziger-Frühneunziger-Perle, die in Deutschland nicht unbekannt sein dürfte. Nachdem die Videotheken mit mehreren VHS-Auflagen bedient worden waren, veröffentlichte das Studio im Jahr 2004 in Eigenregie die erste deutsche DVD zum Film, die zwar keine Extras zu bieten hatte, aber dafür das korrekte Bildformat und fünf verschiedene Sprachoptionen im 2.0-Surround-Modus aufwies. 2012 folgte dann nochmal eine weitgehend identische Neuauflage in Kooperation mit 20th Century Fox. Während die Erstauflage noch das rote 18er-Siegel trug, konnte die Zweitauflage von der Abstufung auf FSK16 profitieren.
Nur drei Jahre später kam es in den USA über Shout! Factory zur Blu-ray-Premiere, die den Hauptfilm mit einem von MGM bereitgestellten neuen 2K-Scan präsentierte und neben dem Trailer ein Interview-Feature mit Alec Baldwin und Jennifer Jason Leigh zu bieten hatte.
Im Frühjahr 2023 erschien dann in Großbritannien über Radiance Films eine weitere Blu-ray. Auch diese nutzte ein von MGM bereitgestelltes Master, womöglich das gleiche wie die US-Disc von Shout; allerdings wurde das in London ansässige Unternehmen Silver Salt Restoration damit beauftragt, an diesem Master zusätzliche Restaurationsarbeiten vorzunehmen, insbesondere um weitere Schmutzpartikel zu entfernen.
Auch die deutsche Blu-ray-Premiere von Wicked Vision ist nun bereits eine Weile auf dem Markt; seit September 2024 genauer gesagt. Es steckte aber laut Label-Angaben eine schwere Geburt dahinter. Insbesondere bei der Außenpräsentation soll es zu vielen Einschränkungen und Auflagen gekommen sein, so dass „Miami Blues“ letztlich nicht, wie ursprünglich geplant, in einer neuen „Signature Collection“ verarbeitet werden konnte, die explizit als Nicht-Mediabook-Reihe konzipiert war, sondern in die „Limited Collector’s Edition“-Bestandsreihe integriert wurde.
Somit wurde es also doch wieder ein Mediabook, und an dessen Gestaltung kann man bereits grob erahnen, welche Art von Restriktionen hier eine Rolle gespielt haben könnten. Im Gegensatz zu den meisten anderen Titeln der Reihe beschränkte man sich diesmal nämlich auf zwei verschiedene Motive, die außerdem beide keine gezeichneten Neuanfertigungen sind, sondern auf bekannte Originalposter zurückgreifen.
Die Verpackung
Das als Muster vorliegende Cover A kennt man noch aus alten VHS-Tagen – und genau ein solches Feeling verströmt es auch. Die leicht unscharfe Portraitansicht Alec Baldwins im Creme-Anzug, der sich mit Colt und Polizeimarke ausweist, bedeckt samt Kopf und Schulterpartie fast die komplette Fläche und lässt nur im oberen linken Eck etwas schwarze Fläche frei. Recht ungelenk sind auf der linken Seite dann noch zwei „Ausweisfotos“ von Fred Ward und Jennifer Jason Leigh einkopiert, die wie Engelchen und Teufelchen auf Baldwins rechter Schulter hocken.
Dies könnte einer der wenigen Fälle sein, in denen das Cover mit FSK-Flatschen fast noch hübscher aussieht, denn der auf der Folie angebrachte Aufkleber mit Flatschen, Limitierungsangabe (444 Stück) und Inhaltsbeschreibung bringt durch sein kräftiges Lila den benötigten Farbtupfer in die Mischung – und verdeckt Engelchen und Teufelchen effektiv. Die einzigen moderneren Elemente sind die Darstellernamen am oberen Rand und der Titelschriftzug; das Layout sieht damit doch etwas frischer aus als auf der VHS. Das Finish der Oberfläche ist in Hochglanz gehalten, was mit der schwarzen Fläche und dem verwaschenen Motiv nicht übermäßig gut harmoniert. Auf der Rückseite bekommt man das übliche Untereinander aus Inhaltsangabe, filmhistorischer Einordnung, Screenshot-Collage, Credits, Infoboxen und EAN-Code mit gewohnt kompetentem Layout.

„Miami Blues“ erschien in zwei Mediabook-Varianten zu je 444 Stück.
Dahingehend bietet Cover B eine etwas andere Herangehensweise. Hier ist der Info-Teil des Backcovers nämlich nur als Deckblatt aufgelegt. Auf dem Buchrücken selbst verbirgt sich zusätzliches Artwork in psychedelischem Pink-Blau, das einen fast nahtlosen Übergang über den Spine zum Frontcover erlaubt, auf dem das Motiv abgebildet ist, das auch Radiance für die UK-Blu-ray nutzte. Das macht im Gesamtbild gleich ein gutes Stück mehr her als das verwaschene A-Cover. Das knallige Pink des Titels und des Anzugs von Baldwin ergibt einen schrillen Kontrast zu dem Mitternachtsblau, und die Raumaufteilung, die Baldwin in Schussposition ebenso wie Filmtitel und Credits in einen kleinen Block am unteren rechten Eck verbannt, sorgt für eine reizvolle Betonung des abstrakten Hintergrunds, der an die Werbetafeln auf den Geschäftsmeilen Miamis angelehnt ist. Auch diese Ausgabe wurde übrigens mit einer 444er-Limitierung versehen.
Auf dem Cover des Booklets bekommt man nochmal eine weitere Ansicht Baldwins, der diesmal mit freiem Oberkörper seine Waffe hält und zielt – eine Szene aus dem Film, die über das lila-pinke Klischee einer Straße Miamis mit Palmen und Bauwerken im quadratischen „Tropical Modernism“-Baustil kopiert wurde. Eine witzige Idee ist es, dass Fred Ward zur Linken des Booklets von der DVD aus seinerseits mit der Waffe auf Baldwin auf dem Booklet zielt. Auf dem Innendruck des Mediabooks ist er nochmals in lockerer Pose im Hawaiihemd abgebildet, auf der anderen Seite gilt selbiges für Baldwin mit Strohhut, Kippe und Hand in der Hosentasche, wohingegen er auf dem Backcover des Booklets mit Jennifer Jason Leigh für ein kitschiges Pärchenfoto posiert.
Das Booklet
Christoph N. Kellerbach hat die 24 Seiten dazwischen zu füllen und beginnt nach einer Einleitung erst einmal mit einem fetten, halbseitigen Spoiler-Hinweis in Weiß-Pink. Zumindest den dreiseitigen Abriss zum Leben des Romanautoren Charles Willeford kann man sich gegebenenfalls auch vor Filmgenuss noch durchlesen, dürfte die Lektüre von dessen bewegtem Leben doch dazu beitragen, die Figurenanlagen im Film noch besser zu verstehen. Es geht dann weiter mit der Produktion des Films, den Spekulationen um den Regieposten mit Jonathan Demme, bevor dessen Freund George Armitage den Job mit Demmes Unterstützung annahm. Thema ist auch das Gedankenkarussell rund um die Besetzung, bei der etwa ein Fred Ward keineswegs die Rolle annahm, die von Anfang an für ihn angedacht war.
Auch Kameramann Tak Fujimoto darf man natürlich nicht unerwähnt lassen. Anschließend geht es um die Unterschiede zwischen Buch und Film – spätestens hier sollte man natürlich die Spoiler-Warnungen ernst nehmen. Bei der Veröffentlichungshistorie berücksichtigt Kellerbach die Trendwellen der 90er und macht an ihnen die Momente des Erfolgs und Misserfolgs von „Miami Blues“ im Speziellen und Armitages Gesamtwerk im Allgemeinen fest. Mehrere halb- und ganzseitige Stills bringen etwas Farbe auf die dunklen Seiten, die mit lila Palmen verziert sind und leuchtend blaue Seitenzahlen haben.
Das Bild
Was das verwendete Bildmaster angeht, sind nicht allzu viele Informationen gesichert. In der Ankündigung des Labels war lediglich vage von der „deutschen HD-Premiere“ die Rede. Somit ist nicht vollständig klar, ob auf das alte Shout-Master oder die neuere Bearbeitung durch Radiance zurückgegriffen wurde. Zumindest die Bitrate lässt auf Letzteres schließen. Während diese nämlich bei Shout bei etwa 21 Mbps lag, hält die Wicked-Vision-Disc meist einen Schnitt von 35 Mbps, was entsprechenden Messungen der Radiance-Scheibe aus Internetquellen entspricht. In jedem Fall überzeugt das Bild insbesondere durch seine leuchtenden Farben, die das vollständige Eintauchen in die Atmosphäre der Kulisse ermöglichen. Verschmutzungen fallen kaum auf, es sei denn, man spricht über diejenigen der weniger hübschen Viertel der Stadt, denn diese werden ebenso hervorgehoben wie die magischen Augenblicke, so dass man zu dem Schluss kommen kann, dass der Transfer über eine breite Palette verfügt, die das Setting von allen Seiten akkurat abzubilden weiß.
Der Ton
Während Radiance traditionell dem Linear-PCM-Format zugetan ist, nutzt Wicked Vision fast immer DTS-HD Master Audio. Auch „Miami Blues“ bildet keine Ausnahme von dieser Regel. Sowohl der englische O-Ton als auch die deutsche Synchronisation liegt in diesem Format vor. Beide bieten einen sehr räumlichen Stereo-Soundtrack, der es versteht, Miami zu einer überaus lebhaften Kulisse zu machen. Erwartungsgemäß klingt der englische Ton noch einen Hauch dynamischer, der deutsche Ton muss sich hier aber keineswegs verstecken. Die Besetzung der Synchronisation ist eher unauffällig, aber effektiv. Gerade Dorette Hugo, die man vor allem mit Jennifer Garner konnotiert, gelingt es, die kindliche Tonlage Jennifer Jason Leighs authentisch nachzustellen, ohne sie zur Comicfigur geraten zu lassen.
Der Audiokommentar
Eingeordnet wird der Hauptfilm mit einem Audiokommentar des eingespielten Doppels aus Dr. Kai Naumann und Laurent Ohmansiek, das inzwischen soweit ist, sich als „Ein Doktor und kein Halber“ vorzustellen. Und wer schon mal einer Konversation der Beiden zugehört hat, weiß, dass ihr Nerdtum hundertprozentig ansteckend ist. Die Bandbreite der Themen, das Bewusstsein für inhaltliche Nuancen, aber auch für Interpretationen ist einmal mehr bemerkenswert. Zum Einstieg werden erst einmal die Noir-Grundpfeiler festgeklopft, doch kaum ist die Handlung warmgelaufen, wird der Besprechungsgegenstand selbst nach allen Regeln der Kunst seziert, bis sämtliche Handlungsdetails vollkommen entschlüsselt sind – und das mit einer Freude am Sujet, derer wegen man gerne über die volle Laufzeit am Ball bleibt.
Dass dabei mitunter auch mal einer Kritiker-Größe wie Roger Ebert widersprochen wird, zeugt davon, dass man hier mit der eigenen Meinung nicht hinterm Berg halten will. Dass der Kommentar nicht mehr ganz taufrisch ist, merkt man letztlich an einem Kommentar zum Schusswaffen-Vorfall beim Dreh des Westerns „Rust“, der zu jenem Zeitpunkt frisch in den Medien war und damals juristisch noch nicht ganz aufgearbeitet war. Zu Recht wird darauf hingewiesen, dass „Miami Blues“ mit diesem Hintergrund eine unangenehme Komponente bekommt, weil Baldwin hier eben praktisch durchgehend damit beschäftigt ist, zuerst zu schießen und dann zu fragen.
Die Extras
Bei den übrigen Extras handelt es sich um eine Kollektion der gesammelten Werke der Blu-rays aus dem Ausland. Das Interview mit Alec Baldwin und Jennifer Jason Leigh (26 Min.) ist eine Leihgabe der 2015er US-Disc von Shout und dürfte der äußeren Erscheinung der beiden Darsteller nach zu urteilen auch zu jener Zeit entstanden sein. Auch wenn der Menüpunkt anderes suggeriert, sind die Beiden nicht etwa in einem gemeinsamen Interview zu sehen, vielmehr handelt es sich um einen Zusammenschnitt zweier Sitzungen, die getrennt voneinander stattgefunden haben. Inhaltlich geht es hauptsächlich darum, wie die Schauspieler die Motivation ihrer Rolle interpretieren und wie sie miteinander agiert haben, wobei natürlich viele Handlungsdetails verraten werden.
Allzu tiefgründige Gedanken kommen dabei nicht zustande, vieles klingt nach Promotion, obwohl die Interviews immerhin ein Vierteljahrhundert nach dem Film entstanden sind und daher sicherlich etwas mehr Substanz möglich gewesen wäre. Ein übermäßig hoher Anteil der Laufzeit besteht zudem lediglich aus eingespielten Filmsequenzen. Andererseits ist es auch nicht ganz selbstverständlich, dass sich zwei Stars dieser Größenordnung so viele Jahre später noch einmal bereiterklären, über ihre alten Filme zu sprechen – da hat man in der Vergangenheit schon Verweigerung kleinerer Stars bei bei größeren Filmen gesehen.

Von oben nach unten: Jennifer Jason Leigh, Alec Baldwin, Maxim Jakubowski und David Jenkins im Gespräch.
Mehr in die Tiefe geht es dafür im 2022 von Radiance produzierten Interview mit Maxim Jakubowski (11 Min.). Der Autor und Kritiker geht im Detail auf die Besonderheiten in den Kriminalromanen von Charles Willeford ein und vergleicht sie mit der Verfilmung, wobei er zum Schluss kommt, dass George Armitage den Ton des Autoren überaus gut trifft, obwohl ganze Plotstränge anders arrangiert sind. So sei der Hara-Krishna-Anhänger, der in der Eröffnungsszene das Opfer von Juniors Unbeherrschtheit wird, im Roman der Bruder von Jennifer Jason Leighs Figur gewesen. Weil sich aber eben auch Willeford weniger um die kriminalistischen Details als um die psychopathologische Analyse der Figuren kümmere, treffe Armitage die Vorlage durch die Betonung der Verhaltensweisen und den bizarren Humor sehr gut.
Das Interview mit David Jenkins (11 Min.) ist von einem ähnlichen Schlag, nur dass es bei ihm weniger um Willeford, sondern mehr um Armitage bzw. den gesamten Ablauf der Produktion geht. Jonathan Demme spielt in der Betrachtung eine wichtige Rolle, vor allem dessen Komödie „Gefährliche Freundin“ (1986) wird aus offensichtlichen Gründen als Vergleichsobjekt angesetzt, um zu veranschaulichen, was die Vision Armitages war, der von Demme maßgeblich bei dem Projekt unterstützt wurde. Beide Radiance-Interviews sind im Gegensatz zum Baldwin-Leigh-Feature eher im filmwissenschaftlichen Stil produziert – ohne Musik, mit neutralem Hintergrund und einem Fokus auf die essenziellen Bausteine der Produktion und ihrer Ursprünge.
Oben drauf kommt noch das Promopaket, bestehend aus dem smart geschnittenen Kinotrailer, einem Videotrailer, der den Film als „All-Star Thriller With A Comic Edge“ bewirbt, sowie vier TV-Spots, deren Ton so klingt, als wäre er durch die Wand vom Fernseher des Nachbarn aufgezeichnet worden. Dass die Videos in Qualität und Format dem Material des Hauptfilms entsprechen, lässt darauf schließen, dass die Trailer und Spots vollständig aus dem restaurierten Material neu zusammengeschnitten wurden. Dazu kommt noch eine großzügige 9-Minuten-Bildergalerie mit allerhand Postern, Stills und Promo-Fotos, unterlegt mit ausgewählten Stücken des Soundtracks, angeführt natürlich von Norman Greenbaums „Spirit in the Sky“.
Fazit
Wer grundsätzlich mit noirigen Krimi-Komödien etwas anfangen kann, macht mit dieser Edition jedenfalls nicht viel falsch: „Miami Blues“ ist launig, eignet sich aber auch für nachdenkliche Momente und wird hier gemeinsam mit einem Paket recht vielseitiger Extras samt neuem Kommentar und Booklet würdig präsentiert und in allen Facetten beleuchtet. Das läuft auch zwei Sommer nach Veröffentlichung noch gut rein. Bei Wicked Vision direkt ist die Veröffentlichung inzwischen allem Anschein nach ausverkauft. Zweithändler sollten ihn noch führen. Allerdings verpasst ihr dort das hübsche Set an Postkarten, das der Bestellung im Wicked-Vision-Shop als Goodie beilag.

Um diese Postkarten zu verschicken, müsst ihr nicht extra nach Miami fliegen.
Sascha Ganser (Vince)
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