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Warte, bis es dunkel wird

Originaltitel: The Town That Dreaded Sundown__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 2014__ Regie: Alfonso Gomez-Rejon__Darsteller: Addison Timlin, Denis O’Hare, Spencer Treat Clark, Gary Cole, Ed Lauter, Veronica Cartwright, Edward Herrmann, Wes Chatham, Joshua Leonard, Garrett Kruithof u.a.
Warte, bis es dunkel wird

Remake, Reboot, Fortsetzung? Irgendwie ist “Warte, bis es dunkel wird” von allem ein wenig.

Die kleine Stadt Texarkana wird im Jahre 1946 von einer brutalen Mordserie erschüttert. Fünf Menschen ließen hierbei ihr Leben und die Ereignisse gingen als „Mondlicht-Morde“ in die Geschichte ein. Der Mörder wurde nie gefasst. Basierend auf diesen wahren Ereignissen drehte Charles B. Pierce 1976 den exploitativen Film „The Town that dreaded Sundown“, der vielen als Vorläufer des kurz darauf boomenden Slasherkinos („Halloween“, „Freitag der 13.“) gilt. „Warte bis es dunkel wird“ von dem Produzenten-Duo Jason Blum („The Purge“) und Ryan Murphy, der gleich noch den Regisseur Alfonso Gomez-Rejon vom Set seiner Serie „American Horror Story“ mitbrachte, setzt nun auf diesem Slasher auf…

Genauer gesagt beginnt er mit einer Halloween-Feier in Texarkana. In der Stadt ist es zum makabren Ritus geworden, „The Town that dreaded Sundown“ im örtlichen Autokino aufzuführen und so der Ereignisse von damals zu gedenken. Unter den Zuschauern ist auch Jami, die mit ihrem Freund Corey mehr vor hat, als den Film zu schauen. Schnell seilt man sich von der Vorführung ab und will im nahe gelegenen Wald herumknutschen. Bald bemerken die beiden, dass sie nicht allein sind. Ein Typ beobachtet sie. Ein Typ im Outfit des „The Town that dreaded Sundown“-Killers! Bevor man auf ihn einreden kann, zieht dieser eine Waffe und bedroht die beiden. Kurz darauf schlachtet er Corey bestialisch ab, lässt Jami allerdings entkommen.

Als der Killer wieder zuschlägt, wird deutlich, dass er dem Schema der Morde folgt, das der Texarkana-Horrorfilm vorgibt. Jami beginnt nun, nachzuforschen. Über die wahren Ereignisse und die „The Town that dreaded Sundown“-Filmemacher. Jami ist überzeugt, dass der aktuelle Killer versucht, sie auf die Fährte des wahren Killers von 1946 zu bringen.

Warte, bis es dunkel wird

Die Maskierung ist wenig innovativ, dafür aber sehr effektiv!

Ein Film, der auf einen Film aufsetzt, der ein wahres Ereignis aufarbeitete. Das ist doch mal eine reizvolle Kombination. Doch weit bevor man sich echte Gedanken über die Story von „Warte, bis es dunkel wird“ machen kann, sticht ein anderer Punkt mehr als positiv hervor: Die technische Umsetzung. „Warte, bis es dunkel wird“ ist einer der schönsten Slasher, der seit Jahren über die Leinwand flimmerte. Elegante, ausladend lange Kamerafahrten dominieren die Optik. Weite Totalen, schräge Perspektiven, coole Kameraschwenks und lange Einstellungen unterstreichen gemeinsam mit den allgegenwärtigen Komplementärfarben Grün, Gelb, Rot und Blau die beinahe expressionistische Bildsprache. In den actionreichen Momenten kommt eine flotte Montage hinzu und kleinere Schmankerl, wie komplexe Kamerakran-Fahrten (etwa die tolle, mehrminütige Eröffnungsszene im Autokino), Split-Focus-Diopter-Szenen (Zwei Objekte, die unterschiedlich weit von der Kamera entfernt sind, werden derart abgebildet, als würden sie sich auf der gleichen Ebene, in der gleichen Entfernung vom Objektiv befinden), überstrahlende Flächen oder Figuren, die in Mond- und Sonnenlicht gehüllt scheinen, runden den tollen optischen Eindruck ab.

Zwingt man sich dann, sich nicht weiter von diesen äußeren Reizen ablenken zu lassen, rückt sofort die erstaunlich dichte Atmosphäre in den Vordergrund. Die Figuren des Filmes haben alle ihre kleinen Geheimnisse, hier und da scheint auch etwas Spleeniges durch. Die Geschichte entwickelt sich in einem angenehmen Tempo, ohne gehetzt oder erzwungen zu wirken. Das beständig auf irgendwelchen Bildschirmen laufende Original macht teilweise einen direkten Vergleich zwischen Vorlage und „Remake“ möglich und erlaubt ab und an gar kleine Blicke in die Zukunft. Die wenigen Off-Screen-Kommentare von Jami verdichten die Atmosphäre äußerst effektiv.

Die Story lebt vor allem von dem Ansatz, dass „Warte, bis es dunkel wird“ nicht einfach nur ein simples Remake von „The Town that dreaded Sundown“ (in deutschen Breiten im Übrigen als „Der Umleger“ vermarktet) darstellen will, sondern im Grunde Remake, Reboot und Fortsetzung in Personalunion ist! In dieser Funktion spinnt der Film sogar den zugrundeliegenden Kriminalfall weiter und liefert gar einen Verdächtigen für den bisher ungelösten Fall. Interessant ist zudem die Tatsache, dass „Warte, bis es dunkel wird“ die Handlung vom „Umleger“ zwar in unsere Zeit verlagert (Handys, Computer und Co. sind allgegenwärtig), gleichsam aber in seiner Ausstattung und seinem Figureninterieur sehr „retro“ und dadurch zeitlos wirkt. Davon abgesehen bietet „Warte, bis es dunkel wird“ das übliche Slasher-Schema mit den gängigen Klischees rund um das Final Girl und den quasi unaufhaltsamen Killer. Variationen zum üblichen Einheitsbrei gibt es allerdings auch zu beobachten. So erweist sich der Killer als erstaunlich redselig. Gerade im Bezug auf die großen Epigonen des Slasher-Genres ein nicht unerwähnenswertes dramaturgisches Stilmittel.

Warte, bis es dunkel wird

Jami will dem Killer auf die Spur kommen.

Seine größten Problemherde hat der Film bei seinen Figuren. Hier bedient sich der Film dann zu sehr gängiger Genrekonventionen. Es gibt sogar ein paar sehr ärgerliche Momente. Wenn etwa Jami wenige Tage nach dem Tod ihres Love Interests schon mit dem „Nachfolger“ in die Kiste springt, wirkt das arg gewöhnungsbedürftig. Mit anderen Figuren kann der Film gefühlt gar nichts anfangen. Am schlimmsten erwischt es dabei Anthony Anderson („Exit Wounds“), der auf der Mitte des Filmes einfach sang- und klanglos und auf Nimmerwiedersehen verschwindet.

Ein echtes Ärgernis ist auch Jamis neuer Love Interest Nick, wobei diese Figur einzig und allein aufgrund des darstellerischen Unvermögens ihres Darstellers Travis Tope scheitert. Der Mime hangelt sich mit ein und demselben Gesichtsausdruck durch den Film und hat keinerlei Chemie mit Jamie-Darstellerin Addison Timlin. Das macht es unmöglich, deren „Liebe“ irgendwie nachzuempfinden, geschweige denn ernstzunehmen. Addison Timlin spielt recht einnehmend und man fiebert zumindest mit ihrer Figur gerne mit. Gary Cole („American Gothic“), Veronica Cartwright („Alien“), Ed Lauter („Spiel ohne Regeln“) und Joshua Leonard („Blair Witch Project“) sind die bekannteren Namen im Cast und füllen ihre Rollen souverän aus.

Warte, bis es dunkel wird

Der Phantom Killer schlägt erneut zu.

Die Identität des Killers ist nicht so leicht zu erraten. Was für die effiziente, wenngleich auch wenig spektakuläre Maskierung des Mörders spricht. Auch anhand von Verhaltensweisen kann man ihn kaum enttarnen, da man den Killer wirklich nur in Action sieht. Sobald er auftaucht, geht es nämlich rund. Dabei hat Regisseur Alfonso Gomez-Rejon ein tolles Gespür für das Ausspielen seiner Schockmomente. Denn obwohl man immer ahnt, dass in exakt 3-4 Sekunden etwas passieren wird, kriegt einen der Film immer wieder dran und haut ein paar sehr effektive Jump Scares raus. Der Killer geht mit einem Trommelrevolver und einem Messer zu Werke, was für den einen oder anderen harschen Bluteffekt genutzt wird, ohne dass die Gewaltmomente zu exzessiv ausgespielt werden würden. Wird der Mörder am Ende enttarnt, wird eine mit zunehmender Laufzeit immer konkreter werdende Ahnung bestätigt und gleichzeitig wird ein nicht zwingend logischer, beinahe zu überzogener Überraschungseffekt ausgespielt.

Letzten Endes entpuppt sich „Warte, bis es dunkel wird“ als reizvoller neuer Vertreter des zuletzt ordentlich vor sich hin darbenden Slasherfilmes. Vor allem seine optische Umsetzung ist ein Gedicht und würdigt einem immer wieder aufs Neue Respekt ab. Auch die clevere Prämisse der sich miteinander vermischenden Wirklichkeitsebenen (1. Der Originalfall, 2. der Film zum Fall und 3. das beide Ebenen weiter denkende Remake) macht Spaß und funktioniert richtig gut. In Temposachen hebt man sich wohltuend vom Genre-Einerlei ab und verfällt gar nicht erst in kopflose Hektik. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Darsteller gut bei der Sache und auch der Blutzoll ist nicht zu verachten. Problematisch wird es in Detailfragen. So hätte man die Slasherfilm-Regeln gerne mehr aufbrechen dürfen, ein paar falsche Fährten im Bezug auf den Killer wären der Spannung zuträglich gewesen, so manche Figur will nicht rundweg funktionieren und neu oder gar innovativ ist an dem Film auch nichts. Trotzdem gehört er für mich zu den gelungensten Vertretern seiner Art.

Die deutsche DVD/Blu-ray zum Film erscheint am 3. September 2015 von Sunfilm/Tiberius Film im Bundle mit „Der Umleger“. Beide Filme sind ab 16 freigegeben und ungeschnitten.

In diesem Sinne:
freeman

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Copyright aller Filmbilder/Label: Sunfilm/Tiberius Film__Freigabe: FSK 16__Geschnitten: Nein__Blu Ray/DVD: Ja/Ja

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