| Originaltitel: Tour de Pharmacy__ Herstellungsland: USA__ Erscheinungsjahr: 2017__ Regie: Jake Szymanski__ Darsteller: Andy Samberg, Daveed Diggs, Orlando Bloom, Freddie Highmore, John Cena, James Marsden, Jeff Goldblum, Danny Glover, Dolph Lundgren, Nathan Fielder, Maya Rudolph, Kevin Bacon, Jon Hamm, Lance Armstrong, Julia Ormond, Mike Tyson, Will Forte, Joe Buck, Adewale Akinnuoye-Agbaje, Chris Webber, Phylicia Rashad, J.J. Abrams, Edgar Wright, … |

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„Tour de Pharmacy“ ist eine rund 39-minütige „HBO: Legends of Sport“ Mockumentary von Teleplay-Autor Murray Miller und Regisseur Jake Szymanski, welche 2017 einen indirekten Nachfolger zu ihrer ähnlich gelagerten 2015er Faux-Tennis-Doku „7 Days in Hell“ markierte. Dieses mit Interviews und Archiv-Aufnahmen prall gefüllte TV-Special beschäftigt sich mit einem weitreichenden (fiktiven) Doping-Skandal, der die Prestige-trächtige Tour de France des Jahres 1982 überschattet hatte: Damals wurden nämlich nahezu alle Teilnehmer disqualifiziert, nachdem herauskam, dass Union Cycliste Internationale Präsident Ditmer Klerken (Kevin Bacon) jedem Fahrer im Vorfeld angeboten Schrägstrich zugesagt hatte, gegen eine Zahlung von 50.000,- Dollar während des Wettkampfs nicht auf unzulässige Substanzen getestet zu werden. Klerken’s Hintergrund bzw. Motiv: Knapp $16 Millionen an Kreditkarten-Schulden bei einer finnischen Bank. Nur eine handvoll Athleten hatten ihm keinen Scheck ausgestellt…
Als das Ganze aufflog, wurde entschieden, dass jene 5 die Tour allein unter sich ausmachen durften: Der Italiener Juju Pepe (Orlando Bloom), dem der Sieg am meisten zugetraut wurde, der Österreicher Gustav Ditters (John Cena), der es zuvor in nur ein paar Monaten geschafft hatte, zig Kilos an Muskelmasse aufzubauen, Slim Robinson (Daveed Diggs), seines Zeichens der Neffe des berühmten Baseball-Players Jackie Robinson, dessen Bestreben es war, das Rennen als erster Afroamerikaner überhaupt zu gewinnen, der für Nigeria startende Marty Hass (Andy Samberg) sowie der ein Geheimnis hütende Franzose Adrian Baton (Freddie Highmore). In der Gegenwart kommen Gustav (Dolph Lundgren), Slim (Danny Glover), Marty (Jeff Goldblum) und Adriana (Julia Ormond) indes nun in einer „Rückschau-Sendung“ über die turbulenten Ereignisse jenes Sommers zu Wort. Letztere hatte sich „verkleiden“ müssen, da nur Männer zugelassen waren – und Juju war tragisch aus dem Leben geschieden…
„Tour de Pharmacy“ ist unverfroren, albern sowie für ein weder anspruchsvollen noch subtilen Humor erwartendes Publikum eine absolut köstliche Angelegenheit. Inmitten des Irrsinns sind die satirischen und parodistischen Elemente aber durchaus findiger Natur: Man hat es mit keiner strikt „platten Witz-Parade“ zu tun – sondern u.a. mit einem belustigenden Angehen klassischer Tropes derartiger Shows und Bericht-Erstattungen. Einem werden Infos über den Sport sowie Impressionen der betreffenden Ära geboten, Zeitzeugen erzählen ihre Storys und Experten äußern sich – worüber hinaus der Skandal an sich ja durchaus auf gewissen Tatsachen beruht; schließlich ist allgemein bekannt, dass die Nutzung unerlaubter Methoden und Stoffe zur Leistungs-Steigerung in jenen Kreisen ein verbreitetes Problem war, das erst durch die „Festina-Affäre“ 1998 verstärkt in den Blick der Öffentlichkeit geriet. Zudem dürften sich viele noch an die Fälle Lance Armstrong und Jan Ullrich erinnern…
Neben den modern arrangierten Szenen im Jetzt griff Cinematographer Craig Kief (TV’s „the Kids are alright“) auf grainy VHS- und Betamax-Kameras zurück, um mehr als drei Dekaden altes Original-Bildmaterial optisch möglichst „harmonisch“ mit neuem Footage zu verbinden, das an vier Tagen an Locations um Malibu und Santa Clarita herum gedreht wurde. Zur schrillen Achtzigerjahre-Ästhetik tragen derweil eine breite Palette amüsanter Kleidungsstücke, Frisuren und Assessors (á la Spandex, Walkmen, Mützen und Stirnbänder) bei, die Editing-Arbeit Bijan Shams‘, Michael Giambras und Daniel Reitzensteins ist flott sowie Gregory James Jenkins‘ („the Final Girls“) Musik-Untermalung in den richtigen Momenten herrlich cheesy. Sich straff entfaltend, wurden die einzelnen Passagen jeweils gut bemessen – mit nur einer, die ich persönlich wohl minimal gekürzt hätte: Eine Post-Race-Gruppenmassage. Generell ist die Gag-Dichte extrem hoch: Nicht jeder von ihnen landet – die Überzahl allerdings schon…
Stets begleitet seitens des „BBC“-Reporters Rex Honeycut (James Marsden), setzt sich die Tour (mit dem Pulk noch komplett) von Basel aus in Bewegung – doch kommt es bereits kurz danach zu einem Massen-Sturz, als Juju eine sexy Zuschauerin zu begrapschen versucht und dabei seine Balance verliert. Eine ausufernde Prügelei bricht aus – worauf ein Polizist (Will Forte) eine Wasserflasche mit Amphetaminen drin entdeckt und Klerken’s Machenschaften im Folgenden so auffliegen. Fortan sind es die Fab Five, die in Richtung Paris weiterradeln – auch wenn eine Zeit lang keiner von ihnen die Führung übernehmen möchte, um im Windschatten mindestens eines anderen bleiben zu können; was annähernd zu Stillstand führt, bis Gustav’s Roid Rage (mal wieder) hervorbricht und ihn somit ebenfalls ins Visier der Ermittler bringt. Bei einer Razzia in seinem Quartier stellt sich eines Abends dann heraus, dass er Blut-Doping betreibt – und zwar mit dem von Geparden; dem schnellsten Landsäugetier der Welt…
Klamaukig und bisweilen Comic-haft krude, ist „Tour de Pharmacy“ reich an Schimpfwörtern, zeigt unverblümt Dinge wie Oralsex und Penisse, lässt einen regelmäßig schmunzeln oder gar lauthals auflachen und wartet überdies mit zwei amüsanten animierten Sequenzen auf: Eine im 8-Bit-Videogame-Stil und eine, die einem die Funktionen von roten Blutkörperchen erklärt – mit dem Cartoon im Verlauf jedoch in brutale Ausschreitungen zwischen verschiedenen Zelltypen ausufernd. Ein „auspackender“ Ex-Sportler, der beim Interview gern seine Anonymität bewahren will – was aber nicht so richtig klappen mag – wird übrigens allen Ernstes von Lance Armstrong gespielt, den Samberg zur Mitwirkung überreden konnte. Aufgrund seiner sleazy Vergangenheit hege ich darüber persönlich mixed Feelings. Mike Tyson gefiel mir indes prima: U.a. offenbart er, dass er früher eigentlich selbst mal Cyclist werden wollte – bis sein Rad gestohlen wurde, er den Dieb vermöbelte sowie auf diesem Wege zum Boxen kam…
Basketball-Player Chris Webber hat einen spaßigen Cameo-Auftritt, J.J. Abrams („Star Wars: The Force Awakens“) sinniert über französische La-Nouvelle-Vague-eske News-Berichte und lobt die 2022er Crossdressing-Komödie „Juwanna Mann“, als Kommentatoren sind Edgar Wright („Last Night in Soho“) und Jon Hamm („Baby Driver“) mit von der Partie, Will Forte („MacGruber“) wird der aphrodisierenden Nebenwirkung einer ungewollt injizierten Substanz ausgesetzt, Maya Rudolph („Inherent Vice“) ist als Magazin-Redakteurin zu sehen sowie Phylicia Rashad („the Beekeeper“) als Trickfilm-Zeichnerin und Erfinderin der kontroversen „Sesame Street“ Figur Huey Black – während mir Kevin Bacon („the Toxic Avenger“) in der Rolle Klerkens mit am besten gefiel (insbesondere bei einer grandiosen Presse-Konferenz) und Nathan Fielder („the Disaster Artist“) den Chef der Anti-Doping-Agentur wunderbar deadpan portraitiert; speziell beim Präsentieren seiner Drogenerfahrungen-Gemälde…
Die Leads agieren durch die Bank weg prächtig: Orlando Bloom („Black Hawk Down“) als Juju, der dem Publikum u.a. aufzeigt, wie man ohne anzuhalten pinkelt, Andy Samberg („Grown Ups 2“) und Jeff Goldblum („Transylvania 6-5000“) als Marty, welcher Nigeria vertrat, da er dort als Sohn eines Blutdiamanten-Minen-Besitzers (wohlbehütet sowie mit Unmengen an Geld) aufgewachsen war – wofür ihn seine „Landsleute“ (darunter Adewale Akinnuoye-Agbaje aus „Suicide Squad“) absolut nicht ausstehen können – Daveed Diggs (TV’s „Snowpiercer“) und Danny Glover („Flight of the Intruder“) als Slim, der „zwischendurch“ mit einer hübschen Französin (Rebecca Dayan aus „the Neon Demon“) eine Beziehung auf einer Farm einging, sowie Freddie Highmore (TV’s „Bates Motel“) und Julia Ormond („the East“) als Adrian bzw. Adriana, welche mit Marty zu einem öffentlichen Liebespaar wurde – weshalb so mancher sie damals (in Unwissenheit ihres wahren Geschlechts) als Gay Icons feierte…
Lob gebührt unbedingt auch noch John Cena („Heads of State“) und Dolph Lundgren („Aquaman“) als Gustav: Letzterer ruhiger als sein jüngeres, aufbrausendes Ich – beide jedoch mit einem dicken Ösi-Akzent, der nicht nur beim Verwenden der Worte Cheetah und Cheater im selben Satz für Erheiterung sorgt. Als die Athleten begleitender Reporter darf James Marsden („X-Men“) gegen Ende sogar aktiv ins Renn-Geschehen eingreifen: Einer mehrerer Twists in dieser saukomisch-wüsten, kreativ verfassten sowie inspiriert realisierten Story, bei der sich die erkennbaren Einflüsse von Mel Brooks Comedys bis hin zu „Saturday Night Live“-Skits erstrecken sowie die Stars mit viel Elan und Freude bei der Sache waren. Mit seinen nur knapp 40 Minuten ist „Tour de Pharmacy“ recht straff geartet – das Timing im Bereich der Szenen-Abfolgen sowie des gebotenen Slapsticks stimmt und das schiere Volumen der überwiegend gelungenen Gags liefert einem insgesamt ein schön kurzweiliges Vergnügen…
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Hierzulande ist „Tour de Pharmacy“ unter dem furchtbaren Titel „Pharmacy Road“ bei „HBO Max“ streambar.
Stefan Seidl

(© HBO – Home Box Office)
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| Copyright der „Tour de Pharmacy“ Postermotive und Pics: HBO Sports / Murray Miller Ent. / Home Box Office (HBO)__ Freigabe: FSK-12__ DVD/BluRay/Stream: nein/nein/ja |





