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The Visit

Originaltitel: The Visit__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2015__ Regie: M. Night Shyamalan__Darsteller: Kathryn Hahn, Ed Oxenbould, Benjamin Kanes, Peter McRobbie, Olivia DeJonge, Erica Lynne Marszalek, Deanna Dunagan, Jon Douglas Rainey, Dave Jia u.a.
The Visit

M. Night Shyamalan erfindet sich mit “The Visit” neu und entfesselt einen schrägen Mix aus Horror und Komödie.

M. Night Shyamalan hatte mit seinen Streifen „The Sixth Sense“ und „Unbreakable“ einen mehr als erfolgreichen Start in seine große Leinwand-Karriere als Regisseur. Die Filme überzeugten mit einem ganz eigenen Erzählrhythmus und gelungenen dramaturgischen Kniffen, wobei vor allem die Twists der Streifen mitzureißen wussten. In der Folgezeit verstrickte sich Shyamalan aber in dem von ihm selbst geschaffenen Schema seiner Filme. Sie wurden vorhersehbar. Die Twists funktionierten nicht mehr und die Storys mäanderten irgendwo zwischen unfreiwillig komischem Ethnokitsch und verquasten Märchenmotiven. Mittendrin Schauspieler, die wie scheintot durch die Kulissen stolperten und lachhafte Dialogzeilen absonderten. „The Happening“ geriet dahingehend zum grandiosen Tiefpunkt. Shyamalan war abgeschrieben. Mit „The Visit“ erfindet sich der Regisseur nun komplett neu!

Das beginnt schon bei der Technik seines neuen Horrorstreifens. Oder hätte irgendein Shyamalan-Fan tatsächlich jemals geglaubt, dass der Filmemacher mal auf seine durchgeplant wirkenden Bilder zugunsten eines Found-Footage-Ansatzes verzichten würde? Allerdings gibt er hierbei die Kontrolle nicht ganz aus den Händen. Er installiert nämlich eine ambitionierte junge Filmemacherin, die am Ende der Reise gerne einen verwertbaren Film hätte und keine verwackelte Pixelsoße. Von daher darf man sich hier endlich mal auf einen geerdeten und halbwegs normal bebilderten Found-Footage-Film freuen (einige gewohnt dumme „Ich leg die Kamera nicht weg“-Momente hat es aber dennoch).

Dieser erzählt von den Geschwistern Becca und Tyler. Diese reisen zu ihren Großeltern, um ihrer Mutter die Möglichkeit zu geben, mit ihrem neuen Love Interest eine Kreuzschifffahrt zu unternehmen. Das Besondere: Die beiden Kids haben ihre Großeltern noch nie gesehen. Hinzu kommt, dass sich die Mutter der beiden Kinder einst im Streit von ihren Eltern getrennt hatte. Die Ursache dafür hält sie allerdings geheim. Das kitzelt vor allem die Neugier in Becca, die plant, die Woche mit ihren Großeltern in einer Dokumentation zu verarbeiten. Am Ende der Doku soll dann am besten das große Geheimnis gelüftet werden.

Obwohl das erste Zusammentreffen eher kühl verläuft, finden sich die Kinder schnell zurecht im großelterlichen Umfeld. Allerdings geht jeden Abend Seltsames in dem Häuschen der alten Leute vor. Vor allem die Großmutter verhält sich doch sehr seltsam. Wie die Kinder von ihrem Opa erfahren, leide die Oma am „Sundowning“-Syndrom, das sie immer abends „austicken“ lasse. Zwar arrangieren sich die Kids mit diesem Fakt, doch irgendwann nehmen sie sowohl die Oma als auch den Opa nur noch als stete Bedrohung wahr…

The Visit

Becca und Tyler gönnen ihrer Mutter eine Woche “sturmfrei”.

Shyamalan erzählt seine Geschichte geradlinig und ohne große Mätzchen herunter. Keine Substory verwässert den Plot. Langsam, aber stetig baut er eine ordentliche Spannungskurve auf, streut falsche Fährten und arbeitet spürbar auf einen großen Knalleffekt hin. Diesen inszeniert er dann so beiläufig, dass er beinahe ein wenig untergeht, den Story-Fortgang aber dennoch nachhaltig beeinflusst. Nebenher rührt Shyamalan an Urängsten: Die Angst vor dem Altern steht dabei ebenso im Fokus wie der eigentlich undenkbare Moment, in dem sich Familienmitglieder gegen ihre Schutzbefohlenen richten. Shyamalan beweist hier, dass er noch erzählen kann. Zwar bindet er erneut Märchenmotive in seine Handlung an („Becca, kannst du mal in den Ofen kriechen“?), macht dies aber nicht mehr so selbstverliebt wie früher. Vor allem nutzt er diese Momente immer wieder auch für fantastische Humor-Einlagen. Im Gegensatz zu seinen letzten Filmen ist „The Visit“ nämlich aus sich heraus witzig. Man lacht also mit ihm, nicht über ihn. Und das sogar erstaunlich oft.

Darüber hinaus spielt Shyamalan mit Wonne mit dem Medium Film. Lässt seine manchmal etwas zu altklug wirkende Heldin über Filme und deren Mechanismen reden. Nur um dann das, was sie kritisiert oder als überholt ankreidet, in seinem eigenen Film zu zelebrieren. Er schafft sich dadurch eine höchst ironische Metaebene im Bezug auf das Medium Film, was seiner Schnurre weitere humorige Highlights beschert – und obendrein einen vollkommen absurden Soundtrack.

The Visit

Die Kinder reisen zu ihren Großeltern, die sie noch nie zuvor getroffen haben.

Ebenfalls vollkommen neu für Shyamalan mutet die Schauspielführung an. Endlich sitzen seine Stars nicht phlegmatisch in der Ecke herum und faseln lethargisch bedeutungsschweren Schwachsinn. Sie haben auch nicht unterschiedlich dicke Arme oder Alu-Helme auf dem Kopf. Im Gegenteil: Vor allem die Kids wirken erstaunlich lebendig. Dabei ist vor allem Ed Oxenbould mit seinen schrägen Rap-Einlagen und dem gewollt prolligen Habitus, hinter dem er waschechte Neurosen versteckt, ein echter Showstealer. Auch Olivia DeJonge ist als seine Schwester Becca nicht auf den Kopf gefallen und verhält sich als Teenager, der ebenfalls sein Päckchen zu tragen hat, durchaus glaubwürdig. Während Peter McRobbie als Opa der beiden Geschwister eher verhalten agiert, ist dann Deanna Dunagan das Ereignis des Filmes. Vollkommen schmerzbefreit switcht sie bar jedes Peinlichkeitsempfindens zwischen liebenswerter Oma und durchgedrehter Wilder hin und her und verschafft „The Visit“ im Alleingang seine creepysten Momente.

Von denen hat „The Visit“ einige zu bieten. Einige haben sogar höchst verstörende Qualitäten. Hierbei arbeitet Shyamalan sowohl mit lang anhaltenden, sehr bedrohlichen Momenten, haut aber auch einige krasse Jump Scares raus, die punktgenau sitzen. Im Übrigen baute er auch eine kleine Hommage an seinen Produzenten Jason Blum ein. Dessen erfolgreiche „Paranormal Activity“-Reihe zitiert er in einer Szenenfolge überdeutlich. Dennoch rückte der nur 5 Millionen Budget heraus, was man dem an Schauplätzen armen Horrorstreifen ab und an auch anmerkt.

The Visit

Die Familienzusammenführung wird zum puren Horror!

Letzten Endes ist dies also mal ein absolut untypischer Shyamalan-Film. Der versuchte offensichtlich, ganz viel ganz anders anzugehen. Die Story ist geradliniger und weniger verschwurbelt, die Optik ist ein totaler Kontrapunkt zu seinen bisherigen Filmen und auch die Schauspielführung lässt zu keinem Zeitpunkt an einen für den Regisseur typischen Film denken. Die finale Frage jedoch lautet: Haben all diese Kurswechsel auch einen guten Film zur Folge? Jein! „The Visit“ ist nämlich ein extrem angeschrägtes Vergnügen. Die Balance zwischen Coming-Of-Age-Story, den Humoranteilen und den horrorlastigen Elementen gerät mehr als nur einmal aus dem Gleichgewicht und hat recht unrunde Stimmungswechsel zur Folge. Immer wieder schrammt der Film infolgedessen an der Grenze zur Groteske entlang, was einen häufiger ungläubig den Kopf ob des Gesehenen schütteln lässt. Der erdverbundene Ausklang enttäuscht nach der reichhaltigen Anfütterung ein wenig. Zudem verpasst Shyamalan gefühlt die finale große Zuspitzung, was den Eindruck noch verstärkt, dass „The Visit“ trotz effizienter Schocks für einen Horrorstreifen arg harmlos geraten ist. Spannend, unterhaltsam und flott erzählt ist „The Visit“ aber allemal. Nun darf man freilich gespannt sein, wie es mit dem Regisseur weitergehen wird.

Der Film ist ab dem 24. September 2015 in den deutschen Kinos zu sehen und kommt von Universal Pictures International.

In diesem Sinne:
freeman

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Hätte M. Night Shyamalan zum jetzigen Zeitpunkt seiner Karriere Found Footage wie dieses unter der Regie eines Namenlosen einfach nur produziert, hätte sich die Filmwelt wie gewohnt weitergedreht. Für sogenannte „Wunderkinder“, die sich anhand eines Films (oder für das Gros des Publikums sogar nur anhand eines Twists?) einen Namen gemacht haben und nun in aussagelosen Großproduktionen Kinder reicher Eltern promoten, ist es nicht ungewöhnlich, wenn sie jene Art von Low Budget produzieren, das sie selbst nicht mehr drehen könnten. Um Letzteres zu tun, sind sie normalerweise in einer zu pervertierten Lage.

Doch die Filmwelt macht an dieser Stelle endlich mal wieder einen ihrer kleinen Sprünge, wegen denen man Filme überhaupt mitunter wie am Fließband verfolgt. Denn der Inder durchbricht radikal den Kreislauf und legt in konsequenter Linie seinen eigenwilligsten Beitrag seit vielen Jahren vor.

Seit „The Happening“ genauer gesagt, der in einer Mischung mit „Signs“ in etwa die Tonart ausmacht, die nun auch „The Visit“ prägt. Wenn also irgendwo von „Back To The Roots“ gesprochen wird, ist damit definitiv nicht der Durchbruch „The Sixth Sense“ in seiner Feinspurigkeit und kompositorischen Finesse gemeint, sondern lediglich die schlichte Tatsache, dass Shyamalan irgendwie doch noch lebt.

Wenn der junge Tyler (Ed Oxenbould) in einer Szene in seiner Jackentasche kramt und für seine Schwester an der Kamera einen Mittelfinger zum Vorschein holt, so gilt dieser Gruß mitunter auch an die Kritiker, zu denen seit jeher ein angespanntes Verhältnis bestand. Hauptgrund für die Differenzen war meist die obligatorische Plottwist-Mechanik, die zeitweise so unausweichlich war wie Hitchcocks Cameos in seinen eigenen Filmen, mit dem Unterschied, dass Hitchcock die Möglichkeit hatte, sie an den Anfang zu schieben, damit das Publikum nicht nach ihnen suchen würde. „The Visit“ hat nun auch wieder derlei zu bieten, denn in der über alle Stränge schlagenden letzten Nacht im Großelternhaus werden ohne Rücksicht auf die stilistische Linie alle Register gezogen. Doch Shyamalan präsentiert es so achtlos, grobschlächtig und regelrecht trashy, dass die Aussage „Ihr könnt mich alle mal“ mit einem schelmischen Grinsen im Raum steht.

Hätte Shyamalan „The Visit“ nicht als Film-im-Film angelegt, bei dem jede kinematographische Handlung der ungewöhnlich bewanderten Rebecca (Olivia DeJonge) ein Verweis auf sein eigenes Handeln als Regisseur darstellt, hätte der schnittruhige, distanzschaffende, beobachtende Stil seiner frühen Arbeiten (insbesondere „Unbreakable“) ebenso gut zum Szenario passen können: Das abgeschiedene, halb im Schnee versunkene Haus böte reichlich Motive, um dem Drama ebenso wie dem Horror in auskomponierten Bildern eine ideale Präsentationsbühne zu geben. Gerade in den ersten Szenen wirkt die Regie im Gegensatz dazu unästhetisch, spontan, die Motive beiläufig und austauschbar, so wie es eben für den Mockumentary-Ansatz typisch ist (insbesondere wenn eine Teenagerin die Feder führt). Dass Shyamalan selbst auf dem Regiestuhl sitzt, macht sich erst im späteren Verlauf bemerkbar, etwa beim perspektivisch spannenden Interview mit Rebecca auf der Landstraße oder auch jenem mit der Großmutter (Deanna Dunagan).

Krasse Humorspitzen lassen allerdings ohnehin regelmäßig die Spannung einbrechen. Der Regisseur agiert hier wie ein Sprengmeister, indem er intensiven Suspense, den er teilweise mühsam in einer ganzen Kette von Szenen aufbaute, in kontrollierter Form, aber mit unvermeidlichem Krawall wieder zum Einsturz bringt. Schon früh und zentral baut er einen Garant für den Humor in Form des Jungen ein, der bereits bei der Autofahrt zum Bahnhof frauenfeindliche Äußerungen in Anlehnung an die Rapkultur von sich gibt, die ihn offenbar stark geprägt hat – was aus dem Munde eines 14-Jährigen insbesondere bei der Art der Inszenierung komisch wirkt; eine Komik, die im späteren Verlauf noch mit eigenwilligen Freestyle-Flows über Ananas-Stürzkuchen und andere Instant-Themen gesteigert wird. In diesen Momenten steht „Signs“ klar Pate, der auch schon diese Art dusseliger, situationsbezogener Comedy bot, allerdings nicht ganz so offensiv damit umging wie nun „The Visit“. Gleiches gilt aber auch für den Horror: Es ist jener der hysterischen, irrationalen Art, wobei ganz klar Deanna Dunagan das Bild prägt, indem sie einmal als liebevolle Großmutter auftritt, die köstliche Plätzchen mit gerösteten Nüssen backt, dann als geifernde, kichernde, kotzende und krabbelnde Grusel-Oma, die von den Hexen-Vorbildern über Kubricks „Shining“ bis hin zum J-Horror (der ja sogar thematisch passt, weil er sich im Kern mit den Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Traditionalismus und Moderne befasst) alles abdeckt. Peter McRobbie tritt als Großvater passiver in Erscheinung und erweckt mit seiner tumben Holzfäller-Erscheinung vor allem Erinnerungen an Protagonisten aus Serienkillerfilmen, etwa „Deranged“ mit Roberts Blossom.

Hinsichtlich des Themas ist der Spagat zwischen Jump Scares und Relieved Laughter ohnehin passend gewählt, verbindet sich bei dem Ausflug zu den Großeltern, die den Kindern aus familiären Gründen bislang nie vorgestellt wurden, die Lust am Abenteuer mit dem Unbehagen aus dem Unbekannten. Das in der Regel liebevolle Verhalten typischer Bilderbuch-Großeltern wird bis auf den Grund analysiert und soweit überzogen oder verdreht, dass es gruselig erscheint. Schon am Tage verwirren die alten Menschen ihre jungen Gäste mit seltsam anmutenden Verhaltensweisen, die über Umwege jedoch erklärbar erscheinen und oft erst durch die Musikuntermalung unheimlich wirken. Die mehr oder minder beliebig erscheinende 9:30-P.M.-Grenze, die Tag von Nacht abnabelt, bringt zusätzliche Spannung ein, indem sie nächtliche Streifzüge durch das Haus als verboten markiert und die Verantwortung für das weitere Schicksal damit in die Hände der Gäste legt, zumal die Zimmertür offenbar wie eine magische Grenze wirkt.

Als dann irgendwann Grimms Märchen in offensichtlicher Manier zitiert werden, meldet sich nicht nur „Das Mädchen aus dem Wasser“ zurück, sondern eben auch „The Happening“ in der wirren Linie voller Stilbrüche, mit dem Vorteil, offen wie sonst niemals die eigenen Wurzeln ausleben zu können. Seine Spannung hat „The Visit“ somit auch dem Umstand zu verdanken, dass das ewige Talent in selbstfinanzierter Form endlich wieder so sehr er selbst sein darf wie schon lange nicht mehr.

Man kann das alles wieder als Blödsinn abwinken, man kann sich erneut auf den Twist versteifen und behaupten, dass man ja alles hat kommen sehen; man kann aber auch finden, dass M. Night Shyamalan endlich wieder einen Nerv getroffen hat, dass er herzhaft mit dem Medium spielt und gerade dadurch neue Relevanz erschafft. Posthum muss man also sagen: Danke dafür, After Earth Gehaltsscheck.

Sascha Ganser (Vince)

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