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Stranglehold

Originaltitel: Stranglehold__Entwickler: Midway Chicago in Zusammenarbeit mit John Woo__Erscheinungsjahr: 2007__Vertrieb: Midway Games__Synchronsprecher: Chow Yun-Fat, Mark Dacascos, John Woo u.a.
Stranglehold

Chow Yun Fat und Mark Dacascos ballern sich durch Stranglehold unter der Regie von John Woo

Wenn es um Geld geht, ist die Videospielindustrie furchtbar berechenbar, denn sich vom Erfolg eines hoch gehypten Sommer-Blockbusters aus Hollywood eine dicke Scheibe abzuschneiden, lassen sich die Videogame-Firmen keinesfalls entgehen. Gerade um jenen Film erfolgreicher zu machen, folgt, meist sogar vor der Filmpremiere das dazugehörige Spiel, um den Gewinn ordentlich anzukurbeln. Dass solche Konvertierungen meist niederer Qualität sind, beweisen vor allem Ableger alter Tage wie “Terminator 2”, “Cliffhanger” oder “Home Alone” (lol). Heute, wo die Industrien mit modernster Technik ausgestattet sind, hat sich das zwar gebessert, doch Meilensteine sind die “Spiderman”, “Incredibles” oder “sonst was” Spiele nach wie vor nicht. Ausnahmen wie das hervorragende “Goldeneye” fürs N64 bilden da natürlich auch eine Ausnahme. Neuerdings etabliert sich aber nun langsam aber sicher der Trend alte Filmklassiker virtuell wiederzubeleben, wie zum Beispiel “Scarface” oder “Godfather”.

Und auch “Stranglehold” kommt nicht von irgendwoher, sondern ist die inhaltliche Fortführung von John Woos damaligen (1992) Abschiedsgeschenk an Hong Kong, “Hard Boiled”. Es ist das Ergebnis eines großen Filmregisseurs, der zusammen mit seinem Lieblingsschauspieler Chow Yun-Fat wieder zu alter Form finden wollte, und zugleich dem Anspruch einer Videospielfirma ein absolutes Ausnahmespiel zu entwickeln. Na das hört sich doch nun wirklich tausendmal besser an, als die News, dass rechtzeitig zum Start von “Transformers” “Transformers : The Game” erscheine…

Nein, “Stranglehold” ist etwas weitaus größeres; tatsächlich stellt das von John Woo präsentierte Spiel die teuerste Videospielproduktion aller Zeiten dar und stößt damit “Shenmue” vom Thron. Die 30 Mio US-Dollar verpulverte Midway für hochkarätige Videosequenzen, die mit einem beachtlichen Detailgrad glänzen, aber noch viel mehr für die eigentliche Spielmechanik und die ungeheure Interaktivität im Gameplay. Das Mastermind hinter all diesen Ideen ist aber natürlich John Woo himself, der ja seit Jahren keinen nennenswerten Erfolg im Filmbusiness verbuchen kann. Um also wieder zu alter Form zu finden, lag nichts näher, als an den Erfolg und die Qualität von “Hard Boiled” anzuknüpfen.

Stranglehold

Beworben wie ein Actionfilm, das Actiongame Stranglehold.

Inhaltlich gesehen ist “Stranglehold” ein wahrhaftiger “Hard Boiled 2” (und eben nicht “Just Heroes”), wo der Zuschauer bzw. Spieler einen knallharten Cop Tequila serviert bekommt; noch härter, noch kompromissloser, noch waghalsiger und vor allem, noch cooler. Der virtuelle Chow Yun-Fat sieht seinem lebenden Vorbild verblüffend ähnlich, selbst das angepisste Gesicht und folgende Gesichtszüge wurden sehr fein herausgearbeitet, sodass man schon manchmal wirklich vergisst, es lediglich mit einem von Texturen überzogenen Polygon zu tun zu haben. “Stranglehold” knüpft jedoch nicht an die Story seines Vorgängers an, sondern erzählt eben die neuesten Abenteuer des Ausnahme Cops Tequila. Ein Polizist wurde getötet, außerdem wurde Tequilas Ex-Frau entführt, die Russen Mafia steckt dahinter, doch auch die Triaden haben ihre Finger im Spiel…

Der reine Wahnsinn, was einem da an Story aufgetischt wird, doch das war bei dem Spiel auch nie die Idee gewesen; sowohl Midway als auch John Woo ging es um die Realisierung neue Maßstäbe setzender Actionsequenzen. Und hier zeigt “Stranglehold”, wie ein Actionspiel auszusehen hat. Es sind nur wenige Sekunden zwischen dem Beginn des Spiels, und der ersten Konfrontation mit aus der Ecke auftauchenden Gegnern, die prompt auf euch losschießen. Und schon zücke ich die Waffen und ballere drauflos. Ein kurz eingeblendeter Hilfsscreen gibt mir den Tipp, per Knopfdruck zur Seite zu hechten; selbiges tue ich, und plötzlich schaltet die Framerate ein paar Gänge runter, und ich habe die Möglichkeit, in Slowmotion gezielt auf empfindliche Körperteile zu schießen. Ich durchstreife die dreckigen, von Gangstern überschwemmten Gassen Hong Kongs, schieße, hechte, springe und rutsche über alle möglichen Hindernisse in Zusammenarbeit mit der “Tequila Time” und denke mir dabei: “Wie geil ist das denn?” Die Möglichkeit, während den Gunfights locker über sämtliche Tische, Theken, Kisten oder sonst was zu rutschen, macht ein Problem wett, mit dem man in anderen Shootern immer wieder konfrontiert wurde; beim “strafen” bleibt man irgendwo stecken, kommt schwer aus dieser “Sackgasse” heraus, und wird schließlich umgenietet; Tequila dagegen lässt sich von solchen Hindernissen nicht aufhalten.

Was Tequila in “Hard Boiled” konnte, kann Tequila in “Stranglehold” noch besser; nun kann er an Geländern wie Vin Diesel in “Triple X” (nur ohne Tablett) schießend hinunter sliden, an Seilvorrichtungen mit bloßer Hand hinunterrutschen und unbeschadet aus jeder Höhe, völlig egal ob am Ende eine Treppe oder harter Beton warten, Hechtmanöver ausführen. Wer es richtig anstellt, kann sogar die Treppen rückwärts schießend hinunterrutschen, genauso wie in “A better Tomorrow 2”. Die heutige Technik macht es möglich die Ästhetik eines von John Woo choreographierten Shootouts in einem Videospiel haargenau, wenn nicht sogar besser aussehen zu lassen. Der Detailgrad, was die Interaktivität mit der Umgebung angeht, ist verschwenderisch hoch. Türen und umgeworfene Tische können nach Belieben an verschiedenen Stellen durchsiebt werden. Vasen und Wassermelonen zerplatzen kunstvoll während ihr in Deckung geht oder über Theken rutscht. Säulen werden Stück für Stück zerschossen. Man kann sogar einer herabhängenden Sau einige Fetzen wegschießen und der ganze Müll bleibt auch an Ort und Stelle liegen.

Stranglehold

Ein Alternativcover für die Collector’s Edition von “Stranglehold”.

Es ist wahrhaftig ein ganz neues Erlebnis im Videospielbereich in solch fetzige Shootouts versetzt zu werden, wo es wirklich an allen Ecken und Enden kracht, und nichts aber auch gar nichts vor Bleikugeln sicher ist, und dabei entweder zersplittert, zerplatzt oder explodiert, während ihr in dieser Wahnsinnshektik die coolsten Manöver ausführt und gleichzeitig umherballert.

Mit Realismus hat das alles dann auch noch viel weniger zu tun als in den alten John Woo Filmen. Da ist es dann auch egal, wenn der Spielfigur einige Upgrades und Fähigkeiten beschert werden, die erreicht werden können, wenn man während der Gunfights besonders stilvolle Bewegungen und präzise Schüsse ausführt. Die Sterne, die da als Belohnung winken, enden in solch hilfreichen Upgrades wie einer “Health-Notreserve”, die eingesetzt werden kann, wenn die Lebensanzeige kurz davor ist, leer zu werden, dann gibt’s noch einen Präzisionsschuss, der Tequila ermöglicht, das eigene Auge als kurzzeitiges Snipervisir zu verwenden, sowie zwei lustige, höchst offensive Angriffstechniken, die es ermöglichen, in hoher Frequenz um sich zu ballern, ohne dabei Schaden nehmen zu können. Tja der Powerstern aus der “Super Mario” Franchise hat sich eben bis heute bewährt.

Jetzt könnte man meinen, das Spiel übertreibe maßlos. Damit hat man auch generell Recht, doch auch “Stranglehold” hat so seine Grenzen. Wo das Spiel innerhalb der Kulissen schier uneingeschränkte Verunstaltungsmöglichkeiten bietet, muss eben an anderen Stellen straff gespart werden. Denn die Unreal Engine 3.0 ist nun doch nicht die Engine der unbegrenzten Möglichkeiten. Das Spiel ist strikt linear, die Möglichkeit längere Wege wieder zurückzugehen, gibt es nicht (ebenso wenig einen Grund dafür). Türen schließen sich automatisch nach dem Betreten von neuem Terrain (das sind zugleich Kontrollpunkte an denen sich das Spiel automatisch speichert – sehr schön), größere Erkundschaftungen sind nicht nötig, denn die detailfreudigen Kulissen sehen nach mehr aus, als sie sind. Man kann also nicht erwarten in jede Tür einzutreten oder wirklich jedes Geländer zu beklettern, wobei man diesbezüglich auch schon recht viel Freiraum geboten bekommt. Die größte Einschränkung jedoch, und das nehme ich dem Spiel eigentlich gar nicht so übel, ist die Tatsache, dass unser Held nur zwei verschiedene Waffen mit sich tragen kann.

Es liegt tonnenweise von dem Zeug auf den Boden, seien es normale Pistolen, Shotguns, Sturmgewehre oder Uzis. Das alles kann an Ort und Stelle aufgesammelt werden, die aktuelle Waffe wird dafür aber weggeworfen, kann aber natürlich auch wieder aufgesammelt werden. Das soll aber nicht stören, denn generell unterliegt man nie einer großartigen Munitionsknappheit. Das passiert nur dann, wenn man sich wirklich doof anstellt, und für diese Leute ist das Spiel aber auch gar nicht gemacht. Es ist für Leute, die bereits Erfahrung mit Shootern wie “Max Payne” oder “Duke Nukem” gemacht haben. Die können sich hier austoben. Natürlich bestehen die Levels nicht immer daraus, einfach alle anströmenden Gegnerscharen so stilvoll wie möglich auszuschalten. Nein, hier kommen die Plotpunkte ins Spiel, die etwas Abwechslung bringen sollen. So muss Tequila zum Beispiel in Tai O mehrere Drogentische zerstören und an strategisch wichtigen Stellen Sprengstoff anbringen. Außerdem darf der Spieler einmal aus der Ego Perspektive vor einem Sturmgewehr in einem quer durch Tai O fliegenden Helikopter (mit fester Fluglaufbahn) sitzen und ballern was das Zeug hält.

Das war es dann aber auch leider schon wieder, was die Gameplay-Vielfalt betrifft. Ruhepausen werden einem eigentlich gar nicht gegönnt. Und wenn doch, dann liegt das daran, dass neue Gegner erst dann auftauchen, wenn auch der letzte Drogentisch in die Luft gejagt wurde. Im Tai O habe ich mich tatsächlich einige Male verlaufen, denn diese unübersichtliche Dorfbucht ist wahrhaftig ein kleines Labyrinth. Das ist dann aber auch schon alles was einem an „Rätseln“ gegönnt wird. Meistens geht es auch nur darum, die Schwachstelle eines Gerüstes zu finden und durch einen präzise platzierten Schuss zu Fall zu bringen, um sich somit neue Wege offen zu halten.

Ansonsten ist man ständig mit den höchst spektakulären Gunfights konfrontiert und hat dabei mächtig viel um die Ohren. Während die Story diese mehr oder weniger sinnvoll miteinander verknüpft. Diese sieht es übrigens – ähnlich wie in “A Better Tomorrow 2” – auch vor, unseren Helden vorübergehend in den USA (Chicago) kräftig mitmischen zu lassen, um ihn anschließend wieder nach Hong Kong zurückzuschicken, um in einem Finale im Hauptquartier der Gangster die endgültige Rechnung zu begleichen. Manchmal ist es wirklich erstaunlich, wie das Untersuchen eines Mordfalls an einer einzigen Person so Hunderte von Leichen mit sich zieht…

Stranglehold

Wundervoll überinszeniert: Chow Yun Fats virtuelles Abbild.

Apropos Leichen, diese sterben auch in der deutschen Fassung nicht unblutig, so dass sich die Actionszenen als wahrhaftig Heroic Bloodshedig erweisen. Dazu donnert ein wuchtiger Soundtrack durch die Boxen, in brillantem 5.1 Sound. Der Score ist wirklich aller erste Sahne und schmiegt sich hervorragend den spannenden Kämpfen an; überall hört man Stimmen, fluchende Chinesen, die euren Tod wollen. Man fühlt sich so ein bisschen an “Resident Evil 4” erinnert. Das alles schafft zusammen mit der realistischen Grafik das perfekte Kinofeeling und macht das Spiel eben auch für Zuschauer, die gute Action sehen wollen, äußerst schmackhaft.

Zwischen den Actionszenen gibt es selbstverständlich auch die bereits erwähnten Videosequenzen, wo die Figuren zur Abwechslung nicht die Waffen, sondern das Mundwerk sprechen lassen, und hier kommt nun auch Chow Yun-Fat als Synchronsprecher zum Einsatz, zur Freude aller westlichen Fans in Englisch; auch Mark Dacascos ist mit an Bord (der keine eindeutig zugeschriebene Rolle hat) und selbstverständlich auch John Woo, hier als Barkeeper.

Damit fühlt man sich immer wieder an John Woo’s großen HK-Film erinnert, selbst Tequilas Drinkmix-Szene wurde hier wieder verwendet. Die anderen, die noch keinen HK-Woo gesehen haben, können sich mit “Stranglehold” ein eindrucksvolles Bild davon machen, was der gute Johnny in frühen Tagen so geleistet hat. Ehrlich gesagt handelt es sich sogar rein actiontechnisch um John Woo’s beste Regiearbeit, denn was hier optisch geboten wird, ist wirklich gigantisch und an kunstvoller Ästhetik und brachialer Dynamik kaum noch zu toppen. Aber es ist eben auch ein A-Game mit B-Story. Diese schafft es dank des mageren Drehbuchs nicht, genügend ruhige Szenen in das Spiel zu integrieren, schon gar nicht in die Spielszenen. Es ist die Mischung aus ruhigen Phasen (die eine höhere Portion Dramatik mit sich führen, und auch mal das Köpfchen des Spielers beanspruchen) und den darauffolgenden Actionszenen, die ein Gesamtmeisterwerk ausmachen. In dieser Hinsicht ist “Stranglehold” recht einseitig, und kann evtl. auch an Reiz verlieren, wenn einer mit dieser Anhäufung eines Übermaßes an Action nicht zurecht kommt. Alle anderen mögen darin ein astreines Arcade Game sehen, das auch nach mehrmaligen Durchspielen immer wieder gut für Zwischendurch ist.

Wie oben angeführt gibt es das Game für Xbox 360, PS3 und PC, wobei man bei letzterem 14GB Festplatten Speicher bereithalten muss und auch sonst so mit dem technisch Höchstentwickelten ausgestattet sein sollte, um das Game mit Maus und Tastatur genießen zu könnnen. Ich jedenfalls spiele sowas nach wie vor lieber auf Konsole. Wer Englisch doof findet, kann das Spiel auch auf deutsch “genießen” mit einer äußerst grausigen Stimme für Chow Yun Fat… Ansonsten ist das Spiel “uncut”, aber eben auch ab 18, denn das Blutvergießen nimmt hier teilweise echt unappetitliche Dimensionen an…

© Sir Jay

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Copyright aller Filmbilder/Label: Midway__FSK Freigabe: ab 18__Geschnitten: Nein__Plattformen: Xbox 360, PS3 und PC

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