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Possum

Originaltitel: Possum__Herstellungsland: Großbritannien__Erscheinungsjahr: 2018__Regie: Matthew Holness__Darsteller: Sean Harris, Alun Armstrong, Simon Bubb, Andy Blithe, Joe Gallucci, Pamela Cook, Raphel Famotibe, Ryan Enever, Charlie Eales u.a.

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Das Poster zu “Possum”

The New Uncanny: Tales of Unease“ lautet der Titel einer Kurzgeschichtensammlung, zu der Matthew Holness vor einigen Jahren seinen Beitrag leistete und somit den Grundstein setzte für seine vorliegende Regiearbeit. Sigmund Freuds Essay „Das Unheimliche“ dient der Anthologie als thematischer Kompass; im Wesentlichen bestand die Aufgabe der Autoren also darin, das Vertraute zu nehmen und aus seinen Zügen etwas Unvertrautes zu modellieren, das den Ursprung des Bekannten in seinen Grundzügen verzerrt. Im Gegensatz zur Kurzgeschichte gelingt dies der Verfilmung nun weniger mit Worten als vielmehr mit einer fast endlosen Verschachtelung symbolischer Antipole. Eingebettet in monotones Grundrauschen gleiten sie still am Faden der Spiegelflächen entlang und blicken dabei stets ihrem unheimlichen Zwilling ins Antlitz.

Beutelratten im lexikalischen Sinne kommen in „Possum“ keine vor, wohl aber eine bizarre Marionette, die in einer Ledertasche aufbewahrt wird. Als dämonische Verkörperung gleich zweier Ängste, der Automatonophobie und der Arachnophobie, bestimmt sie das gesamte audiovisuelle Design, noch bevor sie überhaupt erstmals in Erscheinung tritt. Die verstimmten Saiten eines Pianos imitieren tastende Spinnenbeine, der Bass dunkler Bläser den buschigen dicken Körper, der sich durch die Dunkelheit bewegt und nur das blasse Leuchten des Puppenkopfes erahnen lässt. Grobes, vergilbtes Filmkorn lässt den abgeblätterten Putz der schäbigen Behausung der Hauptfigur auf jedem Quadratzentimeter tanzen, als wäre die ganze Luft durchsetzt mit winzigen Arachniden. Die stilisierte Titeleinblendung lässt das Schmuddelkino der 70er wieder aufleben, die oft minutenlange Abwesenheit von Sprache wiederum erinnert eher an die Stummfilmzeit; unterbrochen wird sie lediglich von Kinderreimen, die sich wie Texttafeln zwischen die elegischen Aufnahmen schieben, in denen Hauptdarsteller Sean Harris (“Mission Impossible: Fallout“) oft einfach nur in verkrümmter Haltung in der Landschaft steht und versucht, die Geister seiner Vergangenheit von sich zu schütteln.

Die Symbolwirkung der acht Beine

Wie in Cronenbergs „Spider“ oder Villeneuves „Enemy“ wird die Silhouette der Spinne damit zu einer allumfassenden Präsenz. Sie spannt sich über die karge Handlung wie ein Schirm, der fortan sämtliche Muster dominiert. Die vom australischen Odd Studio kreierte Puppe, so abstoßend sie auch wirkt, muss deswegen gar nicht stets wie der klassische Antagonist in einem Horrorfilm inszeniert werden. Es reichen zwei, drei beklemmende Momente, in denen sie eine ruckartige Bewegung vorwärts macht oder ihren hässlichen Kopf hinter einem Türrahmen hervorlugen lässt. Holness kann es sich leisten, sie an anderer Stelle auch als normale Requisite zu banalisieren. Wenn die Streicher selbst mit massiver Verzögerung gegenüber dem visuellen Jump-Scare-Einsprung doch noch die Fingernägel über die Tafel kratzen lassen, funktioniert das immer noch – und unterstreicht die eingeschlichene Normalität, die in einem plötzlichen Anfall von Geistesklarheit auf einmal zur unerträglichen Horrorsituation mutiert.

Die Puppe jagt ihren Puppenspieler permanent durch dieses Uncanny Valley, indem sie sich manchmal transparent als tote Hülse aus Latex, Fiberglas und Kunstharz zeigt, um in Schlüsselmomenten auf unterschiedlichste Weise Leben eingehaucht zu bekommen – durch beklemmende Egoperspektiven, durch Teilausschnitte, Montagen, Schattenwurf oder verhüllende Gegenlichtaufnahmen. Nicht zuletzt jedoch durch die frappierende Ähnlichkeit zu ihrem Spieler, wenn sich Beide im Seitenprofil Auge um Auge gegenüberstehen. Und die Umgebung wirkt wie eine Verlängerung der Spinnenbeine, insbesondere in der Wurzel des Baums im Wald, dessen Äste sich vom Boden aus in alle Himmelsrichtungen fortbewegen und aus dessen Schoß heraus sich die Tasche öffnet und den Kopf zum Vorschein kommen lässt.

Wagt einen Blick in die Tasche von “Possum”

Der Grund aber, weshalb man noch lange nach Sichtung des Films mit seinen Bildern beschäftigt ist, sind nicht einfach die Bilder selbst; es ist ihre symbolische Verknüpfung zum Inhalt. Parallel zum Kinderreim erzählt ein Bildband aus Kohlezeichnungen unter dem Schleier eines verwitterten Grimm-Märchens die schmerzhafte Geschichte des Protagonisten. Es ist eine Geschichte des Missbrauchs, der seine Samen weiterträgt und das Unvorstellbare zur neuen Vertrautheit gerinnen lässt. Panel für Panel erklärt sich die Zusammensetzung der Marionette, bis deutlich geworden ist, warum sie den Kopf ihres Schöpfers als wächsernes Totengesicht trägt. Es ist keine beliebige Kreatur, die bloß Abscheu freisetzen soll, dahinter steckt eine sorgsam ausgearbeitete Auseinandersetzung mit dem Konzept des Unheimlichen, die auf den ersten Blick betont simpel wirkt und im Nachgang doch einen Gedankenzug in Gang setzt: Wo beginnt das Monströse, wo endet die Menschlichkeit?

Sean Harris begegnet der Herausforderung, die sich aus den Subtexten des Drehbuchs ergibt, mit einer autistischen Performance, mit der er sich selbst zu verschlingen scheint. Die Armhaltung hängend, die Fäuste nach innen gekrümmt und die Lippen zu einem faltigen O nach innen gestülpt, nutzt er seinen vollen Körper, um den mental instabilen Philip seiner achtbeinigen Kreation anzunähern. Verglichen mit einem Kevin Bacon, der in „The Woodsman“ als stigmatisierter Pädophiler ähnlich verstohlen am gesellschaftlichen Rand balancierte, ist Harris’ Figur bereits inniger der Umarmung der Dunkelheit ausgeliefert und der gesellschaftlichen Normalität praktisch uneinholbar enteilt, weshalb es sich auch eher um einen psychologischen Horrorfilm als um ein reines Drama handelt. Dass es ob der betont expressionistischen Darstellung von Harris nicht zur One-Man-Show kommt, weiß nur Alun Armstrong (“Split Second“) zu verhindern. Der wichtigste Nebendarsteller wird eher unauffällig im toten Winkel eingeführt, um dann aber mit vollem Spektrum mal von Mitleid geplagt, dann von dämonischem Sadismus gepeitscht die Bälle zurückzuschlagen.

“Possum” wirkt lange nach

Natürlich merkt man „Possum“ seine Kurzgeschichten-Ursprünge an. Gewisse Orte, darunter eine Brücke auf freiem Feld, ein Waldstück, die Schule und das unwirtliche Heim, werden wiederholt besucht. Dabei unternimmt Philip immer wieder den gleichen vergeblichen Versuch, den ungeliebten Begleiter aus dem eigenen Leben zu entfernen. Gerade mit der Wiederholung wird jedoch eine hermeneutische Spirale in Gang gesetzt, mit der die Gestaltwerdung der Kreatur aus der Tasche nicht einfach nur schlüssig erklärt wird, sondern auch eine symbolische Dichte erhält, die dem Komplex psychologischer und gesellschaftlicher Auswirkungen von Kindesmissbrauch gerecht wird. So einfach die symbolische Verkleidung mit ihrem Puppenkopf und ihren acht Beinen auch wirken mag; die Facetten lauern in der verstörenden Ähnlichkeit zur Realität.

8 von 10

„Possum“ wartet hierzulande noch auf eine Veröffentlichung. In Großbritannien erschien jedoch über Bulldog Film Distribution bereits eine DVD sowie eine Blu-ray. Letztere bildet die Grundlage dieser Besprechung. Das in 1,85:1 gehaltene Bild überzeugt mit seinem stark körnigen Transfer und seinen kränklich braunen Farben, die perfekt zur transportierten Stimmung passen. Selbiges kann man über den atmosphärischen Score sagen, der in der englischen Originaltonspur im Format DTS-HD Master Audio 5.1 ordentlich Druck hinterlässt; Harris wimmernde Monologe bleiben im Vergleich mit der Soundkulisse gewollt leise, aber jederzeit verständlich. An Bord ist außerdem eine englische Audiodeskription in DD 5.1, die sehr stimmungsvoll eingesprochen wurde und immer die passenden Worte findet, um die Handlung effizient, aber kunstvoll zu transkribieren.

Als Bonusmaterial gibt es einen Audiokommentar mmit Regisseur Matthew Holness und Cinematographer Kit Fraser. Enthalten ist außerdem eine Artwork-Galerie mit Postern und den im Film präsentierten Kohlezeichnungen sowie der Kurzfilm „A Gun For George“ aus dem Jahr 2011, bei dem es sich um Holness’ erste Regiearbeit handelt. Unter dem Strich eine sehr schöne Veröffentlichung, die bereits für relativ kleines Geld zu bekommen ist.

Bildergalerie zum Film

Possum

Die spärliche Ausleuchtung lässt das Zuhause der Hauptfigur äußerst unwirtlich erscheinen.

Possum

Die Geschichte der Hauptfigur wird über Kohlezeichnungen im Stil düsterer Märchen angedeutet.

Possum

Wir kennen es von etlichen Mafiafilmen: In Ledertaschen warten stets große Überraschungen, aber die wenigsten sind von der angenehmen Art.

Possum

Matthew Holness macht exzessiven Gebrauch von symbolischen Bildern.

Possum

Ein Exemplar aus der Familie der Zaunweber.

Possum

Alun Armstrong weiß die Drehbuchanweisung “teuflisch grinsen” beängstigend gut umzusetzen.

Possum

Wenn man in seinen Kindheitstraumata herumbohrt und aus Versehen auf Öl stößt…

Possum

So einen Schatten möchte man nicht an der Wand sehen, wenn man nachts aufwacht.

Sascha Ganser (Vince)

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Copyright aller Filmbilder/Label: Bulldog Film Distribution__FSK Freigabe: BBFC15__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja / Ja (UK only)

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