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V/H/S/94

„V/H/S/94“ ist der vierte Teil der Found-Footage-Horror-Anthologie und ist im titelgebenden Jahr angesiedelt. Chloe Okuno, Simon Barrett, Timo Tjahjanto, Ryan Prows, Jennifer Reed und Steven Kostanski inszenieren Episoden über Rattenmänner in der Kanalisation, eine gruselige Totenwache, die Cyborg-Experimente eines verrückten Wissenschaftlers und White-Supremacy-Terroristen, die mit dem Übernatürlichen hantieren.

Originaltitel: V/H/S/94__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2021__Regie: Chloe Okuno, Simon Barrett, Timo Tjahjanto, Ryan Prows, Jennifer Reeder, Steven Kostanski__Darsteller: Anna Hopkins, Christian Potenza, Conor Sweeney, Kyal Legend, Budi Ross, Donny Alamsyah, Juan Bione Subiantaro, Christian Lloyd, Thomas Mitchel Barnett, Dru Viergever, Kimmy Choi, Nicole Pearse u.a.
V/H/S/94

„V/H/S/94“, der vierte Teil der Reihe, wurde von Chloe Okuno, Simon Barrett, Timo Tjahjanto, Ryan Prows, Jennifer Reed und Steven Kostanski inszeniert

„V/H/S: Viral“, der dritte Teil der Reihe, war nicht allzu gut gelitten. Anscheinend sogar so schlecht, dass er eine siebenjährige Sendepause einleitete, die mit „V/H/S/94“ beendet wurde, wonach die Sequels wieder im Jahrestakt kamen. Geblieben ist das Konzept der Genreregisseure, die sich in Episoden austoben dürfen, das Konzept ist aber noch sinniger, spielt dieser Teil doch – ebenso wie die Nachfolger „V/H/S/99“ und „V/H/S/85“ – in einer Ära, in der VHS noch das gängigste Medium war, weshalb man nicht alle naselang erklären muss, warum High-End-Kameraaufnahmen auf schabbelige Videokassetten überspielt wurden. Das Material wirkt authentisch, erfreulicherweise selten zu gewollt auf alt und verkratzt getrimmt, während es keine Episode gibt, die durch ihre Inszenierung in den Bereich des Unansehbaren geht.

„Holy Hell“ (Rahmenhandlung)

Ein SWAT-Team soll Drogen sicherstellen und hat einen Kameramann dabei, der die Aktion filmen – und das Tape im Zweifelsfall wieder löschen soll. Doch anstelle von Drogendealern finden die Cops lediglich tote Kultisten vor, die durch Mord oder Selbstmord umgekommen sind, ein Faible für herausgerissen Augäpfel haben und makabre Dekorationen aus Schaufensterpuppen und Körperteilen erstellen. Die von Jennifer Reeder („Night’s End“) inszenierte und geschriebene Rahmenstory hat kaum mehr Zweck, als die ganzen Einzelteile zu verbinden und kann das nur schwer verschleiern. Am Ende steht dann ein ganz netter Plottwist, der vielleicht mehr Wirkung entfalten würde, wenn man die Personen in den anonymen Körperschutzmonturen ansatzweise kennengelernt hätte, sodass das Ganze bestenfalls funktional ist.

Schaut euch den Trailer zu „V/H/S/94“ an

„Storm Drain“

Die erste vollwertige Episode von „V/H/S/94“ geht auf die Kappe von Drehbuchautorin und Regisseurin Chloe Okuno („Watcher“) und dreht sich um die TV-Reporterin Holly Marciano (Anna Hopkins) und ihren Kameramann Jeff (Christian Potenza), die aus einer Kleinstadt berichten, in der angeblich ein Rattenmann gesichtet wurde. Ihre Recherchen führen sie auch in die Abwasserkanäle, wo sie unheimliche Entdeckungen machen. „Storm Drain“ weicht erfreulich von dem üblichen Found-Footage-Schema ab, denn schon die Inszenierung als fertig geschnittene TV-Reportage deutet an, dass man nicht einfach nur angebliches Videomaterial verschwundener Personen sieht, das gar nicht nachbearbeitet wurde.

Natürlich ist dem genreerfahrenen Publikum klar, dass etwas an der Mär vom Rattenmann dran sein muss, doch die Geschichte hat noch einige nette Twists parat. Diese schlagen unter anderem einen Bogen zum Beginn des Segments und präsentieren eine launige Schlusspointe. Hinzu kommen ein, zwei derbe Effekte, eine stark designte Kreatur und die erwähnten Abweichungen vom gängigen Found-Footage-Schema. Zwischendurch wird von der fiktive „Veggie Smasher“-Werbespot von „Psycho Goreman“-Regisseur Steven Konstanski eingebunden, der zwar etwas unnötig, aber ganz amüsant ist.

„The Empty Wake“

Simon Barrett ist ja eher als Stammautor für Adam Wingard bekannt (u.a. „The Guest“ und „Godzilla x Kong: The New Empire“), aber steuert nach der Rahmenhandlung für „S-VHS“ hier seinen zweiten Beitrag zur Reihe bei. Darin geht es um eine Totenwache in einem Beerdigungsinstitut, die auf Wunsch der Hinterbliebenen aufgezeichnet wird. Mitarbeiterin Hayley (Kyal Legend) muss die Nachtwache bei der Zeremonie, zu der sturmbedingt kaum jemand auftaucht, betreuen. Bald häufen sich die Anzeichen, dass der Tote vielleicht gar nicht so tot ist wie angenommen. Aufgezeichnet wird das Ganze von mehreren Kameras, die entweder statisch aufgebaut sind oder von Hayley herumgetragen werden.

„The Empty Wake“ ist ziemlicher Gruselstandard mit schlechtem Wetter als bösem Omen und Verstärker der Einsamkeit, Stromausfällen und Klopfen aus dem Sarg. So läuft das Ganze dann auch auf eine absehbare Pointe hinaus, die immerhin etwas kruder als vielleicht erwartet ausfällt. Leider hat auch das Drehbuch seine Schwächen, denn die Hintergründe des ganzen Zinnobers werden bestenfalls angerissen und kaum ausgeführt. Ein paar telefonische Nachforschungen Hayleys bringen lediglich Genreversatzstücke aus der Mottenkiste zum Vorschein, die als Erklärung kaum sattmachen. Inszenatorisch ist das Ganze solide, aber angesichts ihrer Vorhersehbarkeit zieht sich die Geschichte schon teilweise.

„The Subject“

Auch Timo Tjahjanto („Nobody 2“) war schon an „S-VHS“ beteiligt, damals noch im Doppelpack mit Gareth Evans, hier als alleiniger Drehbuchautor und Regisseur der Episode „The Subject“. Wie schon „Safe Haven“ aus „S-VHS“ ist auch „The Subject“ der schrillste und gorigste Beitrag, erneut mit indonesischen Darstellern in deren Landessprache gedreht. Dieses Mal geht es um den Mad Scientist James Suhendra (Budi Ross), der Mensch-Maschinen-Hybride erstellt, bis sein Labor von einer Spezialeinheit gestürmt wird. Die Perspektiven wechseln zwischen den Aufzeichnungen des Creators, dem Kameraauge des weiblichen Testsubjekts und den Aufnahmen des Kameramanns Jono (Juan Bione Subiantaro), der die Spezialeinheit begleitet. An mindestens einer Stelle ist der Perspektivwechsel allerdings inszenatorisch etwas unsauber gemacht.

Irgendwo zwischen Body Horror, Mad-Scientist-Geschichte, „RoboCop“ und Ego-Shooter kommt dieser Beitrag daher, der im späteren Verlauf reichlich splattrig und actionreich wird, wenn die Spezialeinheit auf die Testsubjekte trifft. Dabei wird geschossen, gesprengt und blutig gestorben, gerade wenn Testsubjekt 98 mit seinen Klingenarmen in Aktion tritt. Tjahjanto, auch bekannt für derbe Actionreißer wie „The Night Comes for Us“ und „Codename 13“, erlaubt sich ein paar Zwischentöne, etwa wenn es um den Menschenstatus der Testsubjekte geht, setzt aber vor allem auf laute, derbe und bisweilen krude Schauwerte – und liefert ordentlich ab. Das Ganze ist vielleicht einen Ticken zu lang, dafür aber die schillerndste und ungewöhnlichste Episode von „V/H/S/94“.

„Terror“

Das herrlich doppeldeutig betitelte Segment „Terror“ wird von Regisseur und Drehbuchautor Ryan Prows („Night Patrol“) verantwortet und passt auch gerade zeitlich sehr gut in „V/H/S/94“. 1994, das war ein Jahr nach der Sektierer-contra-Behörden-Belagerung von Waco, die hier auch explizit im Dialog genannt wird, und ein Jahr vor dem Oklahoma City Bombing, das der Rechtsterrorist Timothy McVeigh beging. „Terror“ handelt von einer Horde von White-Supremacy-Terroristen, die sich bei den Vorbereitungen für den Anschlag auf ein Bundesgebäude filmen. Dazu haben sie noch ein besonderes, übernatürliches As im Ärmel, das aber ganz eigene Gefahren mit sich bringt.

Gehalten in Camcorder-Bildern von bewusst mäßiger, aber eben nicht unansehbarer Qualität profitiert „Terror“ von dem Schadenfreude-Element, dass man sich diebisch darüber freut, wenn diese gewalttätigen Fanatiker als Opferlämmer dienen dürfen. Nach und nach wird enthüllt, was die selbsternannten Herrenmenschen da vorhaben, am Ende gibt es dann einige Masken- und Gore-Effekte, die man angesichts der Inszenierung und Bildqualität allerdings nicht in voller Pracht wahrnehmen kann. Die besagte Eskalation kommt dann vielleicht etwas plötzlich und basiert auf der Dummheit der Figuren, aber das passt zur Intention, denn diesen Menschenschlag will Prows vermutlich nicht gut aussehen lassen.

Richtige Ausfälle gibt es in „V/H/S/94“ nicht zu verzeichnen, trotz einer egalen Rahmenhandlung und der auf Autopilot laufenden „The Empty Wake“-Episode. Die anderen drei Episoden bieten gute Unterhaltung, haben zwar mit ein paar typischen Problemen der Reihe (eher egale Figuren, teilweise vorhersehbare Abläufe) zu kämpfen, liefern aber in diesem Rahmen mehr als brauchbar ab und bieten teilweise erfreuliche Experimente innerhalb des „V/H/S“-Schemas.

In Deutschland ist „V/H/S/94“ bei Indeed Film in Zusammenarbeit mit Illusions Unlimited und AL!VE in mehreren Mediabooks mit DVD und Blu-Ray erschienen, ungekürzt mit SPIO/JK-Freigabe. Als Bonus gibt es Audiokommentare, entfallene Szenen, Trailer, ein Interview, eine Featurette und ein Behind-the-Scenes-Special.

© Nils Bothmann (McClane)

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