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Schwarm der Schrecken

Originaltitel: La Nuée__Herstellungsland: Frankreich__Erscheinungsjahr: 2020__Regie: Just Philippot__Darsteller: Suliane Brahim, Nathalie Boyer, Sofian Khammes, Victor Bonnel, Marie Narbonne, Raphael Romand u.a.

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Schwarm der Schrecken Cover

Das französische Originalposter von “Schwarm der Schrecken”

Welchen Einfallsreichtum Titelschreiber doch walten lassen, wenn sie versuchen, die Sofaschrecke in Schwärmen an die Streaming-Schreibe zu bannen. „Schwarm der Schrecken“, das klingt in seiner aufreizenden Doppeldeutigkeit wie einer dieser sensationsgierigen Filmtitel, mit denen man die Öko-Horrorfilme der 70er zu etikettieren pflegte. Damals waren es allerdings hauptsächlich Bienen („Killer Bees“, 1974; „Der tödliche Schwarm“, 1978) und Ameisen („Phase IV“, 1974; „In der Gewalt der Riesenameisen“, 1977), die als gesichtslose Summe von Einzeltieren über die Kinosessel niedergingen.

Auch Heuschrecken sind im Kino fast immer in Schwärmen unterwegs. Der Monsterfilm „Beginning of the End“ schickte zwar 1957 noch mikroskopisch vergrößerte Riesenexemplare in Tradition von „Formicula“ vor, ansonsten treten die Insekten jedoch meistens als raunende Wolke aus schwarzen Partikeln auf. Anders als ihre Öko-Kollegen sind sie dabei normalerweise im Auftrag der Bibel unterwegs. Das gilt für tatsächliche Bibelverfilmungen à la „Exodus“ ebenso sehr wie für konventionelle Horrorfilme, die ihre Inspiration letztlich ebenfalls aus der Bibel ziehen; „The Reaping“ (2007) etwa oder „Heuschrecken – Die achte Plage“ (2005). Jenseits solcher Werke lässt sich die Heuschrecke im Allgemeinen äußerst selten nieder.

Jegliches Wissen um die Geschichte des Tierhorrors oder um die spezifische Rolle der Heuschrecke darin ist allerdings im vorliegenden Fall eher hinderlich, falsche Erwartungen könnte sie sogar schüren. Der französischen Produktion scheint wenig daran gelegen, sich an Genre-Traditionen zu binden oder sie zu reflektieren. „Schwarm der Schrecken“ zeigt sich vielmehr interessiert am bitteren Einzelschicksal einer kleinen Familie, auf das die Bilder und Geräusche entfesselter Heuschreckenschwärme als Allegorie einwirken.

Natürlich ist dadurch auch diesmal die Heuschrecke nicht das Monster, um das sich alles dreht, sondern lediglich Bote des Monströsen. So gesehen bleibt Regisseur Just Philippot mit seinem ersten Langspielfilm der biblischen Deutung treu. Die Geschichte spielt sich irgendwo in einer Provinz in Südfrankreich ab, umgeben von Wiesen und Feldern, dem natürlichen Element der hungrigen Schädlinge, die einzeln harmlos, in Scharen jedoch zu einer akuten Gefahr für das Landgut werden können. Im Film werden sie zunächst entgegen ihrer eigentlichen Natur als Lösung für Versorgungsengpässe präsentiert, als reichhaltige Proteinquelle nämlich, die sich zur Weiterverarbeitung eignet. Im Mittelpunkt steht eine alleinerziehende Mutter (Suliane Brahim), die auf ihrer Farm unter kontrollierten Bedingungen eine Heuschreckenzucht betreibt, um sich selbst und ihre beiden Kinder (Marie Narbonne und Raphaël Romand) über die Runden zu bringen.

Der ausführlich erzählte Alltag mit all seinen beruflichen und privaten Rückschlägen lässt insbesondere das erste Drittel zum lupenreinen Drama werden. Je mehr aber die Mutter die Kontrolle über ihr Leben und ihre Arbeit verliert, desto stärker fordern die Horrorfilm-Konventionen ihren Tribut. Das Zirpen wird ohrenbetäubender und die Schatten flackern unruhiger, je dünner die Schicht des Zelts wird, unter dem die Tiere gezüchtet werden und das sie von der Freiheit unter offenem Himmel trennt. Nachdem sich die ersten Risse gebildet haben, ist der irreversible Prozess in Gang gesetzt, mit dem die Katastrophe ihren Gang nimmt.

Es ist eine Verwandtschaft spürbar zu Vertretern des Phantastischen Horrors, in denen sich der Geisteszustand der Hauptfigur über wimmelnde Kreaturen manifestiert, die durch eine Wand zu brechen drohen; ob damit nun die vielen Edgar-Allen-Poe-Adaptionen gemeint sind, in denen das Böse hinter einer Maske der Unschuld lauert, oder einfach ein Seth Brundle, der vor dem Spiegel steht und beobachtet, wie die Merkmale eines Fliegengesichts nach und nach die menschlichen Fragmente aus dem Antlitz schieben. Die Verwandtschaft bleibt jedoch in einem metaphysischen Stadium verhaftet, denn nichts dergleichen geschieht nun in diesem Film tatsächlich auf der Leinwand.

Im Gegenteil, Philippot entscheidet sich, obgleich er immerhin von blutgierigen Heuschrecken erzählt, für einen visuellen Stil von betont realistischer Anmutung. Diverse Close-Ups und Detailaufnahmen der Insekten in hochauflösendem HD lassen sogar das Flair einer Naturdokumentation entstehen. Sekundenlang beobachten wir einzelne Exemplare dabei, wie sie mit ihrem eigenartig pferdeähnlichen Kopf an Wunden saugen, während die kleinen Mundwerkzeuge ihre mechanischen Bewegungen fortwährend wiederholen, oder auch, wie sie ihre Flügel gegen die Schrillkante reiben und dadurch den Soundtrack des Films erzeugen, der hauptsächlich aus Stille oder tosendem Lärm besteht.

Die Close-Ups werden in der Totalen mit wuselnden Einstellungen kontrastiert, in denen trotz der ruhigen Kamera von einem Stillleben keine Rede sein kann. Die Eigenschaften der Art, die biologisch zu den R-Strategen zu zählen und daher reich in der Anzahl ist, werden im Ansatz mit Vielseitigkeit und wissenschaftlicher Präzision beschrieben. Der Anspruch scheint darin zu bestehen, sich so weit wie möglich vom B-Kino fernzuhalten, das grundsätzlich gerne Fakten dehnt, überzeichnet oder neue Fakten dazu erfindet, um für den Zuschauer attraktiv zu bleiben.

Schaut in den Trailer von “Schwarm der Schrecken”

Der Sprung ins Genre-Kino, er bleibt jedoch angesichts der Prämisse alternativlos, und als er dann endlich stattfindet, möchte er nicht so recht gelingen. Wann immer sich das widernatürliche Treiben der Insekten als blutiges Ergebnis zumindest einige Sekunden lang auf dem Bildschirm offenbart, fühlt man sich auf einmal im falschen Film. Die blutig zugerichteten Leichen von Tieren und Menschen, bedeckt mit den zahllosen Missetätern, die sich noch mitten im Akt der Zerstörung befinden, fühlen sich an wie aus dem falschen Film rezitiert, denn Philippot bietet eigentlich keine Grundlage, aufgrund derer man solche Überzeichnungen der Natur akzeptieren würde. Der Regisseur scheint sich des Problems bewusst zu sein und lässt sich erst spät und dann auch nur selten darauf ein, Effekthascherisches zu präsentieren – was wiederum zu dem Problem führt, dass für einen Horrorfilm zu wenige Schlüsselbilder geboten werden.

Lieber arbeitet er sich am psychologischen Profil seiner Figuren ab, wobei er zumindest auf gute Leistungen seiner Darsteller zählen kann. Suliane Brahim macht die Verzweiflung im Umgang mit ihren Kunden und den Kindern durchaus greifbar und weiß ein Gefühl der Ohnmacht zu vermitteln, Privates und Geschäftliches in Einklang zu bringen und dabei den Kopf über Wasser zu halten. Auch Marie Narbonne füllt ihre Rolle mit Leben, wenngleich es sich das Drehbuch manchmal ein wenig zu einfach macht, ihre rebellischen Eigenschaften als Katalysator für die Eskalation der Geschehnisse zu missbrauchen.

Raphaël Romand bleibt als Jüngster der Familie im Vergleich etwas blass, zumal er ab einem gewissen Zeitpunkt ohne weitere Erklärung ein wenig ungelenk aus der Handlung genommen wird. Zwischen Brahim und Narbonne ergibt sich derweil das Problem, dass sich die Erzählperspektive im Wesentlichen auf zwei prägnante Charaktere aufteilen muss, was für den Ansatz, die aufberstenden emotionalen Abgründe einer überforderten Mutter zu thematisieren, eher hinderlich ist. Der insgesamt nicht uninteressante Subplot um den Umgang der Tochter mit Gleichaltrigen bleibt dadurch unterentwickelt und auch bei der Mutter hat man das Gefühl, nicht bis auf den Grund ihres Inneren geschaut zu haben.

Spannung kommt immerhin auf, als die Heuschrecken im Schlussakt schließlich völlig entfesselt sind und der Schwarm beängstigend gezielte Formationen annimmt, um seine Opfer in Begleitung des scheppernden Sounddesigns ins Visier zu nehmen. Dennoch fühlt sich der Showdown im Halbdunkeln der Dämmerung in letzter Konsequenz seltsam gehemmt an. Manches könnte dabei den Budgetgrenzen geschuldet sein, teilweise fehlt aber auch der kreative Funken für den finalen Paukenschlag. Der Abspann kommt deswegen plötzlich und unerwartet. Die abrupte Schwarzblende scheint als Statement gedacht zu sein, ihre Wirkung verpufft jedoch in einem Gefühl der Leere, das sich anstatt eines angepeilten Gefühls der Erkenntnis einstellt, als die ersten Namen eingerollt werden.

Diese Stimmung unmittelbar vor dem Abspann eignet sich als Indikator dafür, wie gut oder schlecht die vorhergehenden 100 Minuten gelungen sind. „Schwarm der Schrecken“ liefert Unmengen an Potenzial; die nicht allzu häufig im Horrorfilm eingesetzte Heuschrecke findet als geflügelte Plage im wegbrechenden Fundament einer vaterlosen Farmerfamilie einen nahrhaften Boden. Leider verwendet der realistisch aufgezogene Grundton Bauteile mit Kompatibilitätsproblemen, die darin resultieren, dass weder der Drama- noch der Horrorpart völlig aufblühen können. Wäre der Überschneidungsbereich zwischen diesen beiden Polen breiter angelegt, hätte man auf beiden Seiten womöglich tiefer eintauchen können.

5 von 10

„Schwarm der Schrecken“ ist seit Anfang August 2021 über Netflix abrufbar, inklusive deutscher Synchronisation. In seinem Heimatland Frankreich wird der Film im November in einem Blu-ray-DVD-Set veröffentlicht. Über eine deutsche Veröffentlichung auf einem physischen Datenträger ist momentan nichts bekannt.

Bildergalerie

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