
Josh Becker und Scott Spiegel denken sich Filme aus.

Reines Chaos: Die Kurzfilme von Sam Raimi & Co.
Alle Wege führen zur Waldhütte…
…mit der wippenden Schaukel. „Tanz der Teufel“ ist einer der großen Horrorklassiker, von denen man meinen könnte, er sei über Nacht aus dem Nichts entstanden, realisiert von einer Gruppe grüner Jungs Anfang 20, die nicht wussten, was sie taten.
Nichts könnte ferner von der Wahrheit liegen. Lange bevor „Tanz der Teufel“ das Licht der 16mm-Filmrolle erblickte, hatte sich die „Michigan Mafia“ um Sam Raimi und seinen kleinen Bruder Ted, Bruce Campbell, Scott Spiegel, Josh Becker und Robert Tapert gebildet. Die meisten von ihnen lernten sich Mitte der 70er in der Groves High Scool kennen und wurden mit der Zeit unzertrennliche Freunde, auch aufgrund ihrer gemeinsamen Leidenschaft, dem Film. Binnen weniger Jahre hatten sie fast 70 8mm-Kurzfilme gedreht, in denen sie mit den Möglichkeiten des Mediums experimentierten und ihren Vorbildern frönten, die jedoch bei weitem nicht nur im Horrorfilm lagen, sondern unter anderem auch in der Komödie und im Kriminalfilm.
Eine feste Rollenverteilung war innerhalb der Gruppe nicht vorgesehen. Raimi, Becker und Spiegel teilten sich meistens das Regiehandwerk, waren aber ebenso in andere Aufgaben wie Schnitt oder Beleuchtung involviert und übernahmen auch regelmäßig Nebenrollen in ihren eigenen Filmen. Bruce Campbell entpuppte sich indes schon früh als Naturtalent vor der Kamera und übernahm viele der mimisch und körperlich herausfordernden Rollen, wobei er vor allem bei Slapstick-Aufgaben glänzte. Das Super-8-Gesamtwerk jedenfalls ist als Gemeinschaftswerk zu verstehen. Es bildet einen großen, bunten Knäuel, der als Startpunkt diente für recht unterschiedlich verlaufende Karrieren im Filmbusiness, deren Wege sich aber nie völlig trennten – auch nicht, als auf einmal Blockbuster wie „Spider-Man“ an der Tagesordnung standen.
An dieser Stelle möchten wir eine repräsentative Auswahl ihrer Arbeiten zwischen 1973 und 1977 präsentieren, um einen Eindruck davon zu geben, welche Filmemacher, Genres und Epochen das Ensemble zu seinen Einflüssen zählte, und wie es sie verarbeitete, um schließlich selbst bedeutsame Filme zu drehen und ihrerseits spätere Filmemacher zu beeinflussen.
Oedipus Rex
| Originaltitel: Oedipus Rex__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1972__Regie: Josh Becker__Darsteller: Josh Becker, Bruce Campbell, Ann Debenham, Scott Spiegel |
Wahrscheinlich sagt dieser Kurzfilm mehr über Lehrstoff und Lehrmethoden an amerikanischen Schulen aus als über seine damals 14-jährigen Macher; dennoch ist es interessant zu sehen, dass Bruce Campbell durch sein kantiges Gesichtsprofil auch bei seinem Schauspieldebüt in einer Stuhlrunde kichernder Mitschüler schon die charismatischste Gestalt auf dem Bildschirm war.
Vermutlich aus technischen Verlegenheiten heraus ist „Oedipus Rex“ ein Stummfilm, der – völlig naheliegend – Tafel und Kreide verwendet, um die Zwischentexte zu simulieren. Leider kann man deren Inhalt aufgrund der problematischen Bildeigenschaften kaum mehr identifizieren, so dass der Zuschauer weitestgehend auf sein Grundwissen über die Sophokles-Tragödie angewiesen ist, um der Handlung zu folgen, zumal das weitgehend statische Geschehen auf der Bühne über theatralische Zeigefinger-Deutungen und exaltierte Posen hinaus nicht viel Inhaltliches zu bieten hat. Während die ersten Tafeln prall mit Text gefüllt sind, um Kontext zu liefern und die Eckdaten der Vorlage aufzubereiten, verwandelt sich das Stück zunehmend in einen schnellen Dialog, so dass irgendwann auch einfach mal ein isoliertes „yes“ auf der Tafel reichen muss.
In Sachen Montage fällt allenfalls die gewitzte Umsetzung des Todes von Iokaste durch Erhängen auf, indem eine Einstellung der mit Bettlaken umwickelten Darstellerin an eine weitere Einstellung baumelnder Füße montiert wird; darüber hinaus hat die Make-Up-Abteilung noch ihren großen Auftritt, als dem Ödipus-Darsteller das Blut über die Wangen läuft, nachdem seine Figur sich die Augen herausgerissen hat.
Vom Mitschnitt einer Schulaufführung mit Papas Videokamera unterscheidet sich dieses Frühwerk eben hauptsächlich durch die Anwendung filmischer Grundtechniken, kaum durch Inhalt und Darstellung. Wenn man sich heute überhaupt noch dafür interessiert, dann sicherlich, um einem Bruce Campbell oder Scott Spiegel bei ihren allerersten Gehversuchen zuzuschauen… oder eben auch Regisseur Josh Becker, der seitdem ebenfalls bei etlichen professionellen Filmen vor und hinter der Kamera aktiv war.
A Night in a Sanitarium
| Originaltitel: A Night in a Sanitarium__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1973__Regie: Scott Spiegel, Bill Ward__Darsteller: Chuck Baker, Mike Coatney, Carol Sahakian, Dave Souder, Scott Spiegel, Bill Ward |
Eine frühe Spielerei mit thematischem Bezug zum Classic Gothic Horror, die wohl hauptsächlich dazu dient, die Möglichkeiten atmosphärischer Gestaltung auszutesten. Die Stimmung ist dabei nahe „Das alte Finstere Haus“, auch dank der Stock-Footage-Einblendungen von zuckenden Blitzen am Nachthimmel. Durch den Sanatoriums-Bezug wird darüber hinaus eine Meta-Komponente à la „Die Schreckenskammer des Dr. Thosti“ eingebaut, durch die Dracula, Hunchback und der Wolfsmensch zu armen Irren deklariert werden.
Filmisch ist das noch recht träge, erst mit dem ausgedehnten Einsatz eines „Freleng Door Gags“, bei dem die Kamera starr auf einen Flur mit vielen Türen gerichtet ist, der kreuz und quer von sich jagenden Insassen passiert wird, nähert sich der Zehnminüter langsam den Verrücktheiten aus späteren Jahren an. Scooby Doo und die Marx Brothers dürfen sich also mindestens ebenso sehr wie die Universal-Gruselstreifen geschmeichelt fühlen.
Curse of the Werewolf
| Originaltitel: Curse of the Werewolf__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1974__Regie: Scott Spiegel__Darsteller: Bruce Campbell, Scott Spiegel, Matthew Taylor |

Gefletschte Zähne und lange Vorspänne in „Curse of the Werewolf“
Die Vollständigkeit dieses Zweieinhalbminüters ist ein eher spekulativer Zustand. Als die Opening Credits eingeblendet werden, die ihrerseits satte 28 Prozent (!) der Gesamtspielzeit ausmachen, ist das Ding auch fast schon vorbei; danach passiert im Grunde nicht mehr viel. Vor den Opening Credits gibt es immerhin Monster Vision, ein Close-Up eines blutigen Raubtiergebisses und ein Bach, dessen Wasser sich im Licht des Mondes rot färbt – eben all die schönen Dinge, für die der Werwolffilm bekannt ist. Währenddessen versichert uns der hochdramatische Enthüllungs-Score, dass wir hier gerade eine ziemlich wichtige Stelle der Filmgeschichte zu sehen bekommen. Dann wird das wohl auch so stimmen.
I’ll Never Heil Again
| Originaltitel: I’ll Never Heil Again__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1975__Regie: Scott Spiegel, Bruce Campbell__Darsteller: Bruce Campbell, Timothy Patrick Quill, Sam Raimi, Doug Sills, Scott Spiegel, Matthew Taylor, Tom Williams |
„I’ll Never Heil Again“ trägt den Titel einer Nazi-Parodie der Three Stooges aus dem Jahr 1941, ist aber eher als eine Art alternatives Sequel zu dessen Vorgänger „You Nazty Spy!“ von 1940 konzipiert und vermischt Elemente beider Kurzfilme. Für seine Macher war das im zarten Alter von 18 Jahren wahrscheinlich auch eine praxisnahe Variante einer schulischen Geschichtsstunde. Scott Spiegel auf einem Balkon als Hitler-Parodie salutieren zu sehen, synchronisiert mit der quäkigen Stimme seines Kumpels Bruce Campbell, das hat schon etwas Größenwahnsinniges. Jener wiederum glänzt als Akteur vor allem bei einem nicht ungefährlich aussehenden Treppenstunt.
Die Verweise auf den Zweiten Weltkrieg blieben auch in einigen der späteren Kurzfilme erhalten. Und doch hat man das Gefühl, dass der Zweck der Übung hauptsächlich darin lag, Erfahrungen in der Montage zu sammeln. Nicht einmal Stefan Raab war im Umgang mit seinem Nippelboard derart unverschämt wie die Burschen, als sie in der zweiten Hälfte eine Leiste mit beschrifteten Schaltern in den Mittelpunkt stellen und einen Knopf nach dem anderen betätigen. Ausgelöst werden einige der spektakulärsten Stock-Footage-Zerstörungseffekte verschiedenster Kriegsfilme der 30er Jahre. Der visuelle Beweis, dass die kleinsten Gesten einer despotischen Hohlbirne die größten Auswirkungen haben kann.
The Case of the Topanga Pearl
| Originaltitel: The Case of the Topanga Pearl__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1976__Regie: Josh Becker__Darsteller: Josh Becker, Sam Raimi, Ellen Sandweiss, Scott Spiegel |
Eine Ode an den McGuffin? Jedenfalls werden Besitzansprüche erhoben und Detektive beauftragt, ohne dass jemals ersichtlich werden würde, was an der „Topanga Pearl“ so wichtig wäre, dass sich die Leute dafür gegenseitig die Köpfe einschlagen. Nicht nur Hitchcock würde da anerkennend nicken.
Gut möglich, dass „Die Perle der Borgia“ (1944) mit Basil Rathbone hier Modell gestanden hat, denn die Sherlock-Holmes-Attitüde, mit der da alte Krimi-Muster persifliert werden, ist schon ziemlich offensichtlich. Regisseur Josh Becker schlüpft zugleich in die Rolle des Detective Victor Temple, selbstherrlich in einem Büro sitzend, das höchstwahrscheinlich einem der Väter der 17-jährigen Filmemacher gehörte. Ein beachtlicher Teil der sechs Minuten Laufzeit wird auf die ausführliche Verhandlung des Gehalts für den Detektiv verwendet, eine Szene, in der gerade Sam Raimi wieder sein Talent als Komiker im Stil alter Jerry-Lewis-Schinken unter Beweis stellt.
Becker ist es dann, der irgendwann die Bemerkung macht, er fühle sich so, als würde er ein Comicheft lesen, in dem 20 Seiten fehlen, womit er ziemlich exakt die Gedanken des Betrachters wiedergibt. Die vielen Brüche im Bild- und Tonschnitt deuten darauf hin, dass es keine vollständige Fassung ist, die über die Jahrzehnte konserviert geblieben ist. Im Abgang ergibt auch nichts mehr einen Sinn und selbst in Sachen Wortwitz ist abgesehen von der Verhandlungsszene ziemlich wenig zu holen. Es ist aber immerhin schon mal eine erste Trockenübung für Sam Raimis ersten längeren Film „It’s Murder!“ ein Jahr später.
James Bombed in Here Today… Gun Tomorrow
| Originaltitel: James Bombed in Here Today… Gun Tomorrow__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1976__Regie: Scott Spiegel__Darsteller: Bruce Campbell, Bill Aaron, Rudy Bublitz, Annette Laduke, Timothy Patrick Quill, Sam Raimi, Brett Sherran, Scott Spiegel |
Ein Looney-Tunes-Cartoon unter dem Deckmantel einer 8mm-Bond-Parodie. Bruce Campell stolpert als Doppel-Null mit Chaplin’schem Missgeschick von einer Agentenpose in die nächste, mal glattrasiert, mal mit Schnäuzer, mal mit Dreitagebart, aber immer ohne Würde. Alle Markenzeichen sind bereits da: Die Zeitraffer-Slapstick, der hypernervöse Humor, das aggressive Sound Design, das bei aller Comedy auf dem Bildschirm eine terrorisierende Wirkung hat.
Wo die Ärzte mit ihrem Song „Hair Today, Gone Tomorrow“ den Ramones ihren Tribut zollten, da referenziert die Spiegel-Raimi-Campbell-Connection mit „Here Today… Gun Tomorrow“ auf den seinerzeit neuesten Bond „Der Mann mit dem goldenen Colt“. Hemmungsloses Yellowfacing in einer mit japanischer Militärflagge und der goldenen Schusswaffe geschmückten Schurken-Zentrale ist die logische Konsequenz; auch Oddjob bekommt sein Fett weg in Form eines ziemlich hungrigen Komparsen, der von seinen Kumpels „Odd Slob“ gerufen wird.
Die Parallelmontage zwischen Villains und Geheimdienstler wird von der rastlosen Montage hirnrissiger bis brillanter physischer Einlagen völlig überwuchert, so dass von einer guten Bond-Parodie wohl kaum zu sprechen ist. Seine besten Momente hat diese Collage aber ohnehin nicht in der Abbildung der exklusiven Agentenwelt, sondern in der Betrachtung des Alltags; etwa im Bürogespräch mit lästigem Handwerker (Raimi, geh doch mal aus dem Weg, Mensch!), oder natürlich in der für Scott Spiegel so charakteristischen Supermarkt-Sequenz, die man als „Intruder“-Rohmaterial bezeichnen kann… so wie überhaupt alles in dieser Posse bereits ganz unverhohlen auf die späteren Kultfilme des Gespanns verweist.
6 Months to Live
| Originaltitel: 6 Months to Live__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1977__Regie: Sam Raimi, Scott Spiegel__Darsteller: Bill Aaron, Rudy Bublitz, Jane Bultrud, Bill Kirk, Jon Page, Timothy Patrick Quill, Ivan Raimi, Ted Raimi, Scott Spiegel, Kathy Stepania, Matthew Taylor |
Der beklagenswerte Zustand des erhaltenen Videomaterials macht die Gesichter der Akteure völlig unidentifizierbar und mindestens die Hälfte der Dialoge undechiffrierbar, aber es reicht gerade noch, um zu verstehen, dass hier gerade jemand die Diagnose „Noch 6 Monate“ bekommen hat und zum Abschied von der schnöden Welt nochmal so richtig schön auf den Putz haut. Natürlich resultiert die Situation in das erprobte Slapstick-Chaos voller Ohrfeigen, Kopfnüsse und anderweitiger Stunts. Besonders strukturiert ist das nicht, kaum ein Gag verfügt hier über einen durchgeplanten Aufbau. Am Ende wartet noch eine vorhersehbare, im Abgang allerdings bitterböse Pointe. Ein Kurzfilm wie ein Leben ohne jede Ordnung durch den Zeitraffer gejagt.
The Final Round
| Originaltitel: The Final Round__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1977__Regie: Josh Becker__Darsteller: Bill Aaron, Josh Becker, Bruce Campbell, Sam Raimi, Stanley Schwartz, Scott Spiegel, Matthew Taylor |
Nach all dem unverbindlichen Blödsinn, den sich Raimi, Spiegel und Becker in ihren frühen Kurzfilmen herausgenommen hatten, entwickelten sie 1977 die Ambitionen, endlich mal ein ernstzunehmendes Projekt auf die Beine zu stellen, das nicht nur aus Improvisation am Set bestand. „The Final Round“ war laut Josh Becker der erste ihrer Kurzfilme, bei dem ein Drehbuch zum Einsatz kam. 18 Seiten vollgepackt mit Action; eine Boxerkomödie. Warum Boxer? Weil „Rocky“ im Vorjahr den Oscar für den besten Film gewonnen hatte… und wenn ein Oscargewinner dazu geeignet ist, junge Filmemacher zu motivieren, dann ja wohl „Rocky“, der Film, dessen Vorgeschichte schließlich inspirierend genug ist, dass sie selbst verfilmt werden könnte.
Tatsächlich sieht man dem Ergebnis das Filmische an. Die Dialoge sind nicht mehr einfach nur die Lieferanten einer Pointe, sondern erzählen parallel eine Story, über die sich offenkundig vorher jemand Gedanken gemacht hat; der Schnitt ist kein Kettenbrief mehr, sondern verfolgt eine Dramaturgie. Am Anfang könnte man glatt meinen, man befinde sich bereits in den 90ern, als Quentin Tarantino und Guy Ritchie solche Themen bearbeitet haben; mit der Trainingsmontage im Mittelteil nähert sich der Ton dann doch noch dem großen Vorbild „Rocky“ an.
Geradezu cineastisch fällt dann der Showdown aus mit seinen Bildern von berstenden Zuschauerrängen (die natürlich hochgradig Stock-Footage-verdächtig sind, wenn man da nicht gerade den Freundeskreis der Filmemacher gewaltig unterschätzt) und einer zünftigen Boxchoreografie im Ring. Um diesen überhaupt nutzen zu können, erwarb Becker nach eigener Aussage gemeinsam mit Bruce Campbell eine Mitgliedschaft bei einem Boxclub in Redford nahe Detroit, der ganz und gar in schwarzer Hand war, und ließ sich von den anderen Mitgliedern nach Strich und Faden vermöbeln. Wenn man nun den Lohn des Einsatzes sieht, dann weiß man, da war echte Leidenschaft im Spiel.
It’s Murder!
| Originaltitel: It’s Murder!__Herstellungsland: USA__Erscheinungsjahr: 1977__Regie: Sam Raimi__Darsteller: Scott Spiegel, Sam Raimi, Cheryl Guttridge, Richard Smith, Matthew Taylor, Bill Aaron, Ted Raimi, Bruce Campbell, John Cameron, Ivan Raimi, Bill Kirk, Rob Tapert, Timothy Patrick Quill, Jon Page, Josh Becker, Bill Ward, Paul Krispin, Clay Warnock |

Sam Raimis erster Langfilm ist nicht „Tanz der Teufel“, sondern „It’s Murder!“
This film wasn’t released… it escaped!, schnattert eine der vielen hyperaktiven Filmfiguren, während sie gerade völlig ungeniert die Vierte Wand durchbricht. In der Tat; der Sam-Raimi-Take eines Krimis hat etwas von einem Irrenhaus, in dem gerade jemand umgebracht wurde und nun jeder unschuldig pfeifend auf den anderen zeigt. Die Stimmung pendelt zunächst irgendwo zwischen hysterischer Herrenhaus-Mystery und Columbo-Einsatz. Raimi macht unter einer außerordentlich bescheuerten Maske den Dr. Phibes und Scott Spiegel den Columbo. Ted Raimi setzt zu Beginn als höllisch nerviges Cello-Kind gleich mal die Benchmark für die anrollende Konfettikanone. Man munkelt, dass auch Bruce Campbell mal wieder irgendwo mitmischt, doch hätte man diese Visage nicht auf Anhieb selbst im schlimmsten Super-8-Gegriesel ausgemacht?
Es dauert einen Moment, bis man drin ist, aber dann übermannt der schiere Elan der jungen Filmemacher jedwede Skepsis und lässt sogar die wie üblich miserable Bild- und Tonqualität kurzzeitig vergessen. Im episodischen Stil einer Stand-Up-Comedy-Show wird Gag um Gag miteinander verknüpft, zumeist mit dem Ziel, die üblichen Abläufe des Whodunit zu parodieren – vom vergifteten Drink bis zur großen Enthüllung. Viele der dabei zum Einsatz kommenden Wortspiele entpuppen sich als veritable Plattheiten, aber wer so schnell feuert, der trifft eben auch zwangsläufig mal ins Ziel, und hier stehen unverkennbar Naturtalente an der Waffe.
Die Leidenschaft für das Medium äußert sich nicht einfach nur in Zitaten, sondern in der verspielten Manipulation der medialen Eigenschaften; so kündigt eine Figur an, mal etwas schnell sagen zu wollen, woraufhin die Tonspur tatsächlich in doppelter Geschwindigkeit abgespielt wird; ein anderes Mal reagiert eine Figur rhythmisch zum Takt der Musik, die eigentlich nur für den Zuschauer zu hören sein dürfte. Und der hört nebenbei mal wieder eine Menge „Psycho“ und „Jaws“ aus dem Ganz-bestimmt-nicht-Public-Domain-Archiv.
In der zweiten Hälfte des Raimi-Frühchens, das mit 70 Minuten Laufzeit schon nicht mehr als Kurzfilm bezeichnet werden kann, wird es sogar noch einmal ziemlich spektakulär, als es im Stil der guten alten Buster-Keaton-Shorts für allerhand verrückte Stunts auf die Straße geht. Ein Stuntman balanciert zwischen zwei fahrenden Autos (inklusive Oldsmobile der Marke „Evil Dead“), eine Stuntpuppe hängt am Auspuff, ein Fahrrad klebt am Kühlergrill. Die Geschwätzigkeit der ersten Hälfte hat man bei dem Sujet kommen sehen; eine locker viertelstündige Verfolgungsjagd im Straßenverkehr mit integrierter Fahrzeugführer-Untauglichkeit wohl eher nicht. In diese Action-Parade passt dann auch der kleine Abstecher in einen Supermarkt, inklusive Einkaufswagen-POV-Shot, wie er dann später in „Bloodnight“ wieder auftauchte.
Sagenhaft hirnrissig ist dann der große Plottwist um Raimis Figur – diesen Blödsinn tatsächlich zu bringen, das muss man sich auch erst einmal trauen. Aber es funktioniert, denn hunderte dümmliche Plottwists aus weniger ausgefeilten Mysterystreifen dürften sich angesprochen fühlen, und genau darum geht es. Sam Raimi weiß rückblickend dem Vernehmen nach nicht viel Gutes über sein erstes größeres Filmprojekt zu berichten (als Regisseur bei einer Aufführung für zwei Personen am Ende alleine dazusitzen, weil es dem anderen zu blöd wurde, ist sicherlich nicht schön), aber „It’s Murder“ kann ein wirklich großer Spaß sein, sofern man selbst ein bisschen tickt wie die Macher. Zumindest den unerbittlichen Tatendrang wird ihnen wohl niemand in Abrede stellen können.
Informationen zur Veröffentlichung
Eine vollständige Sammlung aller Kurzfilme Raimis, Beckers und Spiegels aufzutreiben, ist ein schwieriges Unterfangen. In den USA wurden vor vielen Jahren ausgewählte Kurzfilme als Kollektion auf DVD veröffentlicht. Über die Seite super8shorts.com konnte man zwischen 2017 und 2018 insgesamt drei Volumes mit jeweils elf Kurzfilmen ordern. Inzwischen ist dort auch eine Blu-ray-Ausgabe angekündigt, die alle bisher veröffentlichten Kurzfilme enthalten soll. Ein Veröffentlichungsdatum ist momentan noch nicht bekannt.
In Deutschland findet man zumindest die Kurzfilme James Bombed in ‚Here Today, Gone Tomorrow’“ (1976), „Attack of the Helping Hand“ (1979) , „The Blind Waiter“ (1980), „Torro, Torro, Torro!“ (1981), „Cleveland Smith Bounty Hunter“ (1982), „Night Crew“ (1979, Outtakes) und „Oedipus Rex“ (1975) im Bonusmaterial der 4K-UHD-Premiere von „Bloodnight“ aka „Intruder“ aus dem Hause Wicked Vision.
Sascha Ganser (Vince)
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